Hitzelabor Schweiz: wie sich die Gemeinden mit Hitzebuddies, Sprühnebelwolken und Hightech-Bäumen gegen heisse Sommer wehren Was tun gegen die Hitze? Es gibt fast nichts, was nicht versucht würde.15.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenIllustration Dario Veréb / NZZIn diesem Sommer verfärbt sich die Schweiz: Weil es heiss ist wie selten, werden die roten Zonen auf den Wetterkarten dunkelrot. Und weil es trocken ist wie selten, werden grüne Felder gelb. Schon im Juni sprach Meteo Schweiz von einer «Hitzewelle von historischem Ausmass». Es sei zu «zahlreichen Allzeitrekorden» gekommen. Darauf folgte in diesen Julitagen die zweite Hitzewelle. In mehreren Regionen gilt die oberste Gefahrenstufe 5.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.So wird aus der Gletscher- und Schneenation Schweiz ein Hitzelabor. Was hilft gegen Tropennächte und Rekordtemperaturen?Stärker als etwa nach dem heissen Sommer 2018, als Kantone wie Basel-Stadt mit grosser Symbolik einen «Klimanotstand» ausriefen, als sich die «Klimajugend» formierte und im Jahr darauf bei den nationalen Wahlen, die als «Klimawahl» bezeichnet wurden, die Grünen triumphierten, ist die Diskussion in diesem heissen Sommer 2026 primär eine praktische: Selbst auf neuen Plakaten der Grünen geht es nicht um den Klimawandel, sondern um ambulante Hitzetipps wie «regelmässig Wasser trinken».Vor allem aber überbieten sich die Gemeinden im Land in einem föderalen Sonnenschutzwettbewerb. Es gibt fast nichts, was nicht versucht würde.1. Strassen aus Cashewnuss-Schalen in KönizIllustration Dario Veréb / NZZDie Waldeggstrasse in Köniz ist nicht mehr nur eine Strasse, sondern ein Forschungsprojekt des Bundesamts für Strassen. Im vergangenen Jahr wurde sie aufgerissen, um neu mit «kühlen Strassenbelägen» ausgestattet zu werden, die auch noch lärmmindernd seien: auf einem Teilstück mit hellem Granusil-Gestein aus Frankreich, auf einem anderen mit Volken-Gestein aus der Schweiz. Der Vergleichsbelag war konventioneller, dunkler Asphalt.Die Idee dahinter: Hellere Beläge reflektieren die Sonnenstrahlen besser als dunklere und erhitzen sich deshalb weniger stark. Tatsächlich melden die Behörden: Die Strassenabschnitte mit hellem Asphalt waren in den Testmonaten Juni und Juli des vergangenen Jahres um 4 bis 5,5 Grad kühler als die Strassenabschnitte mit dunklem Asphalt.Die Gemeinde Köniz berichtet stolz von ihrer «Vorreiterrolle» in Fragen des Mikroklimas und zieht eine «positive Bilanz». Bereits testet sie weiter: Der herkömmliche Asphalt besteht aus einem Gemisch, das auf Erdöl basiert. In Köniz besteht ein Strassenabschnitt aus einem umweltverträglicheren Gemisch, das auf Cashewnuss-Schalen basiert. Wie fruchtbar dieses Forschungsprojekt ist? Die Ergebnisse stehen noch aus.2. Sprühnebelwolken in LuzernIllustration Dario Veréb / NZZEine überaus beliebte Form der unkomplizierten Unterwegs-Abkühlung sind Sprühnebelwolken. Der Wasserverbrauch hält sich in Grenzen, was besonders in den Städten ein wichtiges Kriterium ist – doch ihre Aufgabe erfüllen die Nebler tadellos. Sie sind sogar zu kleinen Tourismusattraktionen mutiert (da sehr instagramable). Für die Marketingabteilungen dienen die Wolken zudem als Werbeinstrumente. Die Stadt Zürich nannte die Anlagen gar nicht einmal unprätentiös «Alto Zürrus». Sie seien eine «Spielart der Zirrus- oder Federwolke», die auch die «Geschichte einer Erfindung» erzähle. Die Stadt, immer als «Ideenlabor» gedacht.Es geht sprachlich auch weniger wolkig. In Basel-Stadt heisst es, dass die Nebler mehr Abkühlung bringen sollen. Die SP und die Juso aus Luzern wollen nun aus ganz funktionalen Gründen ebenfalls Sprühnebler – «als ergänzende Massnahme (. . .) zur Hitzeminderung».Mit einer solchen Anlage angeben dürfte wohl sowieso nur Yverdon. Für die Expo 02 baute das New Yorker Architektenduo Elizabeth Diller und Richard Scofidio eine künstliche begehbare Wolke. Selbst die Stadt Zürich nennt sie die «Wolke aller Wolken». Auf «Alto Zürrus» trifft das nicht zu. Der Pilotversuch wurde nach zwei Sommersaisons nicht mehr weitergeführt, obschon er ein «träumerisches Element» verkörperte, wie die Stadt Zürich bilanzierte.3. Mobile Bäume in SolothurnIllustration Dario Veréb / NZZDie Ahornbäume, die auf dem Klosterplatz in Solothurn stehen, sind Hightech-Bäume. Sie sind mobil und stehen in riesigen Trögen mit integriertem 800-Liter-Tank. Wasserstand und Temperatur können über eine App kontrolliert werden. Die Bäume bekämen immer genug, aber nie zu viel Wasser – so verspricht es der Hersteller, eine Baumschule, die die mobilen Bäume bereits an diverse Standorte in der Schweiz geliefert hat. Die mobilen Bäume bestünden aus «smarter Technik» und «modernem Design».In einem Forschungsprojekt namens «Mobile Urban Green», das der Bund unterstützt, hat die Berner Fachhochschule die Effekte von mobilen Bäumen untersucht. Der Hochschulprofessor Stefan Jack zeigte sich bei Radio SRF beeindruckt von der «enormen Kühlleistung der Bäume». Während eines heissen Sommertages reduziere sich die gefühlte Temperatur um 13 bis 19 Grad.So funktionieren die mobilen Bäume aus Solothurn als eine Art botanische Klimaanlage.4. Klimarefugien in ZürichIllustration Dario Veréb / NZZBarcelona reagiert aufgrund unzähliger «höllischer Nächte» (und natürlich auch Tage) rigoros auf die Hitze. Mit Hunderten «Klimarefugien» wird dem drohenden Hitzetod vorgebeugt. Öffentliche Räume dürfen zum Abkühlen genutzt werden, etwa Geschäfte oder medizinische Zentren. Das Problem: Teilweise wissen die Betreiber noch nichts davon.Das könnte in der Schweiz nicht passieren. Da gibt es zwar nicht so viele, dafür zuverlässig ausgeschilderte Abkühlungsmöglichkeiten. In Zürich gibt es neu sogar eine Karte, die genau angibt, wo sich diese befinden – und wie weit sie entfernt sind. Besonders beliebt sind in Schweizer Städten die Innenräume von Kirchen. Oft wird sogar die Krypta zugänglich gemacht. Immerhin wird den Gotteshäusern so wieder ein wenig mehr Leben eingehaucht.5. Hitzebuddies in BernIllustration Dario Veréb / NZZBesonders viel Rücksicht nehmen Gemeinden und Kantone in diesen Tagen auf ältere Leute. In Bern gibt es, typisch Schweiz, ein Pilotprojekt. Es trägt den neudeutschen Namen «Hitzebuddy». Ein Buddy ist eine «ehrenamtliche Bezugsperson», die sich um gefährdete Menschen kümmert, beispielsweise ältere Personen (aber auch Kranke oder Isolierte). Die Buddies telefonieren oder besuchen die Leute, sie informieren sie («Checkliste»), und im Notfall rufen sie den Pflege- oder Rettungsdienst. Allerdings erst im nächsten Jahr. In diesem Sommer werden