Joanna GniadyBei sommerlichen Temperaturen und den nahenden Ferien soll es entspannt zugehen. Hundert neue Bücher, die zum Eintauchen einladen.Redaktion NZZ am Sonntag28.06.2026, 05.30 Uhr31 LeseminutenInhaltsverzeichnisRomane über Liebe, Familie, Politik und was sonst noch zähltWie steht es mit der Demokratie in Ostdeutschland? Interview mit Schriftsteller Lukas RietzschelMit packenden Sachbüchern die Welt entdeckenThriller und Krimis für eine atemlose LektürePhantasiereisen für junge Leserinnen und LeserOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Diesen Juni gab es Tage, an denen viele Menschen am liebsten nur im kühlen Schatten liegen wollten. Die Hitze verlangsamt, zwingt uns zur Musse. Wer in dieser Situation ein Buch in der Tasche hat, ist gut gerüstet für den Sommer. Auch die nahenden Ferien nähren die Sehnsucht nach einer Sommerlektüre, der wir uns anstrengungslos hingeben können.Die hundert neuen Bücher, die wir Ihnen hier vorstellen, sind alle so gut, spannend, rasant oder witzig geschrieben, dass Sie hoffentlich ohne Anstrengung darin eintauchen können. Aber eine Flucht vor der Welt bieten sie nicht. Dafür ist die Welt heute zu unruhig, zu konfliktbeladen, auch zu interessant. Stattdessen fassen Bücher die Welt in eine erzählte oder analytische Form, in der wir sie tiefer erleben und besser verstehen können. Umgekehrt macht auch die Welt vor der Literatur nicht halt. Viel Spass beim Lesen!Romane über Liebe, Familie, Politik und was sonst noch zählt1Ronja von RönneAlles LiebeDie einen suchen Wärme, die anderen gieren nach Prestige: Ronja von Rönne erzählt subtil von Menschen, die sich immer tiefer in Unwahrheiten verstricken. Lesen die Rezension hier2 Ben LernerTranskriptionOffline, und schon kommen die Phantome: Ben Lerner hat mit «Transkription» einen grossartigen Roman über das menschliche Verhältnis zu Medien geschrieben. Lesen die Rezension hier.3Lena GorelikAlle meine MütterIn ihrem neuen Roman dringt die deutsch-russische Autorin Lena Gorelik in die schmerzhaften Gebiete der Mutterschaft vor. Die Erzählinstanz ist ein geisterhaftes Ich, vielleicht Gorelik selbst, das mitfühlend über dem Geschehen schwebt und Einblicke in unterschiedlichste Schicksale erlaubt. Als brutal genauer Beobachterin der Liebe gelingt es der Autorin, über Verlustängste, Krankheiten, Sehnsucht und Isolation von Müttern und Töchtern zu erzählen. Oft wird das zum stilistischen Wechselbad, denn auf jeder Buchseite möchte man sowohl einen klugen Gedanken unterstreichen als auch eine zu rührselig geratene Stelle überlesen. Dass Mutterschaft auch Tyrannei und Manipulation umfassen kann, wird ausgelassen. Die Autorin konzentriert sich, und das ist ihr gutes Recht, auf die liebevolle Zuwendung, die genügend Abgründe mit sich bringt. Julia Kohli4 Rabih AlameddineDie wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem GutgläubigenDen Roman von Rabih Alameddine führt immer wieder auf falsche Fährten. Steht die Mutter-Sohn-Beziehung im Mittelpunkt? Oder die Entführung mit homosexueller Erweckung? Geht es um all die Katastrophen, die Libanon, die Heimat des Autors, ereilen: den Bankenkollaps und den Bürgerkrieg, die Hafen-Explosion von Beirut? Was wirr tönt, fügt sich ergreifend zur Lebensgeschichte des 63-jährigen Philosophielehrers Radscha und seiner über 80-jährigen Mutter Zalfa. Sie wird über diverse Lebensstationen des Gespanns erzählt, das sich in einer winzigen Wohnung in Beirut zusammenraufen muss. Das ist höllisch komisch und abgrundtief traurig, weil der Weg über schmerzliche Verluste führt. Doch immer bleibt der Ton lakonisch. Nicht zuletzt ist der wilde Ritt über sechs Jahrzehnte eine zärtliche Liebeserklärung an Beirut, wo der Autor heute zeitweise lebt. Christine Steffen5 Elfriede JelinekUnter TierenDie Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek lässt in ihrem neuen Buch Tiere über das menschliche Wirtschaftssystem nachdenken. Das ist verspielt, aber auch sehr böse. Lesen die Rezension hier.6 Caro Claire BurkeYesteryearCaro Claire Burkes Roman über eine Tradwife-Influencerin, die ins Straucheln gerät, ist eine rasante Satire. Lesen die Rezension hier.7 Maria RevaEin Königreich für eine SchneckeNach Putins Angriff auf die Ukraine bricht Maria Reva ihren Roman über eine Heiratsvermittlung ab – und erzählt schliesslich doch weiter: skurril, liebevoll und erschütternd. Lesen die Rezension hier.8 Dana von SuffrinToxibabyDana von Suffrin erzählt in «Toxibaby» mit gnadenlosem Witz von Beziehungsdramen – und vom deutsch-jüdischen Gedächtnistheater. Lesen die Rezension hier.9 Helene BukowskiWer möchte nicht im Leben bleibenDieser Roman beruht auf einer so wahren wie traurigen Geschichte: 1985 nimmt sich die junge DDR-Pianistin Christina das Leben. Jahrzehnte später bekommt die Autorin Helene Bukowski von der Familie Ordner, Kassetten und Fotoalben zugespielt. Aus diesem Material hat sie ein schlaues und anrührendes Buch geschrieben, das einem Leben folgt, das von der unbedingten musikalischen Leidenschaft dieser Frau, aber auch von der Erwartungshaltung des eigenen (beruflich gescheiterten) Vaters sowie vom Drill an Schulen in Berlin und Moskau erzählt – und der Hoffnung auf ein freieres Leben. Der Roman besticht durch die Art, wie sich die Autorin und ihr Objekt immer wieder über die angemessene Art der Annäherung an einen Menschen unterhalten. Bukowski will ihre Protagonistin nicht nochmals in ein System pressen. Peer Teuwsen10 Sandro Veronesi Schwarzer SeptemberDies ist die Geschichte eines Sommers, eines gleissend hellen Sommers an der Küste Liguriens, an dessen Ende für Gigio nichts mehr ist wie zuvor. Jahre später will er rekonstruieren, wie «alles umgestürzt wurde». Bis das geschieht, schlingert Gigio durch das Dazwischen der Teenagerzeit, entfernt sich innerlich von der Mutter und der klugen kleinen Schwester, der Vater ist ohnehin nicht oft da. Statt des Giro d'Italia interessiert ihn nun die Bewohnerin des Nachbarhauses, und, oh Wunder, er darf Songtexte für sie übersetzen! «Ständig hatte ich Angst, etwas falsch zu machen und meine Kümmerlichkeit zu offenbaren, aber ich machte nichts falsch, und aus dem Nichts, als das ich mich immer gefühlt hatte, wurde etwas.» Nuanciert und ergreifend erzählt Sandro Veronesi von der Wucht der ersten Liebe – auch sie wird enden, wenn alles umstürzt. Martina Läubli11 Matthias NawratDas glückliche Schicksal«Es gibt Dinge, über die sollte man nicht sprechen. Die sind vergangen, und man sollte sie nicht wieder ausgraben», sagt Mrugalski. Wanda aber will es wissen. Es sind die frühen 1980er Jahre, und die junge Frau stellt dem polnischen Soziologen im italienischen