Das Wasser sei in Zürich unerschöpflich, hiess es. Aber überlebt diese Gewissheit auch heftige Hitzewellen?Die Trockenheit führt zu einem tiefen Seepegel, ausgetrockneten Bächen – und zur Frage, wie lange das Trinkwasser noch reicht.14.08.2026, 05.00 Uhr8 LeseminutenEs ist komplett still dort, wo sich das Zürcher Trinkwasser sammelt: das Reservoir Lyren in Zürich Altstetten, das grösste Wasserreservoir der Schweiz.Karin Hofer / NZZDas Wasser aus dem Zürichsee, aus dem Boden und aus den Zürcher Reservoiren trifft sich 132 Meter unter der Oberfläche. 132 Meter, so tief hinab gleitet der Lift in den Schacht des Wasserreservoirs Lyren in Altstetten, zu den drei Rohren mit über 2 Metern Durchmesser, die hier zusammenkommen. Diese Leitungen versorgen Zürich mit Wasser. Wasser zum Trinken, Wasser zum Kochen, Wasser zum Duschen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Wasserreservoir Lyren ist das grösste Wasserreservoir in Zürich und eines der grössten in der ganzen Schweiz. 60 000 Kubikmeter Wasser sind allein in diesem Reservoir gespeichert, hier, tief im Üetliberg. Und die Stadt verfügt noch über 20 weitere Reservoire.Das Wasser fliesst lautlos ein und aus. Schaut man auf seine türkisfarbene Oberfläche, sieht man höchstens ein Kräuseln, sonst passiert nichts. Man könnte wohl einen Fisch atmen hören, hätte es welche.Diese Hallen, gestützt von meterhohen Säulen, sind geschützt wie ein Tresor. Das Wasser wird von hier aus verteilt auf kilometerlange Rohre, 1200 Brunnen und unzählige private Wasseranschlüsse. 160 Liter Trinkwasser fliesst bei Zürcherinnen und Zürchern im Schnitt pro Tag aus dem Wasserhahn.An Hitzetagen steigt der Verbrauch noch: Dann lassen die meisten Menschen deutlich mehr Wasser aus dem Hahn als sonst, um sich zu kühlen, um den Durst zu stillen. An Hitzetagen wird nicht nur mehr Wasser verbraucht, es kommt auch weniger neues nach. Wird es irgendwann ausgehen?Am Anfang steht der GletscherDer Tödi, 3570 Meter hoch, wird auch «Schicksalsberg der Glarner» genannt. «Kein Glarner, der nicht seine persönliche Geschichte mit dem Tödi hat», sagt ein Reporter des SRF in einer Reportage über den Berg.Aber auch die Zürcherinnen und Zürcher sind mit ihm verbunden. Ein Teil des Wassers, das sie trinken, kommt genau von hier: von den Gletschern und Bergbächen des Tödi-Massivs. Auch Wasser im Zürichsee gelangt aus den Glarner Alpen dorthin, es entspringt im Tödi-Massiv. Dort hat der Sandbach seinen Ursprung, der neun Kilometer lang fliesst und sich schliesslich mit dem Limmerenbach zur Linth vereinigt, dem wichtigsten Zufluss des Zürichsees.Dieser Wasserfluss aus Glarus ist bedroht: Der Gletscher auf dem Tödi schmilzt seit Jahren, als Folge des Klimawandels. Die Eisschicht auf dem Berg ist bereits um zwölf Meter geschrumpft.Gletscher gehören zu den wichtigsten Süsswasserspeichern der Schweiz. 130 Kubikkilometer Wasser werden so konserviert und nach und nach ins Flachland abgegeben. Dieses System funktioniert so lange gut, wie es im Winter regelmässig genug schneit, um die Gletscherschmelze des Sommers zu kompensieren. Erwärmt sich aber das Klima, schneit es im Winter weniger – dann erreichen die Gletscher irgendwann einen Punkt, an dem sie im Sommer mehr Wasser verlieren, als sie im Winter wieder aufnehmen. Sie schmelzen wie Glace an der Sonne.Das Zürcher Trinkwasser ist, grob gesagt, so zusammengesetzt: 70 Prozent Seewasser, 15 Prozent Grundwasser, 15 Prozent Quellwasser.Wenn der Gletscher im Kanton Glarus verschwindet, was bedeutet das für Zürich? Die Antwort kennt Andreas Peter. Er arbeitet bei der Wasserversorgung der Stadt Zürich, wacht dort über die Qualität des Trinkwassers und kennt sie bis ins kleinste Detail. «Wasser hat mich einfach schon immer fasziniert», sagt er. «Ich bin ein absoluter Wassermann.»Andreas Peter, Experte für Wasserqualität.PDPeter ist vertraut mit allen Szenarien, welche die Zürcher Wasserversorgung bedrohen könnten: Stromausfall, Dürre, Sabotageakte, Brände. Er ist es auch, der darüber wacht und beobachtet, ob der Klimawandel bereits zur Bedrohung für die Versorgung in Zürich werden könnte, etwa wegen der Gletscherschmelze. Und er sagt: «Die Wasservorräte sind gross. Daran können auch schwindende Gletscher