Der 14 Meter lange Pool befindet sich direkt neben einem öffentlichen Spazierweg. Stefan Küng Am Zürichsee hat ein Unternehmer eine aussergewöhnliche Residenz erschaffen. Jedes Detail des Innenausbaus hat der Eigentümer zusammen mit der begleitenden Architektin mit sicherem Gespür für Ästhetik und Design selbst bestimmt.Von Anfang an stand fest, es soll ein Haus für die Kunst werden. Notabene nicht ein Haus, das nebenbei Kunst beherbergt, sondern ein Haus, das für die Kunst gedacht ist. Zugleich aber sollte es auch ein gemütliches Zuhause für die Familie sein. Das war die Herausforderung, mit der sich die Architektin Valentine Schwager vom Architekturbüro Lava-Architekten im thurgauischen Sirnach konfrontiert sah. Und man kann sagen: Die Umsetzung ist ihr hervorragend gelungen. Das Haus, das auf einem Grundstück an der Zürcher Goldküste steht, hat keineswegs einen musealen Charakter. Aber es strahlt die Würde eines Museums aus.Der Hauseigentümer sammelt seit 25 Jahren Kunst. Iranische Kunst, europäische und amerikanische Gegenwartskunst sowie Schweizer Positionen. Seine Sammlung ist mittlerweile so umfangreich, dass er die Werke auch als Leihgaben für Ausstellungen in renommierten Museen zur Verfügung stellt.Der perfekte MatchDas Bauherrenpaar lernte die Architektin Valentine Schwager über gemeinsame Freunde kennen. Die Chemie hat sofort gestimmt. Was andere Büros nach ausführlichen Briefings verfehlten, traf Valentine Schwager im ersten Anlauf: Sie verstand, was dieses Haus sein sollte. Kein Architekturstück, das sich selbst feiert. Sondern ein Haus, das vollständig auf die Bedürfnisse der Bewohner zugeschnitten ist: «Wir sind zusammengesessen, haben vier Stunden geredet. Stefan Küng Stilsicheres Wohnen drinnen und draussen: Ein durchdachtes Gesamtkonzept aus moderner Architektur und gepflegter Gartenlandschaft, die durch zahlreiche edel gestaltete Lounges und Sitzplätze besticht. Sie zeichnete einen Entwurf und traf damit gleich ins Schwarze», so erinnert sich der Hausherr. Dann folgte eine lange Pause. Denn die Gemeinde änderte ihre Bau- und Zonenordnung, und der Bau war fast vier Jahre lang blockiert. Was zunächst ein Ärgernis war, entpuppte sich rückblickend gesehen als Glücksfall. «In diesen vier Jahren konnten wir an den Details arbeiten, Verbesserungen anbringen, Anpassungen machen. Bis das Haus auf dem Papier perfekt war», so der Eigentümer.Raffinierte ÜbergängeDas Grundprinzip der Villa ist bestechend einfach: Das Gebäude besteht aus zwei rechteckigen Baukörpern, die hälftig ineinandergeschoben und zugleich um ein halbes Stockwerk versetzt sind. Wer von oben auf den Grundriss schaut, sieht zwei Vierecke. Wer durch das Haus geht, erlebt ständig neue Raumfolgen, Blickachsen und raffinierte Übergänge, obschon die Geometrie kaum simpler sein könnte. Küche, Ess- und Wohnzimmer führen auf eine grosszügige Terrasse. Stefan Küng «Man hat eine Sichtachse von fast 30 Metern, die durch das ganze Haus geht», erklärt der Eigentümer. Und gleichzeitig gliedert die halbe Versetzung den Raum in überschaubare Zonen, was für ein Gefühl von Geborgenheit und Intimität sorgt. So fühlt man sich trotz der stattlichen Wohnfläche in diesem grossen Haus nie verloren. Hinzu kommt ein feiner Dreh: Der eine Baukörper ist gegenüber dem anderen um fünf Grad versetzt.Der Grund dafür ist landschaftlich bedingt: Das Grundstück grenzt an eine Landwirtschaftszone, an ein Naturschutzgebiet und an einen Wald. Die Architektin hat das Gebäude so orientiert, dass der Blick aus den wichtigsten Aufenthaltsräumen wie der Küche oder dem Master-Bedroom immer knapp am Waldrand vorbeigleitet und in die Weite schweift – ein kleiner Trick mit grosser Wirkung. Stefan Küng Der Pool und die Terrasse sind eingebettet in viel Grün. Matte OberflächenMit seinem guten Gespür und seinem Auge für Design und Ästhetik hat der Hauseigentümer und Kunstsammler die Inneneinrichtung sowie die Materialwahl mit viel Feingefühl selbst an die Hand genommen. Eine seiner Devisen: Es darf nichts glänzen. Kein polierter Stein, kein Lack, kein Glimmer, kein Hochglanzinnendesign. Alles im und ums Haus – Böden, Wände und Oberflächen – soll taktil sein, sich warm anfühlen und eine sinnliche Ausstrahlung haben, die nicht auf den ersten Blick erschöpft ist. Natürliche Materialien wie Naturstein sowie Möbel aus Massivholz verleihen dem Interieur eine warme, sinnliche Atmosphäre. Stefan Küng Etwa der Stein an der Aussenfassade – eine Kalksteinplatte aus dem Elsass – ist das Ergebnis einer anderthalbjährigen Suche. Was ihn auszeichnet: Er enthält keine Quarziteinschlüsse, keine Glimmerblättchen, kein Glitzern. Die gleiche Logik gilt für die Wände, die in einem mineralischen Strichputz gehalten und bewusst