Dem Menschen setzt die Hitze zu, Nutztiere sitzen in einer tödlichen FalleWährend der Hitzewelle Ende Juni sind in Frankreich Millionen von Hühnern umgekommen. Auch Schweine und Rinder leiden. Ist die Nutztierbranche für die längere und intensivere Hitze gewappnet?Andreas Frey26.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenHitzestress: Hühner haben keine Schweissdrüsen, mit denen sie Wärme effektiv an die Umgebung abgeben könnten.Jeff J Mitchell / GettyDie Hühner hatten keine Chance. Sie fielen einfach tot um. So schildern Bauern aus der Region Pays de la Loire und aus der Bretagne die schrecklichen Szenen, die sich Ende Juni im Nordwesten Frankreichs abspielten. Die Todesursache: Überhitzung.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die historische Hitze mit Höchstwerten von bis zu 44,3 Grad tötete zweieinhalb bis drei Millionen Vögel, wie der französische Geflügelverband Anvol schätzt, darunter hauptsächlich Hühner. Die Sterblichkeit während der Extremhitze war so massiv, dass sogar die Tierkörperbeseitiger mit der grossen Zahl der Kadaver überfordert waren. Die meisten Tiere starben im Stall, einige aber auch im Freiland.Auch hierzulande litten die Tiere unter der Hitzewelle, tagelang herrschten Höchstwerte bis 40 Grad. Und offenbar kam es auch in Deutschland Ende Juni zu einem grösseren Sterben, wie eine Pressemitteilung des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums andeutet.So holten Tierkörperbeseitiger nach dem Hitzewochenende Ende Juni eine rund dreimal so grosse Menge an Kadavern bei den niedersächsischen Geflügelhaltungen ab wie nach dem deutlich kühleren Wochenende zwei Wochen zuvor.Niedersachsen ist das Zentrum der deutschen Nutztierhaltung, jedes zweite Masthuhn und sechzig Prozent der Legehennen sind im norddeutschen Bundesland untergebracht. Meldungen aus den Tierbeseitigungsanlagen in der Schweiz sind bis jetzt nicht bekannt.Ähnlich wie der Mensch mögen es Hühner, Schweine und Rinder eher kühl, ausserdem können sie kaum oder gar nicht schwitzen. Freilaufende Tiere suchen Schatten und Wasserstellen auf – und bewegen sich nicht mehr als nötig.Anders ist die Lage im Stall, in dem die meisten Nutztiere ihr kurzes Leben verbringen. Bei Hühnern und Schweinen ist die Massentierhaltung im Stall Standard und Freilauf eher die Ausnahme. Nur Rinder und Schafe verbringen mehr Zeit auf der Weide, vor allem in der Schweiz. Im Stall jedoch können die Tiere nicht einfach kühlere Orte aufsuchen, sie sind darauf angewiesen, dass sich die Gebäude bei extremen Temperaturen nicht aufheizen. Sonst sitzen die Tiere in der tödlichen Hitzefalle. Doch ist die Branche für immer längere und intensivere Hitze gewappnet?Dass Hitze für Nutztiere zu einem immer grösseren Problem wird, hat Jochen Schulz schon vor zwei Jahren in der Fachzeitschrift «Animals» nachgewiesen. Die Hitzebelastung in Deutschland steige in fast allen Regionen mit hoher Nutztierhaltung signifikant, sagt der Veterinärwissenschafter der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Gab es in den siebziger Jahren nur vereinzelt Tage, die zu hoher Stressbelastung führen konnten, haben solche Tage seit der Jahrtausendwende stark zugenommen.Besonders die Kombination von extremen Temperaturen und hoher Luftfeuchte bedeutet Hitzestress für Tier und Mensch, der im schlimmsten Fall tödlich enden kann. Genau das war das Tückische während der historischen Hitze Ende Juni. Zwar sind Hühner mit einer Körpertemperatur von 41 Grad etwas hitzeresistenter als Schweine oder Rinder, aber im Gegensatz zum Menschen fehlen ihnen Schweissdrüsen, mit denen sie Wärme effektiv an die Umgebung abgeben könnten.Als Kennzahl für die Hitzebelastung verwenden Wissenschafter die Enthalpie der Luft. Sie beschreibt den Wärmeinhalt, der auf einen Organismus wirkt. Die Enthalpie setzt sich zusammen aus der fühlbaren Wärme – der Lufttemperatur – und der latenten Wärme – der im Wasserdampf gespeicherten Energie.Der kritische Wert für Geflügel beträgt 67 Kilojoule pro Kilogramm. Ab diesem Wert leiden ausgewachsene Hühner und Puten unter starkem Hitzestress, und Viehzüchter müssen in Niedersachsen Massnahmen einleiten, um die Tiere zu kühlen. Dazu gehören