Alex Capus feiert in seinem neuen Roman die Beiz – und ist damit am Puls der ZeitIn der Schweiz sterben die Beizen, während wir zu Hause bleiben. Diesem Rückzug ins Digitale setzt Alex Capus die Wärme der Gaststube entgegen. Sein neuer Roman ist eine heitere Antwort auf die derzeitige Sehnsucht nach Gemeinschaft.19.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDie Wärme des Stammtisches: an einem Freitagabend im «Bären» in Zug.Goran Basic / NZZEs gibt keinen gemütlicheren Ort auf Erden als eine Beiz. Eine unkomplizierte holzgetäferte Gaststube, in der man trinken, essen, andere Menschen treffen, aber auch seine Ruhe haben und die Zeitung lesen kann. Und das Wichtigste: Man hält sich hier gern auf. Natürlich kann es vorkommen, dass man sich am Stammtisch in die Haare gerät. Aber mit der gleichen Wahrscheinlichkeit sitzt man friedlich beim «Tschau Sepp» zusammen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Man geht in eine Kneipe oder eine Bar, weil man Mensch sein will», schrieb Alex Capus einmal in der NZZ. Der Schriftsteller ist ein begeisterter Verteidiger der Gaststube. Capus besitzt selbst ein Restaurant und eine Bar in Olten, in der Bar Galicia steht er auch als Barkeeper hinter dem Tresen. Zugleich lässt er seine Romanfiguren immer wieder in Bars und Beizen auftreten – für ihn der Ort des Menschseins schlechthin. Denn in der Gaststube lässt man Herkunft und soziale Unterschiede ein Stück weit hinter sich und begegnet sich auf Augenhöhe.Ein Gasthof als HauptfigurDoch wo gibt es diese gemütlichen Treffpunkte noch? Das Beizensterben auf dem Land ist massiv, doch ein Dorf ohne Beiz ist ein trauriges Dorf. Auch in der Stadt werden immer mehr Restaurants von Gastroketten übernommen. Allein in Zürich mussten dieses Jahr schon 140 Betriebe schliessen, wie die Tamedia-Zeitungen berichteten. Aber auch wir, die möglichen Beizenbesucher, bleiben lieber zu Hause, sitzen auf dem Sofa oder im Garten. Statt in der Gaststube, in der Bar oder im Café zu diskutieren, ziehen wir uns in digitale Echokammern zurück. Aber dort diskutieren wir nicht, sondern liken, kommentieren, konsumieren. Die Algorithmen setzen uns eine Menge Propaganda vor, die, im Gegensatz zur Diskussion am Stammtisch, ohne Widerspruch bleibt.Die Beizen drohen zu verschwinden, doch gleichzeitig werden sie zum Sehnsuchtsort. Denn wir merken natürlich, was uns fehlt: der Ausbruch aus der eigenen Bubble. Die Reibung mit anderen, bei der Wärme oder auch Hitze entsteht. Das Gefühl von Gemeinschaft, wenn man zusammensitzt und plaudert. Die Behaglichkeit eines grossen Holztisches. Zufällige Begegnungen. All das fehlt uns in Zeiten fragiler Demokratien mehr denn je. Doch was wir gegenwärtig so vermissen, finden wir in Alex Capus’ neuem Roman.PD«Querfeldein» (Hanser-Verlag, 288 Seiten) spielt hauptsächlich in einer Beiz. Sie ist sogar die heimliche Hauptfigur. Die Beiz hat es tatsächlich gegeben, Capus hat sie mit dem ihm eigenen Gespür für spannende historische Stoffe am äussersten Rand der Schweiz aufgestöbert. Das «Restaurant zur Moskau» steht in Ramsen im Kanton Schaffhausen nördlich des Rheins, kurz vor der Grenze zu Deutschland. Mit Kommunismus hat der Name «zur Moskau» aber nichts zu tun. Der Gasthof hätte eigentlich «zur Eintracht» heissen sollen. Weil er aber neben «Peters Burg» liegt, dem Bauernhof eines griesgrämigen Peter, nannten ihn die Witzbolde des Dorfes «Moskau».Historische Aufnahme des Restaurants zur Moskau in Ramsen (SH).PDBei Capus wird die Beiz an der Grenze zum Treffpunkt für Alteingesessene und Durchreisende, Bauern und Handwerker, Marktfahrer und Fremde. Alle kehren hier ein, werden bewirtet, tauschen Neuigkeiten aus. «Am Schlagbaum würde immer etwas los sein», weiss Arnold, der Wirt. Auch seine grosse Liebe Betty verdankt er dem Grenzverkehr. Doch während des Ersten Weltkriegs wird es still auf der Landstrasse, der Gasthof zur Moskau schreibt rote Zahlen. Nur im dunklen Wald wird fleissig geschmuggelt.Eine Übung in DemokratieNach dem Krieg weht neben der Schweizerfahne die Flagge der Republik, bis sie 1933 von der Hakenkreuzflagge abgelöst wird. Und dann kommt es zu jenen Ereignissen, bei denen deutsche SS-Soldaten eine zwielichtige Rolle spielen und die beinahe eine diplomatische Krise zwischen der Schweiz und Deutschland auslösen. Genaueres sei hier nicht verraten. Aber ohne die Beiz, ohne ihre Gäste und ohne die Witzbolde am Stammtisch hätte der Vorfall an der Grenze bei Ramsen nie jene Wucht entfalten können, die schliesslich die Politiker auf höchster Ebene aufscheucht.In diesem heiteren, zauberhaften Roman beginnt alles in der Gaststube. Hier rauft sich ein Dorf zusammen und bringt das ganze Land dazu, sich zusammenzuraufen. Ein Moment des Trotzes am Beizentisch führt zu einem nationalen Akt der Selbstbehauptung gegen Hitler-Deutschland. Es ist eine Übung in Demokratie.Natürlich, Capus mischt diesem historischen Ereignis auch einen Schuss Märchenhaftes, viel Komik und viele wundersame Geschichten bei. Und er gestaltet Charakterköpfe, die trotz ihren Macken meist eine sympathische Seite haben. So wird «Querfeldein» zu einer versöhnlichen, verbindenden Erzählung, deren Pointen und Verwicklungen auch guten Stoff für den Stammtisch böten.Es mag sein, dass der Autor etwas zu viel Nostalgie einfliessen lässt und eine alte Geschichte zum Minimythos erhebt. Doch das schmälert das Vergnügen nicht: Eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte, und hier wird sie erst noch formidabel erzählt.Der Kälte der intransparenten digitalen Kanäle setzt Alex Capus die Wärme der Beiz entgegen und antwortet so auf die sehr gegenwärtige Sehnsucht nach analoger Gemeinschaft. Denn Demokratie funktioniert nur, wenn sie öffentliche Räume hat, in denen sich Menschen begegnen können. Und wäre es nicht auch heute möglich, in der Gaststube die Köpfe zusammenzustecken und danach Dinge in Bewegung zu setzen?Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
In der Schweiz sterben die Beizen, während wir zu Hause bleiben. Alex Capus wehrt sich gegen diesen Rückzug ins Digitale
Alex Capus’ neuer Roman «Querfeldein» feiert die Beiz als Wiege der Demokratie und antwortet auf eine gegenwärtige Sehnsucht nach analoger Gemeinschaft









