InterviewAndri Silberschmidt ist nicht mehr der liberale Rebell von früher. Dennoch sagt er: «Meine Skepsis gegenüber einem allmächtigen Staat ist nach wie vor da»Einst provokanter Jungfreisinniger, heute staatsmännischer Regierungsratskandidat: Andri Silberschmidt hat sich gewandelt. Nun will der FDP-Hoffnungsträger auch den Kanton Zürich verändern.29.08.2026, 05.00 Uhr5 Leseminuten«Die goldenen Zeiten des Zürcher Freisinns kenne ich nur aus Erzählungen», sagt Andri Silberschmidt.Michael Buholzer / KeystoneDie Zürcher Freisinnigen sind früh dran. Dieses Wochenende starten sie den Wahlkampf mit einem Sommerfest und Parteitag. Im Frühling wollen sie bei den kantonalen Wahlen zulegen. Ihr Aushängeschild und Hoffnungsträger ist der 32-jährige Nationalrat Andri Silberschmidt. Er bewirbt sich für den Regierungsrat.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Frage: Herr Silberschmidt, die FDP lanciert den Wahlkampf mit einem grossen Fest. Haben die Zürcher Freisinnigen Grund zu feiern?Antwort: Die Resultate der Gemeindewahlen von diesem Jahr stimmen positiv, wir haben zugelegt und sind breit verankert. Das gibt Schwung für die Kantons- und Regierungsratswahlen im April.Frage: Die Zugewinne waren minim. Im Kanton lag der Wähleranteil des einst so stolzen Zürcher Freisinns zuletzt bei 16 Prozent. Und im Regierungsrat ist die FDP nur noch mit einem Mitglied vertreten. Die Zeiten waren schon besser.Antwort: Ich bin mit meinen 32 Jahren immer noch relativ jung, das ist ein Vorteil. Die goldenen Zeiten des Zürcher Freisinns kenne ich nur aus Erzählungen. Die Vergangenheit ist für mich nicht massgebend. Ich schaue nach vorne und überlege mir, was Zürich braucht, damit der Kanton auch in zehn, zwanzig Jahren so lebenswert ist wie heute.Frage: Die FDP wird als Partei des Establishments wahrgenommen. Auch Sie haben eine Wandlung durchgemacht: Aus einem jungfreisinnigen Provokateur ist ein eingemitteter FDP-Mann mit besten Verbindungen in die Wirtschaft und zu Verbänden geworden. Täuscht der Eindruck?Antwort: Teils, teils. Ich habe Mitte zwanzig meinen sicheren Job bei der Bank gekündigt und bin Gastrounternehmer geworden. Das ist kein typisches FDP-Umfeld. Ich bin nahe dran an den Realitäten ganz vieler Menschen.Frage: Vergangene Woche wurde Ihnen der mit 100 000 Franken dotierte Bonny-Preis für die Freiheit verliehen. Eine grosse Ehre und ebenfalls ein Zeichen, dass Sie nicht mehr «der junge Wilde» von früher sind.Antwort: Ich bin seit fünfzehn Jahren aktiv in der Politik, seit sieben Jahren als Nationalrat. Irgendwann verliert man den Stempel des rebellischen Jungpolitikers. Heute bin ich nicht mehr der Herausforderer des Status quo, des Systems. Ich sehe mich eher als Gestalter, der Mehrheiten sucht, um etwas zu bewegen. Diese Stärken möchte ich in die Zürcher Regierung einbringen. Dort ist unternehmerisches Denken gefragter denn je.Frage: Als Jungfreisinniger kämpften Sie einst zuvorderst für die No-Billag-Initiative und ein höheres Rentenalter. Ihr jetziges Wahlprogramm liest sich dagegen aalglatt: Sie wollen «einen Kanton für Jung und Alt». Was ist passiert?Antwort: Ich bin zwar immer noch der gleiche liberale Mensch wie früher, aber auch ich bin älter geworden. Die Rolle des Regierungsrats ist eine andere als die des Präsidenten der Jungfreisinnigen. Ich wäre dann für alle Menschen in Zürich da und nicht mehr vor allem für meine Wählerinnen und Wähler.Frage: Sie sagten einmal, Sie hätten ein «Grundmisstrauen gegen den Staat». Jetzt wollen Sie Chef einer Direktion mit Tausenden Staatsangestellten werden. Haben Sie das Misstrauen abgelegt?Antwort: Meine Skepsis gegenüber einem allmächtigen Staat, der alles bis ins letzte Detail regelt und den Menschen ihre Freiheit nimmt, ist nach wie vor da. Ich sehe es als Aufgabe der Politik, hier Grenzen zu setzen. Die Verwaltungsangestellten waren nie Ziel einer Kritik. Sie machen ihren Job.Frage: Dennoch könnte es für das kantonale Personal unter Ihnen ungemütlich werden. Sie unterstützen einen Stellenplafond.Antwort: Die Verwaltung ist in der Vergangenheit zu stark gewachsen, stärker als die Bevölkerung. Dank künstlicher