Die Schweiz hat eine weitere Hitzewoche hinter sich. Wie ist es den Menschen auf Baustellen, Bauernhöfen, in Büros und Bergdörfern ergangen? Wie ist die Lage bei den Senioren und in den Klassenzimmern? Momentaufnahmen aus einem schwitzenden Land.NZZ-Redaktion15.08.2026, 05.30 Uhr25 LeseminutenMeikirch, 15 Uhr 30, 32 Grad: Die Leiden des BauersZermatt, 8 Uhr, 10 Grad: Das Schwitzen der Top-DestinationBrig-Glis, 10 Uhr, 24 Grad: Betreuung am HitzetelefonEllikon am Rhein, 9 Uhr, 24 Grad: Das Warten der FährleuteSchaffhausen, 12 Uhr, 29 Grad: Die Sorgen der KraftwerkeOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Bauer Daniel Etter geht durch ein Maisfeld bei Meikirch im Kanton Bern. Die Pflanzen entwickeln sich auf den trockenen Böden schlechter als unter normalen Bedingungen.Meikirch, 15 Uhr 30, 32 Grad: Die Leiden des BauersDie Maispflanzen reichen Daniel Etter nur bis zur Brust. Wären sie so gross wie letztes Jahr, Etter würde im Feld verschwinden. Er hält einen Maiskolben in der Hand, der kürzer ist als sein Zeigefinger. «Das ist nichts», sagt Etter und wirft den Mini-Kolben ins Feld zurück. Und dann sagt er: «Es ist eine Katastrophe.»Daniel Etter und sein Bruder Christoph besitzen 48 Hektaren Land in Meikirch, einem Dorf zwischen Bern und Aarberg. Es ist eine ländliche Gegend, «im Grünen» hätte man früher gesagt. Heute müsste man sagen: im Grünlichen, Angebräunten.Die Sonne scheint an diesem Nachmittag eher trüb, trotzdem ist es 32 Grad heiss. Etter führt durch den Hof. Auf der Wiese nur verdorrtes Gras. Die 28 Kühe sind in den Stall geflüchtet, wo es grosse kreisrunde Lüfter und ausreichend Futter gibt. Am wohlsten fühlten sich die Rinder bei 20 Grad, sagt Etter. In der Hitze sind sie gestresst: Sie geben weniger Milch, kalben nicht.Wegen der hohen Temperaturen bleiben Daniel Etters Kühe tagsüber meist im Stall, wo grosse Ventilatoren für Kühlung sorgen.Daniel Etter lädt zugekauftes Heu ab. Da auch viele andere Betriebe unter Futtermangel leiden, muss er Heu von weiter entfernten Produzenten zukaufen.Die Etters geben den Kühen Heu zu essen – Heu, das erst für die Zeit ab November vorgesehen wäre. «Die Wintervorräte schon im August zu verfüttern, das habe ich noch nie erlebt», sagt Etter. Um die Tiere bis zum Frühling durchzubringen, müssen die Etters Futter aus Deutschland importieren. Eine Wagenladung kostet 10 000 Franken.Im Stall hängt eine Liste mit den Namen der Kühe: Alaska, Oranjemund, Stormy. Zwei Namen wurden in den letzten beiden Wochen von der Liste gestrichen. Ganz vorne im Stall steht Nirvana. Sie ist braun-weiss gefleckt, 14,5 Jahre alt und Daniel Etters Lieblingskuh. Es ist die dritte Kuh seit Ende Juli, die er aus Spargründen bald schlachten muss.Etter tritt aus dem gekühlten Stall heraus, sofort wird es heiss. Rund um den Hof stehen Birnbäume. Ihre Früchte liegen bräunlich und verschrumpelt auf dem Boden, als wäre es Herbst.Ausser mit der Milchwirtschaft verdienen Daniel und Christoph Etter ihr Geld mit Kartoffeln, Zuckerrüben und Getreide. Die Anbauflächen liegen wenige Minuten Fahrt vom Hof entfernt. «Man redet gegenüber den Touristen von der saftigen Graslandschaft der Schweiz», sagt Etter mit Blick aus dem Autofenster. «Hier glaubt man sich eher in der Steppe.»Wegen der anhaltenden Hitze und Trockenheit wächst auf den Wiesen von Meikirch kaum noch Futter für die Kühe.Die Trockenheit trifft die Bauern von Meikirch hart. Das Dorf liegt am Südhang des Frienisberg mit viel Sonneneinstrahlung. Es gibt zu wenig Grundwasser, um die Felder zu bewässern. Und der Boden ist sandig, schwach humushaltig, anfällig für Trockenheit. Nur hin und wieder blitzt es auf den Feldern grün auf – «Sudangras», erklärt Etter. Eine besonders hitzeresistente Hirsesorte aus Afrika, mit der die Bauern neuerdings experimentieren.Etter hält das Auto an und kniet nieder. Er gräbt fünf, sechs Kartoffeln aus. Die meisten sind viel zu klein, um sie zu Pommes frites zu verarbeiten. «Das ist nichts», sagt Etter. Die Zuckerrüben sind besser geraten, doch auf vielen von ihnen sind Löcher zu sehen. «Rübenrüssler», sagt Etter. Die von der Hitze geschwächten Pflanzen seien besonders anfällig für den Schädling.Es ist das erste Mal seit Wochen, dass Daniel Etter bei seinen Kartoffeln vorbeischaut. Der Anblick bereite ihm Angst, sagt er. Etter macht normalerweise gerne Fotos mit seinem Handy – von «schönen Rübenfeldern», blühendem Raps, grünen Wiesen. «Das ist die Freude, die man nach getaner Arbeit hat», sagt er: dass etwas wächst und gelingt. Aber diesen August? «Ich habe keine Freude mehr.»Etters Kartoffeln sind dieses Jahr deutlich kleiner als üblich.Viele Zuckerrüben weisen Frasslöcher und Schäden an der Wurzel auf. Solche Löcher können durch im Boden lebende Schädlinge wie Rübenrüssler oder Drahtwürmer entstehen.Regenarme Phasen ist Etter gewohnt, sie dauern drei oder vier Wochen. Diesen Sommer hält die Dürre seit Juni an. Gewinn wird er mit der Ernte nicht machen, finanziell werde es «brutal». Letztes Jahr gewannen er und sein Bruder etwa 50 Tonnen Kartoffeln pro Hektare. In diesem Jahr werden es nach Etters Schätzung 