Interview«Ich habe den Status als Papierlischweizer erreicht, das genügt», sagt der deutsch-schweizerische PolitikprofessorMarkus Freitag vermisst seit Jahrzehnten die politische Psyche der Schweiz. In seinem neuen Buch fragt er: «Wie viel Schweiz steckt in Ihnen?» Wir fragen zurück.07.09.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZFrage: Herr Freitag, sind Sie ein Bünzli?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Antwort: Bünzlis sind sehr gewissenhaft. Sie finden saubere Abläufe gut und beachten Regeln auch dann, wenn niemand hinschaut. Also ja, wahrscheinlich bin ich ein Bünzli.Frage: Sie beginnen Ihr neues Buch mit dem Bünzli. Auch sonst wird dieser Begriff ständig neu dekliniert. Warum ist es in der Schweiz so wichtig, ein oder gerade kein Bünzli zu sein?Antwort: Das Buch basiert auf den üblichen Methoden unserer Studien. Darin fragen wir die Leute nach ihrer Persönlichkeit: Wie offen sind Sie? Wie extrovertiert oder gewissenhaft? Die Ergebnisse zeigen, dass die Gewissenhaftigkeit das prägendste Persönlichkeitsmerkmal der Schweiz ist. Die psychologische Grundierung des Landes. Man kann sich darauf verlassen, dass andere ihren Pflichten nachkommen und Regeln einhalten. Das Bünzlitum ist eine Koordinationstechnik für ein heterogenes Land.Der Vermesser der Schweizer PsychePDMarkus FreitagEr kam aus dem Schwarzwald – jetzt erklärt der Politikprofessor der Universität Bern den Schweizerinnen und Schweizern die Schweiz. Längst ist er selbst zum Schweizer und zum Schweiz-Versteher geworden. Seit Jahrzehnten erforscht er die helvetische Psyche des Politischen. Sein neues Buch «Wie viel Schweiz steckt in Ihnen?» (Verlag Hier und Jetzt) fragt alle, die es lesen, nach ihrer «Eignung für dieses Land».Frage: Woran erkennen Sie das im Alltag?Antwort: Die Agenda spielt in der Schweiz beispielsweise eine zentrale Rolle. Bevor ich hierherkam, kannte ich dieses Wort gar nicht. Wenn ich in Deutschland mit jemandem abmachen will, sage ich: «Gehen wir heute Abend doch aus.» In der Schweiz antwortet man mir auf solche Aussagen: «Da muss ich erst einmal in meiner Agenda schauen. Heute ist schwierig, aber in zehn oder vierzehn Tagen hätte ich noch Zeit.» Mein Eindruck war: Die Agenda strukturiert das Privatleben der Schweizer und erstickt die Spontaneität, das Anarchische. Ausserdem ist es beim Anstossen an einem Apéro wichtig, dass man den Namen des Gegenübers laut ausspricht – und ihn danach auch ja nicht vergisst.Frage: Und weiter?Antwort: Wenn Sie in der Schweiz zu einer Gruppe dazustossen, begrüssen Sie alle Anwesenden einzeln mit der Hand. Sie platzen nicht irgendwo herein und rufen: «Hallo zusammen!» – das wäre Deutschland.Frage: Gibt es eine Kehrseite des Bünzlitums?Antwort: Grosse Würfe haben in der Schweiz erst Chancen, wenn sie zerkleinert werden. Man schaut, dass man speditiv zu einem Ergebnis kommt. Die Schweiz ist keine Risikogesellschaft.Frage: Ist die Schweiz ein Land, in dem man sich als Einwanderer stark anpassen muss?Antwort: Ich habe selten erlebt, dass man mir gesagt hat, wie ich zu sein habe. Aber das hängt auch davon ab, ob man mit seiner eigenen Persönlichkeit bereits in ein Land hineinpasst.Frage: Will heissen: Sie waren zuerst Bünzli und wurden dann Schweizer.Antwort: Als ich dreissig Jahre