Vor fast einem Vierteljahrhundert bin ich aus Deutschland in die Schweiz gezogen. Alles sah nach einem vorübergehenden Ortswechsel aus beruflichen Gründen aus. Doch wie so oft im Leben kam es anders. Ich lebe noch immer hier, besitze inzwischen den roten Pass und bin seit Kurzem pensioniert. Eines steht inzwischen fest: Ich werde nicht nach Deutschland zurückkehren, sondern in der Schweiz bleiben. Nicht wegen der höheren Rente. Nicht wegen der Berge. Und schon gar nicht wegen der Banken.Warum also?Ausschlaggebend für mich sind fünf Charakteristika des politischen und gesellschaftlichen Systems der Schweiz: eine Demokratie, die ihren Bürgern mehr Verantwortung überträgt; ein Staat, der langfristig in seine Infrastruktur investiert; eine Sozialversicherung, die Solidarität mit Eigenverantwortung verbindet; eine Migrationspolitik, die Konflikte nicht verdrängt, sondern demokratisch austrägt; und schließlich ein Föderalismus, der politische Entscheidungen möglichst nahe bei den Menschen belässt.Politisches System nimmt die Bürger in VerantwortungNatürlich ist auch die Schweiz kein Paradies. Wohnraum ist knapp, die Krankenkassenprämien steigen, die Zuwanderung sorgt für kontroverse Debatten. Doch gerade der Umgang mit diesen Problemen offenbart eine bemerkenswerte Differenz. Die Schweiz diskutiert lange – entscheidet dann aber auch. Deutschland diskutiert oft ebenso intensiv, vertagt Entscheidungen jedoch erstaunlich häufig oder zerredet sie.Der wesentliche Unterschied zwischen beiden Ländern ist deshalb nicht wirtschaftlicher, sondern politischer Natur. Deutschland ist eine repräsentative Demokratie. Die Bürger wählen ihre Parlamente und übertragen ihnen für mehrere Jahre die politische Verantwortung. In der Schweiz endet demokratische Mitwirkung dagegen nicht am Wahltag. Mit Volksinitiativen und Referenden können Bürger Gesetze stoppen, Verfassungsänderungen anstoßen oder politische Entscheide korrigieren.Direkte Demokratie: Teilnehmer einer Bürgerversammlung in AppenzellAFPDiese direkte Demokratie verändert das politische System weit stärker, als Außenstehende häufig vermuten. Sie zwingt Regierungen zunächst zu größerer Vorsicht. Wer jederzeit damit rechnen muss, dass ein Gesetz vors Volk kommt, versucht, Lösungen zu entwickeln, die über das eigene politische Lager hinaus Zustimmung finden. Ideologisch motivierte Prestigeprojekte haben es deshalb schwerer als in parlamentarischen Mehrheitsdemokratien. Gleichzeitig fördert das System Kompromiss und Konsens. Weil eine Niederlage an der Urne jederzeit möglich ist, suchen Parteien oft schon im Vorfeld nach tragfähigen Mehrheiten. Das macht politische Prozesse bisweilen langwieriger, verhindert aber abrupte Richtungsänderungen, wie sie Deutschland nach Regierungswechseln immer wieder erlebt.Vor allem aber beeinflusst die direkte Demokratie das Verhältnis zwischen Bürger und Staat. Wer mehrmals im Jahr über konkrete Sachfragen abstimmt, erlebt Politik nicht als Veranstaltung einer fernen politischen Klasse. Verantwortung wird nicht vollständig delegiert, sondern bleibt zumindest teilweise bei den Bürgern selbst. Das schafft ein anderes politisches Selbstverständnis.Dieses System ist selbstverständlich nicht frei von Problemen. Volksabstimmungen können komplexe Fragen vereinfachen, und emotionale Kampagnen sowie populistische Zuspitzungen gehören ebenso zur politischen Realität wie anderswo. Dennoch bleibt bemerkenswert, dass gerade eines der plebiszitärsten politischen Systeme der Welt zugleich zu den stabilsten und vertrauenswürdigsten Demokratien zählt.Ausbau der Infrastruktur wird langfristig geplantDie unmittelbare Beteiligung der Bürger prägt auch Bereiche, die auf den ersten Blick wenig mit Verfassungsfragen zu tun haben. Besonders sichtbar wird dies bei der Verkehrsinfrastruktur. Wer