Heimesbach und Benetzko – aus unterschiedlichen Gründen wird man beide Orte noch nicht kennen: Fiktiv ist der eine, winzig der andere. Doch bald werden sie in aller Munde sein, denn es handelt sich um die jeweiligen Schauplätze der beiden bemerkenswertesten Romane des kommenden Bücherherbstes: „Die Lücken“ von Shida Bazyar und „Geteiltes Haus“ von Alice Horáčková, einer aus und über Deutschland, einer aus und über Tschechien. Und das in dem Jahr, in dem die Tschechische Republik Gastland der Frankfurter Buchmesse ist. Das wird Horáčkovás Buch hierzulande große Aufmerksamkeit sichern, wenn es erscheint (am 19. August bei Diogenes, aus dem Tschechischen von Sophia Marzolff, 743 S., geb., 28,– €).Alice Horáčková: „Geteiltes Haus“. Roman.DiogenesAber nicht nur deshalb. „Geteiltes Haus“ ist wie viele jetzt neu herauskommende tschechische Bücher eines, das sich der deutschen Komponente in der tschechischen Geschichte der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts annimmt. Das ist nur als Drama zu erzählen, und ermöglicht wurde es der 1980 in Prag geborenen und lebenden Alice Horáčková durch ihr zur Verfügung gestellte private Überlieferungen aus dem real existierenden Benetzko, einem schon vor 1945 überwiegend tschechisch bewohnten Städtchen im Riesengebirge nahe der ehemals deutschen (und heute polnischen) Grenze. Der seinerzeit keine tausend Einwohner umfassende Ort war umgeben von mehrheitlich deutschsprachigen Gemeinden, und bei der Annexion des Sudetenlandes gemäß dem Münchner Abkommen vom 30. September 1938 wurde Benetzko vom „Dritten Reich“ mit vereinnahmt. Die nicht einmal sieben folgenden, aber umso schrecklicheren Jahre bis Kriegsende machen fast die Hälfte von Horáčkovás Roman aus. Im Mittelpunkt stehen dabei zwei Familien, die durch Heirat sowohl deutsche als auch tschechische Elemente aufweisen. Einfacher macht ihnen das ihr Leben nicht; im Gegenteil. Gerade nach der deutschen Niederlage nicht.Brückenschlag zwischen sonst einander schwer vermittelbaren OpfergruppenAuch Shida Bazyars „Die Lücken“ (am 3. September bei Kiepenheuer & Witsch, 504 S., geb., 25,– €) ist große Aufmerksamkeit gewiss. Einmal, weil die 1988 im rheinland-pfälzischen Hermeskeil geborene Autorin durch die Nominierung ihres 2016 erschienenen und jüngst ins Englische übersetzten Debütromans „Nachts ist es leise in Teheran“ auf der Shortlist für den diesjährigen Internationalen Booker-Preis stand, die wichtigste literarische Auszeichnung im englischsprachigen Raum. Vor allem aber, weil ihr nunmehr dritter Roman (fünf Jahre nach der wütenden Gegenwartserzählung „Drei Kameradinnen“) deutsche Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts erzählt, wie es bisher noch nicht getan wurde. Angesiedelt in ebenjenem fiktiven Heimesbach im Hunsrück, das aber exakt Bazyars Heimatstadt nachgebildet ist. Und wie Horáčková hat auch die deutsche Schriftstellerin reichlich historische Quellen für ihre Fiktion herangezogen. Und auf Familien als Handlungsträger gesetzt, allerdings gleich auf deren fünf.Shida Bazyar: „Die Lücken“. Roman.Kiepenheuer & WitschWas kann daran neu sein? Zunächst einmal, dass Shida Bazyar eine Perspektive einbringt, die autobiographisch grundiert ist: Zwei der Familien in ihrem Buch sind persischen Ursprungs, zugezogen als Flüchtlinge in den Hunsrück – wie Bazyars eigene. Nun ist die aus migrantischen Erfahrungen gespeiste Schilderung deutschen Kleinstadtlebens spätestens seit Saša Stanišićs Roman „Vor dem Fest“ literarisch etabliert, aber „Die Lücken“ erzählt nicht nur von den erwartbaren Schwierigkeiten der aus einer anderen