nichts ändern.»Wie passt das zusammen? Wenn es in den Sommern immer weniger regnet, allenthalben über Dürre geklagt wird, Wasservorräte in den Alpen schwinden – wie kommt es dann, dass Zürich so selbstbewusst davon ausgeht, dass das Wasser reicht?Schliesslich ist der Zufluss der Gletscher dabei, zu versiegen. Die Linth heizt sich im Sommer zunehmend auf und führt immer weniger Wasser. Mittlerweile verenden fast jedes Jahr Tausende von Fischen, weil sie die Wassertemperaturen nicht mehr ertragen.Es funktioniert so: Das Wasser, von dem Zürich lebt, kommt gar nicht von der Linth, auch nicht vom Gletscher. Sondern vom Himmel – und das bleibt auch so, wenn der Gletscher geschmolzen ist.Hier kommt das Wasser aus Zürich zusammen: Rohre im Wasserreservoir Lyren.Karin Hofer / NZZDie eigentliche Quelle ist der RegenIm Einzugsgebiet des Zürichsees regnet es jedes Jahr an durchschnittlich 131 Tagen. Und das ist es, was die Zürcher Wasserversorgung garantiert: «Solange es genug regnet, haben wir in Zürich genug Trinkwasser», sagt der Trinkwasserexperte Peter. Gletscherwasser ist für Zürich nicht allzu wichtig. Das Wasser muss nicht als Eis gespeichert werden. Entscheidend ist, dass es an den nassen Tagen genug regnet, um die trockenen auszugleichen.Nach allem, was Wissenschafter derzeit wissen, wird das vorerst so bleiben. Denn die Tage im Sommer werden zwar heisser und trockener, die Tage im Winter dafür nasser. Peter sagt: «Die Regenmenge verteilt sich einfach schlechter über das Jahr als bisher.»Wenn sich die Niederschläge auf immer weniger Regentage verteilen, wird das vor allem dort im Kanton Zürich zum Problem, wo die Gemeinden von Grundwasser abhängig sind. Weil dann an einzelnen Tagen so viel Regen fällt, dass der Boden ihn nicht mehr absorbieren kann. Urs von Gunten ist pensionierter Experte für Trinkwasser bei der Eidgenössischen Wasserforschungsanstalt (Eawag). Er sagt: «In so einem Fall kann es sein, dass das meiste Regenwasser einfach abfliesst und die Grundwasserspiegel zu wenig stark steigen, obwohl es regnet.»Dennoch laufen auch diese Gemeinden nicht auf ein Versorgungsproblem zu. Denn die sinkenden Grundwasserpegel und die versiegenden Quellen sind zwar lokal ein Problem, aber nicht für die ganze Region. Die Gemeinden, die selber kein Wasser mehr haben, können es zukaufen – aus Zürich. Das ist zwar teuer, sorgt aber für Versorgungssicherheit. Dazu gibt es einen Verbund von 67 Gemeinden, die an die Stadtzürcher Wasserversorgung angeschlossen sind. Und die Stadt Zürich ruft noch längst nicht zum Wassersparen auf. Denn sie hat einen Wasserspeicher, der ist unerschöpflich.Der See, ein unendlicher SpeicherDer Pegel des Zürichsees liegt momentan bei 405 Metern über Meer. Der Seepegel befindet sich damit auf einem historischen Tiefstand; nie seit Messbeginn im Jahr 1951 hatte es so wenig Wasser.Aber selbst wenn es einmal sechs Monate hintereinander nicht regnen würde, würden die Menschen rund um den Zürichsee nur einen Bruchteil dieses Gewässers leer trinken. Selbst das, sagen Wasserexperten, könne der Zürichsee absorbieren: Er ist schlicht so gross. Der Grundwasserexperte von Gunten sagt: «Wir könnten aus dem Zürichsee 10 000 Tage lang für eine Million Einwohner Wasser schöpfen, und erst dann wäre er leer. Und das wird nicht passieren.»An der Oberfläche heizt sich zwar das Wasser immer weiter auf, 28,5 Grad erreichte es diesen Sommer. Für Fische ist das gefährlich, die Temperaturen sorgen für Algenwuchs, das Seewasser wird bräunlich. Manche Schwimmer beschweren sich, dass das Baden in Zürich unangenehm werde.Aber weder Temperatur noch Qualität des Trinkwassers würden von den Zuständen an der Wasseroberfläche beeinflusst, sagt Andreas Peter. Alles, womit die Gewässer bis hierhin zu kämpfen haben, erreicht die Trinkwasserversorgung nicht. Denn während hohe Temperaturen, verendende Fische und Dürre Phänomene nah an der Oberfläche sind, befindet sich das Trinkwasser tief unten. Genauer gesagt: dreissig Meter unter dem Seespiegel.In dieser Tiefe fördern die beiden Seewasserwerke Wasser aus dem See, reinigen es und pumpen es in die Reservoire. Für die Reinigung werden 32 verschiedene Filter verwendet, bei der Qualitätskontrolle helfen Blauforellen. Man