regelmäßig mit der Deutschen Bahn fährt und anschließend das Netz der Schweizerischen Bundesbahnen nutzt, erkennt den Unterschied sofort. Die Schweiz investiert seit Jahrzehnten kontinuierlich in ihr Verkehrsnetz. Große Infrastrukturprojekte werden mit Weitblick geplant, häufig durch Volksabstimmungen legitimiert und anschließend über Legislaturperioden hinweg konsequent umgesetzt.Sauber und pünktlich: Zug in der SchweizdpaDer öffentliche Verkehr ist deshalb nicht das Ergebnis kurzfristiger politischer Prioritäten, sondern Teil einer langfristigen nationalen Strategie, die von der Bevölkerung getragen wird. Taktfahrpläne, eng abgestimmte Anschlüsse und erhebliche finanzielle Mittel sorgen dafür, dass selbst kleinere Städte hervorragend erreichbar bleiben.Gewiss, auch in der Schweiz stoßen Straßen und Bahnstrecken inzwischen an ihre Kapazitätsgrenzen. Das starke Bevölkerungswachstum verlangt neue Investitionen. Doch der politische Streit dreht sich überwiegend um Ausbau und Optimierung. In Deutschland hingegen haben massiver Sanierungsstau und verschobene Großprojekte die Bahn zu einem hoffnungslosen Sanierungsfall gemacht.Altersvorsorge verbindet Solidarität mit EigenverantwortungNicht weniger deutlich unterscheiden sich beide Länder bei der sozialen Sicherung. Auf den ersten Blick erscheinen die Rentensysteme erstaunlich ähnlich. Sowohl Deutschland als auch die Schweiz kennen drei Formen der Altersvorsorge: eine staatliche Grundversorgung, betriebliche Vorsorge und private Zusatzversicherungen. Tatsächlich unterscheiden sich die Systeme jedoch grundlegend. Deutschland verlässt sich bis heute vor allem auf die gesetzliche Rentenversicherung. Sie funktioniert überwiegend nach dem Umlageverfahren: Die Erwerbstätigen finanzieren unmittelbar die Renten der älteren Generation. Angesichts der demographischen Entwicklung gerät dieses Modell zunehmend unter Druck und muss schon heute mit erheblichen Steuermitteln stabilisiert werden.Freudig mit Vorsorge: Trachtenleute beim 5. Schweizerischen Trachtenchorfest in der Altstadt von Sursee im Kanton Luzern am 7. Juni 2026dpaDie Schweiz verteilt die Risiken deutlich breiter. Zwar bildet auch hier die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) das solidarische Fundament. Sie gewährleistet jedoch bewusst nur eine minimale Grundversorgung. Die betriebliche Vorsorge als zweite Säule ist in der Schweiz obligatorisch, wozu Arbeitnehmer und Arbeitgeber während des gesamten Erwerbslebens Kapital ansparen. Ergänzt wird dieses System durch eine steuerlich begünstigte private Vorsorge. Gerade diese Kombination macht den Unterschied aus. Sie verbindet Solidarität mit Eigenverantwortung und stützt die Altersabsicherung auf mehrere Finanzierungsquellen. Dadurch wird sie weniger anfällig gegenüber dem demographischen Wandel als ein nahezu ausschließlich umlagefinanziertes System.Das Gesundheitswesen ist ebenfalls anders organisiert. In der Schweiz besteht eine allgemeine Krankenversicherungspflicht. Die Krankenkassen konkurrieren miteinander um ihre Versicherten; dieser Wettbewerb schafft Anreize zu Effizienz und Innovation. Während in Deutschland die Trennung zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung seit Jahren eine faktische Zweiklassenmedizin zementiert, kennt die Schweiz zwar Zusatzversicherungen für Komfortleistungen, nicht aber unterschiedliche Zugänge zur medizinischen Grundversorgung. Zugleich wird offener – und ehrlicher − über die tatsächlichen Kosten des Gesundheitswesens gesprochen.In der Migrationspolitik werden Konflikte nicht verdrängtAm deutlichsten zeigt sich der Unterschied zwischen beiden Ländern vielleicht bei einem Thema, das fast überall in Europa die politischen Diskussionen bestimmt: der Migration. Die Schweiz gehört seit Langem zu den europäischen Staaten mit dem höchsten Ausländeranteil. Das ist kein Zufall. Eine exportorientierte Volkswirtschaft und eine alternde Gesellschaft sind auf qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen. Zuwanderung ist deshalb keine Ausnahme, sondern Teil des Erfolgsmodells und wird als politische Gestaltungsaufgabe begriffen.