Einmal um den Globus und quer durch die Zeiten – erneut vermag Szczepan Twardoch seinen Kulturpessimismus wirkungsvoll in Szene zu setzenIn Szczepan Twardochs neuem Roman «Sehnsucht» geht es im Fahrstuhl durch die Zeiten. Ein Mensch kommt von seiner existenziellen Schuld nicht los. Zwar setzt er auf Phantasie und Zuversicht, doch wird er von der Geschichte heimgesucht.Paul Jandl15.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenAls würde er sich zu seinen eigenen Tricks beglückwünschen: Szczepan Twardoch.Jacek Poremba«Sagen wir . . .» Mit diesen Worten beginnen Kinderspiele. Man denkt sich etwas aus, erfindet Koordinaten einer neuen Welt. «Sagen wir» steht auch am Anfang von Szczepan Twardochs neuem Roman. Der ist aber alles andere als ein Kinderspiel. «Sehnsucht» erzählt von der himmelstrebenden Kraft des menschlichen Wünschens und von einer Gegenkraft, die alle in den Abgrund zieht: dem Krieg.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es ist ein typischer Twardoch. Der Schriftsteller, der in der jüngeren Generation der polnischen Literatur für einen stilistisch brillant zur Sprache gebrachten Kulturpessimismus steht, führt hier wieder zusammen, was er besonders gut kann. Atmosphären erzeugen. Mikroszenen des Lebens in grosse historische Panoramen einschreiben. «Sehnsucht» ist vertrackt, und an manchen Stellen wirkt der Roman, als würde er sich zu seinen eigenen Tricks beglückwünschen.Ans Meer zum See«Sagen wir, Erwin Piontek habe die Augen geöffnet.» So konjunktivisch beginnt ein Buch, das im Kleinen wie im Grossen noch viele biografische Möglichkeiten durchspielen wird. Erwin Piontek war jahrzehntelang Bergmann in einer oberschlesischen Grube. Jetzt ist er Bergrentner. Das vergisst er aber oft und macht sich frühmorgens seinen Tagesproviant zurecht. Pionteks Frau erinnert ihn dann an sein jetziges Pensionärsdasein.Was der über Siebzigjährige nicht vergisst: dass er einmal zur See fahren wollte. Eines Tages macht er Ernst. Mangels Meer fährt er allerdings nicht zur See, sondern zum See. Zum Stausee von Rybnik, der sich in der unmittelbaren Heimat Szczepan Twardochs befindet. Mit einem eigens gekauften Boot beginnt Erwin Piontek seine imaginäre Weltumsegelung. Ein paar Kilometer in eine Richtung, dann diese paar Kilometer wieder zurück. Mehr gibt das Gewässer nicht her, aber es geht um die Phantasie. Einmal um den Globus.Monate ist dieser Kapitän eines wunderlichen Wahns unterwegs. Hin und her. Er trägt seinen Bergmannsdegen und ernährt sich von Konserven. Er wähnt sich im Golf von Biskaya, als polnische Polizisten in ihrem Motorboot näher kommen. Dass das ganz unmöglich ist, denkt Piontek. Auf dem offenen Atlantik sind es dann Journalisten und Blogger, die wissen wollen, was er da auf dem Stausee von Rybnik treibe. Der alte Bergmann geht viral. Die digitale Welt ist naturgemäss nicht seine. Eher ist er in den Dunkelsphären alter Mythen zu Hause, bei Wesen, die als Gefahr und Warnung in den lichtlosen Tiefen der Schöpfung lauern.Immer wieder hat Szczepan Twardoch in seinem Werk solchen allegorischen Wesen Raum gegeben. Am stärksten in «Drach», wo der Krieg als vagabundierendes und ortloses Wutgebilde ganze Generationen in Mitleidenschaft zieht. Twardochs Kulturpessimismus besteht darin, die Geschichte als zyklisch zu begreifen. Sie wiederholt sich im Schlechten, und so fällt in «Sehnsucht» der groteske Piontek der Weltumsegelung plötzlich in eine andere frühere Identität. Von der Farce in den Ernst.Geboren noch im 19. Jahrhundert im oberschlesischen Pilchowice, ist er Teil der Kolonialtruppen in Deutsch-Südwestafrika. Er ist am Völkermord an den Herero beteiligt und kämpft gegen die ebenfalls indigenen Nama. Als er von deren Anführer gefangen genommen wird, muss er bei seiner Freilassung versprechen, an Curt von François, dem Offizier der deutschen Südwestafrika-Truppen, Rache zu nehmen. Erst Jahre später unternimmt Piontek einen Attentatsversuch gegen den mittlerweile nahe Berlin beheimateten Kriegsverbrecher.AfD-Kanzler ChrupallaDanach fällt Szczepan Twardochs Roman quer durch die Zeiten ein paar Treppen hoch. Wieder häutet sich Piontek, teilt mit dem Autor nicht nur das Geburtsjahr 1979, sondern auch sonst noch einige Eigenschaften. Nachdem Polen von Russland überrollt worden war, etablierte sich ein Putin-höriger «Volksstaat Polen». In Deutschland regiert der AfD-Kanzler Tino Chrupalla und versteht sich bestens mit dem polnischen Staatsoberhaupt Zenon Wilk. Erwin Pionteks fataler Trumpf ist es, Wilk so ähnlich zu sehen, dass er als sein Doppelgänger engagiert wird. Als Kugelfang für mögliche Attentate.«Sehnsucht» ist von Olaf Kühl wieder in einer präzisen Spannung zwischen Leichtigkeit und Drastik übersetzt. Aber es ist nicht Szczepan Twardochs stärkstes Werk. Nach «Drach», «Der Boxer», «Demut» oder «Kälte» nimmt der Roman den Topos wieder auf, dass der Mensch mit existenzieller Schuld beladen ist. Das Buch bewegt sich im bewährten und fast filmischen Überblendungsverfahren durch die Geschichte und wird dennoch mehr und mehr zum metafiktionalen Hütchenspiel. Wer ist wer? Wofür steht Erwin Piontek? Der Autor drängt sich als Ich zwischen seine Figuren und führt am Ende sogar Dialoge mit ihnen.Aber warum? Die Befehlshoheit über die Erzählung wird ihm niemand nehmen. Dass der polnische Kraftprotz Twardoch die Truppen der Einbildungskraft führen kann wie sonst kaum jemand, weiss man ohnehin. Das zeigt er beim grossen Finale, wo es von Pionteks nur so wimmelt. Weil Spiegelkabinette wie dieses nicht dauerhaft von Reiz sind, ist irgendwann auch Schluss: «Sagen wir, ENDE», steht am Ende eines Romans, der zwischen 2022 und 2024 entstanden ist und, wie es heisst, an einem Freitag beendet wurde, polnisch «piatek». Wie Piontek.Szczepan Twardoch: Sehnsucht. Roman. Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Verlag Rowohlt Berlin, 2026. 224 S., Fr. 35.90.Passend zum Artikel
Einmal um den Globus und quer durch die Zeiten: Szczepan Twardochs neuer Roman «Sehnsucht»
In Szczepan Twardochs neuem Roman «Sehnsucht» geht es im Fahrstuhl durch die Zeiten. Ein Mensch kommt von seiner existenziellen Schuld nicht los. Zwar setzt er auf Phantasie und Zuversicht, doch wird er von der Geschichte heimgesucht.