20 bis 25 Tonnen sein.Wie den Etters geht es vielen Bauern in der Schweiz. Das Bundesamt für Landwirtschaft schreibt auf Anfrage, die Trockenheit im Jahr 2026 gehöre «zu den schwersten Dürreperioden der letzten Jahrzehnte». Das Gras wachse vielerorts 30 Prozent weniger als im Normalfall oder sei «ganz abgestorben». Besonders betroffen seien der Jura und das westliche Mittelland. In lokalen TV-Sendern sind Bauern zu sehen, die weinend vor ihren kaputten Feldern stehen.Wie gross die Einbussen sind, kann erst im Herbst beziffert werden. Der Bauernverband schreibt: «Mit jedem Tag ohne ausreichenden Regen gehen mehr der noch stehenden Kulturen wie Kartoffeln, Zuckerrüben oder Sonnenblumen kaputt.» Laut dem Schweizer Bauernverband müssen fast alle Betriebe Winterfutter füttern. Die Zahl geschlachteter Tiere ist deutlich höher als 2025. Diesen Juli wurden 16 900 Kühe geschlachtet, letztes Jahr waren es 11 600.Einen so schlimmen Hitzesommer hat Daniel Etter laut eigenen Aussagen noch nie erlebt.Ein schlimmes Jahr könnten die Bauern überstehen, sagt Etter. Auch ein zweites halte man durch. Aber ein drittes? «Dann wird es für viele eng.» Finanziell – «und nervlich». Daniel Etter und sein Bruder haben den Hof von ihrem Vater übernommen. Sie führen den Betrieb in achter Generation. Daniels Sohn ist elf Jahre alt. Kürzlich hat er seinen Vater gefragt: Kann ich noch Bauer werden? Können wir noch Mais anbauen?«Ich wusste nicht, was ich antworten soll», sagt Daniel Etter. (boh.)Zermatt, 8 Uhr, 10 Grad: Das Schwitzen der Top-DestinationEs ist kurz nach 8 Uhr, das Thermometer zeigt 10 Grad. Der Bahnhof von Zermatt liegt auf 1605 Metern über Meer. Viele Höhenmeter weiter oben ist der Bergführer Emanuel Julen mit einem Gast auf einer Bergtour unterwegs. Immer wieder muss er die Route anpassen. Seit seiner letzten Tour hier sind ganze Schneefelder verschwunden.Statt über Schnee, der guten Halt gibt, geht Julen mit dem Gast über den nackten Fels. Das ist anstrengender und dauert länger; Emanuel Julen will trotzdem vor dem Mittag zurück im Tal sein. In diesem Jahr wird es auf dem Gletscher früh zu warm. Schneebretter, die viele Gletscherspalten bedecken, sind dann nicht mehr fest genug, um einen Menschen zu tragen. Die Unfallgefahr steigt.Und mit dem Gletscher leidet auch die Identität der Alpenhauptstadt Zermatt. Das Matterhorn sei geschlossen, hiess es in den Medien – als ob man einen Berg schliessen könne. Tatsächlich hat der wichtigste Tourenanbieter, die Zermatters, beschlossen, in diesem Sommer keine Matterhorn-Besteigungen anzubieten. Zu gefährlich. Selbständige Bergführer wie Emanuel Julen haben sich dem Entscheid angeschlossen.Das Problem sieht man bereits vom Dorf aus: Der sonst weisse Gipfel des Matterhorns ist grau. Sogar in der Nordwand sind Schnee und Eis geschmolzen. «Normalerweise schlägt man die Pickel beim Hochklettern ins Eis. Jetzt gehen sie in den Fels, was Steinschläge auslöst, die wiederum Alpinisten weiter unten treffen können», sagt der Bergführer Emanuel Julen.Die Hitze hat auch andere Berge verändert. Im Sommerskigebiet von Zermatt – dem grössten und höchsten Europas – fährt man an 365 Tagen im Jahr Ski. So lautet das Versprechen an die Gäste; es ist ein wichtiger Pfeiler im Selbstverständnis der Zermatter. Doch seit dem 1. August sind die Pisten leer: Nach der allerersten Schliessung im Sommer 2022 ist es auf dem Theodulgletscher erneut zu warm zum Skifahren.Weiter unten radelt Viktor Perren, einer von Zermatts zwei Rangern, Richtung Zmutt-Tal. Zermatt ist von steilen Felswänden umgeben. Der Permafrost hält loses Gestein zusammen, doch die Hitze setzt ihm zu. Steinschläge sind die Folge. Eben gab es einen hinten im Tal. Viktor Perren sperrt einen Wanderweg von beiden Seiten ab, blickt in den Stausee, der das Wasser von Zmuttgletscher und -bach sammelt, und ist für einen flüchtigen Augenblick froh, dass keine grossen Regenfälle angesagt sind. Der See ist bis weit oben mit Schmelzwasser gefüllt.Als Teenager fuhr der Ranger Perren mit dem Mofa die kurze Strecke zum Gornergletscher, packte die Eispickel aus und begann zu klettern. Um heute dieselbe Gletscherzunge zu erreichen, braucht er einen Tag, so weit hat sich das Eis in den vergangenen 25 Jahren zurückgezogen.Später blickt Perren auf die Mattervispa, den Talfluss. «Noch führt sie nicht allzu viel Wasser», sagt er, «aber am späteren Nachmittag wird sie tosen. Gegen vier oder fünf Uhr.» Dann wird die Sonne lange und heiss genug auf den Gletscher gebrannt haben, um viele Kubikmeter Wasser herauszuschmelzen.Unten im Dorf ist Paul-Marc Julen, Hotelier in vierter Generation und Landwirt im Nebenberuf, froh, hat er die Zimmer in all seinen Hotels bereits vor Jahren mit Klimaanlagen ausgestattet. Damals lachte man in Zermatt noch über den Luxus. Nun sitzt Julen in Jackett und kurzer Hose in der Lobby eines seiner Hotels. Das Schwinden der Gletscher zu sehen, tue ihm weh, sagt er. Aber: «Die Natur erholt sich immer. Wenn die Gletscher weg sind, entstehen auf den frei gewordenen Flächen neue Erholungsgebiete.»Als Julen neulich beim Heuen mit seinem Vater sprach, sagte