Sind Langschläfer gute Schweizer?Was die Schweiz von ihren Bürgerinnen und Bürgern erwartet – und warum Aufstehen nach neun Uhr noch immer verdächtig wirkt.Markus Freitag03.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenIllustration Luca SchenardiSagt Ihnen der Name Akebono Tarō etwas? Der über zwei Meter grosse und gut 230 Kilogramm schwere Koloss verstarb im Jahr 2024 im Alter von 54 Jahren an Herzversagen. Geboren als Chadwick Haheo Rowan auf Hawaii, erklomm er Mitte der 1990er Jahre in Japan als erster Nichtjapaner den höchsten Rang im Sumo-Ringen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der historische Sieg des amerikanischen Grossmeisters mit dem Künstlernamen «Morgenröte» entfachte damals eine hitzige Debatte im Land der aufgehenden Sonne. Gestritten wurde über die Zulassung von Fremden zum japanischen Traditionssport.Derlei Diskussionen um Identität, Herkunft und Zugehörigkeit sind auch in der Schweiz nicht unbekannt. Sie entzünden sich zum Beispiel regelmässig an den Edelfüssen der Fussball-Nati oder an Papierli-Schweizern wie mir.Als ich vor etlichen Jahren mit einem gewissen Stolz zum Schweizer gemacht wurde, währte die Freude darüber nicht allzu lange. Eine gute Freundin zeigte mir alsbald die Grenzen meines Erfolgs auf und beschied mir nur einen Etappensieg auf dem schweren Geläuf zum richtigen Bürger dieses Landes: «Schweizer bist du jetzt, aber Eidgenosse wirst du nie!» Und damit waren keineswegs etwaige Kränze bei entsprechenden Schwingfesten gemeint.Vielmehr wurde mir der Unterschied zwischen Staats- und Kulturnation deutlich gemacht, wie ihn der Historiker Friedrich Meinecke bereits vor über hundert Jahren herausgestrichen hat. Während sich Letztere insbesondere auf die unteilbare Erfahrung des kulturellen Erbes beruft, beruht Erstere auf der einigenden Kraft einer gemeinsamen politischen Verfassung.Die vertraglich angelegte Staatsnation steht prinzipiell allen offen, die sich zu ihr bekennen und ihr angehören wollen. Demgegenüber wird die Kulturnation als ethnische Gemeinschaft beschrieben, in der sich die Zugehörigkeit vor allem über die Muttersprache oder die Abstammung definiert.Mit anderen Worten: Im ersten Fall ist die Gruppenmitgliedschaft durch erbrachte Leistungen, abgelegte Erklärungen sowie geteilte Werte und Normen jederzeit möglich. Im zweiten Fall regeln unveränderlich zugeschriebene Merkmale wie beispielsweise Geburtsort oder Vorfahren den restriktiven Zugang zur Gemeinschaft.Umfragen zeigen, dass fast überall in Europa die Achtung der Institutionen und Gesetze als Grundvoraussetzung dafür angesehen wird, sich als echtes Mitglied der Nation zu qualifizieren. In der Schweiz wie in vielen anderen Ländern wird diese Auffassung von weit über neunzig Prozent der Bevölkerung geteilt. Ähnliches gilt für die Beherrschung einer Landessprache.In der Frage, ob Abstammung und Geburtsort zwingende Kriterien sind, herrscht hingegen wesentlich mehr Uneinigkeit. Etwas über ein Drittel der Schweizer Bevölkerung verlangt beispielsweise den Nachweis helvetischer Ahnen. Und für mehr als die Hälfte der Bevölkerung geht nur als richtige Schweizerin oder richtiger Schweizer durch, wer in der Eidgenossenschaft geboren wird.Solche ethnischen Abgrenzungen versperren unwiderruflich den Zugang zum «inner circle» der nationalen Gemeinschaft und sind in Italien und Frankreich noch weitaus populärer, während sie vor allem in Schweden und auch in Kanada auf vergleichsweise wenig Resonanz stossen.Hierzulande werden die Herkunftskriterien eher von denjenigen hochgehalten, die angeben, sich fremd im eigenen Land zu fühlen. Auch Menschen vom Land neigen eher dazu als Städterinnen und Städter. Dazu gilt: Je weiter rechts sich