Kultur Zugezogenen, sich ins Leben des Provinzstädtchens einzupassen und dort akzeptiert zu werden, sondern auch vom Blick dieser Migranten auf ihre neue Heimat, und zwar auf den spezifischen Aspekt, dass in der jüngeren deutschen Vergangenheit gerade die Ausgrenzung von Minderheiten zu den schlimmsten Gewaltexzessen geführt hat.Dadurch findet ein literarischer Brückenschlag zwischen den sonst einander so schwer vermittelbaren Opfergruppen jüdischer und muslimischer Provenienz statt. Gewidmet hat Bazyar ihr Buch jenen 21 Hermeskeilern, die Opfer der Schoa geworden sind, und drei Überlebenden, die ins Ausland entkamen und später von ihren Erfahrungen im Hermeskeil des „Dritten Reichs“, aber auch noch danach berichtet haben. Diese Zeugnisse sind wichtiger realer Bestandteil der Romangeschehnisse, die sich in dem zu Heimesbach fiktionalisierten Städtchen abspielen.Warum hier auf Dialoge weitgehend verzichtet wird„Die Lücken“ verdankt sich als Titel diesen Toten und Vertriebenen: „Wenn man sie ermordet hatte, dann war der Ort der Ort, in dem für immer eine Lücke in der Luft klaffte. Als hätte man der Luft etwas entrissen und deswegen fällt das Atmen vielleicht so schwer, wenn man im Ort spazieren gehen möchte.“ So heißt es in einem jener sieben Kapitel, die anders als die übrigen 38 chronologisch nicht klar bestimmt sind und in denen eine nur dort auftretende verstorbene Ich-Erzählerin eine lebende Freundin anspricht. Shida Bazyar wird wissen, dass Vladimir Nabokov ein spezifisches Problem erzählenden Schreibens einmal so gefasst hat: „Lücken kann man nicht nachmachen, denn man ist immer versucht, sie irgendwie auszufüllen – und damit zu tilgen.“ Was ihr Roman leistet, ist, eine Lösung aus diesem Dilemma zu suchen, indem sie Lücken ausstellt, statt sie zu füllen.Dazu gehört die Entscheidung, auf eine Simulation unmittelbarer Lebensnähe ihrer Erzählerin zu verzichten: bedingt durch deren Tot-Sein, aber auch dadurch, dass es so gut wie keine Dialoge auf den fünfhundert Seiten gibt, dafür meist absatzlos durchgeschriebene Kapitel mit Fokus auf jeweils wechselnde Protagonisten und Zeitebenen. Das erinnert an den Roman „Die Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiss, dessen nahezu ununterbrochener Fließtext erzählerische Kontinuität gegen die sich überschlagenden Ereignisse im Zeitalter der Extreme behauptet. Bazyars „Die Lücken“ ist da kleinteiliger strukturiert, doch ihre Absicht ist dieselbe. Und darin unterscheidet sich ihr Roman gravierend von Alice Horáčkovás „Geteiltes Haus“, der vor allem auf dialoggetriebene Lebendigkeit setzt – eine Verfilmung des Stoffes scheint bei diesem Buch ästhetisch bereits eingepreist.Der historische Roman zum aktuellen US-NeoimperialismusDer Vergleich beider Bücher spricht auch von den Möglichkeiten des historischen Romans – wobei „Die Lücken“ an die jüngste Vergangenheit heranerzählt, nämlich bis ins Jahr 2011, und durch die tote Ich-Erzählerin ein phantastisches Element einbringt, das Horáčková in ihrem Streben nach Realismus komplett fremd ist. Bemerkenswert genug, dass es in diesem Bücherherbst einen dritten fulminanten historischen Roman gibt, dessen Autorin dann auch einen dritten Weg geht: Sabrina Janeschs „Territorium“ (am 4. September bei Rowohlt Berlin, 477 S., geb., 26,– €). Mit ihm verlässt die 1985 in Gifhorn geborene Autorin (die polnische Familienwurzeln hat, die in früheren Romanen eine wichtige Rolle spielen) ihre Heimat und führt uns auf die andere Seite der Welt, nach Hawai'i in die Neunzigerjahre des neunzehnten Jahrhunderts, als das zuvor autonome Inselkönigreich von den