Exil unbequeme Fragen. War er 1945 an Verhören und Folter in Krakau beteiligt? Denn verhört und misshandelt wurde auch ihr Vater, aus absoluter Willkür. Was Wanda nicht weiss: Mrugalski war selbst in ein sowjetisches Straflager deportiert worden. Das dort Erlebte, worüber er nicht spricht, schildert wiederum der Autor Matthias Nawrat dezent, aber präzis. Wanda aber wird es nicht erfahren. Stattdessen kehrt sie nach Polen zurück. Sie folgt ihrem Geliebten Marian nicht ins Exil, sondern arbeitet im Geheimen für die Solidarnosc. Beeindruckend, mit welcher Leichtigkeit und Klugheit Nawrat von der Last polnischer Geschichte erzählt. Martina Läubli12 Elias HirschlSchleifenWie präzise vermag Sprache die Wirklichkeit abzubilden? Geht es nach Franziska Denk, die darunter leidet, jede Krankheit, von der sie nur hört oder liest, sogleich am eigenen Leib zu erfahren, grenzenlos. Am besten sollten alle Steinchen ihre eigene Bezeichnung erhalten und sämtliche Veränderungen des Daseins sprachlich fassbar werden. Zusammen mit dem Mathematiker Otto Mandel macht sich Franziska Denk über mehr als ein halbes Jahrhundert, von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart, an eine intellektuelle Revolution. Der sechste Roman des österreichischen Autors Elias Hirschl erzählt schlaglichtartig eine kontrafaktische Geschichte über die Welt als Sprache und Vorstellung: eine literarische Möbius-Schleife randvoll mit irrwitzigen Ideen. «Schleifen» ist die unterhaltsamste Gelehrtensatire seit Daniel Kehlmanns «Die Vermessung der Welt». Tobias Sedlmaier13Julia WeberWeil ich Ruth binDiese Romanheldin verwandelt Menschen in Ziegen, Vögel und Fische: Die Schweizer Autorin Julia Weber findet originelle Bilder für körperliche Nähe. Lesen die Rezension hier.14 Norbert GstreinIm ersten LichtAus der Sicht eines Mitläufers: Tiefgründig und packend erzählt Norbert Gstrein von den Verheerungen des Krieges. Lesen die Rezension hier.15 Nefeli KavourasGelb, auch ein schöner GedankePapa, wann stirbst du endlich? Nefeli Kavouras schreibt leichtfüssig und mit einer erstaunlichen Wendung über einen Abschied. Lesen die Rezension hier.16 Kurt PrödelSaltoTrotz Bestnoten wird er abserviert: Kurt Prödel schreibt pointiert und einfühlsam über soziale Schranken. Lesen die Rezension hier.17 Jacqueline HarpmanIch, die ich Männer nicht kannteFrauen, gefangen im Kellerloch: Die Generation Z hat Jacqueline Harpmans feministischen Roman von 1995 wiederentdeckt. Lesen die Rezension hier.18 Kiran DesaiDie Einsamkeit von Sonia und SunnyManchmal braucht Liebe Zeit. Zum Beispiel in Indien, wo arrangierte Ehen der Normalfall sind und sich die Familie überall einmischt. In Kiran Desais drittem, für den Booker-Prize nominiertem Roman ist die Lage noch verzwickter: Zwischen Sonia und Sunny, die von ihren Grosseltern in Allahabad aus schnöden Gründen verkuppelt werden, funkt es tatsächlich. Aber die beiden studieren in den USA und sind gegen arrangierte Ehen, Sonia ist ausserdem gebrannt von einer toxischen Beziehung zu einem narzisstischen Künstler. Verspielt, humorvoll und mit sprachlichem Raffinement verknüpft Desai indisch-migrantischen Alltag mit dem nuancierten Realismus Tolstois und deutscher Märchentradition. Ihr epischer Liebesroman ist postmodern und romantisch zugleich. Denn die beiden kommen nach unzähligen Irrungen und Wandlungen tatsächlich zusammen. Martina LäubliKiran Desai: Die Einsamkeit von Sonia und Sunny. Übersetzt von Robin Detje. S. Fischer 2026. 752 Seiten.19 Birgit BirnbacherSie wollen uns erzählenHeute sprechen wir von Neurodiversität, aber Birgit Birnbacher nennt es «Wesensart». Schon in früheren Büchern entwickelte die Österreicherin einen nicht stromlinienförmigen Blick auf Menschen und ihre Situation. Nun sind dies Ann und Oz, Mutter und Sohn, beide unruhig und schnell wie Rumpelstilzchen. Oz kämpft sich durch die Schule, bis ihm ein Unglück den Ferienanfang verdirbt: Ein Hase kommt durch seine Schuld zu Tode. Er will es seiner Mutter erzählen, aber er kann nicht. Unvorhergesehene Ereignisse verketten sich, und plötzlich findet sich Oz ganz allein in einem Unwetter wieder. «Sie wollen uns erzählen» ist ein hyperaktiver und berührender Familienroman. Birgit Birnbacher versetzt uns in die sirrenden Köpfe von Oz und Ann und verschaltet unsere Nervenverbindungen neu. Bei dieser Lektüre wird das Etikett «normal» hinfällig. Martina LäubliBirgit Birnbacher: Sie wollen uns erzählen. Zsolnay 2026. 220 Seiten.20 Szczepan TwardochSehnsuchtHistorisches Vexierspiel: Szczepan Twardoch erzählt von einem, der um die Welt segeln will – auf einem Stausee. Lesen die Rezension hier.21 Lídia JorgeDie Stunde der NelkenZwischen Traum und Realität liegt ein Ozean: Lídia Jorge setzt den Helden der Nelkenrevolution in Portugal ein kunstvolles Denkmal. Lesen die Rezension hier.22 Sanna Samuelsson MelkenIst Heimat ein Ort oder ein Gefühl? Die Schwedin Sanna Samuelsson sucht nach der verlorenen Kindheit auf dem Bauernhof. Lesen die Rezension hier.23Svenja LeiberNelka«Nichts habe ich vergessen»: Svenja Leiber erzählt von einer Frau, die sich mit ihrer Vergangenheit als Zwangsarbeiterin konfrontiert. Lesen die Rezension hier.24 Maylis de KerangalBrandungEines Tages ist die Polizei am Telefon. Die Ich-Erzählerin wird in ein Kommissariat in Le Havre vorgeladen, ihrer Heimatstadt, die sie seit Jahren nicht besucht hat. Dort regnet oder nieselt es beständig, der Wind pfeift. Doch wer sich in einem Roman noir glaubt, wird immer wieder aus dem Krimiplot gerissen. Maylis de Kerangal schickt ihre Romanfigur auf eine Reise in ihre Vergangenheit, aus der wie anbrandende Wellen immer neue Erinnerungsfetzen auftauchen. An ihre erste Liebe, den ersten Liebeskummer, an die Geschichte der Stadt, die 1944 von den Alliierten zerbombt wurde, an Kinderspiele am Strand, an ihre Arbeit als Synchronsprecherin. Der vermeintliche Kriminalroman entpuppt sich als Odyssee durch das eigene Leben, deren Sog sich die Protagonistin nicht entziehen kann. Und der Leser auch nicht. Remo GeisserMaylis de Kerangal: Brandung. Ü: Andrea Spingler. Suhrkamp 2026. 238 Seiten.25 R. C. SherriffVor uns die ZeitDer britische Autor R. C. Sherriff (1896–1975) ist ein genuiner Causeur, ein Meister der Atmosphäre und des Beiläufigen. Bis man das auch hierzulande merkte, dauerte es allerdings ein bisschen: Erst 2023 erschien im Unionsverlag sein Roman «Zwei Wochen am Meer» aus dem Jahr 1931, der hinreissend von Familienferien und ihren Tücken erzählt. Im Roman «Greengates» (1936), auf Deutsch «Vor uns die Zeit», wendet R. C. Sherriff sich einem ähnlich bekannten Alltagsthema zu: Mit freundlicher Ironie schildert der Schriftsteller einen Angestellten, der sich nach 40 Jahren in der gleichen Firma auf den Ruhestand freut. Doch was soll er anfangen mit den leeren Tagen, wenn ihm die Gartenarbeit so wenig Spass macht wie die historischen Bücher, die er nun endlich lesen könnte? Und womit soll er seine Frau, die er jetzt dauernd sieht, noch überraschen? Manfred PapstR. C. Sherriff: Vor uns die Zeit. Übersetzt von Rainer Moritz. Unionsverlag 2026. 