Der Kanton will den Hochwasserschutz an der Sihl vorantreiben. Doch wegen der Trockenheit gerät das Projekt ins StockenMit dem Entlastungsstollen will sich der Kanton gegen Überschwemmungen schützen. In diesen Tagen steht er jedoch vor einem Dilemma.Jana Kehl11.08.2026, 17.25 Uhr4 LeseminutenBei Thalwil führt der 90 Meter lange Auslaufkanal in den Zürichsee.Andreas Becker / KeystoneIm Sommer 1910 fahren die Boote nicht nur über den Zürichsee und die Limmat, sondern auch durch die Strassen der Stadt Zürich. Das Bahnhofquartier gleicht einem See, schreibt die NZZ nach dem damaligen Jahrhundertunwetter. In Höngg sind die Häuser überflutet.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nun, im Sommer 2025 präsentiert sich ein anderes Bild. Ein Hitzetag reiht sich an den nächsten, der langersehnte Regen bleibt weiterhin aus. Die Wasserpegel in den Flüssen und Seen sind tief – so tief, dass das grosse Fischsterben droht und die Kursschiffe auf dem Zürichsee nicht überall anlegen können.Dennoch bereitet sich der Kanton auch auf das andere Extrem vor. «Schliesslich hat der Klimawandel zwei Seiten», betont der Zürcher Regierungsrat Martin Neukom (Grüne) an diesem Dienstag. Weil nicht nur Trockenheit, sondern auch starke Niederschläge wahrscheinlicher werden, müsse man sich auch für grosse Wassermengen wappnen.Ein grosses Hochwasserrisiko besteht gleich für mehrere Gewässer im Kanton. Dazu gehört neben der Eulach in Winterthur, dem Altbach in Kloten und der Reppisch in Dietikon vor allem ein Fluss: die Sihl, Zürichs «minderer Fluss», wie Hugo Loetscher diesen nannte. Im kommenden Jahr soll an der Sihl der grösste Hochwasser-Bau im Kanton Zürich in Betrieb genommen werden – der Entlastungsstollen Sihl-Zürichsee.An diesem Dienstagmorgen stehen Neukom und die Bauverantwortlichen des Projekts am Auslaufbauwerk des Stollens in Thalwil, genauer: direkt im Zürichsee in einer trockengelegten Lücke, rund 90 Meter lang und 10 Meter tief. Etwas Wasser rinnt durch die Metallwände, doch das ist nicht weiter schlimm. Ist der Auslaufbauwerk des Stollens fertig gebaut, wird der See die Lücke sowieso wieder füllen. Vom Bauwerk, das 175 Millionen Franken kostet, wird hier nicht mehr viel zu sehen sein.Zwar ist der Entlastungsstollen auf Google Maps bereits als «Sehenswürdigkeit» eingezeichnet, doch der eigentliche Zweck ist ein anderer. Er verbindet die Sihl mit dem Zürichsee durch einen zwei Kilometer langen Tunnel. Bei starkem Hochwasser soll hier Wasser vom Fluss abfliessen können. Der Kanton geht davon aus, dass dies acht bis zwanzig Jahre nötig sein wird.Der Stollen kann Wassermengen von bis zu 330 Kubikmeter pro Sekunde fassen, was über 1300 gefüllten Badewannen entspricht. Damit ist das Hochwasser-Projekt auch auf ein Extremhochwasser ausgelegt, wie es statistisch nur einmal in 500 Jahren vorkommt. Der Pegel des Zürichsees würde sich auch in diesem Fall durch die abgeflossene Wassermenge nur leicht erhöhen.Die Metallträger stehen. In den kommenden tagen soll das Auslaufbauwerk betonniert werdenAndreas Becker / KeystoneNoch ist die Lücke trockengelegt. Am Ende wird diese jedoch bis auf rund fünf Meter Höhe mit Seewasser gefüllt sein.Andreas Becker / KeystoneFür ein anderes Szenario ist der Entlastungsstollen jedoch nicht gerüstet: ein Dammbruch beim Sihlsee, der ein Stausee ist. Zwar wuchs während des zweiten Weltkriegs die Angst, dass ein allfälliger Bombenanschlag auch auf Dämme zielen könnte – doch die Gefahr eines Dammbruchs wird heute als sehr klein eingestuft, so dass der Kanton dieses unwahrscheinliche und doch verheerende Unglück beim Bau nicht berücksichtigen konnte.Unterwasserarbeiten als Gefahr für FischeBereits jetzt seien die Dimensionen bei diesem Projekt «ganz andere als etwa beim Bau eines Schulhauses», sagt Neukom. Die Planung in Zusammenarbeit mit der ETH begann bereits vor rund 20 Jahren nach dem Hochwasser im Jahr 2005. Das Bauende wurde um zwei Jahre verschoben, und der 2021 bewilligte Kredit fiel mit 175 Millionen Franken um 40 Millionen Franken höher aus als ursprünglich geschätzt.Derzeit geht der Regierungsrat davon aus, dass das Budget nun eingehalten wird. Geplant ist, dass das Einflaufbauwerk im Sihltal Ende dieses Jahres fertiggestellt und der Stollen Anfang 2027 in Betrieb genommen werden kann. Ob diese Frist tatsächlich eingehalten werden kann, ist aber noch nicht ganz sicher. Denn seit zwei Wochen darf der Kanton im Sihltal keine Unterwasserarbeiten vornehmen.Die Fische leiden derzeit unter der Hitze und Trockenheit – und die Trübstoffe, die während der Arbeiten ins Wasser gelangten, würden die Tiere zu stark belasten. Sobald der Pegel der Sihl wieder steigt, wird man die Situation zusammen mit dem Amt für Landschaft und Natur neu beurteilen, halten die Verantwortlichen am Dienstag fest.Kanton will Milliardenschäden verhindernAls Grüner setzt Martin Neukom auf ökologische Bauten – doch beim Entlastungsstollen ist das nicht möglich: «Der CO2-Abdruck dieses Projekts wird gross sein.» Aufgrund der schwierigen Baubedingungen im Zürichsee könne man keinen Recycling Beton verwenden.Für den Kanton ist der Stollen von essenzieller Bedeutung. Aufgrund von Simulationen könnten sich die Schäden bei einem Extremhochwasser allein in der Stadt Zürich auf bis zu 6,7 Milliarden Franken belaufen.Wenn eine derartige Schadenssumme durch ein Hochwasser-Projekt verhindert wird, kommt das schliesslich auch der Privatwirtschaft zu Gute. Im Kanton Zürich gibt es allerdings keine Rechtsgrundlage, um Versicherungen zur Mitfinanzierung zu verpflichten. Deshalb bleibt das Projekt in der öffentlichen Hand.Der Kanton dürfte auch aus einem anderen Grund von dem Stollen profitieren. Ist die Hochwassergefahr hoch, lässt er beim Sihlsee heute bereits präventiv Wasser ab. Da die Turbinen jedoch durch die SBB betrieben werden, muss der Kanton diese für den entfallenen Profit entschädigen. Diese Massnahme am Sihldamm wird künftig nicht mehr nötig sein.Bis zu 330 Kubikmeter pro Sekunde Wasser kann der Entlastungsstollen fassen.Andreas Becker / KeystonePassend zum Artikel
Zürichs Millionenprojekt gegen Hochwasser: Entlastungsstollen Sihl-Zürichsee
Mit dem Entlastungsstollen will sich der Kanton gegen Überschwemmungen schützen. In diesen Tagen steht er jedoch vor einem Dilemma.