nicht geglättet sind. Die Wandfugen in den Badezimmern sind nicht auf Kante gelegt, sondern leicht versetzt. Nur wer genau hinschaut, versteht, dass hier nichts zufällig ist. Im Badezimmer hängt ein Gemälde des Schweizer Künstlers Tobias Spichtig. Stefan Küng An einer Wand im Untergeschoss zeigt sich das vielleicht am eindrücklichsten. Ein Sandstein, dessen Oberfläche von Hand bearbeitet wurde: Zuerst fräste der Handwerker Linien in die Platten, dann schlug er das Material zwischen den Linien von Hand Platte für Platte heraus. Das Ergebnis ist eine lebendige Fläche mit einem sanften Relief, die das Licht anders wirft als eine glatte Wand. Der Steinmetz hat die Übergänge zwischen den Platten so sauber abgeschlagen, dass die Kanten kaum sichtbar sind. «Es sind diese kleinen Details, die den grossen Unterschied machen», ist der Hausherr überzeugt.Massgefertigte UnikateDie Treppe, die das Haus von unten nach oben verbindet, ist breiter als üblich konstruiert, offen gehalten und von einer durchgehenden Kalksteinwand begleitet. Sie ist nicht Mittel zum Zweck, sondern steht für sich und verleiht dem ohnehin schon grosszügigen Entrée zusätzliche Weite. Eine skulpturale Deckenleuchte, handgefertigt von der Firma Cameron Design House, einer Manufaktur in England, ist ein Blickfang. «Ich habe viel Zeit in die Recherche der Materialien, Möbel und Leuchten investiert, weil ich etwas Individuelles, Spezielles wollte und nicht etwas, das jeder sofort erkennt und schon tausendmal gesehen hat», erzählt der Eigentümer. Blickfänger im offenen Treppenhaus ist die massgefertigte Deckenleuchte aus der Londoner Manufaktur Cameron Design House. Stefan Küng Die drei Geschosse sind durch eine überbreite freitragende Treppe miteinander verbunden. An der Rückwand: Ein monochromes Bild des Schweizer Künstlers Olivier Mosset. Stefan Küng Küche, Esszimmer sowie das Wohnzimmer mit Bibliotheksnische und Kamin liegen auf der gleichen Ebene, verbunden durch jene verschobene Geometrie, die nie aufhört, interessant zu sein. Ein Feuer im Hintergrund, wenn man isst. Eine Sichtachse nach draussen, die sich je nach Standort im Raum leicht verschiebt. Aquariumeffekte durch grosse Verglasungen, die den Aussenraum ins Haus holen. Das durch eine Feuerstelle begrenzte Esszimmer geht fliessend in den Wohnbereich über. Beim «Abfallsack» handelt es sich um eine Plastik aus bemalter Bronze des britischen Künstlers Gavin Turk. Stefan Küng Im Untergeschoss befinden sich unter anderem ein Fitnessraum mit Sauna sowie der Gästetrakt. Dieser verfügt über eine Ensuite-Nasszelle und über einen separaten Eingang. Der angrenzende Waschraum wurde mit einer Küchenvorbereitung versehen. Mit wenig Aufwand liesse sich eine vollständige Einliegerwohnung für Kinder, Eltern oder Gäste erstellen. Ebenfalls im Untergeschoss gibt es einen Lagerraum für die beachtliche und stetig wachsende Kunstsammlung. Grossformatige Werke lagern hier in ausziehbaren Halterungen.Offenheit als LebensmottoEin Kunstwerk für sich ist der liebevoll gestaltete Garten. Konzipiert vom Landschaftsarchitekten Dario Cecchettin von Cecchettin Landscapes in Lachen (SZ), bietet die Anlage mit ihrer üppigen Bepflanzung, ihren vielen Sitzplätzen und lauschigen Nischen viel Privatsphäre, ohne dass man komplett von der Aussenwelt abgeschirmt ist: Der 14 Meter lange Pool befindet sich direkt neben einem öffentlichen Spazierweg. «Wenn ich am Schwimmen bin, kann ich mich mit den Spaziergängern unterhalten, das finde ich toll», sagt der Hausherr, der mit seiner offenen Art denn auch schnell mit allen ins Gespräch kommt. Stefan Küng Der grosse, gepflegte Garten wurde von Cecchettin Landscapes aus Lachen gestaltet. Trotz stattlichen Dimensionen ist dieses Familienheim kein Prunkbau, sondern ein Wohlfühlort. Die Villa ist grosszügig, konsequent durchdacht und kompromisslos in ihrer Materialsprache. Und über allem schwebt eine fast schon mediterrane Leichtigkeit. Man kann es sich, umgeben von luftigen Birken, blühenden Hortensien und duftenden Kräutern, im Garten bequem machen oder auf dem Balkon sitzen, der sich als Band ums ganze Gebäude zieht, und in die Landschaft schauen, ohne das Gefühl zu haben, sich in einem Schauhaus zu befinden. «Moderne Architektur hat immer das Problem, dass sie sich selbst erfüllt», sagt der Eigentümer. Hier nicht. Hier ist die Architektur für die Menschen gemacht. Und für die Kunst, die mit ihnen lebt. Abendstimmung auf dem Anwesen. Stefan Küng Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.
Wie ein Haus am Zürichsee zur Galerie wird – und trotzdem gemütlich bleibt
Ein Haus für die Kunst: Am Zürichsee hat ein Unternehmer mit feinem Gespür für Ästhetik und Design eine aussergewöhnliche Residenz erschaffen








