Boatsharing der Extraklasse: Auf dem Zürichsee können neu schmucke Holzboote aus den 1940er Jahren gemietet werdenSie sind zu heikel, um jeden ans Ruder zu lassen. Trotzdem kommt es jetzt zur Partnerschaft mit Sailbox. Denn die Boote sind auch zu schön, um ungenutzt im Hafen zu vergammeln.Maria-Rahel Cano27.05.2026, 15.00 Uhr5 LeseminutenDie «Alanya» mit zwei Skippern auf dem Zürichsee.Andreas Becker / KeystoneMit einem triefenden Schwamm schöpft ein Mann Wasser aus einem Holzboot. Er kauert im schwankenden Cockpit; vor seinen Füssen eine kleine Pfütze, die er mühselig zu entfernen versucht. Das Segel ist zusammengefaltet, es weht kaum Wind.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Am Ufer des Hafens in Zürich Wollishofen steht ein Mann und beobachtet das Geschehen: Es ist Roger Staub, Präsident der Stiftung Historische Zürichsee-Boote (HZB). «Dass Holzboote zu Beginn der Saison nicht ganz dicht sind, ist nichts Ungewöhnliches», sagt er mit Blick auf die Szenerie. Die Planken müssten sich erst mit Wasser vollsaugen, um sich auszudehnen und so den Rumpf komplett abzudichten.Die noch etwas undichte «Mormor» schaukelt neben zwei anderen Oldtimerbooten, der «Pinguin» und der «Alanya». Es sind alles Holzanfertigungen aus den 1940er Jahren, die zur Flotte der Stiftung Historische Zürichsee-Boote gehören.Andreas Becker / KeystonePDDie Segelschiffflotte der Stiftung Historische Zürichsee-Boote: links die «Alanya» und rechts die «Pinguin» (hinten) und die «Mormor» (vorne).Nur ein paar Meter weiter ragen die Masten von drei grossen Segeljachten in den stahlblauen Himmel. Das Erscheinungsbild der «mOcean» – so der Name dieses Modells – ist das pure Gegenteil der hölzernen Klassiker: sportlich, schlicht, funktional. Auf dem weissen Kunststoff der Boote prangt markant der Schriftzug «Sailbox».Obwohl diese zwei Flotten ästhetisch kaum weiter auseinanderliegen könnten, finden sie pünktlich zum Saisonstart zueinander: Sailbox, die grösste Boatsharing-Organisation der Schweiz, und die Oldtimer-Stiftung sind eine neue Partnerschaft eingegangen. Künftig sollen auch Mitglieder von Sailbox auf den historischen Booten der Stiftung segeln können – sofern es die launische Brise auf dem Zürichsee zulässt.Die Sailbox-Jacht vom Typ «mOcean» (hinten) steht auch bei wenig Wind im Einsatz.Andreas Becker / KeystoneDie «Alanya»: klassisch, elegant – und schnellEines der drei präsentierten Oldtimerboote sticht besonders ins Auge: die «Alanya». Mit ihrem himmelblauen Deck und dem maisgelb glänzenden Mast hebt sie sich farblich von ihren Mitstreiterinnen ab. Es handelt sich um den Bootstyp «Lacustre», ein Schiffsmodell, das 1938 von einem Genfer Schiffsarchitekten für die hiesigen Binnengewässer entworfen wurde.Die «Alanya» ist, obschon bereits 1941 in einer Horgener Werft gebaut, alles andere als ein Oldtimer im herkömmlichen Sinn. Wer sie im Hafen betrachtet, begreift sofort, weshalb ein Lacustre als Porsche unter den klassischen Segeljachten gilt: Der Rumpf ist schmal, aber lang – eine Form, die darauf ausgelegt ist, wie ein Pfeil durchs Wasser zu schiessen. Das macht diesen Bootstyp bis heute zu einem beliebten Regattaschiff.Der sportliche Charakter zeigt sich auch unter Deck: Eine Übernachtung scheint zwar möglich, viel Raum für Gemütlichkeit bleibt jedoch nicht. Links und rechts befinden sich zwei Kojen, vorne im Bug ist Platz für das Segelmaterial. Die Kabine ist gerade so hoch, dass man knapp aufrecht sitzen kann.Einzig der Geruch nach Holz, Planen und alten Sitzkissen verströmt etwas, das zum Verweilen einlädt. Man fühlt sich in eine andere Zeit versetzt. Die Uhr an der Kabinenwand ist stehengeblieben.Die Zeit ist stehengeblieben: