Die Sommer werden immer heisser – was das für die Schweiz bedeutetSeit Tagen herrschen Temperaturen über 35 Grad. Hitzeperioden dürften sich weiter häufen, das Land muss sich an die Veränderungen anpassen. Wie Landwirtschaft, Verkehr, Spitäler, Tourismus und Städte damit umgehen.NZZ-Inlandredaktion26.06.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenDie Sonne knallt auch auf den Sechseläutenplatz in Zürich, wo es gerade besonders heiss ist. Sonnenschirme bieten ein wenig Schutz.Christoph Ruckstuhl / NZZJeder einzelne Tag fühlt sich derzeit extrem heiss an, doch ausserordentlich ist vor allem die Kombination der rekordhohen Temperaturen mit der andauernden Serie von Hitzetagen bereits im Frühsommer. In diesem Ausmass war dies letztmals 2003 der Fall. Auffällig ist gleichzeitig, dass sich Hitzeperioden häufen: So galt schon der Juni 2025 bislang als der zweitwärmste seit Messbeginn 1864. Und bereits 2022 wurden im selben Monat Spitzenwerte gemessen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Diese Dynamik bleibt bestehen. Bis Mitte Jahrhundert muss in der Schweiz gemäss den Klimaszenarien des Bundes je nach Lage mit 3 bis 17 zusätzlichen Hitzetagen (Tage mit mindestens 30 Grad) pro Jahr gerechnet werden. Der klimabedingte Anpassungsdruck steigt in vielen Bereichen. Ein Überblick.Spitäler: Kühlung wird zum grossen ThemaDie Spitäler und Kliniken haben gleich doppelt mit der Hitze zu kämpfen. Zum einen steigt mit den Temperaturen die Belastung für die Patienten. Vor allem ältere und chronisch kranke Menschen leiden häufig an hitzebedingten Komplikationen, aber auch Säuglinge und Kleinkinder sind gefährdet.Zum anderen leidet das Personal, wie eine Untersuchung des Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Instituts (Swiss TPH) von 2025 zeigt. 70 Prozent der Mitarbeitenden empfanden die Hitze im vergangenen Jahr als ziemlich bis sehr belastend.«Für unser Fachpersonal bedeutet Hitze eine doppelte Belastung», sagt Caroline Johnson, Mediensprecherin des Universitätsspitals Basel. «Die Mitarbeitenden versorgen Hitzepatienten, arbeiten dabei aber ortsgebunden in den Stationen, teilweise in Schutzkleidung.» Das Spital begegnet dem mit Ventilatoren, kühlen Pausenräumen, längeren Öffnungszeiten im Personalrestaurant und mobilen Klimageräten. Letztere würden jedoch wegen des hohen Stromverbrauchs und der hygienischen Anforderungen nur in Ausnahmefällen eingesetzt.In vielen Institutionen fehlen aber Schutzmassnahmen gegen die Hitze. Fast 40 Prozent berichten laut der Untersuchung von Swiss TPH in der ambulanten Pflege von fehlenden Massnahmen, in Spitälern und Kliniken sind es sogar 60 Prozent. Häufig sind veraltete Gebäude das Hauptproblem. Einzelne Spitalbauten stammen aus dem vorletzten Jahrhundert und entsprechen klimatechnisch nicht den neuesten Anforderungen.Ein Beispiel ist das Kantonsspital Aarau (KSA): Eines der ältesten Gebäude des Komplexes wurde 1887 gebaut. Für die Mitarbeitenden und die Patienten ist es jedoch der letzte Sommer in dem alten Haus. Anfang 2027 wird ein Neubau in Betrieb genommen. In den Böden und Decken fliesst Kühlwasser des regionalen Energieversorgers, um das Gebäude zu temperieren.Dem KSA könnten bald weitere Spitäler folgen. Seit 2023 arbeitet der Bund an einer Standortbestimmung zur Umsetzung von Hitzeschutzmassnahmen im Gesundheitssektor. Ziel ist es, «bestehende Umsetzungslücken zu identifizieren und auf dieser