Neuer Stausee am zweitgrössten Gletscher der Schweiz: Das Vorzeigeprojekt der Energiewende schrumpft und wird teurerDas «Gornerli»-Projekt bei Zermatt nimmt Gestalt an. Doch der geplante Stausee liefert weniger Winterstrom als erwartet und beschleunigt das Abschmelzen des Gornergletschers – was bei Landschaftsschützern schlecht ankommt.21.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenEin neuer Stausee soll künftig den unteren Teil des Gornergletschers überfluten.Alessandro Della Bella / KeystoneEs ist das Hoffnungsprojekt der Schweizer Energiewende: Gornerli, eine Staumauer in einer Schlucht oberhalb von Zermatt, mitten im Monte-Rosa-Gebiet gelegen. Mit dem Wasser aus dem Einzugsgebiet des abschmelzenden Gornergletschers soll in Zukunft Winterstrom für rund 120 000 Haushalte produziert werden. Kein anderes der 16 Ausbauprojekte der Wasserkraft, die der Bundesrat im Stromgesetz als prioritär einstuft, erreicht auch nur annähernd eine solche Dimension.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Kaum ein anderes Wasserkraftprojekt ist allerdings auch so umstritten. Denn gebaut werden soll der Stausee inmitten einer der letzten unberührten Gletscherlandschaften in den Alpen. Werde dort ein künstlicher See geschaffen, sei das ein «Tabubruch» in der hundertjährigen Schutzpolitik der Schweiz, mahnten Landschaftsschützer schon vor Jahren.Am Mittwoch hat die Projektträgerin Grande Dixence SA detailliert über das Bauvorhaben informiert, nachdem die ETH Zürich sowie ein weiteres Fachbüro umfassende klimatische und hydrologische Studien zum Projekt durchgeführt hatten. Geplant ist nun eine rund 100 Meter hohe Staumauer – etwas höher als die frühere Variante. Der Stausee soll mit einem Volumen von 120 Millionen Kubikmetern jedoch rund 20 Prozent weniger Wasser fassen. Entsprechend sinkt auch die Menge an Strom, die produziert werden kann.«Entscheidend ist für uns, dass die Studien der ETH zum Schluss kommen, in der Region bis Ende des Jahrhunderts über genug Wasser zu verfügen, um das Gornerli-Projekt in dieser Form zu realisieren», sagt Beat Imboden, der Direktor von Grande Dixence. Zunächst würden die Zuflüsse zunehmen, danach jedoch wieder zurückgehen. «Die Anlage muss deshalb langfristig geplant werden und nicht nur auf kurze Sicht.» Aus diesem Grund habe man das Volumen des Sees entsprechend optimiert.Bei der geplanten Inbetriebnahme im Jahr 2035 wird zudem nur ein Teil des Potenzials des Speichersees zur Stromproduktion ausgeschöpft werden können. Der Gletscher dürfte sich je nach Klimaszenario erst zwischen 2045 und 2060 vollständig aus dem Stauseegebiet zurückziehen. Entsprechend weniger Wasser kann vorerst gespeichert werden. Bis 2040 rechnet Grande Dixence «nur» mit 435 Gigawattstunden nutzbarer Winterspeicherkapazität – statt wie ursprünglich gedacht 650.Gletscher verschwindet 10 Jahre früherIm Gebiet unterhalb des Gletschers würde sich auch so ein natürlicher See bilden, der die Gletscherzunge teilweise unter Wasser setzt. Mit der geplanten Staumauer und dem damit verbundenen höheren Wasserspiegel fällt die Einstauung jedoch stärker aus. «Das Abschmelzen des Gletschers wird sich aufgrund des künstlichen Sees voraussichtlich um rund zehn Jahre beschleunigen», räumt Imboden ein.Die Staumauer «Gornerli» (Visualisierung) soll das Wasser des Monte-Rosa-Massivs fassen und damit auch Hochwasserschäden unten im Tal verhindern können.Grand DixenceParallel zu Gornerli verfolgt sein Unternehmen ein zweites Projekt namens «Dix+». Dabei soll die bestehende Staumauer Grande Dixence um rund fünf Meter erhöht