dieser: «Wenn ich in die Zukunft blicke, sehe ich für uns Chancen.»Der Anteil an Übernachtungsgästen, die fürs Sommerskifahren nach Zermatt kommen, liegt laut Zermatt Tourismus unter 15 Prozent. Die meisten wollen wandern, klettern und biken. Oder einfach abkühlen, «Coolcation» nennt das der Hotelier. Und so ist die Sommerhitze in der Schweiz für Zermatt auch ein Segen. Die Tourismusorganisation schreibt: «Die Zahlen und Prognosen lassen auf eine äusserst erfolgreiche Sommersaison schliessen.»Noch stört die Hitze in Zermatt also nicht in der Buchhaltung. Aber sie stört die Selbstwahrnehmung. «Bei uns ist es wild und steil und kalt», sagt der Bergführer Julen. Und der Hotelier Julen sagt: «Zermatt ist für mich weiss.» Die durchschnittliche Maximaltemperatur von Zermatt liegt im August bei 19,6 Grad. An diesem Augusttag aber zeigt das Thermometer bereits um 14 Uhr 25 Grad. (nad.)Brig-Glis, 10 Uhr, 24 Grad: Betreuung am HitzetelefonFrage: Guten Morgen, heute ist es wieder sehr heiss, nicht wahr?Antwort: Furchtbar, diese Hitze.Frage: Wie geht es Ihnen? Trinken Sie genug?Antwort: Ich habe einen Krug Tee gemacht und in den Kühlschrank gestellt. Wasser ist mir verleidet.Frage: Am besten trinken Sie bereits zum Kaffee am Morgen ein Glas Wasser. Und stellen Sie sich einen Wecker, der Sie stündlich daran erinnert, zu trinken. Sie wissen, 1,5 Liter pro Tag.Regula Jenzer Bürcher.Regula Jenzer Bürcher ist Projektverantwortliche beim Hitzetelefon in Brig-Glis: «Im Frühling hat die Gemeinde alle über 75-Jährigen, die selbständig wohnen, kontaktiert. Dafür wurden 1697 Briefe verschickt. 48 Personen haben sich daraufhin für das Hitzetelefon angemeldet. Sobald der Kanton eine Hitzewarnung erlässt, rufen wir von der Nachbarschaftshilfe die Teilnehmenden an und erkundigen uns nach ihrem Befinden. Jeder von uns Helferinnen und Helfern hat zehn bis zwölf Personen auf der Liste.»Frage: Haben Sie Ihre Wohnung heute früh gelüftet? Sind die Fensterläden nun zu?Antwort: Es hat nichts genützt. Aber die Klimaanlage mag ich nicht einschalten, dann wird es immer so kalt.Frage: Könnten Sie Ihren Sohn anrufen, damit er vorbeikommt und die Anlage auf angenehme 23, 24 Grad einstellt?«Unsere Gespräche können vier, fünf Minuten dauern. Oder eine halbe Stunde. Manche reden über Gott und die Welt, erzählen von ihren Schmerzen, von nervigen Nachbarn, von Alltagssorgen. Manche halten es kurz und pragmatisch.Andere Städte kennen das Hitzetelefon schon länger. Bei uns läuft jetzt die Pilotphase bis im September. Das Echo ist sehr positiv. Die älteren Menschen sind dankbar. Dafür, dass sich jemand kümmert. Nach ihnen fragt. Wir spüren auch: Einsamkeit im Alter ist ein grosses Thema.»Frage: Sind Sie leicht gekleidet? Sie tragen kein Jäggli in der Wohnung, gell?Antwort: Ja, aber die Hitze ist langsam anstrengend. Ich mag nicht mehr.Frage: Das verstehe ich. Sie könnten sich ein nasses Frotteetuch über den Nacken legen. Es ist wichtig, den Körper kühl zu halten.Antwort: Das ist eine gute Idee. Aber hoffentlich kommt bald der Regen.«Wir sind eine Gruppe von Freiwilligen der Genossenschaft Kiss Region Belalp-Simplon. Als wir im Mai das Mandat von der Gemeinde übernommen haben, wussten wir noch nicht, dass uns ein solcher Ausnahmesommer bevorsteht. Der Start in dieses Projekt war eine Schulung: Auf welche Anzeichen müssen wir achten? Wann muss ich die Ambulanz anrufen? Wann den Notfallkontakt? Was tun, wenn eine Person nicht ans Telefon geht?Viele unserer Helferinnen und Helfer sorgten sich am Anfang wegen der Verantwortung. Was, wenn doch etwas passiert, obwohl die Person mir am Telefon sagt, es gehe ihr gut? Da konnten wir beruhigen. Wir geben Tipps, aber umsetzen müssen sie die Menschen selber.»Frage: Haben Sie heute schon etwas gegessen?Antwort: Nein, es ist zu heiss.Frage: Kaufen Sie sich eine Melone und etwas Weissbrot dazu, das gibt Energie und ist leicht. Glace ist auch gut. Aber gehen Sie am besten frühmorgens einkaufen, nicht in der Mittagshitze.«Ist es eine staatliche Aufgabe, ältere Personen während Hitzewellen zu kontaktieren? Ich glaube, dass wir durch unsere Prävention den einen oder anderen Spitaleintritt verhindern. Natürlich erreichen wir nicht alle, die ein solches Angebot nötig hätten. Wer Briefe nicht mehr öffnet oder nicht versteht, worum es geht, weiss nichts von uns.Ich bin überzeugt: Jede Gemeinde hat eine politische Verantwortung, zu ihrer Bevölkerung zu schauen. Es gibt doch diese Aussage: Der Zustand einer Gesellschaft lässt sich daran ablesen, wie sie mit ihren vulnerablen Mitgliedern umgeht.»Frage: Brauchen Sie weitere Unterstützung?Antwort: Nein, alles in Ordnung, vielen Dank.Frage: Dann rufen wir morgen wieder an. Oder lieber übermorgen? (lip.)Im Rhein bei Ellikon am Rhein fliesst im Moment weniger als ein Drittel der üblichen Wassermenge.Ellikon am Rhein, 9 Uhr, 24 Grad: Das Warten der FährleuteDer Satz beschwört ein biblisches Bild herauf: Weil die Fähre in Ellikon am Rhein nicht mehr fahre, berichtete die Lokalpresse kürzlich, würden Menschen den Fluss zu Fuss überqueren, um auf die deutsche Seite zu gelangen.9 Uhr morgens