Und wieder ist die Hitze zurück. Sie hat in diesem Jahr schon viele Rekorde gebrochen: Auf 41,8 Grad Celsius ist die Temperatur schon gestiegen, am letzten Junisamstag in Möckern-Drewitz in Sachsen-Anhalt, in der darauffolgenden Nacht sank sie im sächsischen Kubschütz nicht unter 29,4 Grad, auch das war ein bundesweiter Höchstwert. An mehr als 200 Messstationen in Deutschland wurden in der ersten Jahreshälfte so hohe Werte gemessen wie noch nie zuvor. Was macht diese Hitze mit uns? Wie beeinflusst sie unser Leben?Zunächst einmal fährt sie den Alltag herunter. In einer im April erschienenen Studie haben zwei Forscher aus Großbritannien anonymisierte Mobilfunkdaten in Spanien an heißen Tagen ausgewertet: Um bis zu zehn Prozent weniger Bewegung stellten sie bei ungewöhnlich hohen Temperaturen fest, an besonders heißen Nachmittagen sogar bis zu 20 Prozent weniger. Ähnliches hat zuletzt auch ein internationales Forschungsteam unter Leitung der LMU München für Deutschland untersucht. Für den Sommer 2024 haben sie sich Telekommunikationsdaten in zehn deutschen Städten angeschaut. Ihre Ergebnisse deuten zunächst darauf hin, dass Menschen in Städten mehr unterwegs sind, je wärmer es wird – zumindest bis zur 30-Grad-Grenze. Dann kippt es. Mit jedem weiteren Grad über diesem Schwellenwert sinkt die städtische Aktivität.Zugleich wird die Fortbewegung unter hohen Temperaturen erschwert. Das zeigte sich in Deutschland Ende Juni: Auf mehreren Autobahnen und Bundesstraßen platzte der Asphalt auf, was zu Teilsperrungen führte. In Leipzig wurde der Tramverkehr für fast eine Woche komplett eingestellt, weil Schienen und Weichen beschädigt waren. Und auch der Fernverkehr wurde durch die Hitze eingeschränkt: Überdurchschnittlich viele ICEs und ICs erreichten ihre Ziele am letzten Juniwochenende verspätet, wie Daten der App Railwise zeigen. Fast ein Fünftel der Halte entfiel.Doch die Hitze legt nicht nur die Mobilität in Teilen lahm, sondern auch das Wirtschaftswachstum. Zu diesem Schluss kommt eine im Mai erschienene Untersuchung der Allianz Research. „Extreme Hitze entwickelt sich zu einem immer größeren Problem für die deutsche Wirtschaft“, schlussfolgern die Forscher. Auf etwa 115 Milliarden Euro könnte sich der wirtschaftliche Verlust demnach in Deutschland in den nächsten Jahren bis 2030 summieren, vorausgesetzt, die extremsten Hitzewellen der vergangenen Jahre würden sich bis dahin wiederholen. Das wiederum ist wegen der Erderhitzung deutlich wahrscheinlicher geworden.Errechnet haben die Forscher das mithilfe eines Indikators, der den Durchschnitt der fünf heißesten aufeinanderfolgenden Tage pro Jahr in einem Land misst. Diese Basislinie haben sie für jedes Land im Zeitraum von 1991 und 2010 ermittelt. Dem gegenüber stellen sie ein Stressszenario: Jedes Land erlebt in den nächsten fünf Jahren die stärksten Hitzeperioden noch einmal, die zwischen 2014 und 2024 gemessen wurden. Zusammen mit empirisch geschätzten Zusammenhängen zwischen Hitze und Wirtschaftsleistung modellieren die Forscher dann Konsequenzen für das Bruttoinlandsprodukt. Die zeigen: Länder, die in der jüngeren Vergangenheit schon große Hitzewellen erlebt haben, könnten bis 2030 besonders große Einbußen im Bruttoinlandsprodukt erleben.Das hat den Forschern zufolge vor allem zwei Gründe: Die Menschen geben weniger Geld aus, der Konsum geht zurück. Und Unternehmen investieren weniger.Nichts los am Samstagnachmittag: In