Bäche, die von Bergen herab strömen, Seen, die im Gegenlicht funkeln – in diesen Bildern steckt die ganze Sehnsucht unseres Sommers. Elf Schriftstellerinnen und Schriftsteller erzählen vom Wasser, vom Dahintreiben, vom Loslassen – und vom herrlichen Gefühl, den Boden unter den Füssen zu verlieren.NZZ am Sonntag Magazin (Redaktion), Lisa Sorgini (Bilder)12.07.2026, 05.30 Uhr44 LeseminutenInhaltsverzeichnisMax Küng: Blut, Schweiss und TränenFranz Hohler: ZweitwasserZora del Buono: Ein weites MeerNina Kunz: Ich schwimme wie ein HundTom Kummer: Aare ExperienceOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Max Küng: Blut, Schweiss und TränenVor zwei Jahren zog ich in Zürich ins Seefeld-Quartier – und wie der Name verrät: Der See ist dort nahe liegend. Selbstverständlich passte ich mich den lokalen Gepflogenheiten an und besorgte mir subito ein Jahresabo für das Strandbad Tiefenbrunnen, es liegt bloss drei Fussminuten von meiner neuen Wohnung entfernt. Ich nahm mir vor, jeden Tag in den See zu springen. Ein Morgenschwumm – das wäre herrlich! «Schlupp-schlapp», machten die Adiletten, als ich am ersten Sonnentag zur Badi ging; das Badetuch hatte ich lässig über der Schulter hängen, das neue Leben schien unglaublich leicht. Bald stand ich am Ufer, blickte auf das lockende Wasser, stieg hi­nein. Kaum hatte ich einen Zeh ins kühle Nass gesetzt, fiel mir etwas ein: Ich konnte ja gar nicht schwimmen!Doch ich bin ein Mann – oder wollte es da zumindest sein –, also stieg ich trotzdem ins Wasser. Wenigstens so weit, wie auch Italienerinnen und Italiener es gerne tun, wenn sie im Meer baden: maximal oberschenkeltief, dass ja die Badehose nicht nass wird, die Arme vor der Brust verschränkt, den Blick in die Ferne gerichtet – und am Handgelenk trug ich meine Taucheruhr, mit der ich dreihundert Meter tief hätte tauchen können. Die über mir kreisenden Möwen lachten mich kreischend aus.Hier geborene Nichtschwimmer im mittleren Alter sind selten, denn schon zur Schulzeit wird uns diese Fähigkeit beigebracht. «Bewegen im Wasser» ist Teil des Lehrplans. Aber in meiner Kindheit kam immer etwas dazwischen. Ich brach mir den Arm oder verstauchte den Fuss. Und abseits des Schulunterrichts gab es keine Gelegenheit, sich diese Art der Fortbewegung anzueignen. Denn das Wasser meiner Kindheit war nicht jenes in einem Fluss, See oder Schwimmbad – es war der Schweiss, der von der Stirn troff.Ich wuchs auf einem Bauernhof auf – am Rand eines Dorfes, das damals keine fünfhundert Einwohner zählte. Wenn die langen Sommerferien begannen, war ich traurig. Denn für mich ging es nicht auf einen Zeltplatz im Tessin oder in die Badi im Nachbardorf, sondern auf die Leiter, um Kirschen zu pflücken, Zwetschgen, Äpfel. Oder aufs Feld, um zu heuen, zu mähen, zu wenden. Wenn ich an die Sommer der Kindheit zurückdenke, denke ich an Arbeit, sengende Sonne und Schweiss.Im Dorf gab es Zuzügler. Sie wohnten in einem Einfamilienhausquartier, das wir «Ghetto» nannten. Sie hatten moderne Häuser und lukrative Berufe, fuhren schicke Autos – und eine Familie hatte sogar einen Pool. Es war der einzige private Swimmingpool weit und breit. Und zum Pool gehörten Zwillinge, krass attraktive Teenagermädchen, die das emotionale Gefü­ge im Dorf ziemlich durcheinanderbrachten. Ich war nie eingeladen an diesen Pool, wenn sie dort Partys schmissen und die anderen Buben sich von den Zwillingen ihre vom Steinheben gestählten Körper mit Piz Buin oder Sherpa Tensing einreiben liessen. Manchmal fuhr ich mit dem Velo vorbei und äugte unauffällig zum Pool. Ich sah die Dinge, die für mich unerreichbar waren. Denn ich war dick und trug eine Brille. Und weil ich aus Scham immer lange Klamotten trug, blieb mein Körper bleich. Die Hosen trug ich lang, weil wir auf dem Hof Katzen hatten, mehr als ein halbes Dutzend. Es waren Tiere, die wir nicht aus Freude an der Kreatur hielten, sondern damit sie Mäuse jagten. Nutztiere eben. Sie trugen keine Namen, dafür aber Katzenflöhe, denen jedoch das Blut eines schweinchenfeissen, bleichen Bauernbuben besser zu schmecken schien als jenes der ausgemergelten Katzen. Meine Beine waren sommers übersät von juckenden Flohbissen. Ich kratzte die Wunden auf. Die blutigen, sabbernden Wunden juckten noch mehr. Ich kratzte fester. Bald sahen meine Beine aus, als hätte einer mit einem Maschinengewehr draufgehalten. Es war nicht weiter verwunderlich, wollte ich mich nicht in Badehose zeigen. Lieber sass ich zu Hause und legte abends nach getaner Kinderarbeit die Platte von The Cure auf, die ich jeden Tag hörte, sang leise mit: «I try to laugh about it / Hiding the tears in my eyes / ’Cause Boys don’t cry.»Die ersten richtigen Ferien mit der ersten richtigen Freundin gingen nach Sri Lanka. Wir waren da beide wohl Anfang zwanzig, ich hatte das Landleben hinter mir gelassen, wohnte in der Stadt. Auf Sri Lanka liessen wir uns zehn Tage von einem Taxifahrer über die Insel kutschieren, besuchten Tempel und Teeplantagen, zogen die Kultur rein und so manches Curry, bestaunten ein Hindu-Festival, bei dem sich Menschen die Zunge mit Spiessen durchbohrten und sich an Fleischerhaken aufhängten. Wir hatten unsere Bildungsbürgerpflicht also erfüllt – und uns eine Woche faule Strandferien verdient, irgendwo am Meer bei Galle, in einer einfachen Hütte, bloss wir zwei, das brandende Meer und ab und zu eine Kokosnuss, die mit dumpfem Ton von einer Palme fiel – es war wunderbar. Auch wunderbar war, festzustellen, dass man gar nicht schwimmen können musste, um zu schwimmen! Im Salzwasser trieb mein Leib ohne mein Zutun! Eine wunderbare Erfahrung. So war Schwimmen ein Kinderspiel! Und ich genoss es, lag auf dem Rücken und blickte in den weiten Himmel über dem Indischen Ozean. So also fühlte sich die Leichtigkeit des Seins an! Doch irgendwann bemerkte ich, dass die Palmen am Strand recht klein geworden waren; die Menschen ebenso. Eine Strömung hatte mich erfasst, zog mich hinaus. Ich war viel zu erschrocken, um in Panik zu geraten. Und viel zu schüchtern, um nach Hilfe zu rufen. Aber ich wusste, dass ich etwas tun musste, wollte ich nicht als Fischfutter enden. Also tat ich, was ich nie gelernt hatte: Ich schwamm. Und wie ich schwamm! Schnell wie eine Figur in einem Zeichentrickfilm! Ich dachte: Wenn eine Strömung das Wasser wegzog, dann musste das Wasser ja irgendwie wieder dorthin kommen, von wo es weggezogen wurde. Ich machte mich gross, wenn die Wellen gen Strand gingen; versuchte, nicht zu viel Wasser zu schlucken. Und ruhig zu bleiben. Doch ich hatte an einem Punkt diesen einen Gedanken, den ich zuvor noch nie hatte: Das war’s nun. So würde es enden. Eben noch lag ich am Strand und liess die Seele baumeln, bald würde sie mich verlassen, und ich würde mein nasses Grab finden. Doch ich gelangte in eine Strömung, die mich wieder landwärts brachte. Das brachte die Zuversicht zurück. Ich strampelte und ruderte und rang nach Atem.Keine Ahnung, wie lange es dauerte, bis ich auf allen vieren aus dem Wasser kroch. Ich weiss nur noch, dass ich mich völlig entkräftet zu meiner damaligen Freundin schleppte, die lesend auf einem Liegestuhl lag. Sie sah von ihrem Buch auf, schien angefressen. «Wo warst du so lange?», schnauzte sie mich an. «Wir wollten doch Essen gehen. Ich hab Hunger.» – «Um ein Haar wäre ich ertrunken», stammelte ich. Doch es schien sie nicht zu interessieren. Angesäuert packte sie ihre Sachen zusammen und stapfte Richtung Strandrestaurant davon. Kurz nach den Ferien machten wir Schluss. So hätte vor Sri Lanka zwar beinahe mein Leben geendet – aber kurz danach begann mein Leben in Freiheit. Bis auch dieses dann wieder zu einem Ende kam.Es war wohl die Ironie des Schicksals, dass die Frau, in die ich mich Jahre später verliebte und die ich im Hormonrausch heiratete, eine leidenschaftliche Schwimmerin war (und noch immer ist). Jedenfalls liess ich mich von ihr überreden, einen Schwimmkurs für Erwachsene zu besuchen. Es war zu der Zeit, als wir Eltern wurden. Vor allem trieb mich eine Vorstellung in den Kurs: dass ich meine eigenen Kinder im Schwimmbad nicht retten könnte. Also stand ich im Nichtschwimmerbecken des Hallenbads, an meiner linken Hand Mergim, an der rechten Murat, wir bildeten zusammen mit anderen Nichtschwimmern einen Kreis, und weil viele noch überhaupt nie im Wasser waren, gingen wir es langsam an. Auf Geheiss des Schwimmlehrers tauchten wir langsam ab, sanken tiefer und tiefer, bis der Mund im Wasser verschwand, dann die Nase, dann die offenen Augen. Unter Wasser hielt ich die Luft in den Lungen und Mergim und Murat fest an den Händen, das Chlor brannte in den Augen, doch ich lächelte, als der Lehrer nach dem Auftauchen strahlend sagte, wir würden bald schwimmen wie die Fische. Allerdings erinnerte ich mich an Sri Lanka und was damals beinahe geschehen war. Also ging ich nicht mehr in den Kurs, sondern hatte eine viel bessere Idee: Ich schickte meine Kinder zum besten Schwimmlehrer der Stadt, Laurent heisst er. Denn Kindern fällt leicht, was für Erwachsene schwer bis unmöglich ist: etwas zu lernen. Und sie liebten das Wasser, machten Abzeichen um Abzeichen – das Krebsli, Seepferdli, Fröschli –, bis hin zum Rettungsschwimmer 2. Es war sehr beruhigend für mich als Vater: dass ich zwar die Kinder nicht retten könnte, sie aber mich.So kann ich auch heute noch nicht schwimmen. Aber ein Blick auf meine Taucheruhr ist immer wieder tröstend. 