die Freiwilligen erst «eingeladen, informiert, geschult».Konkreter geht es Luzern an: Die Stadt informiert ihre 7700 Einwohnerinnen und Einwohner, die über 75 Jahre alt sind und nicht in einer Institution wohnen, darüber, dass sie, wenn sie wollen, ab dem dritten Hitzetag einmal täglich einen Anruf des Schweizerischen Roten Kreuzes erhalten können. Alle offenen Fragen können dann geklärt werden. Auch Altersheime werden kreativ. Sie bieten: Aromatherapien mit feuchten Tüchern, Fussbäder, Gespräche (anstatt Turnen), Wassermelonen. Klimageräte sind noch nicht überall Standard. Sie wären sicher auch keine schlechten Hitzebuddies.6. Grüne statt graue Fassaden in KriensIllustration Dario Veréb / NZZIn Kriens hat man realisiert, dass Farben «tief in unseren Köpfen» verankert sind. Industriebauten würden deshalb oft in Grau gedacht. Das müsse jedoch nicht so sein, darum gibt es für Agglomerationen des Kantons Luzern eine «Handlungshilfe zur Anpassung an den Klimawandel für Gemeinden» – mit dem Fokus «Themenkomplex Hitze», fast hundert Seiten lang und unterstützt vom Bundesamt für Umwelt. In dem Papier heisst es: «Begrünte Fassaden sind in der Lage, die sonst leblosen grauen Vertikalwände optisch und ökologisch zu beleben.»Was teuer und aufwendig scheine, bringe Vorteile «auf ökologischer wie auch auf gesellschaftlicher Ebene». Das Problem: Dächer würden zwar zunehmend begrünt, aber die Fassaden blieben die «grössten ungenutzten Restflächen im urbanen Raum». Fachplaner und Architektinnen müssten aber erst lernen, «das vertikale Grün auf selbstverständliche Weise in die Planung zu integrieren».7. Kürzer duschen in EgliswilIllustration Dario Veréb / NZZUm die Hitze zu bewältigen, wurden vereinzelt auch Verbote verhängt: In den Kantonen Baselland und Solothurn ist das Baden in mehreren Flüssen (zumindest an publikumsreichen Stellen) verboten – im Baselbiet für «Mensch und Tier». Der Grund sind schwitzende Fische. Oder wie es die Gesundheitsdirektion ausdrückt: «Aufgrund der begrenzten Rückzugsmöglichkeiten kommt es bei den Fischen zu Dichtestress.»Sonst bleibt es aber bei Aufrufen und Ratschlägen. Das Bundesamt für Gesundheit schreibt: «Trinken Sie regelmässig (mindestens 1,5 Liter pro Tag)», «Konsumieren Sie wasserreiches Obst und Gemüse». Ebenfalls zentral: «Nehmen Sie kühle Duschen oder Bäder.»Allerdings leidet die Schweiz nicht nur unter zu viel Hitze, sondern auch unter zu wenig Wasser. Zumal mehrere kommunale Wasserversorger melden, ihre Anlagen würden «auf Hochtouren» laufen, es werde doppelt so viel Trinkwasser verbraucht wie üblich. Gemeinderäte reagieren mit Appellen an die Bevölkerung, exemplarisch minuziös etwa Egliswil im Kanton Aargau: Der Rasen und die Hecke im Garten sollen nicht mit Trinkwasser bewässert werden, generell sei, wo immer möglich, Regenwasser zu nutzen. Autos sollen ungewaschen bleiben. Und auch im Haushalt fordert der Gemeinderat von Egliswil zum Wassersparen auf: «insbesondere durch kürzeres Duschen».Häufiger duschen als normal, um die Hitze zu bewältigen – und kürzer duschen als normal, um die Trockenheit zu bewältigen: Das ist die widersprüchliche Realität in diesem Sommer 2026, die auch im Hitzelabor Schweiz noch nicht aufgelöst werden konnte.Passend zum Artikel
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