InterviewZuger FDP-Präsident: «Viele Expats integrieren sich nicht und leben in ihrer Bubble. Deshalb heisst es in Zug überall: Man hört ja fast nur noch Englisch»Daniel Gruber lehnt die 10-Millionen-Schweiz-Initiative ab. Doch in seiner Partei, der FDP Zug, hat sie viele Sympathisanten. Im Gespräch mit der NZZ sagt der Parteichef, weshalb er auch die Wirtschaft in der Pflicht sieht.20.05.2026, 11.05 Uhr6 LeseminutenEine ewige Baustelle und Symbol der Veränderung Zugs: die Baarerstrasse.Goran Basic / NZZHerr Gruber, an der Generalversammlung Ihrer Partei, der FDP Zug, haben sich 40 Prozent für die 10-Millionen-Schweiz-Initiative ausgesprochen. Weshalb?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das stimmt nicht ganz, 32 Prozent haben sich dagegen ausgesprochen, 11 haben sich enthalten. Das hat viel mit dem Gefühl von Dichtestress zu tun. Wer überall zu hören bekommt, dass in Zug Wohnungen fehlen und Einheimische deswegen wegziehen, macht sich Sorgen.Laut Erhebungen müssen pro Jahr 4000 Einheimische Zug verlassen, weil sie von Expats verdrängt werden.Die Expat-Dichte ist in Zug zweifellos gross. In der Primarklasse meiner jüngsten Tochter sind 13 von 18 Kindern fremdsprachig. Ich persönlich kenne aber niemanden, der Zug verlassen musste, weil er keine Wohnung mehr fand. Natürlich ziehen Leute weg – Studenten, die nach St. Gallen oder Basel gehen, oder Arbeitnehmer, die wegen kürzerer Arbeitswege wegziehen.Also alles kein Problem?Doch, Zug plagt ein Gefühl der Entfremdung. Viele Expats integrieren sich nicht, leben in ihrer Bubble und sprechen nicht mehr als ein paar Brocken Deutsch. Deshalb heisst es in Zug überall: Man hört ja fast nur noch Englisch. Die Antwort auf die Frage, ob sie den Einheimischen die Wohnungen wegnehmen, ist aber weniger eindeutig, als es die Zuwanderungskritiker gerne hätten.Das müssen Sie bitte erklären.Im Sommer 2023 sprach sich die Stadtzuger Stimmbevölkerung knapp für eine Initiative mit dem Titel «2000 Wohnungen für den Mittelstand» aus. Sie fordert, dass bis 2040 mindestens 20 Prozent aller Wohnungen auf Stadtgebiet preisgünstig sein müssen. In bestimmten Verdichtungsgebieten sollen sogar 40 Prozent der neu gebauten Wohnfläche erschwinglich sein. Die Quote von 20 Prozent günstigem Wohnraum ist eigentlich heute schon erfüllt. Doch die Vorgabe von 40 Prozent vergünstigten Neubauten schreckt Investoren ab. Die Folge: Mehrere Bebauungspläne wurden gestoppt, weil sich die Investitionen nicht mehr rechnen.Dennoch sagt sogar der Zuger SVP-Finanzdirektor Heinz Tännler mittlerweile, was in Zug viele denken: «Die Schweiz kann nicht mehr so weiterwachsen. Wir kommen an eine Grenze.»Ich finde Heinz Tännlers Aussage treffend: Wachstum ist ja kein Selbstzweck. Entscheidend ist doch die Frage: Wie wachsen wir? Dient es den Menschen im Land? Leider wird der Begriff Wachstum häufig benutzt, als wäre es etwas Negatives.Der Hauptgrund für das Bevölkerungswachstum ist der Bedarf der Wirtschaft an Fachkräften.Die wachsende Wirtschaft bringt uns Wohlstand. Doch mit dem zunehmenden Wohlstand haben sich auch unsere Erwartungen verändert. Wer den Eindruck hat, dass der Wohlstand eine Selbstverständlichkeit ist, der irrt sich gewaltig.