KommentarJeder Sommer ist der schlimmste, jedes Mal folgt das gleiche Lied. Dabei gibt es Gründe, warum es in Städten wie Zürich zu heiss wird – und naheliegende LösungenStädte und Dörfer werden immer noch gebaut, als wären kalte Winter hier das grösste Problem. Es fehlt an Anreizen, es besser zu machen.07.09.2026, 05.35 Uhr6 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZIn der politischen Nachglut dieses Sommers ist Albert Rösti zum Buhmann erkoren worden, zum grossen Untätigen der Klimapolitik. Für seine linken Kritiker ist klar: Was so einer sagt, muss per se falsch sein. Doch kürzlich sprach der SVP-Politiker eine Wahrheit an, die auch sie ernst nehmen sollten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Um sich zu rechtfertigen, wies Rösti auf die Versäumnisse anderer hin und erwähnte den Zürcher Sechseläutenplatz. Das ist ein vor erst zwölf Jahren neu gestalteter Platz, der im Juli zur infernalischen Grossbratpfanne wird. Ein Musterbeispiel dafür, dass Städte und Dörfer nicht aussehen, wie sie in einer Welt steigender Temperaturen aussehen müssten. Dass hier fröhlich gebaut wird, als wären kalte Winter das grösste Problem.Das ist ein reales Versagen, und die Ursache ist nicht Albert Rösti.Aber bald ist dieser Rekordsommer vorbei – und wohl ebenso bald wieder aus dem kognitiven System ausgeschwitzt. Wer laut proklamiert, jetzt werde sich in den Köpfen zwangsläufig etwas ändern, ist naiv. Es ist ja nicht so, dass dies ein präzedenzloses Ereignis gewesen wäre. Seit dem Hitzesommer 2015 – erinnert sich überhaupt noch jemand? – gab es nur gerade drei Sommer, die sich nicht in die Schweizer Rangliste der heissesten je gemessenen einreihten. Das ist das neue Normal, man weiss das längst, und die Zahlen belegen es.Die Messstationen im Kanton Zürich haben dieses Jahr Allzeit-Temperaturhöchstwerte von 38 Grad und mehr verzeichnet. In der Zürcher Innenstadt wurden über drei Dutzend Tropennächte registriert, in denen das Thermometer nicht unter 20 Grad fiel.Und bevor man nun denkt, dass dies bloss eine Sorge dicht bebauter Städte sei – Irrtum: Selbst auf dem Hörnli, einem Ausflugsgipfel auf 1133 Meter über Meer, gab es Hitzetage mit bis zu 32 Grad. Hitzeinsel-Effekte wie in der Stadt sind in ländlichen Gemeinden laut einer Untersuchung der Ostschweizer Fachhochschule zwar nicht zu befürchten, «erhebliche Hitzebelastungen» aber sehr wohl. Fazit: Alle sind betroffen.Da helfen keine moralischen Appelle, an denen es nie gemangelt hat. Stattdessen muss man nach den Ursachen für die mangelhafte Anpassung ans Klima forschen. Vor der eigenen Haustür.Dass Politik und Bauherrschaften hier insgesamt träge reagieren, ist mit blossem Auge ersichtlich. Sogar in der rot-grün regierten Stadt Zürich, die sich Klimaschutz auf die Fahnen schreibt. Nebst dem Sechseläutenplatz sind auch andere Plätze jüngeren Datums so mangelhaft, dass man sie im Sommer meidet. Und mit der Europaallee wurde im Zentrum ein neues Quartier hochgezogen, das laut einem ETH-Bauphysiker, der zum Thema forscht, eine der extremsten Hitzeinseln überhaupt ist.Nur unter dem Sonnenschirm aushaltbar: Der Sechseläutenplatz wird an heissen Tagen zur Bratpfanne, wie die Wärmebildkamera zeigt.Gaëtan Bally / KeystoneBei Hochbauten hat die öffentliche Hand dazugelernt. Das zeigen neuere Schulbauten mit Laubengängen, Stoffmarkisen und sogenannten Brise-Soleils (das sind auskragende horizontale Elementen an der Fassade – quasi die Dächlikappe der Architektur). Doch all das ist bei stadtweit über 1200 Neubauten in zehn Jahren nur ein Tropfen, und für den heissen Stein ist ausreichend gesorgt. Vor allem private Bauherrschaften errichten weiterhin Türme mit Glasfassaden ohne schattenspendende Elemente und Terrassenhäuser mit