alt war, hätte ich das absolut verneint. Aber vielleicht bin ich schon als Bünzli in die Schweiz gekommen. Manche Deutsche fühlen sich in der Schweiz ja nicht wohl. Ich persönlich hatte dieses Gefühl nie.Frage: Sie schreiben in Ihrem Buch, bei der Einbürgerung werde man als Ausländer durch den Wolf gedreht. Erzählen Sie mal.Antwort: Ich habe das erleichterte Einbürgerungsverfahren durchlaufen, weil meine Frau eine Bernerin ist. Aber ich erinnere mich, dass jemand zu mir nach Hause kam. Es hat damals geregnet, und wir sassen gemeinsam mit meiner Frau bei Kaffee und Kuchen am Küchentisch, dann wurde ich ausgeleuchtet. Es hat mir niemand unters Bett geschaut, aber man wollte wissen, wie ich ticke. Ich kann mich nicht beklagen, in anderen Gemeinden müssen die Bewerber vor einer Kommission bestehen, und dann wird über sie abgestimmt.Frage: Sie bezeichnen sich als Papierlischweizer, obwohl Sie die Mentalität längst aufgesogen haben. Ist das Übervorsicht?Antwort: Es ist das, was es ist. Ich kenne halt die Umfragen: Für die Hälfte der Bevölkerung ist ein richtiger Schweizer nur jemand, der auch hier geboren ist. Für einen Drittel müssen die Vorfahren aus der Schweiz kommen. Diese Qualifikationen erfülle ich nicht. Ich habe den Status als Papierlischweizer erreicht, das genügt.Frage: Wirklich?Antwort: Ich habe keine Bestrebungen, Eidgenosse genannt zu werden.Frage: Finden Sie das nicht deprimierend, in einem Land zu leben, in dem Sie nie ganz dazugehören?Antwort: Ich bin absolut angekommen. Wenn mich Leute fragen, ob ich Schweizer bin, sage ich «Ja». Vor ein paar Jahren war ich auf einem Geburtstag, und da waren auch einige Norddeutsche anwesend. Irgendwann sagten sie zu mir: «Mensch, für einen Schweizer sprichst du recht gutes Hochdeutsch.» Wenn ich mich als Papierlischweizer bezeichne, meine ich das gar nicht abwertend. Es bedeutet auch: Ich habe die Qualifikation geschafft.Frage: Können Sie Mundart?Antwort: Wenn ich mit dem Dachdecker rede, der auch aus dem Ausland stammt, reden wir beide ein gebrochenes Schweizerdeutsch. Ich komme aus dem Schwarzwald und habe einen alemannischen Dialekt. Meine Frau stammt aus Bern und redet Berndeutsch. Unsere Kinder wachsen in Zürich auf und sprechen Züritüütsch. Wenn ich Dialekt spreche, kommt ein Chrüsimüsi heraus, und alle denken: Will der uns veräppeln? Es klingt noch schlechter als diese Ottmar-Hitzfeld-Mundart. Deshalb gebe ich meistens Forfait und rede Hochdeutsch. Was ich allerdings gerne einstreue, sind einzelne Helvetismen wie Perron oder Begriffe wie Gstabig, Stürmi. Tolle Wörter.Frage: Haben Sie Hemmungen, weil Sie beim Dialektsprechen schräg angeschaut werden könnten?Antwort: Nein, da bin ich inzwischen völlig abgehärtet. Ich bin schon so lange hier, dass ich die Mentalität kenne. Wenn mich jemand schräg anmacht, reagiere ich gelassen wie ein Schweizer.Frage: Ist die Schweiz eher eine Kultur oder ein Staat?Antwort: Die Schweiz ist natürlich ein Staat, aber es hat sich hier eine besondere Kultur des Zusammenlebens entwickelt. Grund dafür sind die unterschiedlichen Konfessionen und Sprachen. Das hat sich auf die Institutionen ausgewirkt, auf den Föderalismus, die direkte Demokratie oder die Konkordanz. Aber das gilt auch für die Mentalität: leben und leben lassen, man gibt sich