in Ellikon, einem kleinen Dorf im Zürcher Weinland. Die Fährleute Ruedi Fehr, Walter Nägeli und Denise Vontobel sitzen in ihrem Boot, das am Ufer dümpelt. Noch ist das Wasser mit 28 Grad deutlich wärmer als die Luft. Wobei auf diese Temperaturangabe kein Verlass ist. Der Rhein steht so tief, dass er nicht mehr alle Messfühler erreicht.Eigentlich wäre der Fährbetrieb in vorbildlichem Zustand. Das Boot wurde erst kürzlich überholt, das 168 Meter lange Drahtseil hoch über dem Fluss ist neu, im Juli vertiefte ein Bagger eine Anlegestelle und räumte Steine im Uferbereich weg. Trotzdem: Vergangene Woche haben die zehn nebenamtlichen Fährleute beschlossen, den Betrieb einzustellen.Walter Nägeli, Ruedi Fehr und Denise Vontobel (von links) sind drei von zehn Fährleuten, die die Rheinfähre Ellikon nebenamtlich betreiben. Ob sie dieses Jahr wieder übersetzen kann, ist ungewiss.Der Fluss hat seinen vertrauten Rhythmus verloren. Walter Nägeli, 72, erzählt von einer Faustregel unter Fährleuten: Von März bis zum längsten Tag im Juni steigt der Rhein, gespeist von der Schneeschmelze; danach sinkt er wieder ab. Doch dieses Jahr blieb die Frühlingsflut aus, das Wasser wurde immer weniger.«Ich glaube nicht, dass wir heuer nochmals fahren können», sagt Ruedi Fehr, 40. Dafür müsste sich zunächst der Bodensee wieder füllen, dessen Wasserstand ebenfalls historisch tief liegt. Denise Vontobel, 35, hofft, man könne den Betrieb im Oktober vielleicht wieder aufnehmen, «falls es im Herbst sehr viel regnet».Was in Ellikon am Rhein passiert, ist Ausdruck für den Zustand im ganzen Land. Der Sommer 2026 legt unzählige Schiffe still. Allein im Rheinsystem: Auf dem Bodensee können Freizeitkapitäne nicht auslaufen, weil ihr Boot im Hafen auf dem Trockenen liegt. Zwischen Stein am Rhein und Diessenhofen fallen Kursschiffe aus, weil die Fahrrinne nicht tief genug ist. In Basel werden Frachten von Lastschiffen auf Lastwagen verlagert. Weiter rheinabwärts, in Deutschland, befürchtet man, der Fluss werde bald nicht mehr durchgehend befahrbar sein; ein Katastrophenszenario für die Schifffahrt.In Ellikon ist der Ausfall der Fähre vor allem enttäuschend: Für den Fährverein, weil Einnahmen fehlen. Für die Wanderer, die grosse Umwege machen müssen, um über den Rhein zu kommen. Und für die Schwimmer, die ihr Badetuch lieber auf der ruhigen deutschen Seite ausbreiten.Spinnweben setzen sich trotz der Einstellung des Fährbetriebs nur kurzfristig auf der Rheinfähre an. Die Mitglieder des Vereins nutzen die Zeit, um das Boot in Schuss zu halten.Der Rhein steht so tief, dass die Passagiere an der Anlegestelle Ellikon nicht mehr gefahrlos ein- und aussteigen könnten.Wenn Schiffe nicht mehr fahren, liegt das in der Regel am Wasserstand. Das Wasser ist so seicht, dass der Rumpf auf Grund zu laufen droht. Oder das Boot liegt so weit unter der Anlegestelle, dass die Passagiere nicht mehr sicher einsteigen können. In Ellikon ist beides der Fall. Aber es kommt noch ein Problem hinzu: Dem Fluss fehlt es an Kraft.Die Fähre hat keinen Motor. Sie hängt am Drahtseil und nutzt die Strömung, um von einem Ufer zum anderen zu gelangen. Die Fährleute führen zwar Stachel mit, lange Stangen, mit denen sie sich vom Grund abstossen können. Doch dafür müssen sie das Steuerruder loslassen. Je schwächer die Strömung, desto langsamer und desto schwieriger die Manöver. Das sei gefährlich, sagt Ruedi Fehr. «An den Wochenenden treiben Dutzende Gummiboote und Luftmatratzen den Rhein hinunter, denen wir kaum ausweichen können.»Die Hündin Nova gehört zu den Fährleuten auf dem Rhein.Auf Tafeln, Zetteln und in den Lokalmedien wurde über die Einstellung des Fährbetriebs informiert. Trotzdem stehen immer wieder enttäuschte Wanderer an den Anlegestellen.An diesem Mittwochmorgen ist es ruhig. Der Rhein steht tiefer als sonst, seine Kiesbänke am Ufer sind breiter; doch dazwischen fliesst er noch immer grün und träge. Was also ist mit jenen Menschen, die angeblich zu Fuss von der Schweiz nach Deutschland waten?Die drei Fährleute schauen sich an. Das sei nicht möglich, sagen sie. Hinüberschwimmen könne man derzeit zwar leicht und dabei mit den Zehenspitzen immer wieder einmal den Grund berühren. Doch auf der deutschen Seite sei das Wasser so tief, dass es mindestens bis zum Hals stehe.Wie das Gerücht entstanden ist, können sich die Fährleute nicht erklären. Vielleicht waren die Menschen, die man in Ellikon am Rhein übers Wasser gehen sah, nur eine Phantasie; die flirrende Fata Morgana eines allzu heissen Sommers. (bak.)Schaffhausen, 12 Uhr, 29 Grad: Die Sorgen der KraftwerkeBei Schaffhausen, etwa acht Kilometer nördlich von Ellikon, stürzt sich der Rhein aus 23 Metern Höhe über die Rheinfallfelsen. Über eine Million Menschen besuchen den Wasserfall jedes Jahr.Doch von der Macht der Fluten ist in diesen Tagen wenig zu sehen. Normalerweise führt der Fluss um diese Jahreszeit etwa 450 bis 500 Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Jetzt ist es weniger als ein Drittel davon.Das hat auch Folgen für die Stromproduktion im etwas weiter flussaufwärts gelegenen Kraftwerk Schaffhausen. Es ist das