Basis Empfehlungen für relevante Akteure zu entwickeln», wie es im Konzept heisst. Für die Umsetzung verantwortlich sind letztlich die Besitzer der Spitäler – also in erster Linie die Kantone.Städte: Historische Transformation steht bevorNot macht erfinderisch: Ein Sonnenschirm und ein grosses Tuch müssen als Vorhänge herhalten.Peter Klaunzer / KeystoneMit der Industrialisierung explodierte die Bevölkerungszahl in den Städten. Stadtmauern wurden eingerissen, um Platz für Wohnraum, Gewerbe, Strassen und Kanalisation zu schaffen. Darauf wurde der Städtebau stark ausgerichtet. Hundert Jahre später ist dies ein Grund, weshalb Städte infolge des Klimawandels zu Hitze-Hotspots werden: Beton, Asphalt und Stein speichern die Hitze wie ein Kachelofen. Gleichzeitig blockiert die dichte Bebauung die Frischluftzufuhr aus dem Umland. Kommt es zu mehreren Hitzetagen in Folge, kühlen die Städte immer weniger ab – es kommt zum Hitzeinsel-Effekt. In Aussersihl sind die Temperaturen in Tropennächten beispielsweise um bis zu vier Grad höher als am Ufer des Zürichsees.So krass sich die aktuelle Hitzeperiode anfühlt: Die Stadt Zürich rechnet damit, dass sich die Zahl der Hitzetage bis 2060 verdoppelt. Mit dem Klimawandel müssen die Städte ihren Fokus deshalb komplett neu ausrichten. Klar ist: Mit Schattendächern, Trinkwasserbrunnen und Klimaanlagen allein ist es nicht getan. Überall in Europa werden derzeit Planungsrichtlinien und Baugesetze geändert, um auf das Stadtklima einzuwirken, auch im Kanton Zürich: Seit 2024 können die Gemeinden bei Bauprojekten verbindliche Vorgaben zur Minderung der Hitze, Durchlüftung und Begrünung machen. Zudem investiert die Stadt in die Schwammstadt-Infrastruktur: Anders als in der industriellen Stadt soll Regenwasser nicht mehr möglichst schnell abfliessen, sondern im Boden gespeichert werden und dann über neu gepflanzte Bäume verdunsten.Die Überlegungen gehen aber noch viel weiter – es geht nämlich um die Frage, wie und wo neue Quartiere und Gebäude gebaut und gestaltet werden müssen, damit es kühler wird. Stuttgart hat beispielsweise sogenannte Frischluftschneisen in die Stadtplanung aufgenommen. Die gesamte Bebauung wird so gesteuert, dass kühle Luft von den Hängen rund um die Stadt ins Tal strömen kann. Freiflächen werden dafür geschützt oder sogar extra geschaffen. In der Schweiz gilt das Zwhatt-Areal in Regensdorf als Vorzeigeprojekt: Bei diesem neuen Stadtquartier wurden die Gebäude gestützt auf Analysen so angeordnet, dass die Luft zirkulieren kann.Diese Transformation ist mit Kosten verbunden – allerdings lassen sich diese nur schwer abschätzen. So werden die Investitionen für die Stadt Zürich zur Erreichung des Netto-Null-Ziels bis 2050 auf knapp 14 Milliarden Franken geschätzt. Der Deutsche Städte- und Gemeindebund beziffert den kommunalen Investitionsbedarf für den Klimaschutz auf rund 8 Milliarden Euro pro Jahr. Umgerechnet auf die Schweiz entspräche dies etwa 800 Millionen Franken pro Jahr. Die Anpassung an die Hitze wird zu einer Mammutaufgabe, vergleichbar mit den Herausforderungen, die die Städte während der Industrialisierung bewältigen mussten.