Der polnische Autor Szczepan Twardoch entfaltet in «Sehnsucht» ein raffiniertes VexierspielSzczepan Twardoch erzählt in seinem neuen Roman «Sehnsucht» von einem, der auf einem Stausee um die Welt segeln will.Florian Schuler28.06.2026, 05.30 Uhr2 LeseminutenDer schlesische Autor Szczepan Twardoch.Jacek PorembaAusgerechnet das Meer hat es Erwin Piontek angetan, ihm, dem gebürtigen Schlesier, der jahrzehntelang als Bergmann malochte. Mittlerweile im Ruhestand, hegt er einen grossen Traum: einmal um die Welt zu segeln. Ein wenig Erspartes ist da, aber zu wenig, um die Weltmeere zu überqueren; überhaupt ist es für das Haus der Tochter bestimmt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch die titelgebende Sehnsucht lässt ihn nicht los: Kurzerhand kauft er sich ein Boot und beginnt eine Weltumseglung im Miniformat auf einem nahe gelegenen Stausee. Dort dreht Piontek seine Runden, zählt die zurückgelegten Seemeilen. Niemand kann ihn von seinem Kurs abbringen, weder Polizei noch Familie. Als schliesslich doch noch die Vernunft zu obsiegen scheint, wird er von einem mysteriösen Wels fortgezogen, gerät in einen Strudel, der Zeiten und Identitäten durcheinanderwirbelt.Denn auf einmal tauchen im neuen Roman des schlesischen Starautors Szczepan Twardoch zwei weitere Erwin Pionteks auf, einer mit Jahrgang 1868, einer mit Geburtsjahr 1979. Den ersten verschlägt es als Soldaten in den Sand der Kolonie Deutsch-Südwestafrika, wo er in Gefangenschaft der historischen Figur Hendrik Witbooi gerät, des Anführers der Nama gegen die Kolonialtruppen. Der zweite wird in einer bedrohlich ­nahen Zukunft als Double eines ­autokratischen Regierungschefs zwangsrekrutiert. So werden alle drei Erwin Pionteks auf ihre Art zu Gestrandeten ihrer Zeit.Ist die Grundstimmung in «Sehnsucht» zunächst melancholisch und einigermassen skurril, dauert es nicht lange, bevor es ans Eingemachte geht. Denn obwohl das Meer ein zentrales Motiv ist, ist das, wie bei Twardoch nicht anders zu erwarten, keine leichte Strandlektüre, sondern ein komplex konstruiertes Vexierspiel mit historischer Tiefe und unheil­voller Zukunftsvision.Szczepan Twardoch: Sehnsucht. Übersetzt von Olaf Kühl. Rowohlt 2026. 224 Seiten.Passend zum Artikel