332 Seiten.26 Ursula WiegeleNur die Laute der Vögel«Auf einmal war ich Sonne und Himmel»: Ursula Wiegeles Inselroman erzählt von Selbstfindung und Utopien – leicht wie ein Traum am Strand. Lesen die Rezension hier.27 M. L. StedmanEin weites LebenAufstehen, weitergehen: Ergreifend erzählt M. L. Stedman von einer Familie im Outback und ihren Schicksalsschlägen – ein Sommerschmöker. Lesen die Rezension hier.28 Audur Ava OlafsdottirEdenAlba ist Sprachwissenschafterin in Island, sie nimmt an Kongressen über Kleinsprachen teil und weiss, dass die Färinger eigene Wörter für Erfindungen der Neuzeit haben: «tyrla» (Aufwirbler) für Helikopter oder «sjónvarp» (Sichtwurf) für Fernsehen. Und sie weiss, dass auf der Welt jede Woche eine Sprache stirbt. Man erfährt in diesem Buch auch, dass «kýr» das schwierigste isländische Wort ist. Es bedeutet Kuh. – Wegen zwei Tippfehlern in einem Immobilieninserat kauft Alba ein Haus in einer selbst für Island abgelegenen Gegend. Dort pflanzt sie Bäume, nimmt einen Immigranten auf, trifft einfache Leute vom Land. All das geschieht selbstverständlich, fast nebenbei. Das Buch liest sich wie eine poetische Reise in ein Island abseits der Touristenströme. An einen Ort, wo man nicht alles zerdenken muss. Manchmal genügt es, einen Setzling einzugraben. Remo GeisserAudur Ava Olafsdottir: Eden. Aus dem Isländischen übersetzt von Tina Flecke. Insel 2025. 251 Seiten.29 Catherine LoveyGeschichte vom Mann, der nicht sterben wollteSándor, ein Ungar im Exil, der an Krebs erkrankt ist, will nicht akzeptieren, dass auch er den Weg alles Irdischen beschreiten muss. Die Ich-Erzählerin, seine Nachbarin – eine Umweltaktivistin, wenn auch keine besessene –, nähert sich langsam diesem seltsamen Geschäftsmann an, der nicht über seine Nöte sprechen will, weil er es nie gelernt hat – und beginnt ihn zu mögen. Sie liest ihm vor, kocht für ihn, sie gehen ein paar Schritte. Er zeigt sich widerspenstig, um schliesslich die Nähe zu akzeptieren. Catherine Loveys Roman spielt während Corona, wahrscheinlich in der Westschweiz, wo die Autorin auch lebt. Das mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnete Werk ist ein Psychogramm einer wachsenden Beziehung in menschenfeindlichen Zeiten. Das 45 Kapitel umfassende Buch ist so achtsam, präzise und einfach schön geschrieben, dass man es immer wieder lesen möchte. Peer TeuwsenCatherine Lovey: Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte. Ü: Walter Pfäffli. Bücherlese 2026. 208 S.30 Safae el KhannoussiOroppaWo ist Salomé? Mit «Oroppa» legt Safae el Khannoussi einen vielstimmigen, mitreissenden Roman über Identität vor. Ein grosses Debüt. Lesen die Rezension hier.31 Michael HugentoblerBis die Bären tanzenNichts ist wichtiger als das Freisein: Michael Hugentobler schafft ein Kopfkino zwischen Ostschweiz und Dschungel – und herrlich sture Figuren. Lesen die Rezension hier.32 Esther SchüttpelzGrüne WelleFlucht aus dem Leben: Esther Schüttpelz erzählt von einer Frau, die in ihrem Golf Kombi einfach immer weiterfährt. Lesen die Rezension hier.33Kristín EiríksdóttirDer FilmMacht Empathie blind? Distanz oder Nähe Kristín Eiríksdóttir schonungsloser Roman über moralische Massstäbe Lesen die Rezension hier.34 Hans-Ulrich TreichelDas KarussellBeobachter des eigenen Lebens: Hans-Ulrich Treichels zauberhafter Roman über einen pensionierten Akademiker. Lesen die Rezension hier.35 Miriam CarbeUnerwünschte Töchter1908 beginnt die Reise durch das Leben von Margarethe, Marianne, Monika und Miriam Carbe: Die deutsch-nigerianische Autorin verwebt die Tagebucheinträge ihrer Vorfahrinnen zu einer Generationengeschichte. Der Alltag mit seinen Freuden und Ärgernissen ist genau recherchiert und dramatisch geadelt durch die Umstände: Krieg, Witwenschaft, uneheliche Kinder, der Abstieg aus dem Bildungsbürgertum. Ab und an erhebt Carbe selbst die Stimme, betrachtet die Frauen, die sie prägten. Sie alle fanden ihren Platz nicht: Zu intelligent waren sie – und zu schlecht darin, das zu verstecken. Nicht nur als Töchter sind sie unerwünscht, sondern als Frauen. Carbe selbst zudem wegen ihrer Herkunft; drei Jahre lang verschweigt man Margarethe das dunkelhäutige Urenkelkind. Ein atmosphärisch dichter Blick in die deutsche Nachkriegsgeschichte. Malena RuderMiriam Carbe: Unerwünschte Töchter. Carl Hanser 2026. 576 Seiten.36 Angelika OverathCalanda oder Alvas AntwortIm abschliessenden Band ihrer Istanbul-Trilogie schickt Angelika Overath ihre Protagonistin auf den Churer Hausberg Calanda. Alva sieht sich mit der Diagnose ALS konfrontiert und muss sich darüber klar werden, ob und wie es mit ihr noch weitergehen kann. Während sie die knapp zweitausend Höhenmeter überwindet, erinnert sie sich an Angelpunkte ihres so intensiven wie komplizierten Lebens mit zwei Kindern von zwei Männern, die selbst einmal ein Paar waren. Was kann die Liebe leisten, und was kann sie ertragen? Wie bleibt man im Angesicht von Krankheit und Tod noch eine gute Mutter, eine zugewandte Freundin, wie lässt sich Schwäche in Stärke verwandeln? Angelika Overath lässt Alva über die letzten Dinge sinnieren – feinfühlig, aber ganz unsentimental, in einer Sprache, deren Schönheit in der Genauigkeit liegt. Manfred PapstAngelika Overath: Calanda oder Alvas Antwort. Luchterhand 2026. 160 Seiten.37 Stella GaitanoEddos goldenes Lächeln«Nach dem Putsch konnte jedem alles passieren»: Die Autorin und Aktivistin Stella Gaitano hält ihrem Land Sudan den Spiegel vor. Lesen die Rezension hier.38Italo CalvinoGeschriebene und ungeschriebene WeltItalo Calvino (1923–1985) erfuhr in den vergangenen Jahren auf Deutsch eine kleine Renaissance. Neben den Erzählungen, Märchen und Romanen des italienischen Postmodernisten ist nun ein schmaler Band mit grösstenteils noch nie übersetzten Texten erschienen, eine Trouvaille für Fans. Darin finden sich ein literarischer Dialog über Autorschaft und künstlerische Aneignung, kenntnisreiche Einlassungen zu Parzival, der Phantastischen Literatur oder zu den Funktionen von Tränen im Märchen. Hochaktuell wird es gleich im ersten Stück: In «Kybernetik und Gespenster», einem Vortrag aus dem Jahr 1967, spekuliert Calvino darüber, was geschieht, «wenn wir eine Maschine haben werden, die den Dichter ersetzen kann». Seine Antwort dürfte besonders diejenigen überraschen, die dem Einsatz von künstlicher Intelligenz skeptisch gegenüberstehen. Tobias SedlmaierItalo Calvino: Geschriebene und ungeschriebene Welt. Ü: A. u. D. Leube. Hanser 2026. 