Andri Silberschmidt, der Golden Boy der Freisinnigen, soll Regierungsrat werden. Von einer perfekt geplanten KarriereAndri Silberschmidt, 33, wird von der FDP für die Zürcher Regierung aufgestellt. Als Ausnahmetalent gilt er schon lange, aber reicht das?24.06.2026, 11.17 Uhr8 Leseminuten«James Dean von Zürich» nannte man Andri Silberschmidt einst. 2015 tourte er für die Kantonsratswahlen mit einem alten Opel Rekord durch das Zürcher Oberland.Christoph Ruckstuhl / NZZEs ist ein Freitagabend im Juni 2016. Im Politikmagazin «Arena» von SRF geht es um die Altersvorsorge. Zu Gast sind der damalige SP-Nationalrat Paul Rechsteiner, Bundesrat Alain Berset, der SVP-Präsident Toni Brunner und die Grünen-Präsidentin Regula Rytz. Sie alle haben ihre politischen Karrieren mittlerweile beendet. Doch hinten, auf der Bank für die Junior-Gäste, sitzt einer, dessen Karrierehöhepunkt erst noch bevorsteht: Andri Silberschmidt, 22-jährig, Präsident der Jungfreisinnigen – und vielversprechendes Polittalent.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Silberschmidt feiert an diesem Abend sein Debüt in der Sendung, in der die hochkarätigen Polit-Debatten des Landes ausgetragen werden. Er ist hier, um gegen die «AHV plus»-Initiative zu kämpfen, einen mittlerweile bei vielen längst vergessenen Vorschlag, der die erste Säule der Altersvorsorge hätte ausbauen sollen. «Ich bin 22 Jahre jung», sagt Silberschmidt ins Mikrofon, «und es kann doch nicht sein, dass mir hier die Botschaft übermittelt wird, dass die zweite Säule eh den Bach runtergeht.»Silberschmidt wirkt etwas nervös, bevor er das sagt, zuckt immer wieder mit den Augenbrauen, schluckt oft, fährt mit der Zunge über seine Lippen. Doch seine Botschaft vermittelt er bestimmt. Das Thema des Abends, die Altersvorsorge, wird ihm seine ganze Karriere ermöglichen.Der SenkrechtstarterEs ist Juni 2026, zehn Jahre nach der ersten «Arena». Silberschmidt steht am Rednerpult des Nationalrats. Er verteidigt einen Vorstoss zur Versicherung von Arbeitgebern gegen Arbeitslosigkeit. 53 Vorstösse hat er während seiner Zeit im Parlament eingereicht, dies war einer seiner ersten.«Sechs Jahre haben wir daran gearbeitet», sagt Silberschmidt einen Tag danach im Gespräch. Er sitzt in der Wandelhalle des Bundeshauses, zurückgelehnt, die Beine ausgestreckt, die Ellbogen auf der Stuhllehne. Er ist jetzt 33 Jahre alt, über 15 Jahre jünger als der durchschnittliche Parlamentarier, die durchschnittliche Parlamentarierin. Doch Silberschmidt gehört bereits zu den Routiniers. Er ist immer noch einer der Jüngsten, und trotzdem sagt er: «Ich glaube, ich habe hier vieles erreicht, was ich erreichen wollte.»Deshalb will Silberschmidt jetzt einen Schritt weiter, in den Zürcher Regierungsrat. Er soll zusammen mit dem Kantonsrat Martin Huber die abtretende Carmen Walker Späh ersetzen und einen zweiten Regierungsratssitz erobern. In der Regierung könnte er etwas Neues bewegen, sagt er. «Es reizt mich, meine berufliche Zeit voll und ganz konkreten politischen Projekten zu widmen und mich darauf zu fokussieren.»Neben seinem Amt im Nationalrat übt Silberschmidt zahlreiche weitere Tätigkeiten aus: Verwaltungsratsmandate, seinen Job als Sekretär des Verwaltungsrats beim Transportunternehmen Planzer oder die Arbeit im eigenen Unternehmen. Das wäre als Regierungsrat anders. Silberschmidt wäre verpflichtet, all diese anderen Engagements abzugeben. Die parlamentarische Arbeit finde er zwar erfüllend, sagt er, aber für einen Sitz in der Kantonsregierung