300 Meter Tiefe wären möglich!Max Küng schreibt Kolumnen und Romane, zuletzt «Supertoskana»: Drei Paare machen Ferien, zanken sich, und es regnet ständig.Franz Hohler: ZweitwasserDer Bodensee hatte noch nie so wenig Wasser wie in diesem Frühjahr. Die Ufer der Stauseen sind schmutzig grau. Hitze lauert. Dürre droht. Wann werden Brunnen abgestellt? Wann kommen Alarmrufe aus den Reservoiren?«Ihr verschwendet zu viel Wasser! Tut etwas!», rufen uns Flussgötter und Quellnymphen zu.Also tue ich etwas.Wenn ich im Badezimmer heisses Wasser brauche und den entsprechenden Hahnen öffne, kommen zuerst etwa zwei Liter kaltes Wasser heraus. Diese lasse ich in einen Behälter fliessen, aus dem ich sie später durch einen Trichter in leere Mineralwasserflaschen umfülle. Aus den Flaschen tränke ich die Cherrytomatenstauden, den Schnittlauch und die Pfefferminze und alle Blumen in den Balkonkistchen.Wasche ich in der Küche Gemüse oder Salat, fange ich das Wasser in einem Becken auf, mit dem ich dann auf dieselbe Art verfahre. Ich freue mich, wenn das Wasser nochmals gebraucht werden kann, bevor es die Rohre hinunterfliesst. Sicher freut sich das Wasser auch, denke ich, und die Pflanzen in den Balkonkistchen sowieso, und wenn ich ganz ruhig bin, höre ich sogar, wie mir die Flussgötter und Quellnymphen etwas zurufen. Ich bin nicht ganz sicher, ob es «Bravo!» heisst oder «Zu wenig!».Gilt das «Zu wenig» nicht eher den Rechenzentren, die für ihre Kühlung so viel Wasser verbrauchen wie eine mittlere Kleinstadt? Oder gilt es auch mir?Für diesen Fall schöpfe ich das Duschwasser vom Badewannenboden in einen Eimer, spüle damit die Toilette und schaue mit Befriedigung zu, wie das Wasser mit dem Badegelschaum noch ein zweites Mal zum Einsatz kommt. Sollte das gurgelnde Geräusch etwa das Gelächter der Flussgötter sein, das sich mit dem Kichern der Quellnymphen vereinigt und dem vertrottelten Idealisten gilt, der an den Sinn kleiner Einheiten glaubt?Wartet nur, denke ich dann, wartet nur, bis das alle machen, dann werden die Reservoire wieder bis zuoberst voll sein, und die Pegel unserer Gewässer werden Höhen erreichen, für die es nur ein Wort gibt: Hochwasser!Franz Hohler, geboren 1943 in Biel, wurde berühmt mit Alltagsgeschichten, die plötzlich ins Absurde und Abgründige kippen.Zora del Buono: Ein weites MeerIch habe es gehasst. Den Geruch nach Chlor und Kokosöl (und in der Dusche den nach Granny-Smith-Shampoo), das Kreischen der Kinder auf dem Sprungturm, die Wespen in der Wiese, die klebrigen Tische und überhaupt das Klebrige, die Gefahr, von fiesen Jungs untergetaucht zu werden (existenzielle Angst) oder von ihnen beim Umziehen beobachtet zu werden (sie legten sich auf den Boden und starrten unter den Mädchen­kabinenwänden durch oder glotzten von oben, tastende Hände überall), das Schlucken von Wasser, das Husten, meine Schieflage in den Bahnen, immer stiess ich irgendwo an, wo ich nicht hingehörte, die sengende Sonne im Gesicht (Sonnenstich!), Bikinis, die zwickten – das Freibad war schlicht die Hölle.Mutter hat es alles geliebt. Ich habe sie sogar im Verdacht, dass das weitläufige Freibad ausschlaggebend dafür war, dass wir ausgerechnet in diesen mittelcharmanten Vorort zogen, anstatt in der grossen Stadt zu bleiben (nun ja, gross, aber immerhin: Zürich!), wo ich mich wie ein Fisch im Wasser fühlte (das dann schon).Mutter war schlank und braungebrannt und trug wunderschönen roten Nagellack an den Zehen. Ich war moppelig und ­sonnenbrandgefährdet und dezidiert unsportlich. Sie schwamm elegant und behende, ich planschte lustlos. Sie las stundenlang Zeitung in der Sonne oder lernte für ihr Studium, ich starrte in die Luft und wurde quengelig oder verscheuchte hysterisch die Wespen (Mutter war allergisch, aber gelassen).Doch heute, kurz nach ihrem Tod, schiebt sich ein anderes Bild über diese unerspriesslichen Erinnerungen. Es muss Ende der 1960er Jahre gewesen sein, also vor der Granny-Smith-Shampoo-Zeit, und in einem anderen Freibad, einem städtischen. Ich sehe Mama da liegen, in ihrem knallgelben Bikini, gerade aus dem Wasser gestiegen, dösend. Ich sehe ihren flachen Bauch, die Wassertropfen, die um den Nabel eine Pfütze gebildet haben, ich sehe mich Gänseblümchen darauf dekorieren, Schiffchenfahren nenne ich das, ich sehe mich pusten, und die Blüten gleiten über sie hinweg, und ich imaginiere ein grosses, weites Meer.Zora Del Buono ist Mitgründerin von «Mare», der Zeitschrift der Meere, und schreibt hochgelobte Romane. «Seinetwegen» gewann 2024 den Schweizer BuchpreisNina Kunz: Ich schwimme wie ein HundDas hört sich vielleicht etwas verrückt an, aber ich habe eine komplizierte Beziehung zum Sommer. Der Sommer kann mich nämlich melancholisch machen.Gerade wenn ich nicht wegfahre und in Zürich bleibe, kann es zum Beispiel vorkommen, dass mich die Melancholie einfach so überfällt. Ich erinnere mich etwa, dass ich letzten August mal an einer Bar vorbeispazierte und dort schöne Menschen mit gekühlten Apéro-Getränken sah – und mich plötzlich ganz einsam und defizitär fühlte.Ganz arg ist es zudem an den Ufern des Zürichsees und an der Limmat. Denn dort herrscht oft eine Stimmung wie in einem Werbefilm. Leichtigkeit, trainierte Körper, wummernde Beats, schicke Sonnenbrillen.Natürlich weiss ich, dass es in Zürich nicht überall so ist und vieles nur in meiner Phantasie passiert. Doch manchmal überfordert mich diese offensive Sommerstimmung so, dass ich mir einbilde, nicht ins Bild zu passen. Denn mir wird schwindlig in der Hitze, ich spiele nicht gerne Volleyball und zudem mag ich es eigentlich auch, wenn es regnet und es nicht diesen Druck gibt, Spass zu haben.Was ich also sagen will, ist: Manchmal muss ich mich etwas überwinden, um an den See zu gehen. Ich muss den Stimmen in meinem Kopf sagen, sie sollen endlich mal Ruhe geben. Was mir, je älter ich werde, zum Glück auch besser gelingt. Denn eigentlich liebe ich das Wasser. Zwar schwimme ich wie ein Hund und hasse nasse Haare – aber ich mag die Geräuschkulisse, wenn die Wellen das Kindergeschrei und die Klänge der Stadt verschlucken, ich mag die Langsamkeit der Bewegungen und den Widerstand des Wassers. Ausserdem mag ich das Zürcher Seebecken, weil ich weiss, dass hier vor Tausenden von Jahren der Rhein-Linth-Gletscher lag. Und ich mag diesen kleinen Überwindungsmoment, den es gibt, bevor man den Bauch ins Wasser taucht.Eine Freundin von mir hatte, als wir noch Studentinnen waren, eine Postkarte im Gang hängen, auf der stand: How to have a beach body. Step 1: Have a body. Step 2: Go to the beach. Ich finde diese Postkarte nach wie vor überraschend gut.Nina Kunz schreibt Kolumnen, ihr Essayband «Ich denk, ich denk zu viel» hielt sich über ein Jahr auf der Bestsellerliste. Seit 2024 sitzt sie in der Jury des SRF-«Literaturclubs».Tom Kummer: Aare ExperienceAbenddämmerung. Die Dunkelheit verspricht Erleuchtung. Noch liegen wir am Flussufer, 10 Kilometer vom Ziel unserer Mission entfernt: dem Marzilibad, mit Sicht auf das Bundeshaus. Wir sind konzentriert wie Einzelkämpfer in einer ­verlorenen Welt, getarnt wie Jäger nach einem verlorenen Schatz. Wir tragen Schwimmschuhe. Über meinem Rücken hängt ein wasserdichter Beutel, dieses für unser ­geplantes Abenteuer entscheidende Utensil, das unser Leben verstaut: iPhone, Badetuch, Jeans-Shorts, Ersatzunterwäsche, Buch, T-Shirt, Müesliriegel. Mehr braucht es nicht.Als wir in die Aare steigen, ist der Nachthimmel vollgestopft mit Sternen. Die Milchstrasse über uns sieht aus wie ein weisser Plastiksack, aufgehängt im Dach des Himmels über Rubigen bei Bern. Die Dunkelheit wird uns bald von höheren Dingen erzählen, wir spüren es, als wir in Ufernähe in stillen Gewässern schweben.Meine Partnerin heisst Renee, eine ultimative Freundin der Erde. Ihre Hände sind gross und männlich. Hände, die Dinge getan, Aufgaben vollbracht haben. Die Hände einer Aktivistin. Renee trägt ein tarnfarbenes Badekleid, sie sieht aus wie eine kampfbereite