160 Seiten.39 John Banville Schatten der GondelnEine Hochzeitsreise nach Venedig, am Tag, an dem das 20. Jahrhundert beginnt. Das ist das einzige Glamouröse, das für den Schreiberling Evelyn Dolman abfällt, obwohl er doch die Tochter eines Ölmagnaten geheiratet hat. Dieser hatte Laura aber enterbt. Um danach zu sterben. Venedig im Januar ist wenig prachtvoll, der Palazzo Dioscuri, in dem das Paar logiert, uralt, und es riecht modrig, keine Spur von Luxus. Zudem ist der schmierige Gastgeber, Graf Barbarigo, ein Scharlatan, das spürt Dolman sofort. Letzterer erzählt rückblickend von einem Aufenthalt, der sich für ihn von Anfang an wie ein Albtraum anfühlte. Und das auch tatsächlich wurde, so viel sei verraten. Das Buch ist ein Pageturner, virtuos geschrieben, getragen von einer morbiden Stimmung und mysteriösen Figuren. Schaudern in Venedig – wunderbare Ferienlektüre. Remo GeisserJohn Banville: Schatten der Gondeln. Ü: Elke Link. Kiepenheuer & Witsch 2025. 384 Seiten.40 Liz MooreDer andere ArthurMit ihrem Thriller «Der Gott des Waldes» (2025) landete die amerikanische Autorin Liz Moore einen Bestseller. Deshalb schiebt ihr deutscher Verlag nun einen Roman nach, der im Original bereits 2012 erschienen und auf einen ganz anderen Ton gestimmt ist. «Der andere Arthur» erzählt die undramatische, aber berührende Geschichte eines resignierten ehemaligen Literaturprofessors, der 250 Kilo wiegt und sein Haus in Brooklyn seit mehr als zehn Jahren nicht mehr verlassen hat. Wenn der Lieferservice läutet, schafft er es nur mit Mühe zur Tür. Erst als er auf einen anderen Aussenseiter trifft, den 17-jährigen Kel, der um seinen Schulabschluss kämpft, rafft Arthur sich nochmals auf und erlebt, wie man im Einsatz für andere sein besseres Selbst finden kann. Kel und er wechseln sich als Ich-Erzähler ab; Liz Moore findet für beide eine plausible Sprache. Manfred PapstLiz Moore: Der andere Arthur. Übersetzt von Cornelius Hartz. C. H. Beck 2026. 378 Seiten.41 Dietmar Bittrich (Hg.): Wann nehmt ihr sie zurück?Wer in diesem Sommer Ferien mit Enkelinnen und Enkeln geplant hat, sollte im Vorfeld «Wann nehmt ihr sie zurück?» lesen. Oder vielleicht lieber nicht? Die humoristische Anthologie, herausgegeben vom Hamburger Satiriker Dietmar Bittrich, zeichnet in mehr als zwanzig Kurzgeschichten Chancen und Risiken eines solchen Unterfangens nach. Eine Enkelin stellt sich als Kleptomanin heraus, eine andere kehrt erst mitten in der Nacht beschwipst heim, und der Zappelphilipp lockt mit seiner Unrast während der Safari beinah den Löwen an. Wer mit der Vorstellung von Idylle abreist, wird desillusioniert heimkehren. Aber keine Sorge: Manchmal verhelfen die kleinen Racker unverhofft zu grossem Glück. In einer Geschichte backen sie am frühen Morgen für Oma und Opa Brötchen auf. «Man muss nur die verbrannte Kruste abschaben.» So wie im Leben im Allgemeinen. Michele CovielloDietmar Bittrich (Hg.): Wann nehmt ihr sie zurück? Rowohlt 2026. 256 Seiten.42 Robert Seethaler Die StrasseMenschen, die übrig bleiben: Der österreichische Autor Robert Seethaler schafft eine vielstimmige und warme Erzählung und das Porträt einer Strasse. Lesen die Rezension hier.43 Tezer ÖzlüDie kalten Nächte der KindheitWeltliteratur, aus Schmerz entstanden: Die türkisch-deutsche Autorin Tezer Özlü schuf ein erschütterndes und bleibendes Werk. Lesen die Rezension hier.44 Madeline CashVerlorene SchäfchenDrei Teenager-Töchter und eine Verschwörung: Familien Madeline Cash erzählt von der verrückten Gegenwart der USA – schräg und nie kitschig. Lesen die Rezension hier.45 Joanna Bator Die Flucht der BärinBären und andere pelzig-düstere Geschichten: Zwischen Märchen und Horror Joanna Bator schafft einen fabelhaften Kosmos aus verzweifelten Figuren. Lesen die Rezension hier.46 Seumas O‘Kelly Das Grab des Webers«Ulysses» für Einsteiger: Die Wiederentdeckung eines Zeitgenossen von James Joyce lohnt sich. Lesen die Rezension hier.47 Jorge Luis BorgesDie unendliche BibliothekDer Titel fasst es treffend zusammen: Das Universum von Jorge Luis Borges (1899–1986) ist eine «unendliche Bibliothek». Der literarische Wissensschatz des gerne zum Mythos stilisierten Autors und Hüters der argentinischen Nationalbibliothek ist immens, seine Weiterverarbeitungen der Weltliteratur wurden selbst zu Klassikern. Die sprachlich verdichteten, zugleich flimmernden Geschichten sind Labyrinthe aus Spiegelungen, Doppelungen und Finten. Bevölkert von tragischen Helden, Gauchos, Detektiven und Gelehrten, mit denen sich die Leser in den Rätseln von Erinnerung, Zeit und Identität verlieren. Dank dieser – trotz der Fülle handlichen – Gesamtausgabe der Erzählungen sind endlich wieder Titel wie «Das Sandbuch» verfügbar, die seit einiger Zeit auf Deutsch nur schwer erhältlich waren. Borges lesen heisst das Lesen neu zu entdecken! Tobias SedlmaierJorge Luis Borges: Die unendliche Bibliothek. Übersetzt von Gisbert Haefs. Kampa Verlag 2026. 672 Seiten.48 Sherwood AndersonWinesburg, OhioSherwood Anderson (1876–1941) gehörte in Europa nie zu den klingenden Namen wie andere amerikanische Autoren. Dennoch inspirierte er Schriftstellergenerationen von Ernest Hemingway über Flannery O’Connor bis Raymond Carver. Dass sein Debüt «Winesburg, Ohio» von 1919 alle paar Jahrzehnte ein Revival erlebt und 2011 neu ins Deutsche übersetzt wurde, ist ein Geschenk für Fans der kurzen Erzählform. Mit diesem Geschichtenzyklus, der in den Kulissen einer fiktiven Kleinstadt spielt, schuf Anderson ein Kaleidoskop der menschlichen Abgründe. Seine Figuren taumeln auf dem schmalen Grat zwischen Hoffnung und Wahn, Tragödie und Komödie. Die Sprache ist lakonisch, manchmal spröde und hart, trotzdem erzeugt der Autor mit jeder Story das, was Daniel Kehlmann im Nachwort ein «halluzinogenes Flirren» nennt. Frank HeerSherwood Anderson: Winesburg, Ohio. Ü: Eike Schönfeld. Manesse 2026. 