Schweizerinnen und Schweizer im politischen Spektrum verorten, desto eher wird die ethnische Zugehörigkeit als unverrückbare Grenzmarke begrüsst.Wer sich eher zum Team der Eidgenossinnen und Eidgenossen zählt und gegen die Papierli-Schweizer poltert, dem sei aber gesagt, dass auch diese längst keine unbeschriebenen Blätter mehr sind. Im Gegenteil: In diesen Mitbürgerinnen und Mitbürgern steckt schon eine grosse Menge Schweiz.Dafür sorgt schon die gängige Praxis der Schweizermacherinnen und Schweizermacher. Von ihnen wird ohnehin jede und jeder durch den Wolf gedreht, um ja nicht die Katze im Sack zu kaufen. Einmal in den erlauchten Kreis aufgenommen, gilt es dann aber auch, den hiesigen Vorstellungen einer guten Bürgerin oder eines guten Bürgers nachzukommen.In den Fokus rückt damit die Rolle, die ein Mitglied der helvetischen Gemeinschaft in Politik und Gesellschaft spielen soll. Es geht um die charakterliche und emotionale Eignung, um die Anlagen, im Team Schweiz und in seiner anspruchsvollen Demokratie mitzuspielen – sowie darum, inwiefern die Meinungen und die Werthaltungen der Bevölkerung geteilt werden.Kann als gute Schweizerin oder als guter Schweizer durchgehen, wer extra ins Ausland fährt, um dort billiger einzukaufen? Oder ist man noch eine gute Bürgerin oder ein guter Bürger, auch wenn man nur eine Landessprache beherrscht, den Militärdienst verweigert oder den Schweizerpsalm nicht mitsingt?Fragt man die künstliche Intelligenz nach den kulturellen Ingredienzien der Swissness, scheint der Fall klar. Die Maschine spuckt als typische schweizerische Eigenschaften und wesentliches Qualifikationsprofil Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit, den Respekt vor dem Gesetz, eine kernige Arbeitsmoral, Toleranz und Offenheit, Gemeinsinn und den Hang zu Sauberkeit und Ordnung aus.Allerdings war das Interesse am guten Bürger hierzulande schon lange vor der Blütezeit der künstlichen Intelligenz virulent. Er beschäftigt die Schweiz seit der Landesausstellung im Jahre 1964 und der berühmt-berüchtigten Gulliver-Befragung. Auswertungen von 134 255 Fragebögen legen beispielsweise offen, dass für beinahe die Hälfte der damals Befragten kein guter Schweizer war, wer traditionelle Werte hinterfragte.Und für immerhin 40 Prozent disqualifizierten sich Personen, die nach 9 Uhr morgens aufstanden. Aber aufgepasst: Über ein Viertel der hiesigen Bevölkerung spricht den Langschläfern auch 50 Jahre später noch die Eignung zum guten Schweizer ab.Weniger Vorbehalte gibt es gemäss der Umfrage von «Point de Suisse» gegenüber Personen, die nur eine Landessprache sprechen, die Nationalhymne nicht kennen oder keinen Militärdienst leisten. Für mehr als die Hälfte dürfen eine gute Schweizerin und ein guter Schweizer heutzutage zudem auch von der Fürsorge leben oder wegen kleinerer Delikte einmal hinter Gittern gewesen sein.Schwieriger wird es, wenn es um die Politik geht: Wer nie abstimmen geht, verspielt bei beinahe zwei Dritteln der Bevölkerung das Recht, eine gute Bürgerin oder ein guter Bürger dieses Landes zu sein. Für Schweizerinnen und Schweizer steht auch besonders hoch im Kurs, wer neben einem steten Urnengang auch andere Meinungen toleriert und niemals Steuern hinterzieht. Zudem gilt: Wer inländische Bedürftige unterstützt, qualifiziert sich in den Augen der Einheimischen eher zum guten Schweizer Bürger als derjenige, der für den Rest der Welt da ist.Nicht übersehen werden darf jedoch, dass für vier Fünftel der Menschen hierzulande als Schweizerin oder Schweizer gilt, wer sich wie eine oder einer fühlt. Die Chancen auf eine derartige Befindlichkeit stehen bei all jenen gut, die sich als gewissenhaft und emotional stabil taxieren.Zur Grundausstattung