Im Grunde ist der Mensch wie ein rohes Ei. Man muss ihn gegen übermäßige Wärme schützen, damit er nicht gerinnt. Gekochtes Eiweiß werde nie wieder weich, ähnlich verhalte es sich mit den Proteinen im Körper, warnt Eckart von Hirschhausen, Deutschlands bekanntester Fernseharzt. „Schwere Hitzeschäden sind unumkehrbar“, sagt er. Sie könnten bis zum Multiorganversagen und zum Tod führen.Hirschhausen, der mit seiner Stiftung „Gesunde Erde – Gesunde Menschen“ auf den Zusammenhang zwischen Klimawandel und Gesundheit aufmerksam macht, befürchtet auch wirtschaftliche und soziale Schäden in der gegenwärtigen Hitzewelle. „Unsere Gehirne sind wie jeder Computer auf stabile Temperaturen angewiesen: Wenn der Zentralrechner im Kopf nicht richtig läuft, sinkt die Produktivität dramatisch“, weiß er.Hitze führt zu mehr HassmailsAußerdem werde man missmutiger, unkontrollierter und aggressiver, die Zahl der psychischen Erkrankungen, Suizide und Unfälle steige, auch jene von Hassmails: „Es heißt nicht umsonst, man müsse einen kühlen Kopf behalten.“Ökonomen bestätigen das. Jenseits einer Temperatur von 30 Grad sinke die Produktivität mit jedem weiteren Grad um rund drei Prozent, sagt Katharina Utermöhl, Leiterin für thematische und wirtschaftspolitische Forschung bei Allianz Research, der Denkfabrik des Versicherungskonzerns.„Der menschliche Körper erlebt echten physiologischen Stress: Kreislaufbelastung, Konzentrationsprobleme, schlechterer Schlaf“, so die Volkswirtin. Die Unternehmen litten gleich doppelt: durch die sinkende Produktivität und durch höhere Ausgaben für die Kühlung. Jedes Grad oberhalb einer Temperatur von 30 Grad treibe die Energiekosten um 1,2 Prozent in die Höhe.Japan leidet in absoluten Zahlen am meistenEine neue Studie von Allianz Trade, dem Kreditversicherer des Konzerns, beziffert den hitzebedingten wirtschaftlichen Schaden für Deutschland zwischen 2026 und 2030 auf 131 Milliarden Dollar (116 Milliarden Euro), falls sich die Hitzewellen der vergangenen zehn Jahre wiederholen. Das entspräche bis zu drei Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung. In absoluten Zahlen gehörte die Bundesrepublik damit zu den am stärksten betroffenen Volkswirtschaften: Für Frankreich werden 240 Milliarden Dollar erwartet, für Italien 147 Milliarden, für Spanien 120 Milliarden, für Japan 354 Milliarden Dollar.„In den kommenden Jahren wird sich die Lage weiter zuspitzen“, gibt Katharina Utermöhl von Allianz Research zu bedenken. „Extreme Hitze kostet uns alle: als Arbeitnehmer, als Unternehmen und als Steuerzahler.“ Den fiskalischen Schaden beziffert sie auf rund 0,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Jahr. Neben geringeren Steuereinnahmen entstünden erhebliche Mehrausgaben für die Gesundheitsversorgung, für die Beseitigung von Infrastrukturschäden und für die soziale Absicherung.Stark steigende Zahl an Hitzetoten„Deutschland muss aufhören, Hitze als bloßes Sommerproblem zu betrachten, und sie stattdessen als wirtschaftspolitische Daueraufgabe begreifen“, verlangt die Ökonomin. „Wir befinden uns in einer gefährlichen Übergangszone: nicht mehr kühl genug, um von einem gemäßigten Klima zu profitieren, aber noch nicht ausreichend angepasst, um mit zunehmender extremer Hitze umzugehen.“Der Studie zufolge sind in den USA 90 Prozent der Haushalte klimatisiert, in Europa nur 19 Prozent. Gleichzeitig kommt es zu immer mehr Hitzewellen- oder Hitzestressereignissen. Ihre Zahl habe sich in der Welt seit den Achtzigerjahren versiebenfacht, während sich die Zahl der Todesopfer je Ereignis verfünffacht habe. Für die Achtzigerjahre hat die Allianz-Trade-Studie 3400 Hitzetote ermittelt, für den kurzen Zeitraum von 2020 bis 2024 schon mehr als 121.000 Tote.Indien ist wärmer, aber an die Hitze besser angepasstWeil Europa auf die Herausforderungen nicht richtig vorbereitet, „angepasst“ oder „adaptiert“ ist, sind hier die Folgen besonders gravierend, wie das Papier festhält. Bezogen auf alle Hitzetoten zwischen 1980 und 2024 wurden 20 Prozent in Russland gezählt, 18 Prozent in Italien, je zwölf Prozent in Frankreich und Spanien und acht Prozent in Deutschland. Im großen heißen Indien sind es hingegen nur vier Prozent.„Die Anpassung in den Städten ist das A und O“, sagt auch Hirschhausen. Mehr Grün sei nötig, auch auf den Dächern, mehr Bäume, Schatten, mehr Brunnen, Trinkwasserfontänen, Sprühnebel, weniger Versiegelung, damit der Boden ausreichend Wasser aufnehmen und speichern könne. „Man sollte leere Kirchen wieder öffnen, da ist es schön kühl, klimatisierte Museen könnten die Leute umsonst reinlassen.“ In Frankreich gebe es organisierte Nachbarschaftshilfen für alte oder eingeschränkte Personen.Hirschhausen: Deutschland baut falsch, etwa in Frankfurt oder Berlin„Leider bauen wir in Deutschland oft falsch“, moniert er. So wirkten die Hochhäuser in Frankfurt wie Treibhäuser. „Auf dem neugestalteten Gendarmenmarkt in Berlin steht kaum ein Baum, kein Strauch, kein Springbrunnen, nur heiße Steinplatten: Die Stadtplanung hat da den Schuss nicht gehört.“Weitgehend ignoriert wird aus Hirschhausens Sicht, dass man auch die Medikamenteneinnahme an die Hitze anpassen müsse. So sinke der Blutdruck bei Wärme. „Wenn man dann zusätzlich Blutdrucksenker oder Entwässerungsmittel einnimmt, können die Patienten kollabieren.“ Viele Psychopharmaka begrenzten die Schweißbildung, das könne ebenfalls gefährlich werden. „Bisher steht das nicht auf den Beipackzetteln“, bemängelt Hirschhausen. „Auf diese Risiken müsste man aber unbedingt hinweisen.“
Extreme Temperaturen: Wie Hitze zu einem Wirtschaftsfaktor wird
Die gegenwärtige Hitzewelle gefährdet nicht nur die Gesundheit, sondern auch die Wirtschaft. In nur vier Jahren könnten in Deutschland 116 Milliarden Euro verloren gehen. Beipackzettel sollten umgeschrieben werden.