358 Seiten. Mit einem Nachwort von Daniel Kehlmann.49 Xu ZechenDer grosse KanalAuf dem Wasser fühlen sie sich eher zu Hause: Xu Zechen schildert den Alltag am chinesischen Kaiserkanal empathisch und poetisch. Bei der Darstellung des umstrittenen Boxeraufstandes zwischen China und dem Westen vermeidet er eine Stellungnahme. Lesen die Rezension hier.Wie steht es mit der Demokratie in Ostdeutschland? Interview mit Schriftsteller Lukas Rietzschel50 Lukas RietzschelSanditz«Viele AfD-Wähler wollen einen besseren Kapitalismus», sagt Autor Lukas Rietzschel. Der Schriftsteller spricht mit Linus Schöpfer über Ostdeutschland und die Demokratie. Lesen Sie das Interview hier.Mit packenden Sachbüchern die Welt entdecken51 Christiane HoffmannDie Träume, die wir hattenWas wir versäumt haben: Die deutsche Journalistin Christiane Hoffmann erzählt von den zerschlagenen Träumen nach dem Ende der Sowjetunion – aus persönlicher und politischer Perspektive. Lesen Sie die Rezension hier.52 Daniel SchwartzUnterwegs zu den Gletschern der WeltWas fehlt, wenn die Gletscher verschwinden? Die Klimaerwärmung bringt die Gletscher in den Alpen zum Schmelzen. Wir verlieren dabei mehr, als wir ermessen können. Die literarisch-fotografische Reise von Daniel Schwartz fragt nach em Verlust von Schönheit. Lesen Sie die Rezension hier.53 Marcel HänggiDas Schöne, das verloren gehtÖkologie und Ästhetik: Die Klimaerwärmung bringt die Gletscher in den Alpen zum Schmelzen. Wir verlieren dabei mehr, als wir ermessen können. Marcel Hänggi erweitert die Klimadebatte um einen wichtigen Aspekt: den Verlust von Schönheit. Lesen Sie die Rezension hier.54 Florian FreistetterDie Farben des UniversumsWundersames farbiges Weltall: Der Astrophysiker Florian Freistetter lehrt uns, die Farben des Universums zu sehen: Rot, Grün, Violett. Lesen Sie die Rezension hier.55 Christian SpieringDas seltsamste Teilchen der WeltÜber die Autisten im Teilchenzoo: Christian Spiering hat ein atemberaubendes Buch über Neutrinos geschrieben. Lesen Sie die Rezension hier.56Judith SchalanskyMarmor, Quecksilber, Nebel«Lesen» und «Sammeln» teilen dieselbe Wortwurzel. Den tiefen Sinn dieser Verwandtschaft versteht, wer Judith Schalanskys Poetikvorlesungen liest. Der Autorin und Grafikerin dabei zu folgen, wie sie vom Hundertsten ins Tausendste und in umfassende Komplexität vorrückt, bereitet allergrösstes Vergnügen. Einerseits, weil sie lustig und überaus lässig zu erzählen vermag. Andererseits, weil man buchstäblich nie weiss, was auf der nächsten Seite passiert. Dabei denkt sich Judith Schalansky nichts aus. Sie nimmt nur dankend die Sinnangebote an, die jeder Gegenstand in Hülle und Fülle bereithält. Alles, was auf dem Weg liegt, wird eingesammelt. Und der ist kurz, vom Pharaonengrab zur Sau, vom Marmorstein zum Incel. Eine Schule des Staunens, frei nach dem Motto: «Wenn ich wüsste, was ich tue, dann täte ich es nicht.» Leander BergerJudith Schalansky: Marmor, Quecksilber, Nebel. Woraus die Welt gemacht ist. Suhrkamp 2026. 176 Seiten.57 Even MolandKann das Meer die Erde retten?Etwa 71 Prozent der Erdoberfläche sind von miteinander verbundenen Meeren und Ozeanen bedeckt. Diese bilden ein gigantisches Ökosystem, dessen Gleichgewicht aufgrund von Verschmutzung, Tiefseebergbau, Überfischung und Klimawandel in Gefahr ist, wie jüngst auch die Uno wieder mahnte. Der an der Universität von Kristiansand lehrende Meeresbiologe Even Moland beschreibt anschaulich, was wir von diesem blauen Herzen unserer Welt bezüglich Ökologie, Ernährung oder Medizin lernen und wie wir es schützen können. Damit eine nachhaltige Nutzung der Meere möglich wird, fordert der Forscher unter anderem eine ökosystembasierte Fischereiverwaltung und grössere marine Schutzgebiete. Molands Buch ist ein wichtiger Beitrag für die Vermittlung dieser Ziele. Da sich der Verlag mit zwei mickrigen Abbildungen begnügt, ist leider nur der Umschlag blau. André BehrEven Moland: Kann das Meer die Erde retten? Ü: Frank Zuber und Günther Frauenlob. Haupt-Verlag 2026. 224 S.58 Philippe Petit Auf dem HochseilDie Ewigkeit dauert 45 Minuten: Wie der Seiltänzer Philippe Petit die Schwerkraft besiegte. Lesen Sie die Rezension hier.59 Byung-Chul Han Ohne RespektAnmut statt Missmut: Der Philosoph Byung-Chul Han grast gesellschaftliche Trendthemen essayistisch ab – nun also Respekt. Lesen Sie die Rezension hier.60 Joseph J. Ellis1776Im Nebel der Revolution: Ein Sommer, der vor 250 Jahren die Welt veränderte: Die Geburt der USA. Lesen Sie die Rezension hier.61 Adam WeymouthWolfspfadeWerwölfe und Rechtspopulisten: Der britische Autor Adam Weymouth folgt dem Wolf durch drei Länder. Lesen Sie die Rezension hier.62 Francis Fukuyama Der letzte MenschWas tun mit der Langeweile? Francis Fukuyama besteht auf seiner These vom Ende der Geschichte. Lesen Sie die Rezension hier.63 Paul IngendaayEntscheidung in SpanienDer Krieg der Freiwilligen: Paul Ingendaay über die Anziehungskraft des Spanischen Bürgerkriegs auf Kulturschaffende. Lesen Sie die Rezension hier.64 Philip ManowSpaltungslinienDas Links-rechts-Schema hat ausgedient: Der Politologe Philip Manow beschreibt neue gesellschaftliche Konfliktlinien. Lesen Sie die Rezension hier.65Quinn Slobodian und Ben TarnoffMuskismusWie sich Elon Musk als Heilsbringer inszeniert: Zwei Historiker zeichnen seinen Aufstieg zum «Technoking» nach. Lesen Sie die Rezension hier.66 Cory Doctorow EnshittificationAm Beispiel der Plattformökonomie erklärt Cory Doctorow, was passiert, wenn Gemeingut kapitalistischen Kräften unreguliert vorgeworfen wird: «Enshittification». Ein Begriff, den Doctorow geprägt hat und der mehrfach zum Wort des Jahres gekürt wurde. Der Kanadier trifft damit einen Nerv: Er beschreibt das Phänomen, wie Internetplattformen anfangs attraktiv und zuverlässig funktionieren, dann aber deutlich an Qualität einbüssen – ohne dass der Markt sie dafür bestrafen würde. Am Ende dieses Prozesses sind die Nutzerinnen und Nutzer abhängig von Diensten wie Amazon, Twitter, Facebook oder Apple – während die Dienste satte Gewinne einstreichen. «Enshittification» ist nicht nur ein Plädoyer für das «gute, alte Internet», sondern auch für einen Kapitalismus, der nur mit Regeln funktionieren kann. Gina BucherCory Doctorow: Enshittification. Übersetzt von Hans-Peter Remmler. Blumenbar 2026. 477 Seiten.67Arlie Russell HochschildGeraubter StolzFür «Geraubter Stolz» reiste die Soziologin Arlie Hochschild 2017 nach Kentucky zu den «Hillbillys» – in die soziale Heimat von J. D. Vance. Sie konnte damals nicht ahnen, was für einen Aufstieg er vor sich haben würde. Seit den 1990ern ist die Region im Niedergang begriffen, kämpft mit Armut und Drogen. Anhand von Interviews beschreibt Hochschild eindrücklich, wie die Maga-Bewegung die soziale Scham weisser Wählergruppen ausnutzt. Wie viele der Wähler Trump zwar nicht glauben, sich aber von ihm in ihrem (angeblich geraubten) Stolz bestätigt fühlen. Wie sich die weisse Arbeiterklasse in den öffentlichen Debatten nicht mehr wiederfindet und welche Folgen das hat. Dies greift nicht nur in den USA, sondern überall dort, wo Strukturwandel stattfindet. Was dagegen hilft? Empathisches Zuhören, so Hochschild, und Zusammenhalt als soziale Praxis. Gina BucherArlie Russell Hochschild: Geraubter Stolz – Verlust, Scham und der Aufstieg der Rechten. Ü: Ulrike Bischoff. Hamburger Edition 2025. 