«Tote Felder», Hitzestress für Pflanzen und Kühe: Die Trockenheit belastet die Schweizer BauernIhre Kulturen verdorren, und wegen Futtermangel müssen mancherorts Kühe geschlachtet werden. In der Landwirtschaft rechnet man mit Ertragsausfällen und diskutiert über die Politik des Bauernverbandes.30.07.2026, 05.29 Uhr5 LeseminutenAuch Pflanzen plagt der «Hitzestress»: ausgedörrte Sonnenblumen in Freienstein, Kanton Zürich.Gaetan Bally / KeystoneEs kommt häufiger vor, dass die Schweizer Bauern klagen. Doch derzeit reicht oft schon ein Blick auf ihre Äcker und Weiden, um zu sehen, dass es Probleme gibt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Weil die Weideplätze «leider komplett ausgetrocknet» seien, suchen einzelne Bauern in den sozialen Netzwerken «ab sofort» neue Weideplätze für ihre Rinder. So wie man es sonst nur von Annoncen auf dem Wohnungsmarkt kennt.Überall wird von einem neuen Phänomen berichtet: Die Kühe leiden unter Hitzestress. Sie finden auf den Weiden kaum Futter und geben weniger Milch. Weil die Weiden abgegrast oder die Halme verbrannt sind, müssen Tiere verkauft oder geschlachtet werden. In den «Freiburger Nachrichten» rechnete Guillaume Kolly von der kantonalen Viehverwertungs-Genossenschaft Anfang der Woche vor: Wenn die Hitze bis August anhält, gibt es 30 Prozent mehr Schlachtvieh als im Vorjahr.Und das ist bloss eine Prognose.Die Hitze stellt die Schweizer Landwirtschaft vor vielschichtige Probleme und dürfte die Politik auch nach dem Sommer weiter beschäftigen.Auch Pflanzen leiden unter «massivem Hitzestress»Nicht alle Bauernbetriebe sind in gleichem Mass betroffen. Die Schweizer Getreideproduzenten beispielsweise sind derzeit «eigentlich zufrieden». Rahel Emmenegger vom Schweizerischen Getreideproduzentenverband sagt, in den höheren Lagen stünden zwar noch einige Getreidefelder, aber im Mittelland sei die Ernte weitgehend abgeschlossen und die Erträge sowie die Qualität würden mehrheitlich stimmen.Anders ist die Situation bei Mais-, Soja- oder Sonnenblumenkulturen, die erst im Herbst geerntet werden. Hier spricht auch Emmenegger von «massivem Hitzestress». Konkret bedeutet das: Der Mais wächst nicht weiter, und die Erträge dürften zurückgehen. Eine Prognose kann Emmenegger allerdings nicht abgeben, denn ob diese Kulturen die Trockenheit kompensieren könnten, hänge vom Wetter in den kommenden Wochen ab.Da es in der Schweiz kaum Betriebe gibt, die sich nur auf eine dieser Kulturen konzentrieren, bleibt den betroffenen Bauern die Hoffnung, dass sie Verluste andernorts abfedern können. Emmenegger sagt: «Anders als in vielen Nachbarländern bewirtschaften die meisten Schweizer Betriebe nicht nur zwei oder drei verschiedene Kulturen, sondern doppelt so viele.»«Teilweise Totalausfälle»Dramatischer scheint die Lage für die Kartoffelbauern. Niklaus Ramseyer, Präsident der Produzentenorganisation, sagt: «Ich weiss schon gar nicht mehr, die wievielte Hitzewelle wir in diesem Sommer erleben.» Normalerweise wüchsen die Kartoffeln zu dieser Jahreszeit kiloweise. Heuer aber hätten die Pflanzen, die sehr empfindlich auf Hitze und Trockenheit reagierten, schon vor Wochen aufgehört zu wachsen.Rund um seinen eigenen Hof im Bernbiet gebe es mehrere «abgestorbene Kartoffelfelder», berichtet Ramseyer. Dort werde diesen Sommer nichts mehr wachsen, selbst wenn es zu Niederschlägen komme.Wo die Bauern ihre Kulturen hätten bewässern können oder besonders resistente Sorten anbauten, sei die Situation teilweise besser. Die Bewässerung über einen derart langen Zeitraum führe allerdings zu extrem hohen Kosten. Ramseyer rechnet damit, dass die Erträge landesweit deutlich tiefer ausfallen werden als üblich. «Daneben gibt es Regionen und Felder, in denen wir teilweise mit Totalausfällen rechnen müssen, und Betriebe, die Verluste schreiben werden.»Grundsätzlich sei absehbar, dass die Kartoffeln in diesem Jahr kleiner und grösstenteils auch von geringerer