Ein Prepper-Thriller, Songs aus Nashville und eine 9/11-Doku auf Netflix: Das sind die Kulturtipps der NZZ am SonntagWelcher Roman, welcher Film und welches Album lohnt sich?Frank Heer, Martina Läubli, Manfred Papst, Peer Teuwsen,06.09.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenLiteratur: Der Bunker im KopfJulia von Lucadous.PD Guido SchieferJulia von Lucadou erzählt in ihrem Roman «In Zeiten erhöhter Gefahr» von einem Sicherheitsfanatiker, der auf alles vorbereitet ist: mit Notvorrat neben dem Bett, Privatbunker im Keller. Das scheint ihm angesichts der geopolitischen Lage nur konsequent. Bis er den Boden unter den Füssen verliert. Lesen Sie die Rezension hier.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dokumentarfilm: Usama Bin Ladin hat gewonnenUsama bin Ladin ist tot. Am 2. Mai 2011 wurde er von amerikanischen Soldaten erschossen. Trotzdem hat er sein Ziel erreicht. Die USA (und mit ihnen die Welt) haben sich seit dem 11. September 2001, als der Taliban-Führer zwei Flugzeuge ins New Yorker World Trade Center fliegen liess und fast 3000 Menschen starben, grundlegend gewandelt.Ein paar Tage nach dem Anschlag verabschiedete der Senat, wenn auch knapp, das Massnahmenpaket Authorization for Use of Military Force (AUMF). Es erlaubt, gegen jeden vorzugehen, dem Verbindungen zum 11. September nachgewiesen werden können. Seither wird das AUMF immer wieder als Rechtfertigung für Militäroperationen benutzt, etwa im Nahen Osten. Der Ausnahmezustand ist zur Regel geworden. Dies zeigt der neue Dokumentarfilm «Turning Point: Generation 9/11» von Brian Knappenberger.25 Jahre später erzählt der Film aus der Sicht von Kindern einiger Opfer, die heute erwachsen sind, und aus jener von Soldaten, die in Afghanistan gekämpft haben, in erschütternden Bildern und O-Ton die Geschichte einer Obrigkeit, die mit dem sogenannten War on Terror die Büchse der Pandora geöffnet hat. Verschwörungstheorien nahmen überhand, Rassismus verbreitete sich, die Glaubwürdigkeit der Politik litt durch eilig errichtete Lügengebäude – und Donald Trump profitierte davon. Sogar die Wurzeln der Einwanderungsbehörde ICE lassen sich in den damaligen Vorgängen erkennen. «War es das alles wert?», fragt sich im Film ein amerikanischer Soldat, der Freunde in diesem Krieg gegen den Terrorismus verloren hat. Bevor er zu weinen beginnt. (PT.)★★★★★ Turning Point: Generation 9/11. US 2026. Regie: Brian Knappenberger. 98 Min. Auf Netflix.Folk: Schöner singen auf der VerandaSeit 35 Jahren veröffentlicht Kurt Wagner, früherer Fliesenleger aus Nashville, grossartige, manchmal auch nur ziemlich gute Alben mit seiner Band Lambchop, deren Besetzung aus achtzehn, dann wieder aus zwei Musikern bestehen kann. Manchmal stellt er die Geduld seiner Fans auf die Probe, etwa wenn er seinen Southern Blend aus Zeitlupen-Country, Kammermusik und Gospel mit elektronischem Schnickschnack verschlauft.Mit «Punching the Clown» ist er auf die Veranda zurückgekehrt. Dazu reichen ihm eine Gitarre und ein Banjo, aber Wagner wäre nicht Wagner, wenn er nicht auch noch zwei (!) Chöre um sich versammelt hätte. Und so ist ihm erneut ein ziemlich gutes, wenn nicht sogar grossartiges Album gelungen: atmosphärisch, dunkel, wunderschön. (fh.)