360 S.68 Sarah Wynn-WilliamsMein Traumjob bei FacebookWer hat Angst vor diesem Buch? Sarah Wynn-Williams, ehemaliges Kadermitglied von Facebook, legt offen, was Mark Zuckerberg lieber verborgen halten möchte. Lesen Sie die Rezension hier.69 Sophie PassmannWie kann sie nur?Endlich Instagram verstehen: Sophie Passmann überzeugt als beobachtendes Mitglied der wichtigsten Internetplattform. Lesen Sie die Rezension hier.70Ronen Steinke MeinungsfreiheitNiemand hat das Recht, nicht kritisiert zu werden: Der Jurist und Journalist Ronen Steinke schaltet sich in die Debatte um die Meinungsfreiheit in Deutschland ein. Lesen Sie die Rezension hier.71 Corine Pelluchon Die Macht des WeiblichenFür eine politische Achtsamkeit: Die Philosophin Corinne Pelluchon fragt, wie Demokratie besser funktionieren könnte. Lesen Sie die Rezension hier.72 Gabriele von Arnim Abschied lebenDieser Hunger nach Leben: Gabriele von Arnim meditiert über den Tod und schafft dabei etwas Seltenes: Zuversicht. Lesen Sie die Rezension hier.73 Manon GarciaMit Männern lebenDie banalen bösen Männer und der Fall Pelicot: Manon Garcia zeigt: Ein Prozess wird wenig helfen, die Gewalt gegen Frauen zu überwinden. Lesen Sie die Rezension hier.74Diarmaid MacCullochNiedriger als die EngelBei Sex hält es die Kirche nicht mit Jesus: Ein neues Standardwerk zeigt überzeugend, wie wenig die Kirche bei der Sexualität die Bibel zum Massstab nimmt. Lesen Sie die Rezension hier.75 Jens WietschorkeChronist der wilden JahrexSiegfried Kracauer gehörte in der Zwischenkriegszeit zu Deutschlands klügsten Kulturjournalisten. Ab 1930 leitete er das Feuilleton der «Frankfurter Zeitung». Nebenbei gelang ihm mit «Die Angestellten», seiner Analyse der Lebenswelten grossstädtischer Bürolisten, ein Klassiker der Soziologie. Jens Wietschorke bringt uns Kracauer nun mit «Chronist der wilden Jahre» in allen Facetten näher. In gebührender, dabei nie überbordender Länge zitiert der Kulturwissenschafter aus Kracauers Feuilletons und vermittelt so einen Eindruck seines Sounds und seiner weitgespannten Interessen von Architektur bis Jazz. Wietschorke schreibt begeistert, ohne in Hagiografie zu verfallen. Sich Kracauers Tendenz zur Übertheoretisierung bewusst, hängt der Autor auch mal ein neckisches «Alles klar?» an. Linus SchöpferJens Wietschorke. Chronist der wilden Jahre. Mit Siegfried Kracauer durch die Weimarer Republik. Reclam 2026. 364 Seiten.76 Irina ScherbakowaDer Schlüssel würde noch passenWerden die Menschen zu wacheren Zeitgenossen, wenn sie sich mit der Vergangenheit befassen? Ja, glaubte Irina Scherbakowa 1989. Die russische Historikerin hat damals die Organisation Memorial mitgegründet, um an die Opfer des Sowjetregimes zu erinnern. Kurz darauf wurden viele Archive geöffnet, Scherbakowa war sicher, dass das Russland verändern würde. Heute macht sie sich keine Illusionen mehr über die Kraft der «historischen Wahrheit». In ihren eindrücklichen Erinnerungen beschreibt sie, wie sich im Land schleichend eine Sowjetnostalgie ausbreitete, wie der Staat die Erzählung vom heldenhaften Reich zurückbrachte – und in der Schule an eine neue Generation weitergab. Stalin? Der sei ein «effizienter Manager» gewesen, sagte ihr eine Schülerin fünf Jahre nach Putins Machtübernahme. Claudia MäderIrina Scherbakowa: Der Schlüssel würde noch passen. Moskauer Erinnerungen. Droemer 2025. 320 Seiten.77 Agnes CallardSokratesWer war Sokrates? Der berühmte griechische Philosoph hat selbst nichts aufgeschrieben, sondern in Gesprächen Fragen aufgeworfen. Weil er fand, «dass das Leben ohne Prüfung nicht lebenswert sei für einen Menschen». Eine philosophische Traditionslinie hat er nie begründet, doch seine Art des Denkens sei auch heute inspirierend, ja nötig, findet Agnes Callard. Auf der Basis der Dialoge seines Schülers Platon ergründet die Philosophin, was Sokrates’ Denken ausmacht. Ihr Buch ermutigt zur Neugier auf «unzeitgemässe Fragen». Das sind Fragen, die wir gern von uns fernhalten, weil wir so viel anderes zu tun haben und es bequemer ist, sie nicht zu stellen. Wie behandeln wir andere Menschen fair? Was bedeutet es, zu lieben? Wie sollen wir dem Tod begegnen? – Während des Nachdenkens zu merken, wann wir uns irren, ist die Kunst, die Sokrates uns lehrt. Martina LäubliAgnes Callard: Sokrates. Übersetzt von Antje Korsmeier. C. H. Beck 2026. 440 Seiten.78 Lutz JänckeWenn Töne salzig schmeckenMusik gilt als die flüchtigste aller Künste. Doch welch ein Irrtum – zumindest aus der Perspektive der Hirnforschung gesehen. Denn das menschliche Gehirn ist plastisch, und intensives Musikmachen und Üben hinterlässt darin Spuren. Es sind Veränderungen, die man messen kann und die ihrerseits wieder Folgen für das Musizieren haben. Warum waren Paul McCartneys Basslinien so melodisch? Weshalb fiel eine Pianistin immer bei der Hammerklaviersonate in Ohnmacht? Und warum kann eine grosse Terz süss schmecken? Darauf weiss der Neurowissenschafter Lutz Jäncke Antworten. Jahrzehntelang hat er die Gehirne von Musikerinnen und Musikern erforscht und nun seine aussergewöhnlichsten Begegnungen und Erkenntnisse in einem leicht verständlichen und kurzweiligen Buch zusammengefasst. Anna KardosLutz Jäncke: Wenn Töne salzig schmecken. Rüffer & Rub 2026. 304 Seiten.79 Nathan DeversGegen sich selbst denkenDie Suche nach Sinn verbindet die Religion mit der Philosophie. «Die Suche nach einem Anderswo, das weder so richtig da ist noch wirklich fern.» Das schreibt einer, der beides kennt: Der französische Jude Nathan Devers suchte als Kind ganz allein, ohne Zutun seiner säkularen Eltern, Zugang zu einer Synagoge und tauchte tief in Religion und Schriftauslegung ein. So tief, dass er Rabbiner werden wollte – bis er eines Tages merkte, dass ihm sein Glaube abhandengekommen war und er daraus die Konsequenzen ziehen musste. Doch wie geht Umdenken? Devers erzählt seinen spirituell-philosophischen Weg lebendig und elegant, mit Poesie und manchmal etwas Pathos. Den Leserausch, den er erlebt, vermag auch sein autobiografischer Essay immer wieder zu erzeugen. Und in den Fragen, denen er auf den Grund gehen will, mögen sich mancher und manche wiedererkennen. Martina LäubliNathan Devers: Gegen sich selbst denken. Übersetzt von André Hansen. S. Fischer 2026. 