beispielsweise Ventilatoren, Kühlungssysteme und ständiger Zugang zu frischem, kühlem Wasser – ähnliche Regelungen gelten auch in der Schweiz.Umgerechnet wird starker Hitzestress schon bei 30 Grad und 55 Prozent Luftfeuchte erreicht. Bei 35 Grad und ähnlich hoher Luftfeuchte wird der Hitzestress extrem. Dann wird es für Hühner und Puten gefährlich, wenn die Kühlungsmassnahmen nicht ausreichen. Solche Werte wurden Ende Juni mehrere Tage lang erreicht – und in Zukunft immer häufiger, so Jochen Schulz.Die Hühner reagieren auf die extreme Hitze, indem sie ihre Flügel spreizen. Um sich abzukühlen, beginnen sie mit offenem Schnabel zu hecheln. So werden sie den Grossteil der Wärme über die Atmung los. «Da der Energiegehalt der Luft aber schon hoch ist, wird das immer schwieriger», sagt Schulz. Irgendwann sterben die ersten Tiere.Schweine haben nur rudimentäre Schweissdrüsen. Die meisten Mastschweine sind in Ställen untergebracht, oft mit betoniertem Auslauf. Hochleistungsschweine sind besonders anfällig für Hitze, weil sie viel fressen und ihr Stoffwechsel entsprechend viel Wärme produziert. Je mehr Tiere umsetzen, desto mehr Wärme müssen sie abgeben.Wohl fühlen sich Schweine bei Temperaturen von 15 bis 20 Grad, dann müssen sie keine Energie aufwenden, um den Körper zu kühlen oder zu wärmen. Tragende und säugende Sauen mögen es noch kühler, ihnen ist schon bei Temperaturen ab 20 Grad zu warm. Mastschweine leiden ab 25 Grad unter Hitzestress, nur Jungtiere mögen es jederzeit mollig warm.Dass es Schweinen zu warm ist, merken Bauern an ihrem Verhalten. Die Tiere suchen Ruhe, legen sich hin, fressen weniger. Irgendwann beginnen sie zu hecheln, wobei der Kühlungseffekt niedriger ist als bei Hunden. In freier Natur würden sich Schweine im Schlamm suhlen. Diese geniale Strategie senke die Körpertemperatur, sagt Mirjam Holinger vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (Fibl) in Frick. In einer Studie zeigte sie, dass die Schweine umso mehr Schlamm auf ihrem Körper verteilten, je wärmer es wurde.Kühe suhlen sich nicht im Dreck, sie können sogar etwas schwitzen. Dennoch mögen sie es noch kühler als Hühner oder Schweine. Den Sommer verbringen sie in der Schweiz hauptsächlich auf der Weide. Wird es ihnen zu warm, suchen sie Schatten und stellen sich in den Wind. Sie geben dann weniger Milch und werden nicht so schnell trächtig. Bei grosser Hitze stellen die Bauern auf Nachtweide um, in Lauf- oder Anbindeställen kann es den Tieren aber auch schnell zu heiss werden.Hochleistungskühe wie die Holsteinrasse oder Brown Swiss, die mehr als 30 Liter pro Tag geben, sind nicht für extreme Hitze gemacht. Züchter arbeiten deshalb an Linien mit Hitzetoleranz, zudem bringen Branchenvertreter Rassen wie die indischen Zebus ins Spiel, die mit Hitze deutlich besser klarkommen.Eine einfach umzusetzende Methode gegen Hitze ist zudem ein geringerer Bestand. Weniger Tiere bedeuten mehr Luft für alle und weniger Wärmeproduktion – allerdings auch weniger Ertrag. Doch auch technisch muss sich im Stall etwas ändern.Unter Normalbedingungen liessen sich Tierställe heute gut kühlen, sagt der Veterinärwissenschafter Jochen Schulz. Duschen, Zusatzventilatoren, Sprühnebelanlagen und Pad-Cooling-Systeme bieten den Tieren Erholung. Bei Letztgenannten handelt es sich um wabenförmige Zellulosewände, die mit kaltem Wasser berieselt werden. Durch diese «Waben» strömt die Zuluft gekühlt in den Stall. Was sich immer lohnt, ist eine gute Dämmung. Manche Ställe sind bereits mit Wärmetauschanlagen, Fussbodenheizungen für den Winter und -kühlungen für den Sommer ausgestattet.Ist der Hightech-Stall die Lösung für immer heissere Sommer? Mirjam Holinger vom Fibl ist skeptisch. Sie hält die Systeme für zu empfindlich, zu fehleranfällig und zu wenig resilient. «Schon bei kleinen Störungen fallen sie in sich zusammen», sagt sie – da müsse nur der Strom ausfallen.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Hitzekrise in der Landwirtschaft: Nutztiere sitzen in der Falle
Während der Hitzewelle Ende Juni sind in Frankreich Millionen von Hühnern umgekommen. Auch Schweine und Rinder leiden. Ist die Nutztierbranche für die längere und intensivere Hitze gewappnet?