Wassernixe, die auch mal weint, wenn sie der Zustand der Welt traurig macht. Plastiksäcke gleiten an uns vorbei. Sie nennt es eine offene Wunde am Leib des schönsten Flusses der Welt. 6000 Gummiboote und zirka 30 000 Glückssuchende hatten an diesem überhitzten Wochenende die Reise von Thun nach Bern angetreten. So steht es am nächsten Tag in der Zeitung. Die 25 Kilometer lange Flussreise durch das Aaretal gilt als das grösste Spassbad der Schweiz.Jetzt herrscht Stille über der Partyzone. Der Fluss glänzt unschuldig im Mondlicht. Frösche quaken in den Auengebieten. Eine Forelle springt aus dem Flusswasser, hofft auf eine Portion Mücken. Das Rauschen des Wassers überzieht die Landschaft. Keine hämmernden Technobeats. Keine Battles der Wasserpistolen zwischen Flamingo- oder Teddybär-Plastikbooten. Wir lassen uns treiben, der Mond leuchtet den Weg. Wir beobachten die glitzernde Oberfläche, lauschen dem Plätschern der Strömungen über den Betonschwellen, die den Fluss bremsen sollen. Wir sehen Baumstämme am Uferweg, die vom Biber gefällt worden waren. Wir beobachten einen Graureiher und halten Ausschau nach Fischottern, die sich hier wieder angesiedelt haben.Renee wischt sich Tränen aus dem Gesicht. Überwältigt von ihren Gefühlen, lässt sie sich zurück zu einem Sporn aus Felsbrocken treiben, der in die Aare hineinragt. Im Kehrwasser dieser Bremsklötze gegen die Ufererosion formen sich ruhige Zonen. Wir nutzen sie als Pools, drehen darin meditative Runden. Dazu halten wir uns an der Hand, blicken Richtung Milchstrasse, nähern uns der Erfahrung!Einer Erfahrung, wie sie schon Max Weber in seinen Theorien beschrieben habe, sagt Renee. Sie spricht vom grossen deutschen Pionier der Soziologie. «Weisst du, Tom, nach Max Weber gibt es zwei Arten von Propheten.» Den «ethischen» Propheten, wie Jesus oder Moses, der seinen Jüngern Verhaltensregeln vorgibt und Gott als eine Über-Person beschreibt, die darüber urteilt, wie brav diese die Regeln einhalten. «Und dann gibt es den exemplarischen Propheten, wie etwa Buddha: Für ihn ist Gott unpersönlich, eine reine Kraft, eine Energie, ein alles vereinender Fluss, wie die Aare, eine All-Einheit. Darum gehts!» Von was redet Renee?Sie folge hier im Flusswasser weder einer neuen Hippie-Bewegung, noch sei sie auf der Suche nach einer Wild-Swimming-Party. Vielmehr, sagt Renee, sei sie angetrieben von einer Endzeit-Phantasie. Dass nämlich all das hier, was wir Sommerspass nennen, bald ein Ende nehmen würde. Dass es höchste Zeit sei, der sogenannten Aare-Transzendenz einen Platz in unserer Erinnerung einzurichten, für unsere Kinder und Enkelkinder. Eine Transzendenz, von der schon Renees Grossmutter und Urgrossmutter geschwärmt hatten, als sie einst in diesen Wassern das Nacktbaden entdeckten, erstmals über freie Liebe, Weltfrieden und die Errettung unseres Planeten nachdachten. Sie haben in der grünen Aare eine neue Religion gefunden.Auch Renee hat dieser Fluss schon oft geholfen, als sie in einer Krise feststeckte. Der Gesang der Kieselsteine unter Wasser. Die Abkühlung der Haut als grosser Stimulator. Die Konzentration auf die eigene Atmung. Das Schweben inmitten einer Dschungelkulisse. Ihre Wechseljahrbeschwerden hat der Flow gemildert, über den Tod ihrer Eltern sei sie im Wasser besser hinweggekommen, über all die Stimmungsschwankungen in einer immer komplizierteren Welt.Irgendwo nahe dem Flugplatz Belpmoos schlägt eine Kirchenuhr. Mitternacht. Flussabwärts glimmen zurückgelassene Feuerstellen. Rauchschwaden hängen über dem Wasser. Es riecht nach verbrannten Cervelats, deren Überreste die Füchse und Marder glücklich machen. Wir sind tagsüber in kurzen Etappen geschwommen, haben uns Zeit gelassen, sind in schattigem Ufergebüsch untergetaucht, haben Steine und Pflanzen studiert und uns vor den betrunkenen Horden auf ihren Plastikinseln versteckt. Jetzt, in der totalen Stille, wirkt jedes Geräusch, jede Bewegung an der Aare geheimnisvoll. War das etwa gerade eine Entenfamilie? Ein Graureiher? Nein, ein führerloses Gummiboot zieht an uns vorbei. Wir sehen die Velolichter einer Polizeipatrouille auf dem Uferweg nahe Allmendingen.Der Tarnfarben-Kampfbikini steht Renee richtig gut, der Mond beleuchtet ihre glänzende Haut. Sie ist eine geborene Aare­schwimmerin – geübt im Studieren der Landschaft, im Erkennen von Gefahren und Wundern der Natur. Mittags hatte sie eine Ringelnatter in einem felsigen Sporn entdeckt. Oh, fast hätte ich es vergessen: Renee kann protestieren, pöbeln und gewaltig übertreiben. Sie zeigte tagsüber den Plastikböötlern den Stinkefinger, warf Kieselsteine nach ihnen. Insgeheim dachte ich, sind wir denn wirklich so anders? Warum regt sich Renee auf? Wir wollen doch alle das Gleiche.Es war in der Nachmittagshitze, als wir uns in einen Nebenfluss zurückzogen und uns klarwurde: Die Aare befreit unser Gewissen, öffnet unsere Seele. Dort erzählte Renee, dass sie womöglich schon zornig geboren worden sei. Ihr Grossvater sei ein zorniger Bauer, die Mutter eine zornige Lokalpolitikerin, der Vater ein zorniger Bundesbeamter gewesen. Aber immer, wenn die Eltern in der Aare geschwommen waren, sprachen sie danach friedlicher, euphorischer, abstrakter, als ob sie eine psychedelische Erfahrung gemacht hätten. Als ob das Schwimmen im Schmelzwasser ferner Gletscher eine transzendentale Erfahrung auslösen kann.Und so dreht sich Renee in der Mitte der Aare nahe bei Muri stumm auf den Rücken, als ob sie den Himmel nach der Geburt des Universums absuchen würde. Sie war längst vom Flow dieses Flusses milde gestimmt, vom Aarewasser, das seit Ewigkeiten im Berner Oberland entspringt und nach 288 Kilometern in Koblenz in den Rhein mündet. Und dabei die einzigartige Coolness der Aare verströmt.Erst nachts, unter sternenklarem Himmel, können wir uns der Illusion hingeben, allein zu sein auf dieser Welt. Das Leben ist diesen Sommer komplizierter geworden. Die Menschen wollen weniger nachdenken und Stellung beziehen, sind erschöpft von Provokationen und Polarisierungen, wollen nur noch leer werden. Jedenfalls für kurze magische Momente. War es nicht logisch, dass so viele ihr Glück in Gummibooten auf unserem geliebten Fluss suchen? Sie kommen aus der ganzen Schweiz. «Und zerstören genau das, was sie suchen, in dem Moment, in dem sie es finden.» Renees Worte. Das sei die Tragik unserer Gegenwart. Wir suchen unablässig nach authentischen Erlebnissen, die ausserhalb der Logik unseres Alltags stehen – ähnlich, wie die Religion oder die Kunst.Wir nähern uns den Stadtlichtern. Bern taucht auf. Wir treiben in der Mitte des Flusses, wie die verlorenen Kinder im Film-noir-Meisterwerk «Die Nacht des Jägers» – in der ikonischsten Flussszene der Kinogeschichte. Es ist ein Floaten mit einer 360-Grad-Perspektive, mit märchenhaftem Blick von unten auf die Altstadt von Bern. Und plötzlich hat sich vom Wasser aus unsere Haltung zum Alltäglichen komplett verändert.Es gibt kein umfassenderes In-der-Bundeshauptstadt-Sein als von der Aare aus. Es sei die schönste Form des Miteinanders, sagt Renee. Im Marzili-Bad, das jetzt dunkel und menschenleer an uns vorbeizieht, treffen sich tagsüber im Sonnenlicht alle Schichten, alle haben das Gleiche an, nichts trennt sie. Das Stadtschwimmen demokratisiert den öffentlichen Raum, die Strömung ist gratis für alle. Es sei die sinnlichste Form, öffentlichen Raum zu besetzen, sagt Renee. Ich tauche ab.Nichts spült politisierte Romantik besser fort als kühles Aarewasser. Gerade schweben wir erhaben unterhalb des Bundeshauses vorbei, nähern uns der Schwellenmatte. Renee redet noch immer von dringlichen gesellschaftspolitischen Themen, die sich in der neuen Bewegung Wild Swimming vereinen. Vom Recht der Menschen auf ihre Stadt. Doch die Aare, dieses grüne Eldorado, werde gerade in Stadtnähe immer dystopischer. Stimmt doch, oder? Spürst du es nicht, Tom? Die Massen zerstören alles!Ich bin jetzt noch tiefer abgetaucht. Suche nach kalten Strömungen in der Dunkelheit. Kieselsteine rauschen, betörende Unterwassermusik. In der Aare steckt etwas Elementares. Unerklärliches. Nicht alle können es erkennen. Es sind Trance-Zustände. Träume. Ekstasen. Die Erfahrung! Was folgt, ist Ruhe und Balsam. Trost und Frieden. Das ist alles.Tom Kummer war Borderline-Journalist und schreibt heute Romane, zuletzt «Freiwürfe mit einem Diktator», eine Polit-Satire über einen Berner Basketballcoach von Kim Jong Un.Darja Keller: Der Geruch meiner KindheitIch bin an einem schmalen, flachen Aargauer Bach aufgewachsen, der plätschert, nicht rauscht. Am Rand des Dorfes fliesst er unter der Autobahn hindurch in die Limmat. Für mich roch der Sommer immer nach Wasser. Der Bach ist wenig beeindruckend, eher