Intelligenz und Automatisierung können wir künftig viele Abläufe optimieren. Das sollten wir nutzen, um Stellen abzubauen. Dazu braucht es keine Entlassungen, aber beispielsweise weniger Neueinstellungen nach Pensionierungen. Jede Firma muss sich zurzeit ähnliche Überlegungen machen. Der Staat hat eine Monopolstellung. Deshalb braucht es dort politischen Willen, um effizienter zu werden.Frage: In Ihrem Wahlprogramm finden sich einige konkrete Ideen. Sie wollen beispielsweise ein Pflichtmodul «Unternehmertum» an den Berufsschulen einführen, autonome Taxis in fünf Pilotregionen testen und die maximale Dauer für Rechtsverfahren bei Bauprojekten auf zwölf Monate begrenzen. Was ist die Klammer der Vorschläge?Antwort: Ich möchte unternehmerisches Denken, Kreativität, neue Technologien fördern und nicht ausbremsen. Der Kanton Zürich sollte den Anspruch erheben, in allen Bereichen zur Spitze zu gehören. Dieses Denken möchte ich stärker in den Regierungsrat bringen.Frage: Sie möchten auch die Steuern für Unternehmen senken. Doch die Bevölkerung hält davon wenig, wie die letzte Abstimmung gezeigt hat. Wie wollen Sie vorgehen?Antwort: Es wird einen breit abgestützten Kompromiss brauchen, bei dem auch SP und Grüne im Boot sind. Dass wir etwas unternehmen müssen, scheint mir klar. Zürich hat die höchsten Firmensteuern aller Kantone. Das ist nicht gut für die Standortattraktivität. Wir sollten die Chance für eine grosse Steuerreform nutzen, bei der auch die Privatpersonen etwas davon haben. Wegen der anstehenden Umsetzung der Individualbesteuerung müssen wir das System ohnehin bald überdenken.Frage: Ihre Konkurrenz für den Regierungsrat ist gross. Mit Priska Seiler Graf (SP), Martin Hübscher (SVP) und Philipp Kutter (Mitte) sind weitere bekannte Namen aus dem Nationalrat im Rennen. Die Wahl wird ein heisser Lauf.Antwort: Durchaus. Der Vorteil ist, dass wir uns alle aus Bern kennen und gut über die Parteigrenzen hinweg zusammenarbeiten. Das könnte nach der allfälligen Wahl nützlich sein. Wir haben eine gemeinsame Basis und können darauf aufbauen.Frage: Zurzeit laufen Diskussionen um ein Wahlbündnis. Mit welchen Parteien tun Sie sich zusammen?Antwort: Die Kandidatinnen und Kandidaten von SVP, FDP und Mitte werden sich wie in der Vergangenheit gegenseitig zur Wahl empfehlen. Das haben wir untereinander vereinbart.Frage: 10-Millionen-Schweiz, Neutralitätsinitiative, EU-Verträge: Bei all diesen für die SVP zentralen Anliegen vertreten Sie eine andere Haltung. Sind Konflikte nicht programmiert?Antwort: Bei diesen nationalen Themen haben wir unterschiedliche Auffassungen. Aber auf kantonaler Ebene sehe ich keine Schwierigkeiten. Bei den wichtigsten Dossiers haben wir grosse Schnittmengen und arbeiten hervorragend zusammen. Ich habe jedenfalls in keine Richtung Scheuklappen.Frage: Warum schliessen Sie die GLP aus Ihrem Bündnis aus?Antwort: Das haben die Parteien so entschieden. Grundsätzlich habe ich ein grosses Interesse daran, auch mit der GLP zusammenzuarbeiten, wenn es um wirtschaftsliberale Themen geht.Frage: Die FDP schickt zwei Kandidaten für den Regierungsrat ins Rennen. Neben Ihnen wurde der Kantonsrat Martin Huber nominiert. Im Vorfeld hörte man, Sie wären lieber allein angetreten. Haben Sie sich mittlerweile arrangiert?Antwort: Mit diesem Gerücht möchte ich aufräumen. Ich habe mich von Anfang an auf eine Zweierkandidatur eingestellt und diese unterstützt. Martin Huber ist eine perfekte Ergänzung zu mir. Wir geben jetzt zusammen alles für zwei Freisinnige im Regierungsrat.Frage: Ihr politischer Weg scheint bis jetzt nur steil nach oben gegangen zu sein. Gab es in Ihrem Leben auch prägende Niederlagen?Antwort: Natürlich. Meine erste Kandidatur für den Kantonsrat war zum Beispiel absolut erfolglos. Ein Rückschlag war auch die gescheiterte AHV-Initiative, bei der ich mich sehr stark engagiert hatte. Wir konnten zwar das Rentenalter der Frauen angleichen, aber das strukturelle Problem ist damit nicht gelöst. Ich habe also gelernt, dass in der Politik nicht immer alles im ersten Anlauf gelingt.Passend zum Artikel
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