sei er bereit, diese aufzugeben. «Regierungsrat, das ist ein richtiger Beruf.»Andri Silberschmidt, immer noch blutjung, gilt bereits als einer der Erfahrenen im Nationalrat. Jetzt will er einen Schritt weiter.Anthony Anex / KeystoneMit 33 Jahren wäre Silberschmidt zum Zeitpunkt der Wahl einer der jüngsten Regierungsräte der Geschichte. Doch alles andere, das wäre für ihn auch untypisch. Er war immer der Jüngste.Sein allererstes politisches Amt tritt er bereits mit 17 Jahren an, als er eine eigene Sektion der Jungfreisinnigen im Zürcher Oberland gründet, wo er aufgewachsen ist. Bald wird er Präsident der kantonalen Zürcher Jungfreisinnigen, mit 22 Jahren übernimmt er die nationale Jungpartei.Die Bekanntheit, die er als deren Präsident erlangt, nutzt er, um seine Nationalratskampagne voranzutreiben. Während des Wahlkampfs steht er jeden Tag um sechs auf, macht Sport, um sieben verteilt er am Bahnhof Flugblätter, dann geht der gelernte Kaufmann ins Büro. Am Abend dann noch einmal Wahlkampf bis um 22 Uhr, um 22 Uhr 15 geht er ins Bett – so, dass er exakt sieben Stunden schlafen kann.Ganz nebenbei gründet er mit Freunden ein Gastrounternehmen, «Kaisin». Dieses verkauft Bowls und Wraps mit Sushi-Zutaten, ein Konzept, das er während einer Reise durch Südostasien mit Freunden kennengelernt hat, wie er sagt. Das Unternehmen funktioniert, mittlerweile hat es rund 150 Mitarbeiter und schweizweit elf Standorte.Doch für Silberschmidt ist es auch eine zusätzliche Belastung: Schon Anfang 20, als er in den Nationalrat will, beginnen seine Haare auszufallen. An seiner Stirn, im Kreis. Der Stress. Als das passiert, steht er vor dem Spiegel, und denkt sich: «Scheisse. Da musst du jetzt aber aufpassen.» Also geht er seltener ins Gym, schläft am Morgen etwas länger.Für die Wahl in den Nationalrat reicht es trotzdem: Auf dem achten Listenplatz gestartet, wird er mit dem fünftbesten Resultat gewählt. Er, der erst ein Jahr in Zürich als Stadtparlamentarier geamtet hatte, zieht nun nach Bundesbern.Sein Amt als Präsident der Jungfreisinnigen gibt er auf. Silberschmidt, das Nachwuchstalent, wird erwachsen.Der EtablierteMittlerweile werden all die Attribute, die talentierte Jungpolitiker erhalten, für Silberschmidt kaum mehr gebraucht. «Posterboy», «Shootingstar», «Nachwuchshoffnung» – er braucht die Labels nicht mehr.Silberschmidt ist in Bern angekommen – und in der bürgerlichen Gesellschaft. 2023 hat er in die vermögende Buhofer-Familie eingeheiratet, vor zwei Jahren wurde er das erste Mal Vater, vor zwei Monaten das zweite Mal. Er wurde Mitglied einer Zunft, «per Zufall», wie er sagt. Jeden Freitag isst er mit den Einflussreichen in einem Rotary-Klub zu Mittag.Silberschmidt trägt stets Anzug, seine Haare sind gegelt, alles sitzt perfekt. Seine Hemden sind mit seinen Initialen versehen.Dabei hat Silberschmidt einst so hart daran gearbeitet, nicht dem Klischee des angepassten FDP-Politikers zu entsprechen.Der bequem UnbequemeSilberschmidt trat sein Amt als Chef der Jungfreisinnigen im selben Jahr an, in dem Petra Gössi die Führung der FDP übernahm. Sie sollte die Partei durch die Jahre der Klimastreiks führen und schlug deshalb eine Neuausrichtung der freisinnigen Klimapolitik vor. Silberschmidt hingegen lehnte jeden «Bindestrich-Liberalismus» ab, wie er damals sagte – und sprach sich damit auch gegen die Parteileitung aus.Er positioniert sich dezidiert marktliberal. Die Jungfreisinnigen führt er durch Konfrontationen mit der FDP, streitet mit der Mutterpartei