Vereinigten Staaten annektiert wurde, deren fünfzigster und damit (bislang) jüngster Bundesstaat es 1959 schließlich werden sollte. Vor der Folie des gegenwärtigen amerikanischen Neoimperialismus trifft Janesch mit ihrem Roman einen Nerv.Sabrina Janesch: „Territorium“. Roman.Rowohlt BerlinWobei das Buch trotz seinem Schauplatz kein rein exotischer Roman ist, sondern einer, der die weitgehend unbekannte deutsche Beteiligung im Konflikt um die hawai’ianische Unabhängigkeit in den Mittelpunkt stellt – in Form einer historisch verbürgten deutschen Okkultistin namens Gertrude Wolf, die der letzten Königin Lili’uokalani als Beraterin diente, und diverser weiterer bezeugter deutscher Siedler auf den Inseln, die ihre militärische Expertise auf beiden Seiten einbrachten. Über ein Jahr hinweg verfolgt „Territorium“ die Forcierung eines Kolonisierungsprojekts (militärisch, aber auch publizistisch), ohne dass es ein politisierender Roman wäre. Das unterscheidet Janeschs Buch von Thomas von Steinaeckers „Schutzgebiet“ (2009) über die deutschkoloniale Vergangenheit von Namibia und rückt es näher an Christian Krachts „Imperium“ (2012), mit dem „Territorium“ nicht nur das pazifische Setting teilt, sondern auch die bisweilen geradezu burleske Darstellung einer scheinrationalen europäischen Perspektive auf die für sie unverständlichen Aspekte indigener Kultur.Janesch schreibt in vielerlei Stimmen (als Ich-, Du- und auktoriale Erzählerin) und schwelgerisch, nicht analytisch wie Bazyar oder psychologisch wie Horáčková (wobei Letztere ihren Ansatz bei den vielen sexuell aufgeladenen Schilderungen des Buchs auch immer wieder einmal verrät). Doch alle drei Romane teilen die Ambivalenz ihrer Protagonistinnen – es sind jeweils Frauen, die darin die wichtigsten Rollen spielen. Allerdings ermöglicht die chronologisch ständig hin und her springende Handlung von „Die Lücken“ Shida Bazyar ein abgründigeres Erzählen, weil etliche zunächst als positiv wahrgenommene Figuren sich im Verlauf des Romans bei früheren Gelegenheiten als moralisch geradezu verderbt erweisen. Das macht „Die Lücken“ zu einem so großartigen Lese- und Lernerlebnis. Und deshalb wird dieses Buch es weit bringen in diesem Herbst.Hochpolitisch gedachte Liebeserzählung aus der DDRSchon vor Erscheinen hoch ausgezeichnet worden, nämlich mit dem Uwe-Johnson-Preis, ist Ingo Schulzes neuer Roman „Das Wasser im August“ (am 26. August bei S. Fischer, 313 S., geb., 26,– €). Die Verbindung eigenen Erlebens der Umbrüche in Ostdeutschland mit einer erzählerischen Haltung, die alle Formgesetze der Fiktion durchbuchstabiert (von den in den späten Neunzigerjahren maßstabsetzenden „33 Augenblicken des Glücks“ und „Simple Stories“, jeweils Meisterwerke der kleinteiligen Romankomposition, bis hin zu den hochpolitisch gedachten Werken, dem pikaresken „Peter Holtz“ von 2017 und dem realistischen „Die rechtschaffenen Mörder“, der 2020 als Schulzes bislang jüngster Roman erschien), hat den 1962 in Dresden geborenen Autor berühmt gemacht, und wenn nun sechs Jahre später und nach einer Kontroverse mit Charlotte Gneuß über die Möglichkeit, ostdeutsche Geschichte zu erzählen, eine wiederum hochpolitisch gedachte Liebesgeschichte aus der DDR erscheint, dann ist das ein literarisches Ereignis.Ingo Schulze: „Das Wasser im August“. Roman.S. FischerZumal Schulze sie als Roman im Roman gestaltet: als Kunstprodukt eines mit ihm gleich alten Ich-Erzählers, der sich 2025 zu einer Lesung in die Nähe des Schauplatzes eines eigenen 46 Jahre zurückliegenden Sommer-Erlebnisses begibt und dann dort aus einem noch unfertigen Manuskript