256 Seiten.80 Chris BlackwellAls die Boxen in den Bäumen hingenDiese Erinnerungen sind eine Fundgrube für alle Fans von Rock und Reggae, denn Chris Blackwell hat nicht nur viel erlebt, sondern er weiss auch anschaulich, munter und humorvoll zu erzählen. Der als Sohn einer reichen Familie im kolonialen Jamaica aufgewachsene Brite gründete 1959 das Plattenlabel Island Records, das er alsbald zu einem kommerziell erfolgreichen und künstlerisch stilbildenden Unternehmen machte: Unter anderem verhalf er Bob Marley, U2, Tom Waits, Steve Winwood, Nick Drake und Cat Stevens zu Weltruhm. Als Produzent hatte Chris Blackwell eine genaue Vorstellung davon, welcher Sound zu wem passte. Er liebte die Studioarbeit und den Austausch mit Menschen jeglicher Couleur. Die Memoiren des Musikproduzenten sind nicht zuletzt deshalb ergiebig, weil Blackwell lieber aus dem Fenster schaut als in den Spiegel. Manfred PapstChris Blackwell: Als die Boxen in den Bäumen hingen. Übersetzt von Jan Szlovak. Matthes & Seitz. 368 Seiten81 Silvia Süess und Uschi WaserReden, um nicht zu erstickenVon der Verfolgung der Jenischen und der Jagd auf Kinder: Uschi Wasers Autobiografie zeugt von einem dunklen Kapitel der Schweizer Geschichte. Lesen Sie die Rezension hier.Thriller und Krimis für eine atemlose Lektüre82 Thomas KnüwerGiftiger GrundJoran ist noch jung, sass aber schon sieben Jahre im Gefängnis wegen Überfalls. Als er entlassen wird, wagt er kaum auf Unterstützung durch seinen lieblosen Vater zu hoffen. Völlig abgebrannt sucht er nach der Beute, die bei einer Tankstelle versteckt wurde. Doch statt auf Geld stösst er auf eine Leiche, und schon ist er wieder im Schlamassel. Doch dann tauchen ein kleines Mädchen und eine junge Fotografin auf, die sich auf Fotos von «Lost Places» verlegt hat und sie auf Instagram stellt. Damit verdient sie zu wenig, um bei ihrer Schwester und deren schmierigem Freund ausziehen zu können. Das ungleiche Trio sieht sich, jeder auf andere Weise, bedroht und muss sich entscheiden für Vertrauen oder Misstrauen. Knüwers Krimi ist psychologisch durchdacht und glaubwürdig. Jürg ZbindenThomas Knüwer: Giftiger Grund. Droemer 2026. 331 Seiten.83 Leonie SwannWiddersehenEs hat ja meistens etwas Bemühtes, wenn Tiere plötzlich in Menschensprache reden können. In diesem konkreten Fall sind es dann auch noch Schafe, die sprechen können und in einen Kriminalfall verwickelt werden. Aber bei den Werken von Leonie Swann sagt man sich auf fast jeder Seite: Was für ein witziges Buch! Im dritten Band «Widdersehen», der zwanzig Jahre nach und, wohl nicht ganz zufällig, gleichzeitig mit der Verfilmung des ersten Schafskrimis «Glennkill» erschienen ist, kommt der Herde die geliebte Schäferin Rebecca abhanden (sie ist entführt worden), die Schafe finden einen abgehackten Finger auf der Weide und seinen Besitzer – und hoffentlich auch ihre Schäferin wieder. Dank viel «Wollidarität» und «Demähkratie». Und spannend ist es auch noch. Peer TeuwsenLeonie Swann: Widdersehen. Dumont 2026. 336 Seiten.84 Jorn Lier Horst und Jan-Erik FjellHörst du den Schrei?Skandinavien scheint über ein unerschöpfliches Reservoir an Krimiautorinnen und -autoren zu verfügen. Im ersten Fall des fiktiven Krimi-Podcasters Markus Heger geht es um ein vor 15 Jahren spurlos verschwundenes Mädchen. Als Heger bei der Geschichte nicht weiterkommt, hört er auf nachzuforschen. Bis sich eine Journalistin bei ihm meldet, die ihm gehörig auf die Nerven geht. Er verweigert eine Zusammenarbeit, bis es zu spät dafür ist – die Leiche der Journalistin wird in einem Bachbett gefunden, offenbar ein Wanderunfall. Doch Heger, geplagt vom schlechten Gewissen, glaubt nicht daran und ermittelt wieder auf eigene Faust. Das norwegische Duo Horst/Fjell hat grosses Potenzial, es könnte in die Fussstapfen der Schweden Sjöwall/Wahlöö treten. Jürg ZbindenJorn Lier Horst / Jan-Erik Fjell: Hörst du den Schrei? Übersetzt von Günther Frauenlob. Blanvalet 2026. 367 Seiten.85 Egon Erwin Kisch Prager VerbrechenWürde Egon Erwin Kisch heute leben, hätte er einen True-Crime-Podcast. Doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Stift das Medium des Kriminalreporters, eines Berufs, den Kisch erfunden hat. Seine legendären Reportagen sind nun in einem toll gestalteten Band wieder zugänglich. Sie geben Einblick in die ausgehende k. u. k. Monarchie und menschliche Abgründe. Kisch schildert Morde, Heiratsschwindel und Gefängnisse. Beklemmend ist sein Text über den «wiederbelebten Spielberg», einen alten Kerker, der 1939 von der Gestapo reaktiviert wurde. Überraschend ist «Die Mutter des Mörders». Während ihr Sohn in Haft sitzt, macht die Mutter dem Reporter unerwartete Geständnisse – und dieser denkt darüber nach, wie Angehörige wider Willen in der Zeitung landen. Martina LäubliEgon Erwin Kisch: Prager Verbrechen. Vorwort: Sabine Rückert. Illustrationen: Jörg Hülsmann. Andere Bibliothek 2026. 334 S.86 Horst Evers Hope JoannaDie Elixiere des Führers: Der Kabarettist Horst Evers schafft etwas Seltenes: Er verbindet Spannung mit Humor. Und einen Krimi mit Kampfkunst. Lesen Sie die Rezension hier.87 Gianrico CarofiglioDer Horizont der NachtKrimi-Meister aus Italien: Brillant verbindet Gianrico Carofiglio Kriminalistik und Psychoanalyse. Sein neuer Roman ist eine Reise zu den eigenen Schatten. Lesen Sie die Rezension hier.88 Ralf E. KrügerDie UmkehrWohlstandsparadies Afrika: Ralf E. Krüger dreht in seinem Thriller vertraute globale Rollenbilder radikal um. Lesen Sie die Rezension hier.Phantasiereisen für junge Leserinnen und Leser89 Nina WehrleSchluss. Aus. Basta!Drei Hunde tollen durch den Wald, bereit zu jedem Schabernack. Das schlanke Hochformat ist ideal, um Baumstämme zu zeigen, von denen herab ein Eichhörnchen die Provokationen der frechen Hunde erwidert. Schlanke Seiten lassen sich zudem nicht gravitätisch umblättern: Das Buch setzt auf Tempo, die Grafik auf witzige Wucht. Mit Sonderfarben gedruckt und in kühnen Perspektiven inszeniert, trickst die Luzerner Künstlerin Nina Wehrle alle Erwartungen aus. Lange nicht mehr hat ein Schweizer Bilderbuch so frech erzählt, so dynamisch und so geeignet, laut vorgelesen zu werden, nochmals und gleich nochmals. Hans ten DoornkaatNina Wehrle: Schluss. Aus. Basta! Nord-Süd-Verlag 2026. 64 S.90 Matthew DiffeeZipp zapp, wiggedi waggWie geht «Wiffeln»? Die Kuh sagt «Muh», der Hund «Wau» – und wer sagt «Mäh»? das Schaf oder die Ziege? Die Debatte ist lanciert. Matthew Diffee, Cartoonist aus Los Angeles, kostet den Stimmenklamauk voll aus, ja er steigert das akustische Hin und Her mit Sprechblasengewimmel. Eine Steilvorlage für theatralisches Vorlesen. Als aber ein Sonderling aus dem All landet und fragt: «Warum wiffelt ihr nicht einfach?», sind die Tiere baff. Was versteht dieser Einzelgänger schon vom Teilen? Noch zwei Mal gibt Diffee dem Spiel eine Wendung. Wir staunen, lachen und wissen nun: Bildbücher können ein genialer Vorlesespass sein. Hans ten DoornkaatMatthew Diffee: Zipp zapp, wiggedi wagg. Moritz 2026. 