erste von rund zwanzig Rheinkraftwerken zwischen dem Bodensee und der Nordsee. «Unser Kraftwerk läuft mit 500 Kubikmetern pro Sekunde am effizientesten», sagt Nadine Baumgartner von der Betreiberin SH Power. «Aber dieses Jahr ist der Abfluss so stark zurückgegangen, dass wir sogar eine unserer beiden Turbinen abgestellt haben. Dazu kam es im Sommer noch nie.»Die Situation ist nicht erst seit den letzten Wochen angespannt. Schon von April bis Juni sei die Produktion 18 Prozent unter dem Mittelwert der letzten zehn Jahre gelegen, sagt Nadine Baumgartner. «Im Juli war das Minus noch grösser, und auch für den August sieht es nicht gut aus.»Auch für das Kernkraftwerk Beznau im Kanton Aargau wird die Hitze zum Problem. Es reguliert seine Betriebstemperatur nicht über einen Kühlturm, sondern mit Wasser aus der Aare. Ist es im Fluss über 25 Grad warm, muss Beznau seinen Betrieb zuerst zurückfahren und schliesslich ganz einstellen. Nicht weil das Kraftwerk gefährdet wäre, sondern zum Schutz der Fische.Die Schwelle ist seit Ende Juni immer wieder erreicht worden. In der Folge war Beznau an den meisten Tagen entweder ganz abgestellt, oder nur Block II war am Netz, mit reduzierter Leistung. Seit Ende Juli sind beide Blöcke heruntergefahren.Drohen Versorgungslücken oder ist die Netzstabilität oder gar die nukleare Sicherheit gefährdet, bleibt Beznau allerdings auch bei hohen Wassertemperaturen in Betrieb. Genau das passierte im Juli 2022 mitten in der europäischen Energiekrise: Damals lief das Kernkraftwerk trotz Temperaturen über 25 Grad auf reduziertem Niveau weiter, um die Stromversorgung zu gewährleisten. Im Extremfall würde also keine Rücksicht genommen auf Barben, Äschen oder Bachforellen in der Aare. (zge.)Basel, 14 Uhr, 32 Grad: Die Klagen der LehrerinVielleicht ist das Tempo an diesem Mittwoch etwas tiefer als gewohnt beim Fussballspiel, dem Highlight während der grossen Pause in der Primarschule Lysbüchel in Basel, denn die Sonne drückt schon nach 10 Uhr voll durch, über dem Hartplatz flimmert die Luft. Das Thermometer zeigt fast 30 Grad an.Christine Staehelin, die Lehrerin, staunt über ihre Klasse. Ihre Schüler gähnten ein bisschen mehr, bewegten sich leicht langsamer, aber da sei kein Geklöne, keine Reklamation. «Tapfer» sei das richtige Wort, sagt Staehelin, denn auch im Klassenzimmer ist es bereits 27,8 Grad warm. Aber nur weil die Schüler die Realität «ertragen» – und als Primarschüler noch «keine Rebellion anzetteln» –, gebe es keine Entwarnung. Staehelin sagt: «Wir leiden vor uns hin.»Staehelin, seit 39 Jahren Lehrerin, stört sich weniger an der Hitze, sie ist vielmehr enttäuscht von der Politik, die nicht einmal «zu erkennen scheint», dass die Bedingungen für einen lernförderlichen Unterricht nicht mehr gegeben seien. Staehelin hat nicht erwartet, dass über die Sommerferien in jedem Schulhaus perfekt funktionierende Klimaanlagen installiert werden. Aber wenigstens ein paar verständnisvolle Worte und ein paar sinnvolle Massnahmen des Erziehungsdepartements: Das hätte schon sein dürfen.Das ist im Kanton Basel-Stadt, der zurzeit öfter unter dem Namen «Hitzeloch» firmiert, durchaus Mehrheitsmeinung. Politiker von links bis rechts echauffieren sich über die Tatenlosigkeit der Regierung.Die Plakatkampagne, dass man genug trinken solle: Das wird als Hohn verstanden. Auch Staehelin lässt durchblicken, dass sie von den Tipps wenig begeistert ist. Kühle Räume aufsuchen? «Im Keller sind Werk-, keine Schulräume. Und da sollen vierzehn Klassen hin?» Kleine Gruppen bilden, die sich im Schulhaus verteilen? «Wir haben eine Aufsichtspflicht!» Und dass die Kinder genügend Salz zu sich nähmen, sei nun wirklich nicht die Aufgabe der Lehrerinnen.Also wird weiter im Klassenzimmer geschwitzt. Auch an diesem Nachmittag, bei mittlerweile fast 32 Grad. Nur 30 Prozent Luftfeuchtigkeit. Und viel zu viel CO2 in der Luft. Jean-Michel Héritier, Präsident der Basler Lehrergewerkschaft, sagte in der «Basler Zeitung», ab 26 Grad könne man nicht mehr sinnvoll unterrichten, sondern die Kinder nur noch «pädagogisch gut» betreuen.Dafür sorgen die Lehrerinnen. Den Turnunterricht an diesem Nachmittag in der Turnhalle sagt Staehelin ab, «denn dort ist es nochmals deutlich wärmer als im Klassenzimmer». Dafür gibt es Kartenspiele. Nicht ganz so lässig. Aus anderen Schulen werden Rundbriefe an die Eltern verschickt, in denen steht, dass die Kinder Ersatzkleider mitbringen sollten, damit sie durch Rasensprenger springen könnten. Oder dass man am Donnerstag in die Badi gehe. Erscheinen soll man stets eingecremt – und mit Sonnenhut.Schwimmen oder in den Wald gehen: Das könne man schon machen, sagt Staehelin, aber nur als «Notfallszenario»: «Wir sind in erster Linie eine Bildungsinstitution, keine Leidensgemeinschaft. Am Ende trifft es die Schüler am meisten, nicht nur aufgrund der gesundheitlichen Herausforderungen, sondern auch, weil die Unterrichtsqualität sinkt.» Ändern kann Staehelin nichts. Sie gibt einfach weiter Unterricht. Hitzefrei wurde in Basel-Stadt im Jahr 2003 abgeschafft. (sb.)Bern, 16 Uhr 30, 32 Grad: Gespräch mit der WissenschafterinProfessorin