das vorträgt, was er literarisch aus der eigenen jugendlichen Begeisterung für eine deutlich ältere Frau gemacht hat: eine Geschichte um ein sechzehnjähriges Alter Ego namens Thomas. Dessen neuer persönlicher Erfahrungshorizont geht einher mit dem gleichzeitigen gesellschaftlichen Aufbruch im Ostblock nach der Wahl des polnischen Papstes Johannes Paul II., und wie Schulze beides parallel führt, hat große Klasse.Wäre ihm die anfangs noch eher selbstironisch gehaltene Figur des Ich-Erzählers nicht im Laufe des Romans zu einem nostalgietrunkenen Mann mutiert (und da sind wir wieder bei der Gneuß-Debatte), wäre „Das Wasser im August“ das Beste geworden, was Schulze geschrieben hat. Beeindruckend ist es in seiner erzählerischen Abgeklärtheit bei aller formalen Virtuosität indes immer noch. Und auch im eingenommenen Blick auf das Private, das politisch wird, ohne dass Thomas es zunächst selbst bemerkt hätte.Ein Frauenpsychogramm, das auch eines von Taiwan istUnd dann ist da ein alles andere als historischer, aber zukunftszugewandter höchstpersönlicher Roman einer deutschen Debütantin. Leh-Wei Liao, geboren 1993 in Göttingen, verbindet in „Glaszeit“ (am 19. Augst bei Luchterhand, 288 S., geb., 24,– €) das persönliche Schicksal der jungen Ärztin Novana mit der politischen Unsicherheit jenes Landes, aus dem die aus Novanas Leben schon lange entschwundene Mutter, eine weltweit erfolgreiche Künstlerin, stammt: Taiwan. Hatten wir bislang in der deutschsprachigen Literatur nur Stephan Thome als erzählenden Chronisten dieser angesichts des chinesischen Hegemonialwillens um ihre Unabhängigkeit bangenden Inselrepublik, so fügt Liao nun ein sensibles Frauenpsychogramm hinzu, das ausgehend von Novanas Abstammung auch eines vom „Mutterland“ Taiwan ist – aus einer suggestiven Vertrautheit heraus, die bis hin zu unübersetzten (allerdings westlich transkribierten) kurzen chinesischen Einschüben im Text geht.Leh-Wei Liao: „Glaszeit“. Roman.LuchterhandDas ist gewagt, aber gelungen, und die zugrundeliegende Mutter-Tochter-Beziehung fügt der Vielzahl von Romanen zu diesem Thema tatsächlich noch etwas hinzu: dank der im Buch verdeutlichten produktiven Befremdung einer in Deutschland sozialisierten Frau, die sich nach einem persönlichen Einschnitt in jenem Land wiederfindet, von dem sie glaubt, dass es ihre Mutter zu der Enttäuschung gemacht hat, als die die Tochter sie wahrnimmt. Natürlich verhält es sich anders, und dass zudem das körperzentrierte Installationskunst-Schaffen der Mutter gegengeschnitten wird zu Erfahrungen, die die Tochter als Pädiaterin mit der Fragilität frühkindlichen Überlebens macht, das ist versöhnlich, ohne dass dadurch eine falsche Note in den dramaturgischen Grundkonflikt käme.Also noch ein politisch brisantes, gleichwohl nicht eiferndes Buch. Was „Glaszeit“ gegenüber „Die Lücken“ fehlt, sind dessen sprachliche Gewandtheit und Shida Bazyas literarisches Formbewusstsein. Bazyar erntet jetzt die Früchte einer sehr sorgfältigen Entwicklung ihres Schreibens, bei jeweils fünf Jahren Abstand zwischen den Büchern. Keiner ihrer drei Romane gleicht den beiden anderen. Der neue bietet nun episches Erzählen bei hohem (nicht hohlem) Pathos des Engagements – beides selten in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Und das hat Bazyars Roman auch Horáčkovás in der Absicht so ähnlichem „Geteilten Haus“ voraus.
Die besten Romane des Herbstes 2026
Historische Stoffe sind Trumpf bei den besten neuen Romanen in diesem Herbst. Aber alle diese Bücher haben gerade auch der Gegenwart viel zu sagen. Und manche womöglich sogar der Zukunft.