★★★★★ Lambchop: Punching The Clown. City Slang.Kino: Schnaps und SurrealismusNicolas Steiner filmte Menschen, die in verlassenen Bunkern oder Flutkanälen in Las Vegas leben. Walliser Kampfkühe, die uns im Kinositz zermalmen («Kampf der Königinnen»). Keine drögen TV-Dokus, sondern Reportagen für die grosse Leinwand. Nun hat der Schweizer Regisseur mit «Sie glauben an Engel, Herr Drowak?» seinen ersten Spielfilm gedreht. Er erzählt von einem alten, versoffenen Mann, der vom Sozialamt zu einem Kurs für literarisches Schreiben verknurrt wird. Sein Coach ist eine nervöse junge Frau, die ihm gehörig auf den Keks geht. Und natürlich gerät das Projekt aus dem Ruder.«Herr Drowak» ist toll besetzt (Luna Wedler, Karl Markovics, Lars Eidinger, Jan Bülow, sogar Jean-Pierre Jeunets Leibschauspieler Dominique Pinon ist dabei), quillt über mit frechen Dialogen, surrealen Kameraeinstellungen und grotesker Komik. Das fängt super an, doch leider ertrinkt die Geschichte bald schon hoffnungslos im Schaum der Einfälle, die Figuren schwimmen im Kreis, strapazieren unser Mitgefühl, und selbst die phantastische Luna Wedler kann das rasende Ideenkarussell nicht bremsen. 2027 soll Steiners zweiter Langspielfilm ins Kino kommen. Wir bleiben hoffnungsfroh. (fh.)★★★✩✩ Sie glauben an Engel, Herr Drowak? CH/D. 127 Min. Ab 10.9.Kinderbuch: Neues von der GurkentruppeWillkommen bei der Gurkentruppe.Moritz VerlagDie WG der fünf Tiere bekommt unerwarteten Besuch: ein Reh namens Rosa, nicht ohne Allüren und mit lackierten Hufen. Wozu? Wer braucht das? Und warum stellt es das Zusammenleben in der WG auf die Probe? Man ahnt schon Lehrhaftes zu Toleranz. Das gibt es auch, doch weil Leslie Niemöller ein Faible hat für Wortwitz und Situationskomik, können wir auch viel lachen. Die Gurkentruppe, so nennt sich die WG, hat schon in zwei Bänden ihren Charme entfaltet. Die muss man nicht gelesen haben, aber sie ermöglichen dem Kritiker einen Praxisbeweis: Keine anderen Buchtipps der letzten Jahre haben ihm so viele euphorische Echos gebracht wie diese Texte. (htd.)★★★★✩ Leslie Niemöller / Liliane Oser: Willkommen bei der Gurkentruppe. Moritz 2026. 72 Seiten. Ab 7 Jahren.Klassik: Zwielichtiger SchumannUnter den grossen Liedsängern unserer Zeit ist der Bariton Matthias Goerne der Expressionist. Schuberts Zyklen hat er als existenzialistische Dramen gestaltet: In seinen Jünglingen steckt stets ein Wozzeck. Gestaltungskraft verbindet er mit Klangschönheit und Textverständlichkeit. Eine herbe Enttäuschung ist deshalb seine jüngste Einspielung. Sie kombiniert Robert Schumanns Liederkreis op. 39 nach Texten von Eichendorff, einen der bedeutendsten Liederzyklen der Romantik, mit einer Auswahl von Schumanns «Wilhelm Meister»-Gesängen nach Goethe sowie seinen fünf späten Liedern auf Gedichte von Maria Stuart.An Markus Hinterhäusers Klavierbegleitung liegt es nicht, dass die Aufnahme irritiert: Der im April 2026 als Salzburger Festspielchef schmählich geschasste Künstler begleitet so empathisch wie präzis. Goerne aber knödelt und forciert, die Diktion ist mitunter verwaschen. Zum negativen Eindruck trägt die sumpfige Raumakustik der Teldex-Studios in Berlin bei. Gewiss: Goerne ist ein Phänomen. Aber er kann so viel mehr, als er hier zeigt. (pap.)★★★✩✩ Robert Schumann: Zwielicht. Deutsche Grammophon.Passend zum Artikel