Karin Ingold ist gerade aus ihren Ferien in den Bergen zurück. An der Universität Bern arbeitet sie am Institut für Politikwissenschaft und untersucht, wie Umweltereignisse die Politik beeinflussen. Anders als in den Bergen herrscht in Bern an diesem Dienstagnachmittag eine drückende Hitze. Die Trockenheit im Flachland erinnert Ingold an die Winnetou-Filme und die Prärie.Frage: Karin Ingold, wie schätzen Sie die derzeitige Hitze in der Schweiz ein?Antwort: Das Spezielle an diesem Sommer ist, dass mehrere extreme Klima- und Wetterereignisse gleichzeitig auftreten. Wir haben nicht nur eine Hitzewelle, sondern auch eine Trockenheit und in anderen Gebieten Europas Waldbrände. Die Wissenschaft zeigt: Solche kumulierten Wetterereignisse nehmen mit dem Klimawandel zu.Frage: Wird die Hitzewelle zu Veränderungen wie neuen Gesetzen oder Regulierungen führen?Antwort: Das kommt darauf an, wie der Hitzesommer politisch verwertet wird. In der Politikwissenschaft sagt man, dass sich nach solchen Ereignissen ein «window of opportunity» öffnen könne. Das sind kurze Möglichkeitsfenster, in denen Probleme plötzlich eine öffentliche und politische Aufmerksamkeit finden. Ein Ereignis allein führt aber selten zu einer sofortigen Veränderung.Frage: Viele Menschen leiden unter der Hitze. Jetzt wäre ein politischer Vorstoss doch ideal.Antwort: Es ist ein Ausgangspunkt. Langfristige Veränderungen brauchen aber Zeit. Wir haben sämtliche Hochwasserereignisse seit der Gründung des Schweizer Bundesstaates untersucht. Nur drei Fluten, die mehrere Kantone auf zerstörerische Weise betrafen, führten zu direkten politischen Veränderungen. Das heisst aber nicht, dass die anderen Flutkatastrophen politisch nicht verwertet wurden. Sie haben für das Thema sensibilisiert und etwa dem Hochwasserschutz zu den nötigen Mehrheiten verholfen. Beim nächsten oder übernächsten Ereignis der gleichen Art konnten diese Veränderungen dann umgesetzt werden.Frage: Muss man also einfach abwarten?Antwort: Entscheidend ist, wie die Zeit zwischen den extremen Umweltereignissen genutzt wird. Anders als Waldbrände oder Flutkatastrophen ist die Hitze weitgehend unsichtbar, vor allem in urbanen Gebieten. Die Leidtragenden von Hitzewellen wie kranke, gebrechliche und ältere Menschen sieht man oft nicht. Man könnte also stärker darauf aufmerksam machen, wer alles von der Hitze betroffen ist. Ein Umweltereignis verändert die Politik langfristig, wenn daraus gemeinsame Betroffenheit und Solidarität entstehen.Frage: Haben Sie ein Beispiel?Antwort: Ein positives Beispiel findet sich in der Solidarität zwischen Oberlieger- und Unterliegerkantonen beim Gewässerschutz. Also den Kantonen, die an einem Gewässer weiter oben und weiter unten liegen. Indem sich die Unterliegerkantone finanziell an den Hochwasserschutzmassnahmen der Oberliegerkantone beteiligen, profitieren beide Seiten.Frage: Sie plädieren also für Kooperation. Es gibt aber auch die Konfrontation. Greta Thunberg sagte beim Uno-Klimagipfel 2019 zur älteren Generation: «You have stolen my dreams and my childhood.»Antwort: Die Bewegung Fridays for Future hat das Thema Nachhaltigkeit ins Bewusstsein gerückt. Dann kamen andere Themen: Covid, die Ukraine, die Kriege im Nahen Osten. Dass es Themenkonjunkturen gibt, ist normal. Die Frage ist: Hat die Bewegung genügend Vorarbeit geleistet, um beim nächsten Ereignis eine Mehrheit für politische Veränderungen zu schaffen? Neue Zahlen zeigen, dass jüngere Altersgruppen am meisten fliegen. Sie müssten also selbst darauf achten, dass sie die Zukunft der nächsten Generation nicht zerstören und ihre Glaubwürdigkeit nicht verlieren.Frage: Die SVP hat den Klimawandel lange heruntergespielt. Nun trifft er eine ihrer wichtigsten Wählergruppen besonders stark: die Bauern, die Menschen auf dem Land. Droht die SVP bei den eigenen Wählern an Glaubwürdigkeit zu verlieren?Antwort: Ich denke nicht. Bei den Klimaveränderungen sind die Landwirte sowohl Täter als auch Opfer, ähnlich wie Exponenten anderer Bereiche. Die Frage wird eher sein, wie viele Investitionen in Zukunft in die Klimaanpassung und in die Vermeidung des Klimawandels fliessen. Und wie sich die SVP und alle anderen Parteien positionieren.Frage: Lisa Mazzone, die Präsidentin der Grünen, forderte jüngst, dem Bundesrat Albert Rösti das Eidgenössische Departement für Umwelt (Uvek) zu entziehen.Antwort: Ich würde das Problem nicht allein am Uvek und an dessen Vorsteher festmachen. Klimaextreme sind ein sektoren- und ebenenübergreifendes Phänomen. Alle Ämter und Bundesebenen müssen involviert werden.Frage: Sie sind Präsidentin von Proclim, einem Forum, das unter anderem die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Klimawandel in die politische Diskussion einbringt. Unter den Bundesräten Simonetta Sommaruga und Albert Rösti haben Sie Aufträge des Bundesrates ausgeführt. Hört der Bundesrat auf Sie?Antwort: Sagen wir es so: Anders als Länder wie Grossbritannien hat die Schweiz keine institutionalisierte oder systematische Politikberatung.Frage: Dennoch sitzen Sie immer wieder mit Bundesrat Rösti in einem Raum. Was raten