nach Süden ausgerichteten Fensterfronten.Erhellend ist der Blick auf traditionelle Lösungen in Ländern, die von jeher gegen Hitze kämpfen. Dort sind Gebäude eng verschachtelt, damit sie sich Schatten spenden; wurde mit Lehm gebaut, der die Temperatur natürlich ausgleicht; verhindern schattenspendende Elemente direktes Sonnenlicht, ohne den Blick nach draussen zu versperren.Nicht alles lässt sich eins zu eins auf Zürich übertragen. Vor allem dann nicht, wenn es mit den Errungenschaften der Wohnhygiene kollidiert und mit der hundertjährigen Bautradition der Moderne, die aus gutem Grund nach «Licht, Luft und Raum» verlangte. Aber zum Teil liesse sich beides intelligent verbinden – Lehm etwa wird als Baustoff wiederentdeckt.Warum geschieht das nicht konsequenter? Und wie lässt sich das ändern?Klimaanlagen sind wichtig, aber damit ist es nicht getanDie Verhaltenspsychologie lehrt, dass es der menschlichen Natur näher liegt, auf akute Probleme zu reagieren, als für künftige vorzusorgen. Die Folge ist, dass in Zürich selbst prominente grüne Exekutivpolitiker neuerdings mit einem Tabu brechen und für Klimaanlagen plädieren. Als pragmatische Sofortmassnahme. Der kantonale Baudirektor Martin Neukom tat dies, der Stadtzürcher Schulvorsteher Balthasar Glättli ebenso.Damit kein Missverständnis aufkommt: Sie machen das einzig Richtige. Es hilft keinem, wenn man Schüler oder Altersheimbewohner für die Versäumnisse der Vergangenheit bestraft, indem man sie in überhitzten Häusern leiden lässt. Doch mit Klimaanlagen allein ist es nicht getan. Warum, zeigen Modellrechnungen, etwa von Forschern der Empa.Demnach könnte zwar ein Gutteil des Stroms zur Kühlung mit Photovoltaikanlagen auf den Dächern gewonnen werden, die dann liefern, wenn die Sonne besonders brennt. Doch dies decke nur rund die Hälfte des Bedarfs, da viele Klimaanlagen zeitversetzt angeworfen werden, wenn die Menschen gegen Abend nach Hause kommen – Spitzenlast und Produktionsspitze korrespondieren nicht. So bleibt ein Zusatzverbrauch, der mit anderen Zielen kollidiert, mit der Elektrifizierung der Mobilität etwa oder dem Ausbau von Datenzentren und Serverfarmen.Künstliche Kühlung muss darum aufs Notwendige begrenzt werden. Sie macht weder die globalen Anstrengungen zur Reduktion der Erderwärmung obsolet noch im Lokalen die nachhaltige Anpassung der Siedlungen an steigende Temperaturen.Das bedeutet: Die tonangebenden Köpfe der Zürcher Bauwirtschaft müssen bewogen werden, auch dann an die Hitzeproblematik zu denken, wenn draussen der Rasen nicht demonstrativ am Verdorren ist. Möglichst ohne zusätzliche Vorschriften und Regulierungen, die das Bauen verteuern, sondern mittels Anreizen.Mit der Zeit dürfte der Markt es von selbst regeln, weil Räume, die sich zu stark erhitzen, an Wert verlieren. Das Bewusstsein dafür nimmt laut Branchenkennern vor allem bei institutionellen Anlegern zu, weil diese an langfristig stabilen Anlagen interessiert sind. In Regensdorf entsteht zum Beispiel ganz ohne Zwang das Musterquartier Zwhatt, finanziert von mehreren Anlagestiftungen. Mit Gebäuden, die sich gegenseitig beschatten, hellen Oberflächen, die Licht reflektieren, begrünten Fassaden und grossen Bäumen.Aber noch ist das eher Ausnahme als Regel. Auch deshalb, weil Hauseigentümer darauf zählen können, dass Mieter in Zeiten akuter Wohnungsknappheit bei Hitze eher eine Klimaanlage installieren, als einen Mangel einzuklagen. Jeder ungenügende Neubau ist aber eine Hypothek für Jahrzehnte. Wo dadurch Hitzeinseln entstehen, leiden auch die Nachbarn unter individuellen Fehlentscheiden. Abwarten ist also keine Lösung.Drei Beispiele, wie man den Hausbau auf Kurs bringtDie Bemühungen im Kanton Zürich konzentrieren sich einseitig auf den Aussenraum, wo die