Wer ist bitte dieser Mann? Was macht er hier in der Lobby des feinen Dolder Grand Hotels, in der Lobby des Luxushotels hoch über dem Zürichsee, wo der Gast durch massive Holztüren die Eingangshalle betritt, unter einem großen Lüster und mit Blick auf eine imposante doppelläufige Treppe? Und warum tut niemand etwas?Da lungert er unterhalb des Concierge-Desks herum, Sportschuhe, kurze Jeans, ein offenes Hemd über dem nackten Oberkörper, lockiges Haar, Schnauzbart, und macht ein Nickerchen. Neben ihm liegt ein Schlafsack; sein rechter Arm, auf dem sein müder Kopf ruht, ist auf einem Rucksack abgestützt.Ein Schreck in der LobbySolche Leute werden normalerweise, je nachdem wie hartnäckig sie sich verhalten, sehr schnell vom Sicherheitsdienst oder der herbeigerufenen Gendarmerie hinauskomplementiert oder abgeführt – aber seltsamerweise scheren sich weder die beiden Rezeptionisten noch die beflissenen Concierges in ihren dunklen Anzügen um den hier selig dösenden Fremdkörper in der Luxuswelt, und es dauert einen Moment, bis der Groschen fällt: Das hier ist gar kein gestrandeter Tramper, kein lebendiger Mensch – obwohl er so aussieht. Das hier ist ein Kunstwerk, eine Arbeit von Duane Hanson, dem amerikanischen Künstler, der für seine lebensgroßen, hyperrealistischen Figuren aus Fiberglas und Harz bekannt war und dessen Werke mehr als einem Menschen einen Heidenschreck eingejagt haben.Poolposition hoch über Zürich: das Dolder.Dolder HotelHansons täuschend echt aussehende Nachbildungen finden sich in Kunstmuseen weltweit. Die in der Lobby heißt „The Traveller“ – gar nicht so unpassend für ein Hotel, wie man meinen könnte, obwohl dieser Reisende eher aussieht, als würde er auf einer Schweizer Alm im Heu nächtigen und nicht in einem Fünfsternehotel absteigen, in dem das Zimmer eine hohe dreistellige Summe Schweizer Franken pro Nacht kostet. 2024 echauffierte sich ein Reporter der „Bild“-Zeitung, der im Dolder gerade den Hollywoodschauspieler Richard Gere interviewt hatte, über die Hanson-Figur, bezeichnete sie als „Fake-Obdachlosen“ und fragte „Ist das Kunst oder einfach nur geschmacklos?“Die Antwort darauf dürfte unter den Gästen des Dolder vermutlich unterschiedlich ausfallen; die Privilegierten, die an die Armut der realen Menschen draußen und an die Schere zwischen Arm und Reich, die im Zeitalter der Digitalisierung immer weiter aufgeht, nicht erinnert werden wollen, werden das Kunstwerk eher indigniert betrachten und in ihm einen moralischen Zeigefinger sehen, der direkt auf sie zeigt; wer gelungene Illusionen und kleine Schreckmomente mag, wird sich freuen. Was man auf jeden Fall sagen kann, ist, dass der Traveller ihnen sehr niedrigschwellig präsentiert wird, mitten in ihrem Alltag. Das gilt für die gesamte Kunst, die Urs E. Schwarzenbach, nicht ganz unumstrittener, milliardenschwerer Financier, hier zeigt. Schwarzenbach erwarb das Hotel, das 1899 vom aus Basel stammenden Architekten Jacques Gros entworfen worden war und als „Dolder Grand Hotel & Curhaus“ begonnen hatte, in den Nullerjahren und ließ es vier Jahre lang umbauen. Das historische Gebäude, das mit seinen Türmchen, Zinnen, Balkonen und Fachwerkelementen einem imposanten, aber auch kitschigen Märchenschloss ziemlich nahekommt, erhielt zwei modern geschwungene Flügel aus der Feder des britischen Architekten Norman Foster.