über Überwachungsgesetze, Geldspielvorlagen und Gesetze zur Kampagnenfinanzierung. Er ergreift gar Referenden, mit denen die FDP nicht einverstanden ist – etwa jenes gegen die «Lex Netflix», das verlangt, dass alle Streaming-Anbieter einen Teil ihres Umsatzes für Schweizer Filmschaffende ausgeben.Silberschmidt versteht sich als das «ordnungspolitische Gewissen» des Schweizer Freisinns – und hat damit die Jungfreisinnigen hinter sich. Man will die liberale Speerspitze des Freisinns sein, wie es an Parteianlässen heisst.Der ambitionierte Jungpolitiker macht es am Anfang seiner Karriere zu seinem Markenzeichen, die behäbige Schweizer Classe politique zu kritisieren. Jünger müsse die Politik werden, frischer, weniger zugeknöpft – wortwörtlich. In den sozialen Netzwerken spricht Silberschmidt über den Slogan «#NoAnzug». Selbst in der Arena verzichtet er auf Hemd und Sakko.Bis heute erzählt er die Geschichte seiner Politisierung als Heldenreise, die in keiner Weise so vorgezeichnet war, wie sie nun scheint: Als Schüler habe er noch gekifft und geschwänzt, schliesslich habe er das Gymnasium abgebrochen. Erst eindringliches Ermahnen seines Lehrmeisters bei der ZKB habe ihn auf den richtigen Weg gebracht. Seine Eltern? Normale Mittelständler. Er war nie Sohn von Beruf, möchte er vermitteln.Doch so ganz natürlich wirkt Silberschmidts Auftritt als cooler, lässiger Nachwuchspolitiker nicht. Er trägt zwar T-Shirt in der Arena, dazu aber Stoffhosen und Lederschuhe, nicht Jeans und Turnschuhe.Silberschmidt ist im Establishment angekommen, «NoAnzug» war früher sein Slogan.Michael Buholzer / KeystoneVielleicht ist aber genau diese Gleichzeitigkeit, die kantigen Positionen kombiniert mit dem biederen Auftreten, die ihm seine Karriere ermöglicht hat, als er noch Jungfreisinniger war. In Bern greift niemand gerne die Pensionierten an, jene mit Geld und genug Zeit, um jedes Mal abstimmen zu gehen. Ihnen die Rente kürzen zu wollen, gilt als politischer Selbstmord.Doch Silberschmidt macht genau das zu seiner Kür. Und weiss diese zu inszenieren.Der InszeniererAndri Silberschmidt sitzt im Zug von Bern nach Zürich, eingezwängt im Bordrestaurant. Vor zwanzig Minuten ist die Session zu Ende gegangen, nun ist er bereits auf dem Weg zum Vorstellungsgespräch einer Kandidatin für sein Unternehmen – er ist zu spät dran, aber das ist er gewohnt. «Solche Verschiebungen gehören zu einem Leben als Milizpolitiker.»Während er im Zug über seine politischen Projekte spricht, bearbeitet er Inhalte für seine Auftritte auf Social Media: Linkedin, Facebook, Instagram, X, sogar Tiktok.Er schneidet Clips aus seiner Rede über seinen Vorstoss, extrahiert Zitate, ergänzt Hashtags. Silberschmidt weiss genau, auf welcher Plattform was funktioniert.Als er mit 25 in den Nationalrat gewählt wird, gründet er zusammen mit zwei ebenfalls jungen Kolleginnen und Kollegen aus dem Nationalrat in Bern die «Polit-WG». Damit tingelt er durch die ganze Schweizer Medienlandschaft. Jede Woche nimmt er eine Folge des «Andri-Silberschmidt-Podcasts» auf. Als einer der ersten Schweizer Politiker ist er auf Tiktok präsent. Wo Aufmerksamkeit und Reichweite sind, da ist auch Silberschmidt.Dank seiner Präsenz in den sozialen Netzwerken ergibt sich allein durch das Scrollen auf Instagram ein Eindruck seiner Karriere, seines Erwachsenwerdens in aller Öffentlichkeit. Man sieht Fotos von ihm im Urlaub mit Freunden, aus einer Zeit, als er abends ausging, um danach am Morgen, mit Kater, Positionspapiere zu