KommentarKühler Kopf trotz Hitzesommer – die Schweiz sollte handeln, aber nicht hyperventilierenGrüne und andere versuchen, aus dem Wetter der letzten Wochen politisch Kapital zu schlagen. Wenn nur das Niveau der Vorschläge so hoch wäre wie die Temperaturen. Die optimale Lösung ist bekannt, aber unpopulär.26.08.2026, 16.52 Uhr4 LeseminutenDie Trockenheit sorgt in der Landwirtschaft für Stress: Kuhwiese in Uitikon.Andreas Becker / KeystoneAlbert Rösti, der Klimakiller. Rösti, der Brandstifter. Rösti, der Bremser, Leugner und Verweigerer. Gelegentlich musste man in den vergangenen Wochen fast meinen, der SVP-Bundesrat sei für alles verantwortlich, was hierzulande passiert. Als wäre Rösti der König der Schweiz, wenn nicht sogar der Wettermacher höchstselbst.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ja, es war ein verrückter Sommer. Wobei das Schlimmste daran ist, dass der Sommer vielleicht gar nicht so verrückt war. Dass die flirrende Hitze und die extreme Trockenheit die neue Normalität sein könnten: Damit müssen wir zumindest rechnen. Es war eine schockartige Erfahrung, die viele Fragen aufwirft, darunter auch existenzielle. Hat die Schweiz weiterhin genug Wasser? Wie schützen wir Ältere und Kranke vor den nächsten Hitzewellen? Wie kühlen wir die Innenstädte? Was sind die Folgen für den Wald? Für Gewässer, Landwirtschaft, Tiere?Je schwieriger die Fragen, desto wichtiger ein Sündenbock. Linke, grüne und andere Interessenvertreter zögerten nicht lange und ernannten Albert Rösti, den Umweltminister, zum Bösewicht. Er hat sich dies zum Teil selbst zuzuschreiben. Zu gern und zu unverblümt hat er zuhanden seiner Basis den Skeptiker gegeben, der den Klimawandel ebenso hinterfragt wie den Nutzen staatlicher Massnahmen.Rösti ist nervös gewordenDas ändert nichts daran, dass die Angriffe auf ihn jedes Mass vermissen lassen. So kreuzfalsch es ist, wenn die SVP dem SP-Bundesrat Beat Jans sämtliche Probleme der Asylpolitik in die Schuhe schieben will, so daneben liegt auch die Linke, wenn sie nun Rösti für die Folgen des Hitzesommers an den Pranger stellt.Doch die Polemik scheint ihren Zweck zu erfüllen: Am Mittwoch hat der Vielkritisierte das Thema doch noch im Bundesrat traktandieren lassen. Danach trat er vor die Medien, um einige Miniaturmassnahmen und vage Absichtserklärungen zu präsentieren, vor allem aber um sich wortreich zu rechtfertigen. Mit anderen Worten: Rösti ist nervös geworden.Er wurde in den letzten Wochen für Entscheide angegriffen, für die er nicht zuständig ist. Das gilt zumindest für jenen Fall, der mit am meisten für Aufsehen sorgte: die Kürzung der Beiträge für den Wald, die Rösti das Etikett «Brandstifter» eintrug. Dabei wurden diese Beiträge nicht etwa gestrichen, sondern lediglich wieder auf das Niveau von 2020 reduziert. Zudem war es ein Entscheid des Parlaments und nicht von Albert Rösti.Man kann das falsch finden, sollte aber bei den Fakten bleiben und die Relationen wahren. Die politischen Diskussionen darüber, was dieser Sommer bedeutet und was nicht, haben noch nicht annähernd dasselbe Niveau erreicht wie die Temperaturen der letzten Wochen. Man kann nur hoffen, dass die «Lageanalyse», die der Bundesrat im Herbst vorlegen will, die Debatte versachlichen wird.Kantone und Gemeinden sind ebenfalls gefragtEines dürfte nach diesem Sommer den meisten klar sein: Die Schweiz sollte mehr unternehmen als bisher, um die Menschen, die Umwelt und die Infrastrukturen gegen Hitze und Trockenheit zu schützen. Sollte sich die Politik beispielsweise weiterhin weigern, die Wasserversorgung klarer zu regeln, wäre dies ebenso falsch wie die Fortsetzung der städtebaulichen Unsitte, öffentliche Plätze grossflächig dunkel zuzupflastern.All das wird zu Mehrkosten führen. Auch für den Schutz gegen Hochwasser, Hangrutsche oder Waldbrände wird der Staat in Zukunft mehr machen müssen als heute. Gleichzeitig sollte man eines nicht vergessen: Obwohl die Lobbyisten aller Lager eifrig so tun, als würden Probleme nur dann ernsthaft angegangen, wenn sich der Bund darum kümmert, besteht die Schweiz als Staat noch immer aus drei Ebenen.Kantone und Gemeinden müssen ebenfalls ihren Beitrag leisten, zumal sie oft direkt in der Verantwortung stehen. Ihnen gehören grosse Teile des Waldes, sie sind zuständig für die Gesundheitsversorgung, sie führen Pflegeheime, sie betreiben Raum- und Verkehrsplanung.Eine breite Lenkungsabgabe wäre optimalNichtstun ist keine Option, ebenso falsch wäre jedoch kopfloser Aktivismus. Die Politik sollte nicht hyperventilieren: Dass der Staat die Veränderungen des Klimas mit immer noch mehr Millionen und Milliarden aus der Welt subventionieren kann, ist eine Illusion. Längst ist klar, welches das optimale Mittel wäre, um die Menschen dazu zu bringen, weniger Treibhausgase auszustossen: eine Lenkungsabgabe, die erstens möglichst umfassend in allen Bereichen vom Verkehr bis zum Heizen greift und die zweitens vollständig an die Bevölkerung und die Wirtschaft zurückverteilt wird.Ein solches System wäre ökonomisch effizient und sozial ausgewogen. Gutsituierte produzieren mit ihrem Lebenswandel höhere Emissionen als Haushalte mit knappem Budget, folglich müssten sie auch mehr bezahlen. Mit der bestehenden CO₂-Abgabe ist die Basis für ein solches System vorhanden. Doch statt dieses auszubauen, hat das Parlament das genaue Gegenteil davon getan: Die Rückverteilung wird stark geschmälert. Das ist ein Jammer.Dass die vereinigten Klientelpolitiker in Bern lieber Subventionen für wenige einführen als eine Lenkungsabgabe für alle, versteht sich von selbst. Aber auch der Bundesrat stellt sich ihnen nicht in den Weg. Wenn man Albert Rösti etwas vorwerfen kann, dann das.Passend zum Artikel