Wernigerode waren am Hitzewochenende Ende Juni kaum Menschen im Zentrum unterwegs.dpaDas liegt unter anderem an der geringeren Produktivität unter Hitze. Zu diesem Ergebnis kommt auch das Wirtschaftsforschungsunternehmen Prognos, das im Februar für das Bundesarbeitsministerium untersucht hat, wie sich die Hitze auf die Arbeitswelt auswirkt. „Die wohl am weitesten verbreitete und eine gleichzeitig oft übersehene Auswirkung von Hitze auf den Arbeitsalltag ist der Rückgang der Produktivität von Mitarbeitenden“, schreiben die Forscher.Aus der Forschung abgeleitet rechnen sie damit, dass die Produktivität von Temperaturen um rund 25 Grad Celsius an weiter abnimmt. Am meisten bekommt das ihnen zufolge das verarbeitende Gewerbe zu spüren, etwa die Automobilindustrie oder der Maschinenbau. Hier schätzen die Forscher die Verluste durch geringere Produktivität auf 124 Millionen Euro pro Hitzetag – einem Tag mit einer Höchsttemperatur von mindestens 30 Grad Celsius.Im internationalen Vergleich der Allianz-Studie zeigt sich: In Ländern, die selbst an ihren heißesten Tagen noch unter 30 Grad Celsius blieben, war die Produktivität währenddessen in den vergangenen Jahren höher – etwa in Irland oder Neuseeland, aber auch in Großbritannien. Für Deutschland ergibt sich ein anderes Szenario: Die heißeste Hitzeperiode bis 2024 lag im Fünftagesschnitt bei 31 Grad; wiederholt sich das in den nächsten Jahren, sinkt die Produktivität deutlich. Dem Modell der Studie zufolge würde das einen Verlust von etwa 1,59 US-Dollar (circa 1,39 Euro) pro Arbeitsstunde bedeuten.Prognos kommt in seiner Untersuchung für das Bundesarbeitsministerium zu ähnlichen Ergebnissen. Ein zusätzlicher heißer Tag führt den Berechnungen zufolge zu über 76.500 zusätzlichen Fehltagen – auch, weil es an Hitzetagen zu mehr Arbeitsunfällen kommt.Dass die Hitze auf die Gesundheit schlägt, wird aber nicht nur an der erhöhten Zahl von Krankmeldungen deutlich, sondern auch in Kliniken. Ende Juni mussten viele Notaufnahmen mehr Patienten behandeln, die mit Hitzeschäden zu ihnen kamen – also etwa Schwindel, Überhitzungen oder einem Sonnenstich. In den vergangenen Jahren nahmen mit mehr Hitzetagen im Jahr oft auch die Krankenhausbehandlungen wegen Hitzeschäden zu. Der bisherige Höhepunkt war 2015 erreicht, das Jahr mit den zweitmeisten Hitzetagen seit 2004. Knapp 18 heiße Tage führten zu 2322 Patienten, die wegen Hitzeschäden mindestens über Nacht im Krankenhaus bleiben mussten.Alte Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen sind besonders betroffen. Hitzebedingt starben nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) bis Ende Juni dieses Jahres bereits fast 3000 Menschen, die 85 Jahre oder älter waren. Das RKI ermittelt die Werte anhand von Vergleichen mit Todeszahlen aus vergangenen Sommern, da Hitze bei Leichenschauen selten als Todesursache vermerkt wird. Insgesamt geht das RKI davon aus, dass durch die Hitzewelle Ende Juni etwa 5100 Menschen gestorben sind. Die Zahl der Hitzetoten des ganzen ersten Halbjahres 2026 schätzt das RKI auf 6830. Das sind zur Jahreshälfte schon mehr als doppelt so viele wie im gesamten vergangenen Jahr. Und es werden seither noch mehr.
Hitze in Deutschland: Wie sie Wirtschaft und Gesundheit schadet
Hohe Temperaturen fahren unseren Alltag herunter, machen uns unproduktiver und können der Wirtschaft schaden. Und sie gefährden unsere Gesundheit. Ein Überblick in Grafiken.