lässt sie in kleinen Tanks schwimmen. Sie zeigen, ob das Wasser gut ist: Werden die Blauforellen krank, sollten auch Menschen das Wasser nicht trinken.Metertiefes, klarstes Wasser: Das Wasserreservoir Lyren wird penibel gereinigt – schliesslich lagert hier ein Lebensmittel.Goran Basic / NZZWo alles zusammenkommt: das ReservoirDas Wasser landet schliesslich in Altstetten. Im Wasserreservoir Lyren, dort, wo in 132 Metern Tiefe die mächtigen Rohre zusammenkommenWasser ist so essenziell wie wenig anderes. Der Bund gibt der Bevölkerung regelmässig Anweisungen für Notvorräte. Dazu gehören drei Liter Wasser pro Person und Tag, für drei Tage. Das muss reichen, um zu trinken, etwas zu kochen und für die wichtigste persönliche Hygiene. Sind die drei Tage um, muss die Notversorgung der Wasserverteilung funktionieren.Doch so ein Notfall sollte gar nicht erst eintreten. Deshalb wird das Wasser in Zürich geschützt, als wäre es Gold. Das Reservoir ist in den Berg hineingebaut, wie ein Bunker – und das war auch der Gedanke. Andreas Peter erklärt: «Die Anlage wurde im Kalten Krieg gebaut, zu einer Zeit, wo man solche Infrastrukturanlagen auch physisch vor Angriffen sehr stark schützen wollte.»Die Wasserversorgung in Zürich ist extrem stabil. Zumindest in der Theorie können die Werke deutlich mehr Wasser fördern, als die Zürcher brauchen. Das liegt daran, wie die Bevölkerung gewachsen ist – oder eben nicht: «In den sechziger und siebziger Jahren hat man damit gerechnet, dass sowohl Bevölkerung als auch Wasserverbrauch massiv steigen, und hat entsprechend ausgebaut», sagt Andreas Peter. «Doch das ist nicht passiert.»Stattdessen zogen viele Menschen weg, Zürich wurde kleiner, und es wurden Waschmaschinen und Toilettenspülungen erfunden, die weniger Wasser verbrauchen. Kurz: Die Kapazitäten für die Wasserförderung wurden ausgebaut, aber der Verbrauch sank.Der MasterplanDie Planung aus den 1970ern reicht heute noch. Doch der Verbrauch steigt, und darauf will man sich nun vorbereiten. Dafür gibt es ein Instrument mit dem griffigen Titel «Generelles Wasserversorgungsprojekt der Stadt Zürich», oder, wie Stadtrat Michael Baumer bei dessen Präsentation sagt: «den Wasser-Masterplan».Denn mittlerweile ist die Bevölkerung gewachsen, und weil die Hitzetage zunehmen, brauchen auch viele mehr Wasser. Das ist nicht nur in Zürich so, sondern auch in den umliegenden Gemeinden, die an die Zürcher Wasserversorgung angeschlossen sind. Fast eine Million Menschen werden so mit Züri-Wasser versorgt. «Wir denken für ein Millionen-Zürich», sagt Stadtrat Michael Baumer.Der Wasser-Masterplan soll die Zürcher bis ins Jahr 2070 versorgen – das sind fast fünfzig Jahre, in denen Dürre und Trockenheit zunehmen werden. Fünfzig Jahre, in denen an vielen Orten auf der Welt das Wasser ausgehen wird.Aber in Zürich nicht. «Der Zürichsee wird auch in dieser Zeit ein fast unerschöpfliches Reservoir bleiben», sagt Baumer. «Wir werden noch einige trockene Sommer überstehen.»Es fliesstDer Kanton Zürich ist so gut versorgt, dass es momentan noch Wasservorkommen gibt, die komplett unberührt bleiben. Im Norden Zürichs, unterhalb der Gemeinde Rheinau, befindet sich ein grosses Grundwasservorkommen. Im Rahmen des Wasser-Masterplans wurde diskutiert, dieses nun zu erschliessen. Das Resultat war: Das ist gar nicht nötig.Dass der Zürichsee momentan noch reicht, ist auch für das Budget der Stadt gut. Denn das Grundwasservorkommen unter Rheinau zu erschliessen, wäre sehr teuer.Ausserdem sollen drei neue Reservoire gebaut werden, in Witikon, Glaubten und unterhalb des Zürichbergs. Dessen Name: Aurora. Andreas Rieder, Chef der Wasserverteilung der Stadt Zürich, sagt: «Momentan fehlt uns ein Becken auf der rechten Seeseite, um mehr Wasser speichern zu können.» Das wolle man mit diesem Projekt ändern. Kostenpunkt: voraussichtlich mehrere Millionen Franken – genauere Angaben kann die Stadt noch nicht machen, dafür sei der Baustart der Projekte noch zu weit entfernt, schreibt die Stadt. «Das ist ein Generationenprojekt», sagt Andreas Rieder. Es soll Zürich rüsten – für fünfzig Jahre zunehmende Hitze, Dürre, Trockenheit. Und dafür sorgen, dass das Wasser in Zürich weiterhin: einfach fliesst.Passend zum Artikel