Sie ihm?Antwort: Eine Hitzewelle muss als Gesundheitsproblem, als Wasserproblem, als Landwirtschaftsproblem, als Raumplanungsproblem begriffen werden. Es betrifft die Stadt und das Land, die Jungen und die Alten. Kommunikativ lässt sich das am besten mit einem Aktionsplan oder einer Strategie vermitteln, in die alle einbezogen sind. Alle zahlen, und alle profitieren. Einen solchen Plan könnte die Politik und die Verwaltung jetzt und für das nächste Möglichkeitsfenster vorbereiten. (ice.)Zürich Oerlikon, 14 Uhr, 33 Grad: Die Extrembedingungen auf dem BauEin Hitzetag auf der Baustelle beginnt frühmorgens. Und doch zu spät. Ab 7 Uhr darf man lärmen, so steht es in den Vorschriften der meisten Kantone. Doch die Bauarbeiter wollen in diesen Tagen so viel wie möglich in den kühleren Stunden des Tages schaffen. Auf vielen Baustellen sind die Arbeiter deshalb schon vor sieben da und bereiten vor. So auch in Zürich Oerlikon, wo das Schweizer Bauunternehmen Implenia ein Mehrfamilienhaus mit 60 Wohnungen baut. Es ist ein Projekt, wie es sie im Land zu Hunderten gibt.Sommerzeit ist Bauzeit in der Schweiz. Arbeiter verlegen an den Bahnhöfen neue Gleise, bringen Wohnbauprojekte voran, reissen Landstrassen auf. In der Ferienzeit nimmt der Verkehr ab, es gibt längere Trockenzeiten. Das ist wichtig, zum Beispiel, wenn man ein Dach decken oder eine Strasse asphaltieren muss. Auf der Baustelle in Zürich Oerlikon steht Stephan Berliat, seit sieben Jahren Leiter Ausführung bei Implenia, und klingt fast stolz, wenn er sagt: «Im Sommer sind wir produktiver.»Während die Schweizerinnen und Schweizer diesen Sommer über die Hitze klagten, im Büro, in den Schulzimmern, im öV, scheinen viele Bauarbeiter unbeeindruckt. Sie wissen, wie es ist, der Hitze ausgesetzt zu sein. Und haben gelernt, sich über Kleinigkeiten zu freuen. Über den Wind zum Beispiel, der auf der Baustelle in Oerlikon gerade bläst. Oder über die Glace, die jemand vorbeibringt.Die Hitze: Sie kommt auf dem Dach des Bauprojekts in Zürich Oerlikon von oben und von unten.«Im Sommer sind wir produktiver», sagt Stephan Berliat von Implenia.Trotzdem ist Schuften bei Temperaturen über 30 Grad gefährlich, insbesondere da, wo kaum Schatten ist, zum Beispiel im Strassenbau. Auf den Baustellen gelten mittlerweile Dutzende Schutzmassnahmen. Berliat zählt auf, was Implenia auf einer Baustelle alles bereitstellt: Sonnencrème mit Schutzfaktor 50, Nackenschutz, Stirnblende als Schutz vor UV-Strahlung. Gerade testen sie Hightech-Kleidung mit integrierten Kühlelementen. Es klingt wie eine Ausrüstung für eine Extremsportart. Und das ist die Tätigkeit auf der Baustelle an manchen Tagen auch: Arbeit bei Extrembedingungen.Stephan Berliat sagt: «Vor fünfzehn Jahren zogen wir das T-Shirt aus, wenn es heiss wurde. Manche liessen die Schuhe weg. Heute sind wir schlauer.» Seien Gesicht und Nacken der Sonne ausgesetzt, steige das Risiko, von Hautkrebs. Seit einigen Jahren ist das als Berufskrankheit anerkannt. Laut Berliat werden die Schutzmassnahmen allerdings noch nicht auf allen Baustellen eingehalten. Gerade kleinere Unternehmen, die Implenia für spezifische Arbeiten anstelle, müsse man auf die Gefahren der UV-Strahlung aufmerksam machen.Um 14 Uhr ist es auf dem Dach des Bauprojekts in Zürich Oerlikon 50 Grad heiss. Es zischt und faucht und glüht. Zwei Dachdecker schweissen mit Geräten, die aussehen wie riesige Bunsenbrenner, Abdichtungen aufs Flachdach. Die Hitze: Sie kommt auf diesem Dach von oben und von unten. Einer der Arbeiter ruft, für diese Aufgabe sei jedes Wetter eine Katastrophe. Wenn es regne, könne er gar nicht arbeiten. Aber wie er das aushält, jetzt, bei diesen Temperaturen? Er trinke fünf, sechs Liter Wasser am Tag.Hautkrebs ist in der Baubranche seit einigen Jahren als Berufskrankheit anerkannt.Er trinke fünf bis sechs Liter Wasser am Tag, sagt ein Bauarbeiter in Zürich Oerlikon.Die Hitze auf der Baustelle ist auch in der Schweizer Politik ein Thema. In Basel-Stadt ist ein Vorstoss angenommen worden, der zwischen Juni und August einen Arbeitsbeginn um 6 Uhr ermöglicht. Der Schweizer Baumeisterverband hat Ende Juli eine Petition lanciert, um die Arbeitszeiten bei extremer Hitze anzupassen.Der Verband will auch besser regeln, wer für Verzögerungen in Hitzeperioden aufkommt. Eigentlich gäbe es dafür die Schlechtwetterentschädigung. Aber wenn Arbeitskräfte wegen Hitzeperioden ausfallen, zahlt die Versicherung erst nach drei Tagen. Und abgerechnet werden können nur halbe oder ganze Tage.Die Realität auf der Baustelle ist eine andere: Niemand hört nach einem halben Tag Arbeit auf, aber es kommt vor, dass man bereits um 15 Uhr Feierabend macht. Dann, wenn die heisseste Zeit des Tages beginnt. Die Bauunternehmen müssten dann selbst schauen, dass sie nicht in Verzug gerieten, sagt Stephan Berliat. Konkret heisst das: Sie arbeiten öfter auch samstags. (obe.)Sihlwald beim Zürichsee, 9 Uhr, 22 Grad: Das Sterben der BäumeAuf einem Gehweg im Zürcher Sihlwald bewegt sich etwas, ein Frosch hüpft Richtung Laub. Fast geschafft. «Ja, du hast auch heiss und trocken», sagt Andrea Ryffel. Noch ein