kompromissfähig.Frage: Wir fragen, weil die Schweiz in diesen Grenzen ein unwahrscheinlicher Staat ist. Es muss mental etwas Stärkeres geben.Antwort: Der verstorbene Politologe Jürg Steiner sagte, man solle sich die Schweiz vorstellen wie drei Personen, die ganz eng zusammenstehen, Rücken an Rücken. Sie schauen nach Italien, Frankreich, Deutschland. Ihre Referenzpunkte sind, was sie sehen, und die vergleichen sie mit dem, was sie haben. So bildet sich die Schweiz. Mag sein, dass die Schweiz einmal eine Willensnation war, die erst zusammenwachsen musste. Inzwischen gibt es aber viele Klammern: den Föderalismus, die Konkordanz und so weiter. Das alles hat die Schweizer Mentalität mitgeprägt. Man haut nicht mit der Faust auf den Tisch, sondern ballt sie lieber im Sack. Man setzt nur sehr selten Ausrufezeichen, wenn man spricht. All das stärkt wiederum die Institutionen. So gesehen ist die Schweiz ein Staat mit einer besonderen Kultur des Einbindens und Mitnehmens.Frage: Zur Metapher mit den drei Leuten: Sind es nicht eigentlich noch viel mehr Personen – für die Kantone und Regionen –, die da Rücken an Rücken stehen?Antwort: Ich habe solche Rückmeldungen auch auf mein Buch erhalten. Die Kritik war, dass ich die Fragen falsch stellte, schliesslich gebe es die eine Schweiz gar nicht. La Suisse n’existe pas. Ich unterscheide im Buch zwar klar zwischen den Sprachregionen, aber eigentlich könnte man viel weiter gehen. Bis in regionale Unterschiede innerhalb eines Kantons hinein. Die Schweiz ist mitunter sehr kleinteilig.Frage: Finden Sie eigentlich, dass Sie ein bünzliges Buch geschrieben haben?Antwort: Warum denn das?Frage: Sie vermessen die Identität mit einem Fragebogen.Antwort: Klar, ich gehe systematisch vor und fülle das Buch nicht nur mit Geschichten und Anekdoten. Sondern eben auch mit Daten.Frage: Die Befunde haben uns teilweise erstaunt.Antwort: Jetzt bin ich gespannt.Frage: Sie schreiben, in der Deutschschweiz seien die Leute extrovertierter als in den anderen Landesteilen.Antwort: That’s what the data tells us. So schätzen sich die Leute selbst ein. Es gibt bei uns mehr Festhütten als in der Romandie oder im Tessin.Frage: Sie schreiben auch: «Ängstliche Menschen wählen SP.» Heisst es nicht immer, Rechtspopulisten bedienten Ängste?Antwort: Meine Forschungen zeigen, dass es eher Wut als Angst ist, die dazu führt, dass man rechtspopulistische Positionen einnimmt. Angst ist eine Emotion, die uns eher dazu bringt, von Positionen Abstand zu nehmen und Dinge zu überdenken. Wer wütend ist, möchte nichts hinterfragen, sondern seinen Lebensstil und Status behalten.Frage: Schubladisieren Sie mit Ihrem Buch nicht etwas gar stark?Antwort: Natürlich schubladisiere ich, wenn man jedes Kapitel nur für sich allein liest. Jedes davon vertieft eine Frage, einen Wesenszug oder eine Überzeugung der Schweizerinnen und Schweizer. Aber das Profil eines Menschen lässt sich ja nicht bloss anhand einer einzigen Frage beschreiben. Sie sind ja nicht einfach ängstlich oder nicht. Sie können je nach Situation auch risikofreudiger oder weniger risikofreudig sein. Es gibt jedoch statistische Häufungen und Wahrscheinlichkeiten.Frage: Wenn man politische Menschen derart stark psychologisiert – spricht man ihnen dadurch nicht die Fähigkeit ab, dass