alte Messinstrumente im Innern der Jacht «Alanya».Andreas Becker / KeystoneDie Philosophie des TeilensDie Sailbox-Boote hingegen sind keine empfindlichen Schönheiten. Ein Segelschiff, das bis zu dreimal pro Tag auf dem See ist, muss andere Qualitäten haben. Der Geschäftsführer des Sharing-Anbieters Oliver Lüthold sagt: «Unsere Schiffe sollte man aus dem ersten Stock werfen können, ohne dass sie kaputtgehen.» Mit anderen Worten: Die Boote des Sharing-Anbieters sollen funktionieren. Nicht verehrt werden.Lüthold ergänzt stolz: «Bei uns zu segeln, ist günstiger als Skifahren!» Je nach Skiregion ist das allerdings auch keine allzu grosse Kunst: Wenn man zu sechst auf dem Schiff ist, zahlt jedes Mitglied «10 Stutz» pro Stunde, wie es der Sailbox-Gründer ausdrückt.Die Oldtimer-Stiftung spricht ein exklusiveres Publikum an als der Sharing-Anbieter. Aber die beiden Organisationen verbindet eine gemeinsame Philosophie: Die Boote sollen geteilt und genutzt werden – «und nicht im Hafen vergammeln», wie an diesem lauen Samstag in Wollishofen immer wieder betont wird.Doch wer eines der «Museumsstücke» der Stiftung selbständig führen will, muss für jedes Boot eine individuelle Einführung durch einen Skipper absolvieren und je nach Segelschiff zusätzlich eine Prüfung ablegen. Der Präsident Roger Staub formuliert es höflich, aber bestimmt: «Seglerinnen und Segler müssen zuerst beweisen, dass sie den Umgang mit einem solchen Boot beherrschen.»Denn bei der Stiftung ist jedes Schiff ein Stück Zürcher Bootsbaugeschichte – ein Unikat aus jener Zeit zwischen 1880 und 1960, als die Region als europäisches Mekka des Bootsbaus galt. Seit bald zwanzig Jahren rettet die Stiftung diese Zeitzeugen, damit sie nicht ins Ausland verkauft werden oder an einer Boje verwahrlosen.«Seglerinnen und Segler müssen zuerst beweisen, dass sie den Umgang mit einem solchen Boot beherrschen», sagt Roger Staub, Präsident der Oldtimer-Stiftung.Andreas Becker / KeystoneDer Ansturm bleibt aus, der Wind auchAn diesem warmen Maitag zeigen sich auch die Grenzen der Partnerschaft. Sailbox und die Stiftung der historischen Zürichsee-Boote verbindet zwar die Überzeugung, dass Segelschiffe aufs Wasser gehören und nicht nur im Hafen herumliegen sollten. Doch sie sprechen nicht unbedingt dasselbe Publikum an. Wer historische Einzelstücke segeln will, wird mit standardisierten «mOcean»-Jachten wohl wenig anfangen können – und umgekehrt.Vielleicht bleibt auch deshalb der Publikumsandrang an diesem Samstagnachmittag aus. Die meisten, die sich mit einem kalten Bier um die Oldtimer tummeln, sind bereits Mitglied bei der Stiftung. Die wenigen übrigen Besucher sind Mitglieder von Sailbox, die den Saisonstart mit einer ersten Fahrt auf der «mOcean» geniessen wollen.Ein Misserfolg? Der Präsident der Stiftung, Roger Staub, winkt ab: «Nachwuchsprobleme haben wir keine», sagt er. «Unsere Stiftung funktioniert primär über Mundpropaganda.»Das erste Segelschiff der Oldtimerflotte legt ab. Nicht zu einer Probefahrt, sondern zur Heimfahrt. Es ist die «Mormor». Sie macht sich auf den Rückweg in den Hafen Enge. Mit eingeholten Segeln tuckert sie hinaus auf den Zürichsee. Wind ist noch immer keiner aufgekommen. Aber immerhin: Die kleine Pfütze im Boot ist mittlerweile verschwunden.Obwohl die drei historischen Boote an diesem Tag kaum zum Einsatz kommen, machen sie dem Hafen Wollishofen alle Ehre.Andreas Becker / KeystonePassend zum Artikel
Boatsharing der Extraklasse: Auf dem Zürichsee können neu historische Holzboote gemietet werden
Eine neue Kooperation soll historische Segelboote auf den Zürichsee bringen. Dafür spannen eine Oldtimer-Stiftung und ein Sharing-Anbieter zusammen.