die Vorstufe eines Gewässers, man könnte leicht an ihm vorbeigehen. An warmen Tagen roch er erdig und leicht nach Algen und Moder, zugleich frisch und klar. Nur Wasser im Sommer kann all das gleichzeitig. Der Geruch war für mich das klarste Zeichen von Glück, stand für Grillkohle und Ketchup, Hitparade im Autoradio, Flaschenpost. Meine beste Freundin und ich schrieben begeistert Briefe auf Diddlpapier, steckten sie in PET-Flaschen und warfen sie in den Bach. Beim ersten Mal fanden unsere Mütter es süss, beim fünften Mal griffen sie aus Umweltgründen ein.Im Laufe meines Lebens habe ich jedes Gewässer und seinen Geruch mit diesem Bach verglichen. Ich folgte dem erdig-nassen Geruch, egal wohin ich ging. Ich fand ihn auf dem Campingplatz in Südfrankreich, ich fand ihn an der Nordsee und in Hamburg, dort war er gemischt mit Salz und Zimt. Ich fand ihn im Zürcher Flussbad Oberer Letten und verbrachte viele Abende dort, legte meine flussnasse Wange auf den heissen Beton.An einem bewölkten Tag in diesem Frühsommer fahre ich mit dem Velo von Zürich bis ins Dorf meiner Kindheit. Ich bin langsam unterwegs und brauche trotzdem nur anderthalb Stunden. In meinem Kopf ist die Entfernung viel grösser. Rechts fliesst die Limmat, links ziehen Fabriken und Einkaufszentren vorbei, Schlieren, Dietikon, Killwangen-Spreitenbach.Der vertraute Geruch wird stärker, je näher ich dem Bach, dem Dorf und der Strasse meiner Eltern komme. Als ich in die kleine Strasse einbiege, das Plätschern höre, will ich meine Schuhe ausziehen, barfuss gehen und mich ins flache Wasser legen. In diesem Moment begreife ich: Egal wie gut das Meer riecht, die Seen, die grossen, rauschenden Flüsse – die ersten Sommer hinterlassen einen Abdruck, den nichts verwischt. Kein Geruch ist wie der von zu Hause.Darja Keller, geboren 1994, schreibt Kurzgeschichten und Essays – über erste Male, letzte Male, Sehnsucht und Begehren.Julia Weber – Ein Brief an meine SchwesterLiebe N.Heute sass ich in meinem kleinen Wohnzimmer, die Katze lag neben mir auf dem Sofa, und die Wände waren weiss, die Luft noch kalt, weil es früh am Morgen war und es die ganze Nacht geregnet hatte. Draussen in den Bäumen sass eine Amsel, sie sang immer und immer wieder die gleiche kurze Melodie, die gleiche Abfolge der aufgeregten Amseltöne kam aus dem kleinen Amselkörper, sehr laut, wie mir schien. Weil die Aufregung sich leicht auf mich übertrug, ging ich auf den Balkon hinaus, schaute, wo das Tier sitzt und was es wohl in diese Aufregung gebracht hatte. Die Katze folgte mir, als wir dastanden, ich und die Katze neben mir, verstummte der Vogel sofort.Als ich wieder drinnen war, mich gesetzt hatte, musste ich an Dich denken. Ganz plötzlich und ganz fest. Ich dachte an Dein Gesicht, in dem die Augen eine wichtige Rolle spielen, Deine Bewegungen, die Du machst, manchmal, wie ein Mensch in einem Tiefseeanzug, mit Schlauch nach oben, um zu atmen. Ich dachte an Deine langen Wimpern, wie die Giraffe sie hat. Und ich dachte an Deine schönen Hände die darum schön sind, weil Fingernagel und Finger und Handfläche so gut zusammenpassen. Ich dachte auch an Deine Hände, wie sie Dinge halten, wie sie meine Hand halten. Wie ich manchmal versuchte, loszukommen aus Deinem Händegriff und keine Chance hatte, weil Du schon immer sehr starke Hände mit starken Fingern hattest und ich immer ein bisschen kleiner war als Du. Und dann dachte ich an das Liegen im Stockbett in unserem Zimmer. Ich unten, Du oben, ich mit den Füssen am Lattenrost und Du schimpfend über mir. Ich solle gefälligst meine Füsse da wegnehmen, sagtest Du, sonst würdest Du runterkommen, und dann würde ich ja sehen, was dann passiere. Und ich, die sie nicht wegnahm und weiter gegen oben drückte und Du schimpfend, bis eine Latte aus dem Rost fiel und mir ins Gesicht und ich weinte und Du sagtest, siehst du? Selber schuld.Ich erinnere mich auch, wie ich in der Dunkelheit unter der Decke lag, auf den Schlaf wartend, mit Blick aus dem Fenster, den Üetliberg betrachtend, wie ich immer versuchte, genau dann die Augen geschlossen zu halten, wenn das Licht am Turm rot leuchtete, und die Augen zu öffnen, wenn es ausging. Ich erinnere mich an meinen Körper im Bett und Deinen über mir, wie ich immer wusste, jeden Abend, dass Du da liegst. Abend um Abend lagen wir so, geschichtet, und ich kannte Deinen Atem, ich wusste, wann Du noch wach liegst und wann Du eingeschlafen warst. Aber ich glaube, mich zu erinnern, dass ich oft vor Dir eingeschlafen bin. Hast Du mein Atmen auch gehört? Weisst Du noch, wie ich klinge, wenn ich schlafe? Wie langsam das Ausatmen ist und das Einatmen auch? Es ist eine Tauchbewegung, dachte ich damals, jetzt taucht sie über mir in ihren Schlaf hinab, dachte ich, in ihrem Tiefseeanzug mit Schlauch nach oben, um zu atmen. Und am Morgen dann, und darum glaube ich, wanderten die Gedanken überhaupt zu Dir, aber das ist ja manchmal so schwer nachzuvollziehen, was diese Gedanken so tun, in einem drin.Als ich da sass im Wohnzimmer, und die Amsel hatte wieder begonnen zu singen, dachte ich auch daran, wie wir am Morgen erwachten, ich unten, Du oben, und eben solche Amseltöne hörten im Garten und wussten, dass es Sommer ist.Und der Sommer war ein Zirkuszelt. Am letzten Schultag vor den grossen Ferien betraten wir es, und am letzten Tag der Sommerferien gingen wir müde und mit heissem Gesicht, mit Sonnenhaut und dunkleren Punkten auf ihr und mit Sand auf der Kopfhaut und mit Schürfungen am Knie und aufgeschürften Zehen, mit salzigen Augen und von Chlorwasser aufgeweichten Fingern, mit trockenen Fusssohlen und daran dicker Hornhaut vom Über-die-Kieselsteine-Rennen ins Bett, Du oben, ich unten, und am nächsten Tag würde die Schule weitergehen, und dann käme der Herbst, und die Blätter würden fallen, das Wasser im Pool im Garten würde leicht gelb werden, die Enten würden kommen, um den Pool als Teich zu übernehmen, die Schnecken würden schleichen, die Äste brechen. Dann würde das Wasser grün werden und die Steintreppen im Garten rutschig. Die Wohnung würde wieder auf diese ein bisschen zu kleinen drei Zimmer zusammenschrumpfen, die sie hatte, bevor der Sommer kam und sie ausweitete, die Türen und Fenster entfernte und die Welt hereinliess. Am Morgen würden wir wieder Feuer im Ofen machen und manchmal noch im Wald, und dann würde es zu nass sein. Und dann käme der Winter und dann der Schnee.Aber zuerst gab es den Sommer. Gab es das Zirkuszelt. Und als ich da sass, und an Dich dachte und unser Zusammensein, war ich plötzlich so tief dankbar für diese Erinnerungen und Dein Neben-mir-Sein darin. Und auch eine kleine Traurigkeit kam in mich, die Katze lag jetzt in meinem Schoss, sah mich mit diesen vorwurfsvollen Katzenaugen an. Diese Traurigkeit, die einen erfassen kann, wenn man daran denkt, was man einmal war und was man geworden ist. Gar nicht, weil ich so unglücklich wäre mit dem, was ich bin. Aber all diese Zeit, die an einem haftet nun, all die Wege, die wir gegangen sind, und all das, was passierte, und die Wünsche und die Tränen, das Lachen, die Tage, Kälte, Wärme, Wut und Hände in Händen.Und diese Kinder, die wir waren. Und all diese Erinnerung.Es gab uns. Es gab auch Eltern, es gab auch Freunde oder Eltern von Freunden, Cousinen, Tanten, Onkel, Grosseltern und Kirschensammeln im Fricktal bei den Verwandten der Grosseltern, aber niemand war so nahe bei mir über den Sommer hinweg wie Du. Jeden Morgen lagst Du über mir, jeden Morgen Dein Springen vom Bett. Jeden Morgen wir am runden Holztisch in der Küche, tranken wir unsere Ovomaltine nicht. Wir warteten, bis die Stimme im Radio die Nachrichten verkündet hatte oder ein Streit der Eltern vorübergezogen war oder das Schimpfen aus ihren Mündern, wenn wir etwas gemacht hatten, was wir nicht hätten machen sollen.Wir rochen erst nach Schlaf und dann nach Sonnencrème und gingen in den Keller hinab und auf dem kalten Kellerboden hinaus in den Garten. Dann waren wir für einen Moment blind, weil drinnen die Dunkelheit an unseren Augen kleben geblieben war und draussen das helle Morgenlicht. Wir liefen über die Steintreppen, unter den weissen und blassrosa Rosen hindurch, die sich von beiden Seiten entgegenwuchsen und in der Mitte des Weges sich trafen, und dann sprangen wir ins Wasser. In dieses hellblaue Becken hinein, und dort blieben wir, betrachteten die Welt von unten durch das Wasser. Sahen verschwommen einen Himmel und manchmal das Gesicht der Eltern, die von oben sich über den Poolrand beugten und ins Wasser schauten, wir sahen die Baumspitzen, die zitterten, wir sahen unsere Hände und Füsse, und ich sah Dein Gesicht, Deine Nase, Deine Augen, Deine Haare wie Seegras vor mir