«Die FDP ist nicht gespalten, wir haben einfach unterschiedliche Meinungen», sagt Daniel Gruber.Stefan Kaiser/ CH MediaInwiefern?In Zug hören Sie überall, dass man etwas tun müsse, mehr Wohnungen bauen zum Beispiel, damit die Preise sinken. Aber dann ziehen die Menschen doch weg, weil sie nicht an einer Durchfahrtsstrasse oder in einer «alten» Wohnung leben wollen, sondern sich eine günstige Wohnung gewünscht hätten – möglichst eine mit Seesicht.Dieses Argument hört man in Wirtschaftskreisen und in der Politik oft, auf der Strasse tönt es anders. Die 10-Millionen-Schweiz-Initiative der SVP hat gute Chancen an der Urne.Leider. Die SVP-Initiative tut nur so, als biete sie eine Lösung. Aber sie ist eine Mogelpackung.Inwiefern?Weil die Annahme der Initiative das wirtschaftliche Wachstum deckelt. Das behindert die Entwicklung der Schweiz. Das Kontingentsystem, das die SVP anstelle der Personenfreizügigkeit wieder einführen will, klingt verlockend, aber damit finge der grosse Verteilkampf erst an. Diese Initiative ist im Kern total unehrlich. Die Konsequenzen werden einfach an die nächste Generation weitergegeben, und das ist purer Populismus.Was wäre denn Ihr Plan B gegen die starke Zuwanderung?Die Politik diskutiert mehrere Lösungen. Aber auch wenn wir das Rentenalter erhöhen, bleibt der Bedarf an ausländischen Fachkräften gross. Ähnlich verhält es sich mit der Einführung der Individualbesteuerung. Sie erhöht die Erwerbstätigkeit der Frauen, aber deshalb wird die Schweiz nicht auf Zuwanderung verzichten können. Wenn man die Zuwanderung nachhaltiger gestalten will, muss man bei der Wirtschaft ansetzen. Sie hat den längsten Hebel.«Wie oft wird ein Italiener, Franzose oder Deutscher eingestellt, weil der Personalverantwortliche ebenfalls aus Italien, Frankreich oder Deutschland stammt?»Inwiefern?Grundsätzlich bin ich stolz darauf, dass wir so viele gut ausgebildete ausländische Fachkräfte anziehen. Die Wirtschaft braucht sie. Aber wie oft wird ein Italiener, Franzose oder Deutscher eingestellt, weil der Personalverantwortliche ebenfalls aus Italien, Frankreich oder Deutschland stammt und weil die Fachkraft aus dem Ausland in der Regel etwas jünger und billiger ist als die Bewerber aus der Schweiz? Die Wirtschaft müsste wieder mehr auf Ausbildung setzen: bei den Lehrlingen, aber auch bei der Wiedereingliederung von älteren, arbeitslosen und ausgesteuerten Arbeitnehmern. Dafür braucht es aber wieder vermehrt echtes Unternehmertum. Nicht nur in der Wirtschaft, auch in Bundesbern. Mich frustriert dieses oft mutlose Verhalten in der Politik.An der Generalversammlung Ihrer Zuger FDP haben sich dennoch über 30 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer für die 10-Millionen-Schweiz-Initiative der SVP ausgesprochen. Weshalb?Auch bei uns gehen die Emotionen bei diesem Thema hoch. Die FDP ist die Partei des Diskurses und des offenen Dialogs. Unterschiedliche Meinungen sind bei uns Programm. Es braucht bei uns sowohl den linken wie auch den rechten Flügel, damit wir abheben können.Die FDP ist eine Wirtschaftspartei. Wie kann man gleichzeitig für wirtschaftliches Wachstum, aber gegen ein Wachstum der Bevölkerung sein?Die FDP ist keine reine Wirtschaftspartei. Mein