«Tal der Schwalben» von Seraina Kobler: Der Strom wird knappDie Zürcher Schriftstellerin entwirft in ihrem neuen Roman das dystopische Szenario einer Schweiz, die mit ökologischen Problemen ringt. Die Ausgangslage ist interessant, der Roman krankt aber an einer poetisch überfrachteten Sprache.Rainer Moritz24.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenSeraina Kobler verknüpft in ihrem Roman ökologische Herausforderungen mit den persönlichen Problemen ihrer Protagonisten.Franco Tettamanti / CC BY 4.0Schon in ihrem Debüt «Regenschatten» (2020) zeigte Seraina Kobler ein Zürich, das unter den Folgen des Klimawandels zu leiden hat. Unerträgliche Hitze breitet sich aus, das Wasser wird knapp, Brände wüten in der Stadt. In diesem apokalyptischen Szenario steht eine junge Frau, die mit persönlichen Problemen zu kämpfen hat. Danach legte Kobler zwei Zürich-Krimis vor – und kehrt nun mit «Tal der Schwalben» in gewisser Weise zu ihren Anfängen zurück.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wir sind, wie es im Vorspann heisst, in einer «anderen Schweiz», in einer «neuen Zeit». Während sich die Deutschschweiz zu einer «Metropolitane» zusammengeschlossen hat, rumort es im französischen Teil. Man sympathisiert mit einem Anschluss an Frankreich, läuft gegen eine geplante Landesausstellung Sturm. Und über allem liegt die Furcht, künftig nicht mehr ausreichend mit Strom versorgt zu werden.Dystopie der SchweizSeraina Kobler entwirft eine Dystopie der Schweiz, ohne sich zu weit von der Gegenwart zu entfernen. Ihr Romanheld Alesch Mastai, Anfang dreissig, steht inmitten dieser Auseinandersetzungen. Er forscht zusammen mit seiner Freundin Chantal an einem Lausanner Institut, wo ein Professor an der «subthermalen Fusion» arbeitet – einer Art Perpetuum mobile der Energieversorgung.Der Roman verschränkt diesen Handlungsstrang mit Aleschs persönlicher Geschichte. Dieser stammt aus dem Bergdorf Pradetta, dessen Bewohner sich standhaft gegen eine Umsiedlung stemmen – obwohl die Stromfirmen, welche die nach einem Gletschersturz entstandenen alpinen Brachen nutzen wollen, satte Entschädigungen bieten.Alesch hat sich vom heimatlichen Pradetta einst abgewandt – und damit auch von seiner Jugendliebe Annetta. Dies aber behält er für sich, als ihn die skrupellose Stromchefin Sofia Malitzky mit dem Auftrag, die Dorfgemeinschaft umzustimmen, nach Pradetta zurückschickt. Es überrascht aber nicht, dass Alesch und Annetta sich auch nach Jahren noch viel zu sagen haben.Kobler entwirft ein Panorama, das sowohl für die Eigenheiten der von alten Sagen und Aberglauben geleiteten Dörfler als auch für Ungereimtheiten in Aleschs Institut Platz hat. Was zum Beispiel hat es mit Aleschs Vorgängerin Florence auf sich, die in Pradetta bei rätselhaften Aktivitäten ums Leben kam? So entsteht ein Spannungsbogen, der zu einem veritablen Showdown führt.Nichts kann indes darüber hinwegtäuschen, dass «Tal der Schwalben» ein misslungenes Buch ist. Zu tun hat das nicht allein mit abwegigen Verstrickungen – wenn sich zum Beispiel herausstellt, dass Annetta die Halbschwester von Aleschs neuer Geliebter Chantal ist. Seraina Kobler scheitert vor allem an der Sprache. Sie lässt keine Gelegenheit aus, ihre Prosa poetisch zu überhöhen – als könnte man einem Text so literarisches Gewicht verleihen.Pseudopoetischer AufwandDa «webt» sich die Nacht «um das Dorf»; da wird es für Alesch, als er einen Schlag abbekommt, nicht einfach dunkel, nein: «Dunkelheit umhüllt ihn». Und wenn Chantal erkennt: «Je mehr ich hier von deinem seltsamen Dorf sehe, desto weniger glaube ich an Zufälle», dann ist bereits vorausgeschickt worden, dass es sich um eine «bedeutungsschwere» Äusserung handele.So lässt sich bis zum Schluss ein Zuviel an pseudopoetischem Aufwand ausmachen: «Das Gletschervorfeld hat sich verwandelt. Ja, und so fühlt es sich an, hat auch er selbst sich verändert. Alesch weiss nun, er wird das Tal immer auf der wilden Seite seines Herzens tragen.»Dass es in einem Roman nicht genügt, gesellschaftliche Themen anzupacken, zeigt «Tal der Schwalben». Man braucht dafür auch angemessene sprachliche Mittel.Seraina Kobler: Tal der Schwalben. Roman. Diogenes-Verlag, Zürich 2026. 343 Seiten.Passend zum Artikel