Qualität seien. Problematisch ist das vor allem, weil gerade für die Chips- und Pommes-Produktion grosse Kartoffeln von hoher Qualität benötigt werden.Tröpfchenbewässerung statt SpritzerFür Werner Salzmann, SVP-Ständerat und Präsident der Gemüseproduzenten, ist klar, dass die Landwirtschaft jetzt reagieren und sich anpassen muss. Gerade unter Gemüsebauern habe sich gezeigt, dass die richtige Bewässerung entscheidend sei. «Wo Tröpfchenbewässerung genutzt werden kann, anstatt Sprinkler breitflächig laufen zu lassen, kann der Wasserverbrauch reduziert werden. Es fehlt aber an den notwendigen Wasserbecken für die Landwirtschaft.» Und genau in diesem Bereich sieht Salzmann Handlungsbedarf.In der Schweiz, so Salzmann, sei man in dieser Hinsicht viel zu wenig weit. Es fehle vielerorts an Speicherbecken für die Landwirtschaft, die das Bewässern zum richtigen Zeitpunkt ermöglichen. In Südfrankreich habe man hingegen ganze Kanäle gebaut, um die Kulturen zu bewässern. Doch der Bau und vor allem die Bewilligung derartiger Anlagen seien komplex. «Die Politik muss neben der Förderung von resistenten Sorten dafür sorgen, dass die Landwirtschaft intelligente Bewässerungssysteme nutzen kann, die sich nicht auf die Trinkwasserreserven und die Gewässer auswirken.» Schliesslich gehe es darum, die Ernährungssicherheit der Schweiz sicherzustellen.Für einige Stimmen in der Schweizer Landwirtschaft ist das offenbar nicht genug, da diese Massnahmen allein der «Abfederung der aktuellen Trockenheit» dienten. Anfang Woche lancierte ein halbes Dutzend Personen, die in der Landwirtschaft arbeiten, einen offenen Brief gegen die Politik des Schweizer Bauernverbandes. Das Schreiben ist in zweifacher Hinsicht aussergewöhnlich: hinsichtlich seiner Schärfe, dann aber auch bezüglich seiner Aufmachung und Entstehungsgeschichte.Im Brief heisst es, der Bauernverband schweige sich seit Wochen «beharrlich über diese historische Trockenheit» aus, ignoriere die «Dringlichkeit der Klimakrise» und spreche sich immer wieder gegen Klimaschutzmassnahmen aus. Die Initianten schreiben weiter: «Unser Berufsverband vertritt uns nicht mehr!» Inzwischen haben mehrere hundert Einzelpersonen unterschrieben.Die Verfasser sind telefonisch nicht erreichbar, richten per E-Mail allerdings aus, dass der Brief aus einer Initiative von Bekannten aus der Landwirtschaft entstanden und in deren Umfeld verbreitet worden sei. Weshalb man davon ausgehe, dass «insbesondere» unter den «ersten 300–400» Unterstützern vor allem Personen seien, die selbst in der Landwirtschaft tätig seien.Der Bauernverband hat inzwischen auf die Kritik reagiert und sie in einem Schreiben an die Urheber energisch zurückgewiesen. So habe sich die Landwirtschaftskammer – gewissermassen das Parlament des Verbandes – mit deutlicher Mehrheit für das CO2-Gesetz und den indirekten Gegenvorschlag zur Gletscherinitiative ausgesprochen. Zudem engagiere man sich seit Jahren dafür, die «Emissionen auf allen Stufen zu reduzieren» und die Betriebe in Bereichen wie der Energieeffizienz zu unterstützen. «Allerdings unterstützen wir nicht automatisch jede Massnahme, die unter dem Titel Klimaschutz vorgeschlagen wird.»Weiter drückt der Verband sein «Befremden» über das Vorgehen der Initianten aus. Die Mitglieder könnten sich jederzeit an den Verband wenden, allerdings habe sich bisher niemand über mangelndes Engagement beklagt. Zudem befänden sich unter den eingereichten Namen Personen, «die ganz offenbar nichts mit der Landwirtschaft zu tun haben und die auch nicht ‹bei über 35 Grad auf den Feldern arbeiten›».Sicher ist: Die Hitze in diesem Sommer wird politisch für Diskussionen sorgen. Noch in diesem Jahr dürfte der Bundesrat eine Vorlage zur Agrarpolitik ab 2030 ausarbeiten und in die Vernehmlassung schicken. Je nachdem, wie gravierend die Ertragsausfälle ausfallen, dürfte das Parlament zudem weitere Gelder für die Bauern beschliessen.Passend zum Artikel