Behörden den stärksten Hebel haben: Sie schreiben etwa die Gebäudestellung vor, wo sonst Kaltluftströme unterbrochen würden, verlangen Begrünungen und unversiegelte Flächen. Das ist nicht falsch, aber erstens wird der Effekt zum Teil überschätzt. So können etwa Bäume am falschen Ort laut Modellen der ETH sogar kontraproduktiv sein. Zweitens kann die Fokussierung auf den Aussenraum dazu führen, dass Bauherren Massnahmen am Gebäude selbst als unnötig empfinden. Genau solche braucht es aber.An Wissen mangelt es nicht, auch nicht an wohlmeinenden Ratschlägen. Der Kanton empfiehlt zum Beispiel begrünte Dächer und Fassaden oder Fenster, die der Sommersonne nicht direkt ausgesetzt sind. Dem stehen allerdings handfeste Interessen entgegen, hartnäckige Gewohnheiten – und widersinnige Vorschriften.Ein paar Beispiele zeigen, wo man ansetzen sollte:1. Das Zürcher Planungs- und Baugesetz verbietet es heute explizit, die Mehrheit der Wohnräume nach Norden auszurichten. Die kantonale Baudirektion plant, diese Vorschrift ersatzlos zu streichen. Dies ist zu unterstützen, um vorausschauenden Architekten und Bauherren die nötigen Freiheiten zu geben.2. Wenn Architekten heute Brise-Soleils an die Fassaden bauen wollen, um direkte Sonneneinstrahlung zu verhindern, müssen sie dafür Grundstückfläche opfern. Das reduziert das Gebäudevolumen und entwertet das Gebäude. Dieser Fehlanreiz sollte korrigiert werden. Als Vorbild könnte der in Zürich bereits eingeführte «Grünflächenbonus» dienen. Sein Prinzip: Wer Fassaden begrünt, darf dafür grösser bauen.Das neue Zürcher Schulhaus Borrweg kombiniert eine klassische Glasfassade mit vorgehängten Brise-Soleils, die Schatten spenden.Stadt Zürich / Sandro Livio Straube3. Im Kanton Zürich ist bei Neubauten im Prinzip ein Sonnenschutz «nach dem Stand der Technik» vorgeschrieben, der Klassiker sind automatische Lamellenstoren. Man kann aber auch darauf verzichten – wenn man den lokalen Baubehörden rechnerisch nachweisen kann, dass das Raumklima trotzdem angenehm bleibt. Das Problem: Bei der Berechnung stützen sich Fachleute auf eine Norm des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA), die der Realität um Jahre hinterherhinkt. Sie stützt sich auf veraltete Klimadaten. Zwar stünden längst neuere Datensätze bereit, damit Gebäude auch unter dem Klima der Zukunft bestehen. Ihre Verwendung ist aber nicht vorgeschrieben – und weil Planer und Bauherren unter Kostendruck stehen, halten sie sich oft an die alten. Auch hier fehlen die positiven Anreize.Es gibt also zu tun: konkrete Handlungsansätze auf lokaler Ebene, die sichtbar etwas bewirken. Damit nach dem nächsten Hitzesommer die Suche nach Sündenböcken nicht von vorne losgeht und es erneut heisst, jetzt müsse aber endlich, endlich, endlich etwas passieren.20 KommentareGesternGerhard Bardach Gestern2 EmpfehlungenWir leben in Mitteleuropa in einem kontinentalen Klima, wo es im überwiegenden Teil des Jahres mehr oder weniger kalt und wegen unserer nördlichen Lage auch relativ finster ist und im Sommer während einiger Wochen sehr heiß sein kann. In einem solchen Umfeld ist es nicht sinnvoll Häuser primär auf südliche Verhältnisse auszurichten z. B. grosse Fenster sind während der finsteren Winterzeit durchaus angebracht. Aber mittels Klimaanlagen, die deutlich günstiger in der Anschaffung sind wie aufwendige Aussenverschattungen können wir für einige Wochen im Jahr unser Wohnklima deutlich verbessern. Wenn wir zuwenig Strom haben muss man einfach mehr Kraftwerke bauen und das ideologische CO2 Narrativ überwinden. Mehr Stromangebot macht den Strom auch billiger was für unsere Wirtschaft und unseren Lebensstandard auch sehr nützlich wäre...Passend zum Artikel
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