Über dem Turbinenplatz in Zürich testet die Stadt eine künstliche Nebelwolke, um die Umgebung zu kühlen.NZZVerkehr: Hitze beeinträchtigt BahnBei anhaltend hohen Temperaturen können die Geleise bis zu 60 Grad heiss werden. Die SBB kühlen deshalb die Schienen.Georgios Kefalas / KeystoneAuch den Bahnen machen die Temperaturen zu schaffen. Bei den SBB kam es in den vergangenen Tagen zu einigen hitzebedingten Störungen an Zügen und der Infrastruktur.Besonders folgenschwer war ein Vorfall am Sonntag auf der Neubaustrecke (NBS) Mattstetten–Rothrist, wo ein Interregio-Zug (IR) mit rund 500 Passagieren aufgrund eines Fahrzeugdefekts blockiert blieb, wie ein Sprecher der SBB auf Anfrage bestätigte. Schliesslich musste der IR auf offener Strecke mit einem nachfolgenden Zug evakuiert werden. Das dauerte, da viele Fahrräder und Kinderwagen mitgeführt wurden. Probleme machten auch die Schienen: Auf der erst kürzlich sanierten Strecke zwischen Solothurn und Moutier, die von der BLS betrieben wird, verformten sich am Dienstag hitzebedingt die Geleise.Ausserdem kam es bei den SBB zu vereinzelten Ausfällen von Klimaanlagen. Doch das Rollmaterial ist gemäss einem Sprecher grundsätzlich für hohe Temperaturen ausgelegt und entsprechend geprüft. Im Störungsfall werden betroffene Wagen oder ganze Züge ersetzt, damit man die defekten Aggregate in den Serviceanlagen austauschen kann.Mit präventiven Massnahmen und gutem Unterhalt ist es möglich, die Störungen beim Rollmaterial und der Infrastruktur zu reduzieren. Wo nötig, kühlen die SBB etwa Geleise mit Wasser. Trotzdem rechnen sie wegen der anhaltend hohen Temperaturen weiterhin mit punktuellen Einschränkungen.Die Hitze beeinträchtigt nicht nur den Bahnverkehr. Auf der Autobahn 13 im St. Galler Rheintal kam es im laufenden Monat bereits zweimal zu sogenannten «Blow-ups», bei denen sich der Belag wölbte. Das Bundesamt für Strassen (Astra) begründete die Schäden gegenüber SRF mit den alten Betonplatten, die auf der A 13 verbaut seien.Mancherorts ist es so heiss, dass sich der Strassenbelag wölbt. Hier auf der Autobahn zwischen Rheineck und St. Gallen.Sebastian Schneider / KeystoneLandwirtschaft: Bewässerung wird immer wichtigerAuch die Mais- und Weizenfelder leiden und trocknen aus. Wie hier in Pfyn im Kanton Thurgau im Jahr 2022.Ennio Leanza / KeystoneAuch die Bauern stellt die andauernde Hitze vor erhebliche Probleme. Solange bewässert werden könne, bleibe die Lage zwar grundsätzlich beherrschbar, sagt Matija Nuic, Direktor des Verbands Schweizer Gemüseproduzenten. Doch erste Engpässe zeigten sich bereits. So gibt es in diversen Kantonen Einschränkungen bei der Wasserentnahme, etwa in St. Gallen, dem Thurgau, Freiburg und der Waadt.Ob ein Betrieb genügend Wasser zur Verfügung hat, hängt laut Nuic stark von der jeweiligen Infrastruktur ab: Manche Produzenten verfügten über eigene Reservoirs, andere über Entnahmerechte bei Seen und Flüssen oder über einen Anschluss ans Trinkwassernetz. Wenn Wasser knapp werde, stelle sich rasch die Frage, welche Kulturen prioritär versorgt werden könnten.Bewässerung bedeutet zudem Mehrarbeit: Anlagen müssen umgestellt, Leitungen verlegt und Sprinkler eingerichtet werden. «Viele Produzenten arbeiten derzeit von früh bis spät», sagt Nuic. Auch seien erste Hitzeschäden an Kulturen sichtbar. Bei Blumenkohl verursache zu starke Sonneneinstrahlung Qualitätsschäden; bei Eisbergsalat könne es zu Innenbrand kommen, bei dem das Gemüse von innen zu faulen beginne. Wie gross das Ausmass der Schäden sei, werde sich erst in den nächsten Wochen zeigen.Gemäss der Versicherung SH Group (Schweizer Hagel) halten sich die Schäden bis jetzt in Grenzen. «Die landwirtschaftlichen Kulturen präsentierten sich