Das schöne Wetter macht Pause. Zeit, wieder ganz ohne schlechtes Gewissen ins Museum zu gehen. Von Zürich bis Lausanne – vier Ausstellungen:

Kunsthaus Zürich: «The Histories» von Kerry James Marshall

Mudac Lausanne: «Et nous alors?» von Pierre Rosenberg

Kunsthaus Zofingen: «Cut it!»

Fondation Beyeler: Pierre Huyghe Kunsthaus Zürich: «The Histories» von Kerry James Marshall Der amerikanische Künstler Kerry James Marshall gilt als einer der bedeutendsten Maler der Gegenwart. In seinen grossformatigen, vielschichtigen Werken stellt er schwarze Menschen konsequent in den Mittelpunkt und führt dabei einen Dialog mit der westlichen Tradition der Historienmalerei von Giotto bis Manet. Kerry James Marshall. «The Histories». Ausstellungsansichten Kunsthaus Zürich, 2026. © Kerry James Marshall, Foto: Franca Candrian, Kunsthaus Zürich Es sind kraftvolle Bilder über das Leben und die Geschichte der afroamerikanischen Community, durchdrungen von Farbe, Schmerz, Hoffnung und Lebendigkeit. Sie sind aber auch voller kunsthistorischer Bezüge und enthalten Referenzen an die Bürgerrechtsbewegung, die Comic- und Fantasy-Kultur sowie persönliche Erinnerungen. Mit diesen unterschiedlichen Motiven kommentiert Marshall nicht nur Geschichte und gesellschaftliche Realität, sondern feiert auch Diversität, Resilienz und Zuversicht.Die Zürcher Ausstellung ist die bislang grösste des Künstlers ausserhalb der USA – und die erste grossangelegte Werkschau im deutschsprachigen Raum. Sie ist in Kooperation mit der Royal Academy in London und dem Musée d’Art Moderne de Paris entstanden und zeigt eine umfassende Auswahl von Marshalls wichtigsten Arbeiten sowie eine Reihe neuer Gemälde, die eigens für die Ausstellung entstanden sind.Die Ausstellung «The Histories» läuft noch bis zum 16. August 2026 im Kunsthaus Zürich.Text: Patricia Engelhorn Mudac Lausanne: «Et nous alors?» von Pierre Rosenberg Der etablierte Kunsthistoriker und ehemalige Direktor des Louvre in Paris, Pierre Rosenberg (1936), sammelt als Privatmensch seit den 1960er Jahren Tiere aus Muranoglas. Unter dem Ausstellungstitel «Et nous alors?» (zu Deutsch: «Und was ist mit uns?») sind jetzt über dreihundert Glastiere aus dieser Sammlung im Museum für Design und zeitgenössische angewandte Kunst, kurz Mudac, in Lausanne ausgestellt. Mundgeblasener Schlupftrost: «Poussin» von Alessandro Pianon für Vistosi aus dem Jahr 1960. © Saint-Cloud, Département des Hauts-de-Seine, Musée du Grand Siècle, Schenkung Pierre Rosenberg, CD92 / Philippe Abergel Herr Rosenberg, die Autorin dieses Tipps hat sich in Ihre Sammlung verknallt! Und ich könnte jetzt natürlich über die Darstellung von Tieren in Kunst und Design schreiben, kunsthistorisch und philosophisch halbwegs fundiert und tiefenpsychologisch reflektiert. Das wäre legitim. Und auch nicht unspannend.Einfach zu schauen, macht mir aber so viel mehr Spass. Rosenbergs Tiere stammen von bekannten und unbekannten Glasbläsern aus Murano. Der schnuckelige Vogel auf Kupferbeinchen aus der Serie namens «Pulcino» stammt vom Designer und Architekten Alessandro Pianon (1931–1984). Anderen Arbeiten lässt sich kein Name zuordnen.In Rosenbergs Glassammlung geht es vordergründig um Humor, Freude, die Würdigung des Kunsthandwerks der Glasbläser in Murano über die Jahrzehnte und die Faszination Tier. Beim Betrachten all der Elefanten, Giraffen, Insekten, Hunde und Fische, abstrakt oder konkret, denke ich, jedes Tier hier wirkt sympathisch, anständig und bezaubernd. Wie auch in echt, wenn man denn einmal