Über Umfang und Grenzen der Migration wird gleichwohl offen debattiert – bisweilen heftig. Volksabstimmungen zu dieser Frage mögen aus deutscher Sicht ungewohnt erscheinen, sie haben jedoch einen entscheidenden Vorteil: Sie zwingen Politik und Gesellschaft, Konflikte auszutragen, statt sie zu verdrängen. Und nach dem Urnengang besitzt das Ergebnis des Mehrheitsentscheids demokratische Legitimität.Ausländerfeindlich? Ein Abstimmungsplakat der SVP zur Volksinitiative „Keine 10-Millionen-Schweiz!“dpaDasselbe gilt für den Umgang mit religiösen und kulturellen Spannungen. Die Schweiz verlangt von Zuwanderern, dass sie sich auf die politischen und gesellschaftlichen Spielregeln des Landes einlassen. Integration bedeutet nicht kulturelle Homogenität, wohl aber die Bereitschaft, Teil einer gemeinsamen politischen Ordnung zu werden. Die Abstimmungen über das Minarettverbot oder das Verbot der Gesichtsverhüllung wurden im Ausland vielfach als Ausdruck von Intoleranz verstanden. Man kann diese Maßnahmen kritisieren; man sollte jedoch nicht übersehen, dass sie das Resultat eines öffentlichen demokratischen Verfahrens waren. In Deutschland werden solche Entscheidungen dagegen gerne an Gerichte oder Expertenkommissionen delegiert. Das entlastet die Politik kurzfristig, verstärkt aber oft den Eindruck, dass zentrale gesellschaftliche Fragen der demokratischen Auseinandersetzung entzogen werden.Wettbewerb zwischen den KantonenBleibt der Föderalismus. Deutschland ist ebenfalls föderal organisiert, doch in der Schweiz verfügen Kantone und Gemeinden über weitreichendere Kompetenzen. Entscheidungen werden möglichst dort getroffen, wo ihre Auswirkungen unmittelbar spürbar sind. Das schafft Wettbewerb zwischen den Regionen, vor allem aber klare Verantwortlichkeiten. Wer gute Lösungen entwickelt, findet Nachahmer; wer scheitert, kann sich nur schwer hinter anonymen Zuständigkeiten verstecken.Der Erfolg der Schweiz beruht weder allein auf der direkten Demokratie noch auf ihrer föderalen Struktur. Von zentraler Bedeutung ist das Zusammenspiel der verschiedenen Ebenen und Institutionen. Sie alle beruhen auf demselben politischen Grundgedanken: Der Staat traut seinen Bürgern etwas zu. Das macht Politik nicht einfacher. Volksabstimmungen kosten Zeit. Kompromisse sind mühsam. Konsensrituale wirken bisweilen umständlich. Doch gerade diese Langsamkeit garantiert Entscheidungen, die Bestand haben. Sie werden nicht nur von Regierungen getragen, sondern von einer Mehrheit der Bürger.Deutschland ist ein wirtschaftlich starkes, kulturell reiches und wissenschaftlich erfolgreiches Land. Umso mehr bedaure ich, dass dort seit Jahren das Vertrauen in die Urteilskraft der Bürger eher ab- als zugenommen hat. Der Staat dekretiert häufiger, als dass er seine Bürger selbst entscheiden lässt. Vielleicht liegt genau darin der eigentliche Unterschied zwischen beiden Ländern.Ich bin vor über zwanzig Jahren wegen einer beruflichen Chance in die Schweiz gekommen. Geblieben bin ich, weil ihre Demokratie an die Bürger glaubt – und weil sich dieses Vertrauen in erstaunlich vielen Bereichen des öffentlichen Lebens auszahlt.Stefan Rebenich lehrte bis Juli 2026 als Professor für Alte Geschichte und Rezeptionsgeschichte der Antike an der Universität Bern.
Was macht die Schweiz besser als Deutschland?
Unser Autor kam vor 20 Jahren aus beruflichen Gründen in die Schweiz. Hier erklärt er, warum er dort geblieben ist – und was Deutschland sich von seinem Nachbarn abschauen könnte.