insgesamt noch in einem guten Zustand», sagt der CEO Adrian Aebi. Ob die Kombination aus Trockenheit und Hitze zu grösseren Ernteausfällen führe, hänge stark von der weiteren Wetterentwicklung ab. Die verfügbaren Modelle stimmten ihn wenig optimistisch.Besonders gefährdet sind laut Aebi Kulturen, die im Frühling gesät oder gepflanzt worden sind und nicht bewässert werden können – etwa Mais, Zuckerrüben oder Kartoffeln. «Ihnen setzt weniger die Hitze allein zu, sondern die anhaltende Trockenheit.» Pflanzen könnten auf Hitze reagieren, indem sie die Fotosynthese drosselten und in den Überlebensmodus schalteten. Dann wüchsen sie allerdings nicht weiter und lagerten keine Nährstoffe ein. Gerade bei Kartoffeln oder Zuckerrüben könne das erhebliche Ertragseinbussen verursachen.Bewässerung ist laut Aebi nur ein Teil der Antwort auf solche Wetterlagen. Entscheidend seien ebenso das Produktionssystem, die Bodenbeschaffenheit, die Wahl geeigneter Kulturen und Sorten sowie der richtige Saatzeitpunkt. «Solche Anpassungen benötigen aber viel Zeit und müssten angesichts des Klimawandels intensiviert werden.»Dass höhere Temperaturen der Landwirtschaft auch neue Chancen eröffneten, bezweifelt Aebi. Die Produktionssysteme hätten sich über sehr lange Zeit an das bisherige Klima angepasst. Die rasch voranschreitenden Veränderungen setzten diese Systeme nun massiv unter Druck, zugleich könnten eingeschleppte Schädlinge und invasive Pflanzenarten profitieren. «Gewinner gibt es keine», sagt er.Der Aargauer Gemüsebauer Thomas Käser bewässerte seinen Kohl während der Hitzewelle 2022.Severin Bigler / CH MediaTourismus: Profitieren dank «Coolcation»-TrendDer hiesige Tourismus scheint von der Hitzewelle zu profitieren. Zu diesem Schluss könnte kommen, wer Lien Burkard von Schweiz Tourismus zuhört. «In der Schweiz sind die Wege kurz. Man ist schnell in den Bergen», sagt sie. Bergdestinationen wie die Aletsch-Arena im Wallis oder Lenzerheide in Graubünden würden immer mehr Gäste empfangen, die Bergfrische und Abkühlung suchten.Arosa Tourismus wirbt aktiv mit der Hitze – beziehungsweise damit, dass diese woanders sei. Der neueste Slogan lautet: «37 Grad. Aber nur der Neigungswinkel des Liegestuhls.» Sommerferien an kühleren Orten, die sogenannte Coolcation, sind ein touristischer Trend, der die Schweiz noch attraktiver machen könnte. Burkard sagt: «Die Berge waren schon immer einer der Hauptgründe für unsere Gäste, in die Schweiz zu kommen.» Insofern ist der Schweizer Tourismus relativ hitzeunempfindlich.Laut Burkard wird Schweiz Tourismus zusammen mit den Städten während der warmen Monate vermehrt kühle Orte bewerben. Zum Beispiel Museen oder Gewässer, in denen man hierzulande auch baden könne. «Anders als in vielen Städten im Ausland.»Mit 44 Millionen Logiernächten hat Schweiz Tourismus im vergangenen Jahr einen neuen Rekord aufgestellt. Es sieht nicht so aus, als würde die Schweiz Gefahr laufen, wegen der Hitze Gäste zu verlieren.Berge und Gewässer sind an heissen Tagen nicht nur der Zufluchtsort von Einheimischen. Auch die Touristen steuern sie an.Andreas Becker / KeystonePassend zum Artikel
Die Sommer werden immer heisser – was das für die Schweiz bedeutet
Seit Tagen herrschen Temperaturen über 35 Grad. Hitzeperioden dürften sich weiter häufen, das Land muss sich an die Veränderungen anpassen. Wie Landwirtschaft, Verkehr, Spitäler, Tourismus und Städte damit umgehen.