und Deinen Körper schwebend, dann tauchten wir auf und holten Luft.Wir verbrachten den Sommer im Garten, im Wasser, bis jemand aus einer anderen Welt kam und sagte, unsere Lippen seien violett und die Fingerkuppen nicht mehr als Fingerkuppen zu erkennen, so bleich und schrumplig würden sie aussehen wie ein weisser Korallenpilz am Meeresgrund. Dann legten wir uns auf die Wiese. Und unter dem Pflaumenbaum lagen die faulen Pflaumen, an den Pflaumen die Wespen, und am Apfelbaum hingen die Äpfel, und im alten Ziehbrunnen war ein Schatz versteckt, und es summte und knisterte um uns, wenn wir die Augen schlossen, konnten wir alles hören, das Tram weiter weg, die Flugzeuge am Himmel, die Autos auf den Strassen, die voll bepackt Richtung Süden fuhren.Und manchmal schien es uns, als wären alle anderen Menschen verschwunden, als gäbe es nur noch uns, wir waren da, allein auf der Welt, lasen Comics und assen saure Zungen, drückten die Zehen in die schwarze, weiche Masse, mit der die Risse im Beton gefüllt werden, wenn ein warmer Regen kam, tanzten wir in den Strassen, wir sammelten Blumen und Erdbeeren, wir schwammen mit den Enten im Pool, die kamen, wenn der Sommer beinahe vorüber war, und blieben, bis im Winter sich eine Eisschicht über das Becken legte.Als ich da sass und an all das dachte, dachte ich, wie froh ich bin um Dein Gesicht neben meinem, um Dich und die Zeit, die wir hatten, in diesen Sommerzelten. Wie froh ich bin, eine Schwester zu haben, die jahrelang über mir im Stockbett lag, deren Atmen ich kenne, eine Schwester mit starken Händen und Tiefseeanzugsbewegung, die mit ins Wasser springt, während alle anderen Menschen verschwunden sind.Die Zürcher Schriftstellerin Julia Weber hat drei Romane beim Limmat Verlag veröffentlicht und schreibt, auf Bestellung, literarische Texte und Briefe auf der Schreibmaschine.Ralf Schlatter: RüberschwimmenUnvergesslich, als ich das erste Mal über den Rhein schwamm. Ich weiss nicht mehr, wie alt ich war, aber ich weiss noch, wie es sich anfühlte. Gross. Gefährlich. Mehr noch: existenziell. Kein Wunder, dass die alten Griechen fürs Bild des endgültigen Übergangs einen Fluss nahmen.Das erste Mal über den Rhein schwimmen ist für Kinder aus Schaffhausen eine der grossen Stufen im Erwachsenwerden, irgendwo zwischen dem ersten Mal Fahrradfahren und dem ersten Mal. Eines schönen Tages also sprach mein Vater – für diese Stufe war klarerweise der Vater zuständig – die gewichtigen Worte: «Heute, mein Junge, ist es so weit. Jetzt bist du bereit.» Ich spüre heute noch, wie mir das Herz gleichzeitig in den Hals schlug und in die Badehose rutschte.Von meinem Schaffhauser Ufer aus sah es nach nichts aus. Gleich dort drüben war ja das andere Ufer. Kinderspiel. Dann schwamm ich los. Anfangs war das eigene Ufer noch nahe, das Bild kannte ich vom Runterschwimmen.Aber jetzt schwamm ich nicht mehr runter, ich schwamm rüber. Und so fand ich mich plötzlich in der Mitte des Flusses wieder. Schaute nach vorn, schaute nach hinten. Und plötzlich waren beide Ufer sehr, sehr weit weg.Ich weiss nicht, wie Gewässer das machen. Es sind Illusionskünstler. Sie tragen Töne über Hunderte von Metern. Sie bringen Millionen von Menschen dazu, in sie hineinzusteigen, und wenn sie wollen und es dumm läuft, können sie jeden Einzelnen in drei Minuten töten. Vor allem aber nehmen sie uns das Gefühl für Entfernungen.Da schwamm ich also, in der Mitte des Rheins, trieb flussabwärts und hatte diesen Anflug von Panik. Wusste plötzlich nicht mehr so genau, wie der Brustschwumm ging. Schluckte plötzlich Wasser. Fand den Geruch dieses Wassers plötzlich nicht mehr wirklich gut. Strauchelte, zappelte, stolperte schwimmend weiter.Und dann der verrückte Augenblick: Das andere, das fremde Ufer kam auf einmal näher. Ich hatte die Schwelle überschritten. Die stolze Gewissheit durchflutete mich: Ich werde es schaffen. Der Blick zurück: Wie unendlich weit weg war das heimische Ufer! Der kurze Gedanke: Shit, dorthin muss ich nachher zurückschwimmen.Dann die letzten Meter, die Füsse spürten die Steine, ich konnte stehen, ich stieg aus dem Fluss. Ich war drüben! Über dem Rhein! Einen Moment lang fühlte ich mich wie der Entdecker eines neuen Kontinents. (Nun ja, es war der Kanton Zürich.)Da stand ich also, im fremden Land. Und mir wurde schlagartig bewusst: Ich hatte nichts dabei. Keinen Pass, keinen Proviant, nur meine Badehose. Ich kam mir seltsam vor, nackt, verletzlich, fremd, als gehörte ich da nicht hin. (Wie müssen sich flüchtende Menschen fühlen, am fremden Ufer?) Eilends lief ich flussaufwärts, um so schnell als möglich wieder zu meinem Platz am eigenen Ufer zu kommen.Noch krasser war das Ganze vom Schaaren aus, einer beliebten Badestelle auf der Zürcher Seite. Denn von dort aus war das fremde Ufer Deutschland. Aber ja, es ist wie mit all diesen ersten Malen. Das Zurückschwimmen war schon nicht mehr das Gleiche.Ich lebe schon lange nicht mehr am Rhein, nach dreissig Jahren in Zürich (den Schwimmkanal auf der Werdinsel hat man mit vier, fünf Zügen überquert) wohne ich seit kurzem in der Nähe des Türlersees. Ich überquere nun den Türlersee, ich habe das Distanzschwimmen entdeckt.Auf den Geschmack kam ich dank der Schwimmbrille. Ich sass eines Morgens am Ufer des Lago Maggiore, hatte gerade ein Bad genommen, als ein Mann ganz aufgeregt angerannt kam, eine nagelneue Schwimmbrille aus der Verpackung zog, die Sehbrille ab- und die Schwimmbrille aufsetzte, neben mir ins Wasser stieg, immer wieder abtauchte und mit enttäuschtem Gesicht wieder rauskam.Was denn sei, fragte ich. Er habe seine Uhr verloren, sagte er. Hier, im See. Vor einer halben Stunde, nach dem Joggen, sei er reingesprungen, dabei müsse ihm die Uhr vom Handgelenk gerutscht sein. Jetzt habe er extra eine Schwimmbrille gekauft, um sie zu suchen. Aber mit seinen acht Dioptrien könne er das vergessen.Ob ich es auch mal versuchen dürfe, fragte ich. Ja klar, gern, sagte er. Wie die Uhr denn aussehe. Es sei, sagte er, eine Apple Watch. Schwarz, mit grünem Band. Na toll, sagte ich, mit Blick auf den schwarz-grünen Grund des Sees. Ich zog die Schwimmbrille an, ging hinein und tauchte unter. Einmal, zweimal, erfolglos. Lass es ruhig, sagte er. Nein, sagte ich, einen Versuch noch. Ich tauchte ab – und fand die Uhr. Wie wir beide strahlten! Und als Finderlohn schenkte mir der Mann die Schwimmbrille.Statt dem Schaaren nun also die Badi am Türlersee (wo sie seit neuestem Eintritt verlangen für die aufblasbaren SUP, diese SUV unter den Schwimmhilfen).In der Mitte des Sees, da erwischt es mich jedes Mal wieder. Ich schaue vor mich, hinter mich. Und plötzlich sind beide Ufer sehr, sehr weit weg. Dann erinnere ich mich an den kleinen Jungen im Rhein. Ich lächle, richte meine Schwimmbrille, atme tief. Und schwimme weiter.Ralf Schlatter, Schriftsteller und Kabarettist, schrieb zuletzt den Roman «Die 7½ Leben des Paul Ungewitter», der in Paris spielt und allerlei Ereignisse und Zufälle verknüpft zu einem charmanten Erzählstück.Meral Kureyshi: Die Wasser«Wie Wasser soll deine Reise verlaufen, unbeschwert und leicht. Fliesse, entdecke, vergiss nur nicht. Kehr bald zurück, genauso leicht, wie du geflossen bist», waren Grossmutters letzte Worte, und sie umarmte mich. Mit einem Lächeln stand sie mit dem leeren Blecheimer in ihren Händen da. Das war das letzte Mal, dass ich meine Grossmutter gesehen habe. Alle starben uns davon, wir in der Schweiz gefangen. Zwölf Jahre durften wir nicht ausreisen, nicht einmal für die vielen Beerdigungen. Wir waren Kriegsflüchtlinge, keine Verbrecher, sagte mein Vater, bevor er mit sechsundvierzig starb an Kummer und Leid. Herzinfarkt, haben sie gesagt, die etwas sagen mussten, doch er starb vor Kummer und Leid, das durften sie nicht sagen, das konnten sie nicht wissen. Ich habe es ihnen gesagt, vor Kummer und Leid. Halte aus.Die Limmat fliesst durch Zürich und in die Aare. Die Aare in den Rhein, und der Rhein gleitet weiter und weiter zur Nordsee. Alle Protagonistinnen meiner Romane werfe ich in die Wasser und sehe zu, wie sie frieren. Wenn dann das Süsswasser auf Salzwasser trifft und ein Ästuar entsteht, beobachte ich, wie die Fische sich begegnen im Übergang. Ein Ort der Vermischung. Und wir alle verwandeln uns in Fische. Das geht doch nicht, sagt mein Neffe, wir sind Menschen. Doch das geht, sage ich, wenn du es aushältst. Halt ich nicht aus, sagt er. Dann geht es nicht, sage ich.Doch ich bin ein Fisch im Süsswasser, ich fürchte mich vor den Fischen im Salzwasser. Und da Süsswasser eine geringere Dichte als Salzwasser hat, fliesst das leichte Flusswasser zunächst als dünne Schicht über dem schwereren Meerwasser. Und ich schaue verängstigt