werden. Wird es ebenfalls realisiert, kommen die Anlagen des Grand-Dixence-Systems insgesamt auf jene Menge an Winterstrom, die ursprünglich allein mit dem Gornerli produziert werden sollte.Trotz kleineren Strommengen rechnen die Projektträger mit höheren Baukosten. In Vorstudien wurden diese noch mit rund 300 Millionen Franken beziffert. Nun hat Grande Dixence die Kosten stark nach oben korrigiert – auf rund 510 Millionen Franken. Grund dafür sind laut Imboden vor allem neue Erkenntnisse zur Geologie, zur Topografie sowie zur Baulogistik. Der Transport des Baumaterials erweise sich als komplexer als ursprünglich angenommen. Neu budgetiert ist auch ein Tunnel oberhalb der Staumauer. Über ihn sollen Skitourenfahrer und Alpinisten, die im Gletschergebiet unterwegs sind, das Gelände verlassen können.Da dem Stauseeprojekt vom Bund ein nationales Interesse bescheinigt wird, kann Grande Dixence immerhin auf eine grosszügige finanzielle Unterstützung zählen. Der Bund will bei solchen Projekten bis zu 60 Prozent der Baukosten übernehmen.Neben der Energieproduktion soll die Gornerli-Staumauer auch eine wichtige Rolle beim künftigen Hochwasserschutz für Zermatt und das gesamte Mattertal spielen, da sie bei Starkregen die Wassermassen zurückhält. Zudem sorgt der Speicher für eine sichere Wasserversorgung für die umliegenden Gemeinden, namentlich für die Landwirtschaft und den Tourismus. Die Bauprojektierung umfasst neben der Staumauer auch eine unterirdische Pumpstation, die Logistik sowie Abklärungen zu Naturgefahren. Ein Baugesuch liegt noch nicht vor. Vorher müssen offene Fragen mit Umweltverbänden, lokalen Interessengruppen, Konzessionsgebern und dem Kanton geklärt werden.Landschaftsschützer fürchten neue RisikenDieser Prozess könnte jedoch schwierig und langwierig werden. Die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz (SL) hat schon früh mit Beschwerden gegen das Wasserkraftprojekt gedroht. Nun sagt die SL-Co-Geschäftsleiterin Franziska Grossenbacher: «Wir sind erstaunt über das Vorgehen der Projektverantwortlichen. Wir haben uns gemeinsam mit anderen Beteiligten im Rahmen des Gornerli-Dialogs darauf geeinigt, dass neben der Maximalvariante auch landschaftsschonendere Projektvarianten geprüft werden müssen.» Doch zeige sich, dass vor allem weitere Abklärungen zur Maximalvariante gemacht worden seien.Laut Grossenbacher sind beim Projekt zentrale Fragen weiterhin offen. So sei unklar, wie viel Gletscherfläche eingestaut werde und ob die Maximalvariante tatsächlich die einzig sinnvolle Lösung sei. Die Landschaftsschützerin verweist auf die Erklärung des runden Tisches, wonach Alternativen vertieft zu prüfen seien. Auch die Nutzung des natürlichen Sees, der sich im Tal ohnehin bilde, müsse dazu gehören.Eingehend geprüft werden muss laut Grossenbacher zudem die Naturgefahrensituation. Der auftauende Permafrost, instabile Hänge und mögliche Bergstürze könnten durch einen Stausee neue Risiken schaffen. Grande Dixence müsse dazu belastbare Antworten liefern.Grande-Dixence-Chef Beat Imboden betont derweil, man prüfe weiterhin verschiedene Projektvarianten. Inzwischen würden die definitiven hydrologischen Resultate vorliegen. «Jetzt werden wir die Optionen gemeinsam mit den Interessengruppen besprechen.» Dass einzelne Organisationen das Projekt mit Einsprachen verzögern könnten, schliesst er nicht aus. Grosse Infrastrukturprojekte wie das Gornerli seien immer exponiert. Entscheidend sei nun eine enge Zusammenarbeit mit Umweltverbänden, Kanton und Gemeinden.Passend zum Artikel
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