32 S.91Tom ReedOswald backt KuchenDer Buchtitel verspricht, dass Oswald einen Kuchen backt. Aber Oswald die Eule will nicht! Sie will lieber abheben mit ihrem Flugzeug. Der Autor und seine quirlig eigensinnige Figur üben sich in Wortgefechten. Der in Zürich lebende britische Illustrator Tom Reed hat die zwei Positionen im Griff. Sein leichter Cartoonstrich zeigt genau so viel (oder so wenig), dass die Dialoge einleuchten und ihren Witz steigern. Klar, kommen luftiger Teig und doppelte Loopings nicht zusammen, oder nur im Slapstick-Chaos. Aber Applaus gibt’s an der Flugshow dennoch, für Kuchen, Pilot und sicher auch für Vorlesende. Hans ten DoornkaatTom Reed: Oswald backt Kuchen. Baeschlin Verlag 2026. 32 S. 9292 Andreas Greve, Lena WinkelLass das Lesen, Leo!Leo will in die Stadt. Er will nicht wie andere Hunde über Felder laufen und Stöcken nachjagen. Er will lesen: Anschriften, Plakate, Werbetafeln. Das bringt Herrchen in Verlegenheit. Die Geschichte schrieb Andreas Greve, der früh verstorbene versierte Bilderbucherfinder. Lena Winkel macht daraus nun einen Kindercomic, der die Bedürfnisse von Leseanfängern ernst nimmt. Auch sie tasten sich – mal interessiert, mal mit Mühe – durch Buchstabenzeilen. Genau diese Erfahrung illustriert Winkel mit leichtem Strich und Sinn für Pointen. Und eben: Wie Leo muss man neben Erzähltexten und Sprechblasen alle Schriften in allen Bildern mitlesen. Ein Buch, das die Welt des Lesens öffnet. Hans ten DoornkaatAndreas Greve (Text), Lena Winkel (Bild): Lass das Lesen, Leo! Kibitz 2026. 72 S.93 Kristina Scharmacher und Stephanie MarianHier entsteht die Stadt von morgenDas sorgfältig recherchierte Kindersachbuch vermittelt Zuversicht: «Unsere Städte werden immer klimafreundlicher!» Wie alle mithelfen können, zeigt Kristina Scharmacher-Schreiber, indem sie drei Kinder eine Stadt entdecken lässt, von Schule über Supermarkt, Verkehrsmittel und Repair-Café bis zum Strassenfest. Unterstützt von Stephanie Marians Illustrationen werden selbst komplizierte Zusammenhänge anschaulich. Erfreulicherweise weicht die Autorin nicht auf belanglose Tipps aus, sondern begründet klar, was dem Klima tatsächlich nützt. Andrea LüthiKristina Scharmacher-Schreiber (Text) und Stephanie Marian (Illustration): Hier entsteht die Stadt von morgen. Beltz 2026. 62 S. (ab 8 J.)94 Vitali KonstantinovWenn nicht die MenschenEvolution einmal anders Wer etwas für dino-fixierte Kinder braucht, findet in Thomas Hallidays «Urwelten» (Hanser) ein solides Werk; die reich bebilderte, vereinfachte Version eines Erfolgstitels für Erwachsene. Wer jedoch offen ist für einen eigenwilligen Zugang, wird über die Gedankenexperimente von Vitali Konstantinov staunen. Der Illustrator spekuliert entlang von Evolutionstheorien und fragt, was geschehen wäre, wenn Oktopusse, Delfine oder Waschbären das Rennen gemacht hätten. Mit klärenden Zeichnungen und witzig-utopischen Ausklapptafeln von erdachten Zivilisationen schafft er es, mit «Was-wäre-wenn»-Strategien spielerisch Wissen über Evolutionsgesetze zu vermitteln. Konstantinov ist ein Sachbuchmagier und bietet beste Anregungen für Neugierige ab 10 Jahren. Hans ten DoornkaatVitali Konstantinov: Wenn nicht die Menschen. Kunstanstifter 2026. 54 S.95Stepha QuittererFreiheit für die WaldwieselMenschen machen die Waldwiesel mit einer Droge aus rosa Schaum gefügig und kopieren sie in einer Fabrik, um aus ihnen Burgerfleisch herzustellen. Waldwiesel Piet muss Schwester und Mutter dringend aus der Fabrik befreien. Neben den beklemmenden Ereignissen sprüht Quitterers rasanter Abenteuerroman vor witzigen Wortkreationen, schrägen Einfällen und skurrilen Figuren wie einem Opernsänger-Siebenschläfer oder Mafia-Marder. Man frisst waldbienenhonigglasierte Mistkäferspiesse und andere Leckereien und beschimpft sich im Streit als Schleimschlunz oder Fellsack. Andrea LüthiStepha Quitterer: Freiheit für die Waldwiesel. Illustriert von Barbara Jung. Gerstenberg 2026. 320 S. (ab 10 J.)96 Sophie HardachNoa im NachtgebirgeEs ereignet sich Unerklärliches. Noa sieht ein Gesicht im Brunnen, hört Kinderlachen und begegnet einem Jungen in seltsam altmodischen Kleidern. Das Mädchen verbringt die Sommerferien bei der Tante auf der Alp. Dort soll Noa Abstand bekommen von Mobbing und Social-Media-Druck. Immer wieder wird’s unheimlich, doch Noa gewinnt auch Freunde und Mut. Sophie Hardachs spannender Kinderroman ist ein Mix aus Alpensage und Schauergeschichte, in dem sich historische Ereignisse mit modernem Alltag verweben. Andrea LüthiSophie Hardach: Noa im Nachtgebirge. Jungbrunnen 2026. 200 S. (ab 10 J.).97 Marion BrunetZwischen Ebbe und WutMitten im Meer: eine Clique Jugendlicher auf einem Segelboot. Einer ist tot, und ein heftiger Sturm naht. Spannung entsteht gleich doppelt: Was ist passiert? Werden die übrigen Jugendlichen den Sturm überstehen? Die 17-jährige Emma blendet zurück und erzählt, wie es dazu gekommen ist. Marion Brunet erforscht in ihrem kammerspielartigen Thriller eindringlich die Psyche der Jugendlichen und deren Beziehungen zu Machtspielen, Rivalität und Gruppendruck. Das alles ist eingebettet in dramatische Meeresstimmungen. Andrea LüthiMarion Brunet: Zwischen Ebbe und Wut. Ü: Carolin Farbmacherund Maren Partzsch. Rotfuchs 2026. 224 S. (ab 14 J.)98 Bibi Fatima MusaviGirls like meAlltag mit Hijab: Die Themen ihres Debüts sind der Autorin Bibi Fatima Musavi vertraut. Für die Hauptfigur Asya bedeutet Heimat «Kälte, Schnee bis zu den Knien und zwei Paar Wollsocken übereinander». Sie ist in Oslo aufgewachsen, wird aber wegen ihres Namen und des Hijabs als Fremde wahrgenommen. Mit erfrischender Selbstironie erzählt Asya von ihrem Alltag, der jenem vieler Jugendlicher gleicht. Sie verliebt sich, hofft und ist verunsichert. Zugleich reflektiert sie über Zugehörigkeit und Vorurteile und hinterfragt Traditionen. Andrea LüthiBibi Fatima Musavi: Girls like me. Ü: M. Blatzheim. Carlsen 2026. 208 S. (ab 14 J.)Menschheitsgeschichte, genial gezeichnet99 Ulli LustDie Frau als Mensch Am Anfang der GeschichteBrüste, Mammuts, Vorurteile: Die Comic-Künstlerin Ulli Lust hinterfragt die traditionelle Menschheitsgeschichte. Lesen Sie die Rezension hier.100 Ulli LustDie Frau als MenschSchamaninnenDie 30000 Jahre alte Figur der Venus von Wilmersdorf steht im Zentrum von «Schamaninnen». Die Comic-Künstlerin Ulli Lust hinterfragt darin die traditionelle Menschheitsgeschichte. Lesen Sie die Rezension hier.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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