in die Tiefe. Ich halte aus. Bis sie sich langsam vermischen, die Wasser. Sie fliessen und nehmen alles mit, die Wasser. Die Erde, das Salz, das Gift, die Wärme, die Stimmen, den Schmutz, unsere Erinnerungen und die Flecken am Boden. Halte aus, es geht. Was irgendwo in den Boden sickert, taucht anderswo wieder auf. Wir sind die Wasser.Die Aare steigt wieder an. Am liebsten gehe ich schwimmen, wenn es regnet. Der Regen verfärbt den Tag, zerkratzt das Zugfenster, kühlt die Luft, macht den Mittag zum Abend. Die Zeit wird langsam, wenn es regnet.Ich spaziere an der Aare entlang, lasse kleine Steine ins Wasser fallen, bewege den Himmel unter mir, die Wolken in den Wellen. Die feuchte Luft saugt sich in die Kleider, legt sich auf die Haut, die Augenlider, auf die Finger, sie legt sich auf die Zunge und macht sie schwer. Der Kopf fühlt sich an wie Schlamm, der die Gedanken verschluckt.Im Fluss zähle ich die Brücken, auf dem Rücken liegend, sie nehmen mir für einen kurzen Moment die Sicht, legen ihren Schatten auf meinen Körper. Ich fühle mich schwerelos, das Wasser trägt mich, ich bin ein Fisch. Halte aus.Im Wasser ertränkt ein Schwan seine Küken. Das passiert wirklich, auch wenn ich manchmal die Wirklichkeit nicht aushalte oder sie so verrücke, dass es geht, irgendwie. Dann dieses Pochen im Kopf. Ich kaue das Aspirin, damit es schneller wirkt. Das Verrücken tut weh irgendwann. Halte aus. In meinem Kopf gelebt, mir das Leben ausgemalt, die Wahrheit verdrängt, um zu schwimmen, als Fisch zum Meer und zurück. Als würde sich der Himmel auf uns stürzen, fällt der Regen jetzt in Kügelchen auf uns herab, in Strömen, und der Himmel grollt hungrig. Die Wasser fliessen über die Strassen und brechen gewaltig in die Häuser ein. Sirenen sind zu hören, doch sie kriegen die Diebe nicht. Halte aus.Ich drehe den Wasserhahn auf und fülle ein Glas Selbstverständlichkeit aus der Wand, trinke mein Menschenrecht langsam. Das Wasser sieht sauber aus und schmeckt nach nichts oder einfach nur nach Wasser. Nicht nach Chlor. Die Pestizide bleiben unsichtbar, wie die Rohre, die Arbeit und Ungleichheit unsichtbar bleiben. Halte aus.In Gaza, lese ich in der Zeitung, hat fast niemand mehr sauberes Wasser. Es wird knapp gehalten, als Druckmittel, schreibt die Zeitung. Wer das Wasser hält, hält die Menschen. Wer Durst hat, trinkt aus dem Boden, salzig, belastet, gefährlich. Durch den Krieg wird das Meer lebensnotwendig, zum Waschen, zum Beten, zum Bleiben, für die in den Lagern, wo es keinen Strom gibt und keinen Hahn. Halte aus.Im Herbst reisen wir Europäerinnen ans Mittelmeer, um dort unsere Herbstferien zu verbringen, unseren Sommer zu verlängern, den Strand zu geniessen und im Meer zu baden.So auch ich, so auch ich. Halte aus. Wir schauen zu, wie ein Genozid passiert vor laufenden Kameras.Und das Meer trägt mich. Sein Salz frisst sich in meine Haut, gierig nimmt sie es auf. Auf den Rücken drehe ich mich und beobachte ein Dunkelblau, wie es am Mittag vor sich hin scheint in der Hitze. Ich liege reglos im Meer, manchmal schliesse ich meine Augen für länger als ein paar Atemzüge. Eine Wolke schiebt sich vor die Sonne und macht sie erträglich. Das Meer bewegt mich langsam. Die Stimmen vermischen sich mit den Wellen und den Tauben, mit den Möwen im Wind. Die Ohren unter Wasser, höre ich nur mein Atmen im Bauch. Ich summe ein Lied, das ich nicht kenne, um meine Gedanken zu vertreiben.Manche liegen in der prallen Sonne wie Walrosse, nur sind sie rot, nicht grau. Den Fisch fangen sie nicht selbst, sie essen ihn zubereitet, auf Tellern serviert, auf Stühlen sitzend, mit krummen, roten Rücken.Ich sammle flache Steine, so klein, dass sie in meinem Badeanzug nicht auffallen, an der Seite bei der Leiste. Erst beim Duschen werden sie mir zwischen die Füsse fallen, ich werde erstaunt sein darüber, für einen kurzen Moment.Die Privatisierung des Wassers bleibt ebenfalls unsichtbar. Das Wasser fliesst kühl aus der Wand, über meine Hände, ich wasche mein Gesicht. Es werden Quellen in Besitz genommen, Grundwasser abgepumpt, in Plastik gefüllt, als Reinheit zurückverkauft. Wo das Wasser knapp wird, sinkt der Spiegel; bei uns in den Regalen stehen die Flaschen in Reih und Glied, grün uniformiert, wie eine Armee. Halte aus.«Auserwählt» steht auf der Etikette, gleich neben «Reinheit». Eine sehr freie Übersetzung, wie mir scheint. Auserwählt – das meint das Resultat, die Exklusivität, herausgepickt für einen Zweck. Erwählt wäre ehrlicher. Auserwählt ist hier nicht der Mensch, sondern die Quelle, abgefüllt, zur Ware bestimmt. Also verwechseln wir vielleicht etwas.Der Kellner setzt sich zu mir an den Tisch für eine Zigarettenpause. Er stellt mir eine Flasche San Pellegrino hin und sagt, ich solle etwas trinken. Woran schreibst du da?, fragt er mich. Ich schreibe über Wasser, sage ich. Das tust du doch immer, sagt er und lacht. Es fehlt mir sehr, das Meer, die salzige Luft, und sogar der Nachbarshund, der mich immer anbellte. Des Kellners Glas fällt zu Boden, er wischt das Meer weg, wie er sagt. Halte aus. Der Krieg hat uns alle kaputtgemacht und für immer, sagt er.Ich wollte eigentlich nur Leitungswasser, sage ich. Was liest du da?, fragt er. Für Nestlé ist Wasser unverzichtbar. Wasser ist der Schlüssel zu allem Leben und steht in engem Zusammenhang mit Menschenrechten, Klimawandel, Natur und regenerativer Landwirtschaft, steht auf der Webseite des Konzerns, lese ich laut. Halte aus. Das klingt richtig. Das klingt schön, dass man fast vergisst, wer schreibt, wer spricht, wer sagt. Die neue Form der Macht ist nicht mehr zu leugnen. Wasser ist ein Menschenrecht, bis aus dem Recht wieder ein Geschäftsmodell wird, sagt der Kellner.Wir fühlen uns nicht schuldig. Immer sind es die anderen. Wir können ja nichts ändern als kleine Fische im grossen Teich. Wir haben nichts in der Hand, da wir keine Hände haben, nur Flossen, und machen einfach mit und halten unsere Münder. Und schreien laut, in Plastikkübeln gefangen.Es sterben täglich weltweit mehr als tausend Kinder unter fünf Jahren an den Folgen von verunreinigtem Wasser, mangelnder Hygiene und damit verbundenen Krankheiten, lese ich weiter. Halte aus. Halte nicht aus.Wir schauen immer noch zu, wie ein Genozid passiert vor laufenden Kameras. Und ich lege das Telefon weg.Meine Geschichten verdampfen irgendwann. Vielleicht bleibt auch nichts zurück, oder eine Naht aus Salz als Abdruck eines Verbrechens. Halte aus.Mein Schreiben ist der Versuch, etwas festhalten zu wollen, was nicht zu fassen ist. Der Fisch entgleitet den Händen und fällt zu Boden. Ich suche das, was ich nicht kenne, um das, was ich kenne, besser verstehen zu können.Meral Kureyshi kam 1992 mit ihrer Familie in die Schweiz. Ihr Debüt «Elefanten im Garten» war nominiert für den Schweizer Buchpreis. Zuletzt erschien «Im Meer waren wir nie», darin erzählt sie von Freundschaft und Pflege, von Stillstand und Aufbruch.Fabio Andina: Die Tresa, Fluss der ErinnerungWenn ich meine Eltern in Madonna del Piano besuche, führt mein Weg mich über das Elternhaus hinaus ans Ufer der Tresa. Ich setze mich auf einen Felsen, und meine Gedanken fliessen mit der Strömung. Mutter Erde hat das Wasser nicht aus dem Nichts geschaffen, denke ich. Dieses Wasser hier hat geologische Zeitalter durchströmt, hat jede zeitliche Begrenzung aufgehoben, hat die Menschen mit der Natur vereint, als wäre die Zeit nur eine innere Form von Materie.Die Julisonne scheint durch das Laub der Bäume. Zwei junge Leute joggen auf dem Wanderweg am Fluss. Die Tresa hat weder das Ungestüm eines Gebirgsbachs noch das Majestätische der grossen ­Flüsse. Sie ist ein Wasserlauf im Tal, fliesst aus dem Luganersee heraus und mündet nach knapp dreizehn Kilometern in den Lago Maggiore. Und doch habe ich jedes Mal, wenn ich hier bin, das Gefühl von etwas Grösserem. Dieser Fluss scheint die Masse all der Menschen, der Wanderungen und Geschichten, die sich im Laufe der Zeit im Tal angesammelt haben, mit sich zu führen wie eine bleibende Erinnerung.Die Libellen zeichnen unberechenbare Linien auf die Wasseroberfläche. Sie schweben einen Moment auf der Stelle, schwirren dann ruckartig weiter, leicht, schwerelos.Ich denke daran, wie oft dieser Fluss sich schon in mein Leben eingegraben hat. Für mich als Kind waren Grenzen eine zu abstrakte Vorstellung, mit der ich nichts anfangen konnte, doch die Tresa gab dem Abstrakten eine konkrete Form. Ich wohnte in Madonna del Piano, Schweiz, und mein Grossvater in Cremenaga, Italien. Zwei kaum zwei Kilometer auseinanderliegende Dörfer, getrennt durch diesen Wasserlauf. In meinen Kinderaugen war die Tresa der greifbare Beweis dafür, dass die Welt nur wenige Schritte