genau hinschaut. Und was ist mit uns? In der Echt-Mensch-Weltensammlung und auch auf Fotos gleichen wir oft abgelöschten Frustbacken. Haben die Murano­glasbläser deshalb noch keine so rührenden Abbilder, Projektionen und Phantasien von uns Menschen erschaffen können? Sind wir nicht so ergiebig wie Tiere? Ich fürchte es.Die Ausstellung «Et nous alors?» mit Glastieren aus der Sammlung von Pierre Rosenberg läuft noch bis zum 27. September 2026.Text: Ulrike Hug Kunsthaus Zofingen: «Cut it!» Man traut es sich fast nicht zu denken: Aber was in der Kunst und für die Kunst an Material und Ressourcen benötigt wird, dürfte nicht ohne sein. Geredet wird darüber nicht. Was auch in Ordnung ist (oder doch nicht?), denn die Kunst ist schliesslich frei. Sie darf gigantisch sein und viel Material brauchen.All diese Gedanken kamen mir in den Sinn ob der Ausstellung «Cut it!» im Kunsthaus Zofingen. Nicht weil die Werke so krass viel krasses Material verbraucht hätten und sie mir inhaltlich und grössenmässig hyperkomplex erschienen. Sondern im Gegenteil: Die Werke kommen in ihrer Materialität ganz bescheiden daher. Grossen Eindruck machen sie trotzdem.Zu sehen sind von Ursula Rutishauser (1955 in Aarau) zarte, an Haute Couture erinnernde Kleider wie die hier abgebildete Arbeit «Elea»; und eine Festtafel mit allem Drum und Dran – alles aus Papier. Ursula Rutishausers papierne Haute Couture: «Elea», Papierschnitt, 70 × 53 cm, 2025. PD Ergänzt wird die Gruppenschau mit den comicartigen Alltagsobjekt-Stillleben in Pappe von Nicolas Bernière (1970 in Paris) und den an traditionelle Scherenschnitte erinnernden Arbeiten von Bruno Weber (1954 in Vordemwald). Geschichtetes, gefaltetes, drapiertes und vor allem geschnittenes Papier und Pappe erzählen im Spiel von Licht und Schatten in Zofingen Geschichten, wie sie nur die Kunst erzählen kann. Beruhigend, dass ein solch bescheidenes Material so unfassbar viel auslösen kann.Die Ausstellung «Cut it!» im Kunsthaus Zofingen läuft noch bis 14. Juni 2026.Text: Ulrike Hug Fondation Beyeler: Pierre Huyghe Primaten mit menschenähnlichen Masken, Puppen, die andere Puppen führen, ein Skelett, das von einem Roboterteam untersucht und betrauert wird. Bei Pierre Huyghe weiss man nie, was einen erwartet. Der aus Paris stammende Künstler zählt zu den innovativsten und einflussreichsten der Gegenwart, bekannt für seine grenzüberschreitenden Arbeiten, in denen Fiktion und Realität ineinander übergehen.Seine Werke entstehen an der Schnittstelle verschiedener Disziplinen und verbinden filmische, technologische, digitale, physische und biologische Elemente zu lebendigen und dynamischen Situationen, in denen sich Empfindsamkeiten und neue Subjektivitäten herauskristallisieren und mit der Zeit weiterentwickeln können. Seine Kunst setzt sich auch stets aufschlussreich mit den Technologien unserer Zeit auseinander – sei es KI oder algorithmischer Filmschnitt.Anlässlich der Art Basel präsentiert die Fondation Beyeler die erste Ausstellung, die dem Werk von Pierre Huyghe in der Schweiz gewidmet ist. Im Mittelpunkt seiner aktuellen Arbeiten steht die anhaltende Faszination für Kunst als Ökosystem, als immersive Installation, als Fiktion und Realität zugleich. Es ist ein Werk, das zum Nachdenken anregt: über die Welt, wie sie ist und wie sie eines Tages sein könnte.Die Ausstellung von Pierre Huyghe läuft noch bis zum 13. September 2026 in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel.Text: Patricia Engelhorn Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.