Wenn Wasser nicht mehr selbstverständlich ist: So leiden die Schweiz und Europa unter der DürreVon der Atomkraft bis zur Zuckerrübe: Die wichtigsten Antworten zu den Folgen der starken Trockenheit auf das Wirtschaftsleben.07.08.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenDiese Ernte wird traurig: ein ausgetrocknetes Sonnenblumenfeld in Stammheim.Andreas Becker / KeystoneWasser ist das einzige Gut, von dem wir gewohnt sind, dass es in Massen vom Himmel fällt. Passiert das für längere Zeit nicht, haben Unternehmen und Konsumenten ein Problem: Vieles, das direkt oder indirekt mit Wasser zusammenhängt, wird teurer, funktioniert schlechter oder gar nicht mehr.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die seit Juni anhaltende Trockenheit zeigt, wie wertvoll der oft für selbstverständlich gehaltene Rohstoff Wasser ist. Die wichtigsten Antworten zu den Folgen der Dürre für die Wirtschaft im europäischen Ausland und in der Schweiz.Warum machen der Rhein und andere Flüsse so grosse Probleme?Wasser als Transportweg ist für die Wirtschaft schwer zu ersetzen. In Deutschland steht der Pegel des Rheins, Europas wichtigster Wasserstrasse, stellenweise so tief wie nie zuvor. Je weniger Wasser die Flüsse führen, desto weniger schwer können die Schiffe beladen werden, und es braucht mehr Schiffe für dieselbe Menge Fracht. Der geringe Pegel des Rheins und auch der Donau beschäftigt in Deutschland mittlerweile die Bundesregierung. Die Frachtkosten sind um das Drei- bis Vierfache gestiegen.Über die Flüsse werden bevorzugt Rohstoffe und Vorprodukte transportiert, etwa Treibstoffe, Chemie oder Stahl. Grosse Industriebetriebe haben sich genau deswegen am Wasser angesiedelt. Das Kiel Institut für Weltwirtschaft befürchtet für Deutschland einen Verlust an Wertschöpfung im dritten Quartal von 1 bis 2 Milliarden Euro. Aber auch in Rumänien und der Slowakei bringt die Donau Probleme für die Binnenschifffahrt.Was bedeutet der niedrige Rheinpegel für die Schweiz?Über den Rhein werden rund 10 Prozent aller Importe der Schweiz abgewickelt. Der Wasserpegel in Konstanz am Bodensee liegt bei 2,85 Metern, ein historischer Tiefstwert für diese Zeit im Jahr. Das sind 1,26 Meter weniger als normal.Die Situation habe sich in den vergangenen Tagen deutlich verschärft, teilen die Schweizerischen Rheinhäfen in Basel auf Anfrage mit. Es kämen zwar weiterhin Frachtschiffe durch, aber in deutlich reduzierter Zahl und mit viel geringerer Auslastung. Je nach Schiffstyp und Güterart könnten nur noch rund 15 bis 30 Prozent der regulären Ladekapazität transportiert werden.Aufgrund der sehr geringen transportierbaren Mengen sei die Strecke für viele Unternehmen kaum mehr rentabel zu befahren, so die Rheinhäfen. Einzelne Reedereien verzichteten bereits auf Fahrten. Auch die Verlagerung auf Bahn und Strasse sei teuer, weshalb nicht dringend benötigte Güter derzeit lieber zwischengelagert würden, bis sich die Lage auf dem Rhein entspannt.Der Rhein ohne Rhein: das ausgetrocknete Flussbett von Europas wichtigster Wasserstrasse in Köln.Christoph Hardt / ImagoSpüren Konsumenten den tiefen Pegelstand im Portemonnaie?Ja, an den Tankstellen. Mehr als 20 Prozent aller Schweizer Mineralölprodukte werden über den Rhein importiert. Die Versorgung mit Treibstoffen auf diesem Weg sei praktisch komplett ausgefallen, schreibt das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL). Die Lage bei Benzin und Diesel sei angespannt, aber die Versorgung sei gesichert, sofern es bei den Transporten per Bahn, auf der Strasse oder per Pipeline keine Einschränkungen gebe.Der Anstieg der Frachtkosten für die Rheinschifffahrt hat einen Liter Benzin um rund 8,5 Rappen verteuert, hielt der Touring Club Schweiz bereits Mitte Juli fest. Das summiert sich mit den Zuschlägen aufgrund des Iran-Kriegs und der Verwerfungen an den internationalen Ölmärkten. Ein Liter Bleifrei 95 kostet derzeit durchschnittlich 1.96 Franken, ein Liter Diesel 2.17 Franken. Das sind die höchsten Preisniveaus seit Jahresbeginn.Was bedeutet der Wassermangel für Schweizer Landwirte?Bei Preisen für Lebensmittel machen sich die Probleme noch nicht bemerkbar. Doch Bauern in ganz Europa leiden unter der Trockenheit. In der Schweiz sind bei Sommerkulturen wie Mais, Kartoffeln und Zuckerrüben deutlich tiefere Erträge zu erwarten. Für einzelne Betriebe sind die Einbussen sehr gross, wie die Nachrichtenagentur Keystone-SDA mit Verweis auf den landwirtschaftlichen Versicherer Schweizer Hagel berichtet. Rund 1100 Landwirte hätten dort bisher Schäden wegen der Hitze angemeldet. Trockenheit habe etwa die