von zu Hause entfernt zu etwas «anderem» werden konnte.Die unsichtbare Grenze wurde auf der Zollbrücke von Cremenaga erst recht anschaulich, einer Schwelle, die zugleich vereinte und trennte. Ich dachte nicht an Nationen, nicht an Bürokratie, für mich bedeutete «nach drüben gehen» einfach, die Brücke zu überqueren. Der Fluss unterteilte die Welt in zwei Richtungen: hier zu Hause, dort Italien mit den Grosseltern und den Einkaufstouren in Ponte Tresa oder Luino.In jenen Jahren war die Tresa zugleich Hüterin der Geschichten, die sich die Erwachsenen erzählten. Die Grenze zu Italien lag praktisch vor der Tür, und die Schmuggelei gehörte nicht der Vergangenheit an. Nachts wurde sie immer noch von einigen betrieben. Wir Kinder kannten diejenigen, die sich in den Schatten des Tals bewegten. Ihre Geschichten gingen von Mund zu Mund und nahmen irgendwann epische Züge an, machten aus den Schmugglern Legendengestalten. Einer von ihnen ­knöpfte sich manchmal das Hemd auf, um uns zwei runde Narben zu zeigen, eine hinten an der Schulter und eine vorne auf der Brust. Die Eintritts- und die Austrittswunde, die eine Kugel der italienischen Carabinieri während einer nächtlichen Verfolgungsjagd im Grenzwald verursacht hatte.Zur Zeit des Balkankriegs habe ich gesehen, wie einige Schweizer Grenzwächter junge Männer auf dem Parkplatz meines Dorfs anhielten. Sie durchsuchten sie schweigend, unter den Blicken der Strasse und der Häuser. Die Männer waren nass bis zur Hüfte, sie hatten gerade die Tresa überquert.Wenn ich an diese Zeiten zurückdenke, fällt mir auf, wie physisch diese Grenze für frühere Generationen war. Nicht einfach eine Linie auf einer Landkarte, sondern etwas Fühlbares, Erfahrbares, das ihr Leben prägte und Familien trennte. Und die Tresa war immer da, mittendrin, stumme Zeugin heimlicher Überschreitungen und nächtlicher Fluchten.So war es vielleicht unvermeidlich, dass dieser Fluss sich auch durch meine Texte zieht. 2020 habe ich «Sei tu, Ticino?» veröffentlicht, eine Sammlung von Erzählungen, die im Valle della Tresa spielen. Auch in ihnen kommen Schmuggler vor, die Dörfer des Tals und die von klein auf gehörten Geschichten. Viele Figuren entspringen realen Ereignissen und wurden von meinem Gedächtnis und der Phantasie bearbeitet, wie Sedimente, die mit der Zeit immer wieder an die Oberfläche gespült werden.Diese Erzählungen geben den Anlass für meine Zusammenarbeit mit Villi Hermann. Er schlug mir vor, ein Drehbuch daraus zu machen. Ich nahm die Herausforderung an, und so entstand der Spielfilm «Bastardo», der im Frühjahr 2025 im Tal gedreht wurde, mit Villi als Regisseur und Produzent. In einer Szene springt eine Figur in das kalte Wasser der Tresa. Als ich sie schrieb, hatte ich das Gefühl, dass sich damit ein Kreis schloss, der mit meiner Kindheit anfing und endete.Zwischen Villi und mir entwickelte sich ein enges Verhältnis, das auf Freundschaft, gegenseitiger Wertschätzung und Zusammenarbeit beruht, aber vor allem auf einem anhaltenden Dialog über diese Gegend. Er lebt im Valle della Tresa und beobachtet das Tal seit Jahren mit geduldigem Blick, achtet auf die Besonderheiten und langsamen Veränderungen der Landschaft, als würde er sie ständig filmen, auch wenn er keine Kamera in den Händen hält.Die älteste Beziehung jedoch, die ich mit diesem Fluss verknüpfe, ist die zu meinem Grossvater mütterlicherseits. Er lebte in Cremenaga, und er war es auch, der mich in die Geheimnisse des Angelns einweihte. Selbstgebastelte Angeln aus Bambusrohr, das lange, schweigende Warten, das Murmeln des Wassers vor uns. Er starb, als ich zwölf Jahre alt war, und hinterliess mir viele solcher schlichten Kindheitserinnerungen. Von seinen Erfahrungen im Krieg sprach er nie. Seine Vergangenheit blieb hinter einer undurchdringlichen Wand verborgen.Erst viele Jahre später, getrieben von dem Bedürfnis zu verstehen, beschloss ich, Nachforschungen anzustellen. Mittels Archivrecherchen konnte ich rekonstruieren, was er erlebt hatte. Während des Zweiten Weltkriegs hatte er Juden geholfen, in die Schweiz zu fliehen, indem er sie über die Tresa führte. Dann wurde er von den Deutschen verhaftet und nach Mauthausen deportiert. Er überlebte das Lager und kehrte bei Kriegsende zu Fuss nach Hause zurück, quer durch ein Europa in Trümmern. In Cremenaga angekommen, entschied er sich fürs Schweigen. Ein absolutes Schweigen, kein einfaches Vergessenwollen, sondern eine extreme Form des Selbstschutzes gegenüber der Erinnerung, ein Bruch, über den sich niemand in der Familie hinwegwagte.Aus diesen Recherchen ging mein Roman «Sechzehn Monate» hervor. Während des Schreibens reifte in mir der Wunsch, nicht nur in Gedanken, sondern auch körperlich auf den Spuren meines Grossvaters zu wandeln. Ich sprach mit Villi Hermann darüber, und wir planten gemeinsam den Dokumentarfilm «Da Mauthausen a Cremenaga», bei dem er erneut Regie führte und die Produktionsleitung übernahm.Am 5. Mai 2025, dem achtzigsten Jahrestag der Befreiung des Lagers Mauthausen, ging ich von dort los und folgte dem Weg meines Grossvaters, sprach unterwegs mit Historikerinnen und Historikern, mit Überlebenden und Zeitzeugen. Innerhalb von fünfundvierzig Tagen durchquerte ich Landstriche in Österreich und Italien, ging der Donau, dem Inn und der Etsch entlang. Grosse Flüsse, befrachtet mit europäischer Geschichte, was den Gegensatz zu der kleinen Tresa umso auffälliger machte.Während ich versuchte, auf dieser Wanderschaft der Vergangenheit nachzuspüren, hatte Villi einen anderen Weg an den Ufern der Tresa zurückgelegt. Mit einer alten analogen Leica hatte er ein Jahr die Landschaft fotografiert, in Schwarz-Weiss den Wechsel der Jahreszeiten festgehalten. Den starren Winter,den spritzigen Frühling, den üppigen Sommer, den nebelverschleierten Herbst. Die Bilder folgten dem Fluss an Stellen, wo die Landschaft zwischen gepflügten Feldern, dichten Wäldern, kleinen stillen Fabriken und aufgegebenen Höfen verschwamm.Er zeigte mir die Fotos. Die Körnung des Films verleiht den Bildern die Aura eines Fundstücks – als gehörten sie einer unbestimmten Zeit an. Das Analoge widersetzt sich der Schnelligkeit des Heute mit seiner Langsamkeit, mit einem poetischen Filter, der die Landschaft vor der Vergessenheit unserer Gegenwart bewahrt. Dann bat er mich um einen Text zu seinen Fotos, es sollte ein Buch daraus werden. Ich schrieb eine Verserzählung, in rhythmischer Sprache, mit der ich versuchte, die menschliche Dimension des Flusses durch die Leute, die an seinen Ufern wohnen, mit hineinzubringen. Die nächtlichen Schmuggler, die im Gebüsch lauernden Entenjäger, die Grenzgängerinnen auf der Kantonsstrasse, die einzelnen Spaziergänger mit ihrem Hund auf den Uferwegen. Unterschiedliche Personen, vereint durch denselben Fluss und dieselbe Landschaft.Hinter mir strömt der Verkehr auf der Tessiner Kantonsstrasse. Vom anderen Flussufer, hinter der unsichtbaren Grenzlinie, ist das Echo der italienischen Strasse zu hören. Sie ist so nah, scheint aber einer anderen Wirklichkeit anzugehören. Zwei parallele Strassen, nur getrennt durch diesen schmalen Wasserlauf.Die Libellen schnellen weiter über die schimmernde Oberfläche, gleichgültig gegenüber den Menschengeschichten. Ich bleibe hier, in der Schwebe zwischen diesen verschiedenen Welten. Die Erinnerung schichtet sich ohne Ordnung auf, und ich verstehe, dass ich nicht nur die Vergangenheit aufleben lasse. Ich durchquere eine lebendige Landschaft, eine fliessende Grenze, die sich jedes Mal neu schreibt, wenn man sie betrachtet.Eine Frau überrascht mich von hinten. Sie lässt ihren Hund von der Leine, der sich ins Wasser stürzt und für einen Moment die Stille des Nachmittags unterbricht. Dann setzt die Tresa ihren unaufhaltsamen Lauf fort. Und ich folge ihr.Fabio Andina wurde bekannt mit dem vielfach übersetzten Roman «Tage mit Felice», einem stillen Porträt des einfachen Berglebens. Aus dem Italienischen übersetzt von Karin Diemerling.Dana Grigorcea: Baltschik am UtoquaiAls ich zum Bachmann-Wettlesen nach Klagenfurt reiste, hatte ich neben allen literarischen Ambitionen noch einen anderen Plan. Ich wollte mit der versammelten Literaturgesellschaft im Wörthersee baden.Wer einmal in Klagenfurt war, weiss, dass der See nicht einfach Kulisse ist. Er gehört zum Festival wie die Jurydiskus­sionen, die Nervosität vor der Lesung und die anschliessenden Debatten darüber, wer genial, überschätzt oder leider völlig missverstanden worden ist. Tagsüber sitzen die Autorinnen und Autoren in klimatisierten Räumen, lesen und hören sich literarische Werturteile an, aber in Wahrheit warten alle darauf, endlich ins Wasser zu springen. Der Wörthersee ist die eigentliche