Urs Zürcher geht in seinem neuen Roman der Frage nach, warum Menschen sich radikalisieren.Manfred Papst09.08.2026, 05.30 Uhr3 Leseminuten«Überwintern», «Begehren», «Verschwinden»: So heissen die jüngsten drei Romane des Basler Autors Urs Zürcher. Sie sind so wuchtig wie ihre Titel, und sie gehören thematisch zusammen, obwohl sie eigenständige Geschichten erzählen. Ging es in «Überwintern» um zwei gelangweilte, rastlose junge Schweizer Kerle, die sich als Söldner in der Ostukraine verdingen, schilderte «Begehren» eine bunt zusammengewürfelte Basler Clique, die einen unerbetenen Zuzug nicht verträgt und einen kollektiven Mord begeht. «Verschwinden» nun rekurriert auf ein Verbrechen, das sich tatsächlich ereignet hat: Bei einem Brandanschlag auf eine Asylunterkunft in Chur kamen am 2. Juli 1989 vier tamilische Flüchtlinge ums Leben. Die Täter wurden nie gefasst.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der gemeinsame Nenner der drei Romane ist die Frage, wie Menschen sich radikalisieren und welche gruppendynamischen Prozesse sie aus einem labilen Gleichgewicht des Mit- oder Nebeneinanders in Gewalt kippen lassen. Dabei vermeidet der Autor jede Schwarz-Weiss-Zeichnung. Wohlfeile Empörung ist ihm so fremd wie demonstrative Einfühlsamkeit. Sein Blick ist ein historischer und soziologischer. Kalt ist er jedoch nicht. Im Gegenteil: Urs Zürcher liefert sich seinen Geschichten aus. Deshalb ist seine Prosa von einer Dringlichkeit, die man in der Schweizer Gegenwartsliteratur selten antrifft.Man kann es sich in seinen Büchern nicht gemütlich machen. Strandliege, Sonnencrème, in der einen Hand das Cüpli, in der anderen «Verschwinden»: Das passt nicht recht zusammen. Vielleicht ist dem 1963 in Steinhausen geborenen Autor deshalb der Erfolg über einen harten Kern von Aficionados hinaus bisher versagt geblieben. Das ist indes ausgesprochen schade, denn er erzählt so packend und plastisch, dass man kaum merkt, wie komplex seine Romane konstruiert sind. Man kann sie auf zwei Ebenen lesen. Für sein neues Buch gilt das besonders.Zu Beginn des Romans rückt der Autor selbst ins Bild. Ein «True Crime»-Stoff beschäftigt ihn. In einer Baugrube im Basler Umland ist ein menschliches Skelett gefunden worden. Der Fund setzt eine Recherche in Gang, die auf verschlungenen Wegen zum Churer Brandanschlag vor 34 Jahren führt. Der ist längst als «Cold Case» zu den Akten gelegt, weder zur kriminalistischen Aufarbeitung noch zum Gedenken an die Opfer sieht man im Bündnerland einen Anlass. Doch damit gibt sich der Autor nicht zufrieden. Er denkt sich in drei mögliche Täter aus ganz unterschiedlichen Lebenswelten hinein, zeichnet ihre Jugend nach, verfolgt ihr Abdriften ins rechtsextreme Milieu und geht ihren Versuchen nach, aus dessen Zwängen auszusteigen, um in eine neue Normalität zu finden. Das ist natürlich alles hochspekulativ. Leichtfertig ist es jedoch nicht – zumal Zürcher seine Figuren, auch und gerade die unsympathischen, ernst nimmt und von innen her zu gestalten versucht. Das war schon in «Überwintern» und «Begehren» so. Hier ereignet es sich erneut. David Steiger («Dasti»), Lisa Graf («die Gräfin») und Pierre Koch, Zürchers Hauptfiguren, verstricken sich in Gewalt, Ausflüchte, Lebenslügen – und werden doch von Reue geplagt. Sind sie bloss Täter oder auch Opfer? Urs Zürcher gelingt es, ihre individuellen Lebensläufe mit vier Jahrzehnten Zeitgeschichte zu verweben, ohne auf plakative Erklärungen zu verfallen.★★★★★ Urs Zürcher: Verschwinden. Bilgerverlag. 320 S.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
Urs Zürcher geht in seinem neuen Roman der Frage nach, warum Menschen sich radikalisieren.
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