Ein neuer Roman über den Brandanschlag in Chur 1989, eine wirklich lustige Serie und exzellenter Britpop: Die Kulturtipps der «NZZ am Sonntag»Was muss man gelesen, gesehen oder gehört haben?Peer Teuwsen, Manfred Papst, Melanie Biedermann, Denise Bucher09.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenLiteratur: Die Aufarbeitung des Brandanschlags 1989 in Chur In seinem brillanten Roman «Verschwinden» rekurriert der Basler Autor Urs Zürcher auf ein Verbrechen, das sich tatsächlich ereignet hat: Bei einem Brandanschlag auf eine Asylunterkunft in Chur kamen am 2. Juli 1989 vier tamilische Flüchtlinge ums Leben. Lesen Sie hier die Rezension von Manfred Papst.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.★★★★★ Urs Zürcher: Verschwinden. Bilgerverlag 2026. 320 S.Serie: Du hast Sex mit meiner Tochter?Bald ist in ihrer Freundschaft fertig lustig: Steve (Jemaine Clement) und Alice (Nicola Walker).PDEr ist seit dreissig Jahren Mutters bester Freund. Und Single, und zwar schon länger. Nach einer durchzechten Nacht, die dem Begräbnis eines gemeinsamen Bekannten folgt, hat er Sex mit ihrer frisch getrennten 26-jährigen Tochter. Die beiden, altersmässig eine Generation auseinander, verlieben sich. Die Mutter ist ausser sich. Und torkelt zwischen Rache und Versöhnung hin und her. Die englische Komödie «Alice and Steve», geschrieben von Sophie Goodhart («Sex Education»), paart exzellenten, überdrehten schwarzen Humor mit einer Geschichte, die das Leben schreibt. Die Miniserie steuert auf ein Ende hin, in dem die Beteiligten im wahrsten Sinne des Wortes durch die Hölle gehen. (PT.)★★★★✩ Alice and Steve. GB 2026. 6 Folgen. Auf Disney+.Pop:Im neuen Album dieser vier Briten ist alles drin, was Sogkraft hat: Yard Act.PD / James WinstanleyBesser als mit einem Song wie «Empty Pledges» kann man ein Album kaum eröffnen: Die Gitarren ächzen, das Schlagzeug donnert im Tandem mit dem Klavier, und stakkatohafter Sprechgesang kreist abgelöscht bis hässig um Existenzfragen. Kurzum: Da ist alles drin, was Sogkraft hat. In der Folge meistern Yard Act, diese viel gehypte und doch weitflächig übersehene Band aus Leeds, was nur selten auf diesem Niveau gelingt: ein Album, das als Gesamtwerk überzeugt. Elf Songs, die locker zwischen Britpop-Reminiszenzen und karger Post-Punk-Moderne springen, Disco-Einlagen bis Moshpits triggern und Geschichten für gestern wie morgen erzählen. Nichts versprochen, alles eingelöst. (meb.)★★★★★ Yard Act: You’re Gonna Need A Little Music. Island Records..Film: Charli XCX ist eine coole GöreNeuerdings bringen Musikerinnen wie Lady Gaga oder Taylor Swift zum Zweck der Selbst-Promotion Dokumentarfilme über sich selbst heraus. Wie uncool, wird sich ihre britische Berufskollegin Charli XCX gedacht haben und schlägt jetzt mit «The Moment» zurück. Es ist ein selbstironisches Mockumentary über den eigenen Erfolg und ein Seitenhieb gegen die alles beherrschende PR-Maschinerie. «The Moment» basiert auf dem Erfolg von Charli XCX’ Album «Brat», das im Sommer 2024 zum popkulturellen Phänomen wurde. Sogar Kamala Harris nannte sich «brat», also Göre. Im Film beschliesst Charlis PR-Team, man müsse diesen Erfolg möglichst lange ausschlachten, und gibt bei Amazon einen Konzertfilm in Auftrag. Der Konzern schickt den Regisseur Johannes (Alexander Skarsgard) los, der weder von Charli XCX noch von Musik eine Ahnung hat. Das hindert den Gecken im Baumwollschal nicht daran, sich einzumischen. Aggressiv gut gelaunt spült er die «Göre» weich. Aus Koks werden Zigaretten, Sex-Appeal muss weg von der Bühne, Fluchworte sind tabu. Die Musikerin muss zusehen, wie ihre Bühnenpersona familientauglich zurechtgeschliffen wird. Was Johannes nicht weiss: Man sollte Charli XCX nicht unterschätzen. Natürlich ist auch «The Moment» Selbst-Promotion, aber keine selbstverliebte. Sich so mit der PR-Branche anzulegen, ist im 21. Jahrhundert, wo sich künstlerischer Wert scheinbar nur noch über den Grad der Vermarktbarkeit definiert, mutig und sehr cool. (dbc.)★★★★★ The Moment. GB/USA 2026, 103 Min. Am 17. 8. und 4. 9. im Filmpodium Zürich.Literatur:Der Bauer Joseph hat mit dem Leben abgeschlossen. Es ist Heiligabend, 1963. Seit sechs Monaten hat er nichts mehr gehört von seiner Frau Lis, die den Hof mit ihrem gemeinsamen Sohn Samuel verliess. Unter der Tür hatte sie gesagt: «Dies ist nicht mein Leben. Tut mir leid.» Als er sich schon den Lauf des Gewehres in den Mund gesteckt hat, klingelt es an der Tür. Ein Päckchen. Von Ada, der Schwester von Lis, in die er ganz still und leise und heimlich seit langem verliebt ist. Und sie in ihn. Und später klingelt noch jemand anderes, eine junge, verzweifelte, unbekannte Frau. Birdie zwitschert in sein eigentlich abgehaktes Leben, gibt Joseph wieder eine Aufgabe. Elena Fischer hat nach ihrem fulminanten Debüt, dem Coming-of-Age Roman «Paradise Garden», ein behutsames, soghaftes, bewundernswert genau erzähltes Buch verfasst, das sich ganz tief in seine Figuren hineinschreibt und gekonnt mit den Zeitebenen spielt. Die Leichtigkeit und der Humor aber, die den ersten Roman bei aller inhaltlichen Schwere auszeichneten, fehlen leider. (PT.)★★★★✩Elena Fischer: Wirf einen Schatten. Diogenes 2026, 304 Seiten.Klassik:Beethovens letzte drei, zwischen 1820 und 1822 entstandene Klaviersonaten bilden eine Werkgruppe von unerschöpflicher Tiefe und Schönheit. Bei jedem Hören entfalten sie sich neu. Das weiss die Meisterpianistin Mitsuko Uchida. Vor zwanzig Jahren hat die Britin japanischer Herkunft, die seit 1972 in London lebt, bereits eine exemplarische Studioaufnahme der Sonaten op. 109, 110 und 111 vorgelegt. Nun veröffentlicht sie einen Live-Mitschnitt zweier Konzerte in der Suntory Hall in Tokio (28./30. 10. 2025). Obwohl nicht das geringste Saalgeräusch zu hören ist, spürt man die gespannte Dichte des Augenblicks. Uchida spielt die drei Gipfelwerke technisch makellos, abgeklärt und innig, ohne die kleinste Spur selbstverliebten Virtuosentums. In der Betonung des Gesanglichen gleicht der Vortrag der 77-Jährigen ihrer Einspielung von 2006. Wunderbar ausmusiziert sind die langsamen Sätze, das Andante in op. 109 ebenso wie die entrückte Arietta in op. 111. Nichts wirkt hier gefühlig weichgezeichnet, nichts pathetisch aufgedonnert. Fazit: 73 Minuten reines Glück. (pap.)★★★★★ Mitsuko Uchida: Beethoven, The Last Three Sonatas. Decca.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
Neuer Roman über den Brandanschlag in Chur 1989, eine lustige Serie und exzellenter Britpop: Die Kulturtipps der «NZZ am Sonntag»
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