Hauptfigur dieser Tage.Leider bestimmte mich die Auslosung zur letzten Leserin.So kam es, dass, während meine Kolleginnen und Kollegen längst im See planschten und vermutlich literaturhistorisch bedeutsame Gespräche in Badehosen führten, ich noch im Studio sass und auf meinen Auftritt wartete. Im Kreise der kleinen, fast schon eingeschworenen ­Literatengruppe, die noch bis zuletzt ausgeharrt hatte, fand meine Lesung überraschenden Anklang, und auch die Kritikerrunde war enthusiastisch. Am Ende wollten tatsächlich mehrere Radiosender Interviews führen – und mit jedem Gespräch wurde mein Bad im legendären Wörthersee unwahrscheinlicher.Als ich endlich frei war, rannte ich praktisch zum Ufer und fand alle bereits in kleinen Gruppen zusammensitzen. Einige schauten zu mir herüber. Andere hielten den Blick einen Moment zu lange, als könnten sie ihren Augen nicht trauen. Hatten sie meine Lesung also doch mitbekommen, hier am See? Und sahen mich nun mit ganz anderen Augen als zuvor? Ich tat, als bemerkte ich nichts.Erst später verstand ich, was die Blicke auf mich zog: In Eile hatte ich meinen Badeanzug verkehrt herum angezogen.Für Selbstüberschätzung gibt es kein besseres Gegenmittel als einen Sprung ins Wasser.Wasser hat die wunderbare Eigenschaft, die Dinge auf ihre richtige Grösse zu ­bringen. Vielleicht liebe ich Badeanstalten deshalb. Im Wasser verschwinden Rangordnungen schneller als an jedem anderen Ort. Der Banker schwimmt neben der Tramführerin, die Professorin neben dem Elektriker, die Schriftstellerin neben dem Rentner. Alle tragen dieselbe Frisur: Sie ist nass.Dabei habe ich erstaunlich lange gebraucht, um das Baden zu mögen.Ich bin in Bukarest aufgewachsen, in den letzten Jahren der kommunistischen Diktatur. Die Badeanstalten meiner Kindheit bestanden aus Beton, Chlor und einer bemerkenswerten Gleichgültigkeit gegenüber kindlichen Ängsten. Schwimmenlernen war damals ein unkomplizierter Vorgang. Man erklärte wenig und vertraute viel. Vor allem auf den Überlebensinstinkt. Kinder wurden ins Wasser geworfen, und man ging davon aus, dass die Natur den Rest erledigen würde.Ich erinnere mich an das Gefühl des kalten Schocks, an das Wasser in der Nase, sehe noch vor mir die gelassenen Erwachsenen am Beckenrand, die aussahen, als würden sie einem harmlosen Naturereignis beiwohnen. Für sie war das eine Schullektion – für mich war es ein Attentat.Von da an entwickelte ich ein kreatives Verhältnis zu sämtlichen Badeanstalten der Hauptstadt. Ich bekam Ausschläge, Fusspilz, Augenreizungen und schwere Atemnot vom Chlor. Mein Körper erwies sich als bemerkenswert einfallsreich, wenn es darum ging, Schwimmbäder zu vermeiden.Dabei stammte ich aus einer Familie mit weit glamouröseren Badegeschichten.In meinem Kinderzimmer hing ein Foto meiner Urgrossmutter Margot. Darauf steht sie am Strand von Baltschik an der Schwarzmeerküste, einem legendären Seebad, das heute zu Bulgarien gehört, damals aber rumänisch war.Baltschik war in den Zwischenkriegsjahren ein Ort für die Sommerfrische der Städter und die Bohème der Künstler. Königin Marie von Rumänien hatte sich dort einen Palast errichten lassen, der eher einer Phantasie als einer Residenz glich: mediterrane Terrassen, orientalische Türme, weisse Mauern, die über dem Meer schwebten, Gärten voller Zypressen, Rosen und Feigenbäume, vielfach beschrieben in der rumänischen Literatur. Während die Königin, wie auch die meisten Damen der Zeit, in Baltschik «am Meer weilte», soll meine Urgrossmutter tatsächlich jeden Tag geschwommen sein, so weit hinaus, dass sie an manchen Abenden mit dem Ruderboot zurückgebracht wurde.Auf dem Foto trägt sie einen Badeanzug wie eine Matrosenuniform, hochgeschlossen und mit kurzem Rockansatz. Vermutlich aus Wolle, die im Wasser schwer wird und am Körper hängt. Und doch wirkt sie, eine Hand in der Taille und in die Kamera lachend, erstaunlich unbeschwert.Als Kind sagte man mir oft, ich käme nach Margot. Meist sagte man es, um mich zum Schwimmen zu bewegen. Aber wie konnte man ihre selbstsichere Eleganz auf diesem Strandbild mit meinem verkrampften Körper in der sozialistischen Badeanstalt vergleichen?Nach der Wende verbrachte ich viele Sommer in Bușteni, am Fuss der Karpaten. Dort gab es den Fluss Prahova, der bei Regenfällen anschwoll und über die Ufer trat und die Häuser der Anwohner flutete. Daraufhin wurden die Teppiche mit dem Rosenmuster über die Zäune gehängt, zum Trocknen, und sie blieben da bis spät in den Sommer hinein. Ich liebte diesen Fluss. Mit den Kindern des Ortes ging ich täglich waten. Das Wasser drückte gegen die Knie, die Strömung zog an den Beinen, und wir kamen uns vor wie tapfere Abenteurer. Einmal wurde mein guter Freund vom Wasser mitgerissen und wäre fast ertrunken, aber ihm gelang es, nach einem Ast zu greifen.Anschliessend lagen wir im Gras und blickten in den Himmel. In den Wolken erschienen Drachen, Pferde, Bären, Woiwoden, ganze Schicksale. Wir waren überzeugt, dass das Vorzeichen für unsere grosse Zukunft waren.Damals verlor ich die Angst vor dem Wasser, und wenn ich von Schiffbrüchigen las, von Robinson Crusoe und Odysseus, dann schwamm ich im Geiste mit, ebenso mit Edmond Dantès, dem Grafen von Monte Cristo, der sich aus dem Leichensack befreit und in die Freiheit schwimmt.Dann entdeckte ich Thomas Mann. Bei ihm wird erstaunlich viel am Wasser gesessen, gelegen, geschaut und empfunden. Seine Figuren schwimmen selten. Sie kultivieren die Kunst des Verweilens. Manchmal denke ich, dass Thomas Mann mein erster Bademeister war. Später folgte ich Hermann Hesse an den Fluss, Marcel Proust an die normannischen Strände, Mihail Sebastian zurück nach Baltschik.Erst über die Literatur habe ich begonnen, mich für Badeanstalten zu interessieren.In der Schweiz kann man diese Faszination ausleben – ich bin hier zur regelmässigen Seebaderin geworden und lasse mich gern von Flüssen treiben. Nur die geschlossenen Badeanstalten meide ich weiterhin.Eine meiner Lieblingsbadis ist das Utoquai in Zürich.Vielleicht liebe ich sie gerade deshalb so sehr, weil dort verschiedene Zeiten gleichzeitig nebeneinander bestehen. Das Utoquai entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts, in einer Epoche, in der europäische Städte begannen, ihre Ufer neu zu erfinden. Die grossen Promenaden, die Seebäder, die Vorstellung, dass Wasser nicht nur zur Schifffahrt oder der Versorgung dient, sondern auch dem Vergnügen, der Erholung und der Schönheit, stammen aus jener Zeit.Es ist dieselbe Epoche, die auch Baltschik hervorgebracht hat, das Seebad der rumänischen Königsfamilie, der Künstler und der Bohème. Natürlich liegen Welten zwischen dem Schwarzen Meer und dem Zürichsee. Aber beide Orte erzählen von einem europäischen Traum der Moderne: dem Glauben, dass menschliche Kreativität die Natur bereichern kann und gesellschaftliche Ordnung mit Leichtigkeit und Eleganz einhergeht.Wenn ich im weiss angestrichenen Utoquai sitze, denke ich manchmal an die Fotografien meiner Urgrossmutter. Die hellen, luftigen Holzbauten mit ihrem nostalgisch-maritimen Charakter erinnern mich an die elegante Bäderkultur der Belle Époque, an jene Welt, die in Osteuropa durch Kriege, Grenzverschiebungen unda Diktaturen praktisch ausgelöscht wurde. Zürich hatte zwar weniger Belle Époque, aber vieles davon bewahrt. In Rumänien wird immer noch Raubbau an denkmalgeschützter Architektur betrieben. Spuren einer Zeit der ästhetischen Verfeinerung werden vergessen, überbaut, oder sie zerbröckeln. Vielleicht berührt mich das Utoquai deshalb so sehr: Es erinnert mich an etwas, das ich nie selbst erlebt habe – an eine vergangene Helle, Leichtigkeit und kultivierte Schönheit, die mir dennoch vertraut erscheint.Ich habe ein ganzes Buch in der Badi geschrieben.Jeden Morgen kam ich ins Utoquai. Zuerst stieg ich in den See. Dann legte ich mich mit meinem Heft auf die Holzplattform und schrieb zwei bis drei Stunden. Aus dem Augenwinkel sah ich Schwäne, Taucherlis, farbige Badehosen. Bevor ich ging, sprang ich noch einmal in den See.Manchmal denke ich an das Kind zurück, das einst ins Wasser geworfen wurde. Bei aller Vorstellungskraft, die ich von Margot geerbt haben soll, hätte ich nicht gedacht, dass ich eines Tages freiwillig hineinspringen würde. Vielleicht ist das überhaupt das Schönste am Wasser: Es kennt keine Herkunft. Es fragt nicht, ob man aus einer Diktatur kommt oder aus der Belle Époque, ob man Schriftstellerin, Rentner oder Bankerin ist. Für einen kurzen, ganz kurzen Moment trägt es uns alle.Dana Grigorcea, geboren 1979 in Bukarest, wurde 2022 für «Die nicht sterben» mit einem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum ArtikelFür Sie empfohlen