sie nach einem eigenen Willen oder nach Interessen handeln?Antwort: Die Persönlichkeit ist teilweise angeboren und steuert neben anderen Faktoren unser Denken und Handeln. Wie jemand politisch tickt, wird von einem Charakter beeinflusst. Aber natürlich auch von den eigenen Interessen oder der familiären und sozialen Prägung. Eine politische Entscheidung ist stets das Ergebnis von all dem. Mir geht es bei dem, was Sie Schubladisierung nennen, eher um eine Anregung: Stimmt das überhaupt, was der da behauptet? Wie denkt die Schweiz über diese Frage? Und: Gilt das auch für mich?Frage: Was hat Sie selbst an Ihren Daten überrascht?Antwort: Mich überrascht in diesem Land nach dreissig Jahren Analyse der Schweizer Seelen überhaupt nichts mehr.Frage: Sie lachen.Antwort: Ehrlicherweise hat mich erstaunt, wie viele Menschen noch immer der Meinung sind, dass ein richtiger Schweizer auch Vorfahren in diesem Land haben muss. Zudem bezeichnen sich zwar fast 40 Prozent der Menschen hier als gmögig, man denkt, das sei viel. Aber im Umkehrschluss bedeutet das, 60 Prozent sind es nicht. Und dann fiel mir noch etwas auf.Frage: Ja?Antwort: In der Schweiz ist eine Mischung aus Bescheidenheit und Selbstbewusstsein weit verbreitet. Jeder von uns würde unterschreiben, dass Schweizer bescheiden sind. Oder wenigstens, dass Plagööris nicht wirklich erwünscht sind. Man hält zwar viel von sich, behält das aber für sich. Wenn der Schweizer aber in die Ferien geht, sagt er: «Bei uns ist vieles besser.» Im Blick auf das Ausland streift der Schweizer seine Bescheidenheit ab.Frage: Gibt es manchmal Leute, die Ihnen sagen: «Ausgerechnet einer, der aus Deutschland eingewandert ist, will uns unser Land erklären»?Antwort: Vereinzelt gibt es das schon. Aber die meisten sind überrascht, wenn sie das Buch lesen, und sagen: «Hätte ich gar nicht gedacht, dass wir so sind.»Frage: Es ist halt doch ein sehr schweizerisches Buch, eine Nabelschau.Antwort: Meinen Sie das despektierlich?Frage: Nein, aber wir beschäftigen uns gern mit uns selbst. Die Schweiz hat viele Entwicklungen auch deshalb nicht antizipiert, weil sie nach innen gekehrt ist. Stichwort Bankgeheimnis.Antwort: Der Glaube an die eigene Grösse sollte nicht den Blick für Entwicklungen ausserhalb des Landes verstellen. Wichtig ist der Blick über den Tellerrand. Dann sehen wir zum Beispiel auch, dass das Vertrauen in die Regierung nirgends so hoch ist wie hier. Und in keinem anderen europäischen Land glaubt die Bevölkerung derart stark daran, dass sie politisch Einfluss nehmen kann. Anekdotische Erfahrungen behaupten immer wieder das Gegenteil. Die Rede ist von einer wachsenden Entfremdung. Dabei sind die Zahlen in den letzten zwanzig Jahren stabil. Systematisch erhobene Daten sind der Plural der Anekdoten.Frage: Wir merken: Sie sind ein grosser Schweiz-Fan.Antwort: Gut, ich bin schliesslich ein Bewohner dieses Landes und bin gekommen, um zu bleiben.Frage: Immerhin ein Papierlischweizer.Antwort: Genau. Aber kein unbeschriebenes Blatt mehr.Passend zum Artikel
Deutsch-schweizerischer Politologe: "Der Status als Papierlischweizer genügt mir"
Markus Freitag vermisst seit Jahrzehnten die politische Psyche der Schweiz. In seinem neuen Buch fragt er: «Wie viel Schweiz steckt in Ihnen?» Wir fragen zurück.