Vizepräsident Peter Frigo pflegt zu sagen, sie sei die beste Volkspartei für die Wirtschaft.Vom Bauernkanton zum Crypto-Valley: «Wir Zuger sind insgeheim wahnsinnig stolz auf unsere Wirtschaft», sagt Gruber.Goran Basic / NZZ-Die Zuger Stimmbevölkerung hat im vergangenen November beschlossen, dass ein Teil der Millionen, die dem Kanton dank OECD-Mindeststeuer zufliessen, der Standortförderung zukommt. Dichtestress nein, Standortförderung ja. Die FDP Zug hat das Referendum klar unterstützt.Zugegeben: Sobald es um Zuwanderung geht, wird es in Zug etwas diffus. Wir Zuger sind insgeheim wahnsinnig stolz auf unsere Wirtschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Zug noch ein armer Bauernkanton, dann hat er dank unternehmerischem Mut den Turnaround geschafft. Wir spüren Dichtestress und sagen uns gleichzeitig, dass der Wohlstand nicht selbstverständlich ist. Das ist fast schon ein bisschen schizophren.Die FDP Zug schert oft aus. Sie war gegen die Individualbesteuerung, die die FDP Schweiz lancierte, und sie sprach sich an der Delegiertenversammlung der Mutterpartei gegen ein vorläufiges Ja zu den EU-Verträgen aus. Woher dieses Rebellentum?Bei den EU-Verträgen muss man unterscheiden: Die Bilateralen I und II sind eine grosse Erfolgsgeschichte, auch wenn sie mit der ebenso grossen Herausforderung der Personenfreizügigkeit verbunden sind. Das neue Paket geht aber viel weiter als das alte. Aus dem bilateralen Verhältnis wird faktisch eine institutionelle Anbindung. Ausser uns Zugern hat sich fast niemand getraut, etwas Kritisches zu sagen. Von 18 FDP-Delegierten waren 16 gegen die Vernehmlassungsantwort zu den neuen EU-Verträgen. Wir sind nicht rebellisch, wir denken lediglich eigenständig und haben einen klar bürgerlichen Kompass.Nachdem sich die FDP Zug gegen die Individualbesteuerung ausgesprochen hatte, erhielten Sie offenbar besorgte Telefonate der Parteileitung und des Parteisekretärs.Vom Nein zur Individualbesteuerung war ich selbst etwas überrascht. Aber wir sind doch eine freisinnige Partei! Wir haben unseren Mitgliedern gegenüber doch die Pflicht, auch ungemütliche Debatten zuzulassen! Der Parteispitze fehlt manchmal das Gespür für die Basis. Die Führung hat den Stallgeruch verloren. Deshalb reagiert sie unnötig heftig, wenn ein Entscheid unerwartet ausfällt.Wieso? Die FDP zerfällt vor den Augen der Öffentlichkeit in Anspruchsgruppen: Frauen für und gegen die EU-Verträge oder die 10-Millionen-Schweiz, bei Kantonalparteien dasselbe. Wie will eine so gespaltene Partei Wahlen gewinnen?Wir sind nicht gespalten, wir haben einfach unterschiedliche Meinungen. Aber ja, ich mache mir wegen der nationalen Wahlen 2027 durchaus Sorgen. Für die kantonalen Wahlen vom 4. Oktober 2026 bin ich hingegen zuversichtlich: Wir werden zulegen, unser Ziel ist es, auf 25 Prozent zu wachsen sowie die Gemeindepräsidien zu verdoppeln – und 2027 werden wir unseren freisinnigen Nationalratssitz zurückholen.Die 10-Millionen-Schweiz-Initiative wird meines Erachtens ganz knapp abgelehnt, mit etwa 50,5 Prozent Nein-Stimmen. Das EU-Paket hingegen wird es sehr schwer haben. Ich prognostiziere, dass es mit rund 58 Prozent an der Urne scheitern wird.Passend zum Artikel