gehören ausserdem auch eine hohe Lebenszufriedenheit und eine geringe Risikobereitschaft. Nur rund ein Fünftel der Bevölkerung beschreibt sich hingegen als besonders extrovertiert oder offen für Neues.Nicht von ungefähr schimmern hier die Kennzeichen eines Kleinstaates durch, der nur überleben kann, wenn er seine inneren Spannungen kontrolliert. Vier Sprachregionen, konfessionelle Brüche, föderale Eigensinnigkeiten: Schweizerinnen und Schweizer lernen ständig, Konflikte nicht eskalieren zu lassen. Die Bewohnerinnen und Bewohner üben von klein auf eine Kultur der Selbstbegrenzung und Selbstbeherrschung ein.Schweizerinnen und Schweizer fallen zudem nicht gerne auf, versprechen wenig vollmundig, liefern aber zuverlässig. Fast 70 Prozent sind der Meinung, dass Arbeit eine Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft darstelle. Immer wieder trifft man hierzulande auch auf die spezifische Kombination aus Bescheidenheit und starkem Selbstbewusstsein. Diese Paarung ist kein Widerspruch, sondern eher ein kulturelles Muster.Schweizerinnen und Schweizer sind besonders stolz auf ihre Demokratie, ihre Geschichte und ihre wirtschaftlichen wie sportlichen Erfolge. Ausserdem bekennen im Land immerhin rund zwei Drittel, dass sie lieber Bürgerin oder Bürger der Schweiz als irgendeines anderen Landes der Welt sein möchten. Und fast 40 Prozent vertreten sogar die Meinung, dass die Welt besser dastünde, wenn die Menschen anderer Nationen mehr wie die Schweizerinnen und Schweizer wären. Kurzum: Man hält viel von sich, aber man sagt es nicht zu laut.Nicht einmal die Hälfte der hiesigen Bevölkerung ist durchweg optimistisch, die Mehrheit sieht statt des halbvollen Glases das halbleere. Pessimismus ist aber nicht einfach nur schlechte Laune, sondern eine antrainierte Vorsichtstechnik. Man rechnet lieber mit Schwierigkeiten, um nicht von ihnen überrascht zu werden. Hinzu kommt ein schweizerisches Understatement. Sich allzu euphorisch zu zeigen, passt nicht recht zu einer Kultur, die Nüchternheit, Bescheidenheit und Selbstkontrolle hochhält.Wer zu optimistisch auftritt, riskiert, als leichtsinnig oder grossspurig zu gelten. Der Griesgram ist mitunter sozial akzeptierter als der Schwärmer. «S Läbe isch kei Sugus.» Und die weithin bekannten Zuschreibungen von Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Ordnung und Gesetzestreue sind beileibe nicht nur reine Folklore. Sie sind soziale Koordinationsleistungen, die die hohe Lebensqualität garantieren. Man erwartet Anstand und erwidert ihn. Wer sich korrekt verhält, wird integriert. Wer aber Regeln missachtet, verliert rasch Kredit. Loyalität und Fairness werden grossgeschrieben.Auch das Vertrauen in nahestehende Menschen ist enorm: Fast alle bauen auf ihre Verwandten und Bekannten. Gleichzeitig bleibt die Offenheit gegenüber Fremden begrenzt. Nur etwa die Hälfte vertraut ihren Begegnungen beim ersten Kontakt. Vertrauen ist gut, Kontrolle aber weitaus besser.In einer Zeit digitaler Selbstinszenierung wirken die Attribute der guten Schweizerin und des guten Schweizers beinahe altmodisch. Aber möglicherweise ist genau diese unspektakuläre Vernunft mehr als ein stereotypisches Klischee. Vielleicht ist es sogar das grösste Vermögen der Menschen hierzulande. Fühlen Sie doch einmal Ihren Puls.Markus Freitag ist ordentlicher Professor für Politikwissenschaft an der Universität Bern. Seine Forschungen befassen sich mit den Befindlichkeiten und gesellschaftspolitischen Entwicklungen in der Schweiz. Im Juni ist sein neuestes Buch «Wie viel Schweiz steckt in Ihnen?» beim Verlag Hier und Jetzt erschienen.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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