Hälfte aller in diesem Jahr eingegangenen Schäden betroffen.Unter den ausgetrockneten Böden leiden auch die Kühe und damit die Milchproduktion. Viele Betriebe greifen bereits jene Heuvorräte an, die eigentlich für den Winter gedacht sind. Weil sich die Versorgung nicht mehr rechnet, werden «unrentable» Tiere getötet. Im Juni und Juli sind rund 15 Prozent mehr Rinder geschlachtet worden als im Vorjahreszeitraum.Was fordern die Bauern als Ausgleich – und was erhalten sie?Viele Landwirte hätten aufgrund von seit Jahren vielfach nicht kostendeckenden Produzentenpreisen keine Reserven, um ausserordentliche Situationen aufzufangen, kritisiert der Zürcher Bauernverband. Er fordert Handel, Verarbeiter und Grossverteiler auf, die Mehrkosten anzuerkennen und höhere Preise zu akzeptieren. Ausserdem müsse den Bauern zugesichert werden, dass ihre Produkte auch abgenommen werden, wenn «Grösse, Form oder andere Qualitätsmerkmale von den üblichen Normen abweichen».Der Bund hat am Mittwoch Massnahmen beschlossen, um den Landwirten zu helfen. Der Zoll für den Import von Heu wurde rückwirkend ab dem 1. August aufgehoben, und jener für die Einfuhr von Futtermais soll ab dem 15. August gesenkt werden. Weil die Preise für Futtermittel auch im Ausland stark gestiegen sind, gibt es zudem finanzielle Unterstützung: Alle Betriebe sollen volle Direktzahlungen (Subventionen) erhalten, auch wenn sie die Vorgaben nicht erfüllen. Bauern, die wegen der Trockenheit in Liquiditätsschwierigkeiten geraten, können zinsfreie Darlehen beantragen.Viel Braun, kein Blau: Galloway-Rinder auf der ausgetrockneten Alp Haghütte in Nidwalden.Urs Flüeler / KeystoneWie beeinträchtigt die Trockenheit die Stromversorgung?Am meisten Aufsehen erregten in den vergangenen Wochen Meldungen von Atomkraftwerken, weil sie trotz ihrer vielgelobten Autarkie auf Wasser angewiesen sind: In Ungarn musste das Kernkraftwerk Paks, das einen Drittel des Strombedarfs des Landes deckt, beinahe abgeschaltet werden. Es bezieht sein Kühlwasser aus der Donau, deren Pegel auch in Ungarn auf historischen Tiefständen liegt. Es wäre die erste Abschaltung seit der Inbetriebnahme im Jahr 1982 gewesen.Doch nicht nur der Mangel an Wasser spielt eine Rolle, sondern auch seine Temperatur durch die anhaltende Hitze: Weil die Aare als Kühlwasser zu warm geworden war, mussten Anfang August beide Blöcke des Kernkraftwerks Beznau vorübergehend heruntergefahren werden. Und in Frankreich wurden Reaktorblöcke abgeschaltet, weil sie sonst zu warmes Kühlwasser zurück in die bereits überhitzten Flüsse entlassen hätten.Wie steht es um die Stromversorgung der Schweiz?Die Stromversorgung der Schweiz ist laut dem BWL nicht gefährdet. Allerdings liefern wie im Rest Europas die Flusskraftwerke weniger Strom, und die Speicherseen sind deutlich schlechter gefüllt, als für diese Zeit des Jahres üblich ist. Die Schweiz produziert also weniger Strom, als normal wäre.Das ist kein Beinbruch, weil die Schweiz im Sommer viel Elektrizität ins Ausland exportiert und erst im Winter auf Importe angewiesen ist. Allerdings sind die Ausfuhren seit Anfang Juli deutlich niedriger als im langjährigen Durchschnitt, wie Daten des Bundesamts für Energie (BfE) zeigen. An den Strombörsen kostet Elektrizität spürbar mehr als normal – sowohl sofort als auch für den Bezug in einigen Monaten.Auch der Göscheneralpsee führt sichtbar weniger Wasser als möglich.Urs Flüeler / KeystoneWas ist so besonders an dieser Trockenheit?Heisse und trockene Sommer gibt es seit der Jahrhundertwende immer öfter. Laut den Rheinhäfen in Basel sei die gegenwärtige Situation beim Niedrigwasser mit den Jahren 2018 und 2022 vergleichbar. Der Unterschied: Damals traten die niedrigen Pegelstände erst im Spätsommer auf, während die Trockenheit diesmal ungewöhnlich früh im Jahr eingesetzt hat. Bereits im Juni lag der Güterumschlag in Basel klar unter den Werten von 2024 und 2025.Was bedeuten solche Dürren langfristig für die Schweiz?Die Schweiz bleibt ein Wasserschloss, aber die Verteilung über das Jahr wird sich laut dem Bundesamt für Umwelt (Bafu) ändern. Während die gesamte jährliche Wassermenge nur geringfügig abnimmt, werden die Gewässer im Winter tendenziell mehr und im Sommer weniger Wasser führen.Dies deshalb, weil im Winter durch höhere Temperaturen weniger Niederschlag in Form von Eis und Schnee gebunden wird. Damit kann über den Sommer auch weniger Eis und Schnee schmelzen. Gleichzeitig werden Trockenperioden im Sommer häufiger und länger. Die Wasserressourcen müssen über das Jahr hinweg besser verwaltet werden, folgert das Bafu.Passend zum Artikel