schreiben.Dann Silberschmidt im Wahlkampf, Silberschmidt beim SRF, schliesslich Silberschmidt im Bundeshaus.Silberschmidt trägt jetzt Anzug – die Kluft, die ihm schon immer eher lag als das T-Shirt aus der Jungfreisinnigen-Zeit. «#NoAnzug» ist definitiv vorbei. Er sagt: «Ich bin den Anzug gewohnt, seit der Lehre. Ich fühle mich darin für die politische Arbeit wohler als in Jeans und T-Shirt.»Heute kritisiert er seine Partei nur noch selten offen. Manch einer wirft ihm vor, er sei weich geworden, habe sich eingemittet, um seine Karriereziele zu erreichen. Habe sich angepasst, vielleicht zu sehr.Als Jungfreisinniger gab sich Silberschmidt betont cool, heute gilt er als eingemittet, als angepasst gar.Michael Buholzer / KeystoneDoch es könnte auch sein, dass sich die Partei Silberschmidt angeglichen hat – und nicht andersherum. Mit der Niederlage Gössis beim CO2-Gesetz endete die Ära der Partei, in der Silberschmidt etwas zu bekämpfen hatte. Er hatte das CO2-Gesetz zwar unterstützt, sich aber immer wieder kritisch zu einzelnen Punkten darin geäussert. Er sollte mit seiner Position recht behalten. Seit Petra Gössis Rücktritt verfolgt die Partei jene klimapolitische Linie, die Silberschmidt allenthalben unterstützte. Eine ohne Verbote, ohne zusätzliche Abgaben, dafür mit Emissionshandel. Als Vizepräsident der FDP prägt Silberschmidt diesen Kurs mittlerweile aktiv mit.Man könnte fast meinen, dass Silberschmidts Karriere ihm hinterhergewachsen ist: Die Positionen seiner Partei entsprechen jetzt weitgehend seinen eigenen. Als angehender Regierungsrat und etablierter Nationalrat, braucht er nicht mehr so zu tun, als sei er unangepasst, cool.Silberschmidt kann jetzt sein, was er schon früh war: ein Streber. Aber einer, der aus dem Strebertum Kapital schlagen konnte. Denn wer, wenn nicht der Lieblingsenkel, kann den Rentnern sagen, dass sie länger arbeiten sollen?Wo alles anfingEs ist Juni 2026, gegen 7 Uhr abends, draussen regnet es in Strömen. Andri Silberschmidt betritt das Studio des Schweizer Fernsehens, keinen Tropfen auf dem Hemd, kein Haar schief, während alle anderen triefen.Routiniert bewegt sich Silberschmidt durch das Gewirr in den Gängen im Aufnahmestudio, wirft gedankenverloren seinen Rucksack auf die Bank für die Gäste. Es ist mittlerweile seine siebzehnte «Arena», er ist nicht einmal mehr nervös. «Nur sehr angespannt, konzentriert halt», sagt er. «Aber das ist auch gut so.»In der Garderobe sitzt bereits die SP-Nationalrätin Samira Marti, auch sie ist schon seit zehn Jahren regelmässig Gast in der «Arena». Sie hat ein Bild herausgesucht von der ersten Sendung, in der sie mit Silberschmidt war, jener von 2016. Sie hält ihm das Handy hin und sagt: «Schau, da waren wir noch Babys!» Auch der Moderator Mario Grossniklaus hatte seine Premiere kurz vor jener Sendung. Vor zehn Jahren betraten sie alle die nationale Bühne, heute sind sie etablierte Grössen.Das Licht in der «Arena» geht an. Silberschmidt hat jetzt ein eigenes Rednerpult in der ersten Reihe. Er steht selbstbewusst da, hält den Rücken gerade, die Schultern angespannt, die Brust ebenso. Das Zucken der Augenbrauen, das häufige Schlucken aus seiner ersten Sendung ist verschwunden.Das Signet der Sendung ertönt, der Moderator stellt die Gäste vor: «Andri Silberschmidt, Vizepräsident FDP. Er sagt: Ich bin froh, dass der Nationalrat höhere Lohnbeiträge ablehnt und die arbeitende Bevölkerung nicht noch stärker belastet.» Silberschmidt nickt selbstbewusst. Er ist bereit.Passend zum Artikel