Sprung, und der Frosch ist unter Blättern verschwunden.Ryffel duckt sich und geht unter einem der vielen umgestürzten Bäume hindurch, die über dem Waldweg liegen. Der Sihlwald ist ein Naturwaldreservat. Mit rund 970 Hektaren ist es das grösste im Schweizer Mittelland. Der Wald wird mehrheitlich sich selbst überlassen, es werden keine Bäume gefällt und keine neuen gepflanzt. Sterbende Bäume kippen um und bleiben liegen. Nur in Ausnahmefällen greift der Mensch in die natürlichen Prozesse ein – etwa um Waldwege sicher zu halten oder wenn ein Waldbrand ausbricht.Ryffel arbeitet bei der Stiftung Wildnispark Zürich und leitet Projekte für Forschung und Naturschutz. An diesem Morgen ist es kühl im Wald. Die Pflanzen sind weitgehend grün, an einigen Stellen ist der Boden weich und feucht. Der Sihlwald gilt wegen seiner Lage und des Bodens als stabiler Standort. Doch auch hier zeigen sich die Auswirkungen des Hitzesommers. Die Waldbrandgefahr ist gross, es gilt ein Feuerverbot. Fast alle Bäche im Wald seien ausgetrocknet, sagt Ryffel. Gerade für Amphibien sei dies ein Problem. Baumkronen sind angebrannt, Blätter wirken vertrocknet. Das ist laut Ryffel ein Zeichen dafür, dass die Bäume leiden.Andrea Ryffel arbeitet beim Wildnispark Zürich, der den Naturerlebnispark Sihlwald betreibt. Der Sihlwald ist unter normalen Bedingungen ein eher feuchter Wald. Doch die anhaltende Hitze und Trockenheit setzt zunehmend auch den Bäumen hier zu.Als Naturwald wird der Sihlwald weitgehend sich selbst überlassen. Für die Forschung ist der Buchenmischwald eine wichtige Referenz, wie sich unbewirtschaftete Wälder gegenüber bewirtschafteten entwickeln.Vor zwei sterbenden Fichten bleibt Andrea Ryffel stehen. Die dünnen Stämme ragen in den Himmel. Die Äste des sonst immergrünen Nadelbaums sind nackt. Einst waren die Fichten vom Menschen ins Mittelland gebracht worden, eigentlich wachsen sie in höheren Lagen. Lange gediehen sie in der tieferen Lage gut, aber nun kommen sie mit der Hitze und der Trockenheit nicht mehr zurecht. Seit 2018 ist im Sihlwald ein Drittel aller Fichten abgestorben.Andrea Ryffel sagt, dass sich dadurch lokale Arten etablieren könnten, die besser an die Bedingungen angepasst seien. Wenn ein grosser Baum stirbt, fällt plötzlich mehr Licht auf den Waldboden. Das gibt jungen Bäumen die Chance, zu wachsen. Der Wald stirbt und erneuert sich. Ein Zyklus, der sich über Jahrhunderte erstreckt. Und doch hat sich etwas verändert.Im Sihlwald geht es nicht nur den Fichten schlecht. Auch die Buchen leiden, sie sind gegenüber Hitze und Trockenheit weniger widerstandsfähig als andere Baumarten. Die Buche ist die zweithäufigste Baumart in der Schweiz, auch im Sihlwald dominiert sie. Die Prognose der Experten der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) lautet: Bis zum Ende des Jahrhunderts werden Buchen im Schweizer Mittelland und im Jura deutlich weniger geeignete Lebensräume finden.Schweizer Wälder liefern Holz, schützen vor Steinschlägen und Lawinen, speichern Kohlenstoff, bieten Erholungsraum. Aber wie lange können sie das unter den veränderten Klimabedingungen noch tun? In den letzten Wochen häuften sich Meldungen aus der Schweiz zu Wäldern. Bilder und Videos aus dem Jura zeigen braune Bäume, wie sie sonst nur im Herbst zu sehen sind. Förster warnen, und die Medien fragen, wie es weitergehen soll. Totholz und gefallene Bäume bleiben im Naturwald weitgehend liegen und machen die natürliche Entwicklung des Waldes unmittelbar sichtbar.In den unteren Bereichen, wo es schattig ist, sind die Bäume dicht und grün. In den höheren Baumkronen zeigt sich jedoch, dass auch die Bäume im Sihlwald die Auswirkungen des Hitzesommers spüren.Die Wissenschafter von der WSL versuchen, in die Zukunft zu blicken und herauszufinden, wie die Wälder künftig aussehen könnten. Sie pflanzen an 56 Standorten in der Schweiz systematisch Baumarten an und testen sie auf ihre Zukunftstauglichkeit. Der Versuch soll mehr als fünfzig Jahre dauern. Man will Arten und genetische Varianten finden, die sowohl dem Frost im Winter als auch den veränderten Bedingungen in der Zukunft standhalten können.Der Sihlwald hingegen wird weiterhin mehr oder weniger sich selbst überlassen. Andrea Ryffel ist nicht wegen all der Veränderungen besorgt, sondern weil sie so schnell passieren.Und dann sagt sie einen Satz, der in Zeiten sich verändernder Bedingungen auch für die Menschen und das gesamte Ökosystem gilt: «Ich hoffe, dass sich der Wald schnell genug mitentwickeln kann.» (glu.)Die Autorinnen und Autoren: Hannes Boos (boh.), Nadine A. Brügger (nad.), Jacqueline Lipp (lip.), Barbara Klingbacher (bak.), Zeno Geisseler (zge.), Sebastian Briellmann (sb.), Maurice Koepfli (ice.), Elena Oberholzer (obe.), Lucia Grassi (glu.). Bilder: Dominic Nahr.Passend zum Artikel
Hitze-Report der Schweiz: Eine Reise durch ein überhitztes Land
Die Schweiz hat eine weitere Hitzewoche hinter sich. Wie ist es den Menschen auf Baustellen, Bauernhöfen, in Büros und Bergdörfern ergangen? Wie ist die Lage bei den Senioren und in den Klassenzimmern? Momentaufnahmen aus einem schwitzenden Land.







