Maritime Nächte mit MissklängenLugano lockt auch diesen Sommer mit Freiluftbars am See. Die Aktion ist gut gemeint — hat aber einen Haken, wie der Nachtfalter ahnt.Urs Bühler16.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenIllustration Benedikt RugarDie WM mit ihren nächtlichen Public Viewings ist fast vorbei, die Nachtschwärmer zieht es an ferne Strände: Die grossen Ferien sind da! Dabei liegt doch das Gute so nah oder zumindest näher: Tropische Temperaturen gibt’s inzwischen auch in unseren Breitengraden im Abonnement, «mediterrane Nächte» sowieso. Zürich hat diese sogar ins politische Programm aufgenommen, als Motto für verlängerte Öffnungszeiten von Freiluftbars. Hier soll es aber um das Pendant der Limmatstadt jenseits des Gotthards gehen: Lugano, die Stadt der Banken, Bau- und Partylöwen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Lugano Marittima» zur Aperitivo-Zeit, mit dem Charme des Provisorischen.Urs BühlerUnter dem Motto «Lugano Marittima» verwandelt sich das Delta, bei dem der Cassarate in den See mündet, von Mai bis September zum sechsten Mal in eine Festmeile. Vom Stadtzentrum aus erreicht man sie per Spaziergang an der Seepromenade, von der eine Brücke über den Fluss führt. Terrassen und Gerüste aus hellem Holz verleihen dem Gelände den Charme des Provisorischen, Lichtgirlanden spiegeln sich im Wasser, Getränke und Häppchen holt man sich an hüttenartigen Theken, betrieben von lokalen Gastronomen.Bei einem Augenschein vor einigen Wochen stösst der Nachtfalter auf ein Angebot mit zwei Gesichtern. Das erste zeigt sich zur Aperitivo-Zeit, die Atmosphäre ist tiefenentspannt, das Publikum in allen Altersklassen sitzt auf zusammengefügten SBB-Paletten. Der Blick schweift über den See, über dem die Sonne untergeht, bis hinüber zu Campione d’Italia und dessen Kasino, diesem Mahnmal des baulichen Grössenwahns. Links davon ragt der Monte San Salvatore, der gerne mit Rios Zuckerhut verglichen wird, auf wie ein gigantischer Gugelhopf.Der Falter lässt sich am aufgeschütteten Sandstrand nieder und schüttelt den Staub des Tages aus den Flügeln: Wer braucht da noch das Meer?Das Bild wandelt sich mit dem Einbruch der Nacht. Teenager strömen herbei auf der Suche nach Zerstreuung und Abenteuern bis zur Besinnungslosigkeit. Die Jungs kommen vorzugsweise ganz in Schwarz, die Mädchen kombinieren knappste Minijupes mit hohen Stiefeln, im Tessin der Dresscode dieser Altersgruppe im Ausgang. Gegen 22 Uhr ist kaum mehr ein Durchkommen auf dem Gelände. Der Einsatz von DJ gehört zumindest an Wochenenden zum Programm, was laut Veranstaltern «den ursprünglichen Zweck des Angebots nicht verändern soll, ein Ort der Begegnung und Entspannung zu bleiben».Die Musik ist laut, die Stimmung aufgedreht. Geduldig wacht der Mond über der Szenerie. An den Bars werden Drinks in Plastikbechern gereicht (Fr. 13.–, abzüglich Depot), an den Inhalt sollte man keine allzu hohen Ansprüche stellen. Der Gin Tonic krankt am verbreiteten Mangel: Ein schon lasch gewordenes Tonic aus dem Offenausschank trifft auf zu viel Gin, die Spritzigkeit geht flöten. Der Basil Smash ist nicht frisch, sondern mit einer Fertigmischung zubereitet, schmeckt aber ganz passabel.Für manche allerdings ist Alkohol ohnehin kein Genussmittel, sondern ein Treibstoff für ihre Aggressionen. Überschäumende Festlaune artet, gerade mit Hitze gepaart, nicht selten aus. Und so erhält auch das Bild des friedlichen Beisammenseins an der Flussmündung Risse: Einige Wochen nach der Visite des Falters entbrennt eine Debatte um «Lugano Marittima», das an Wochenenden Tausende aus dem ganzen Tessin und aus Italien anzieht und zu einem Brennpunkt der Gewaltprobleme dieser Stadt zu werden droht. Medien berichten von Schlägereien und Alkoholexzessen, einmal gar von einer Abrechnung unter Gangs.Geduldig wacht der Mond über dem Monte Salvatore und der Szenerie.Urs BühlerNun sind ja viele im Norden vom Trugschluss beseelt, im Süden habe die Freiheit wie über den Wolken zu sein: grenzenlos. Doch dies- wie jenseits des Gotthards hört die Freiheit Einzelner dort auf, wo sie die der anderen ungebührlich beschneidet. Also hat Luganos Stadtrat neulich versuchsweise Sicherheitsvorschriften für das Areal erlassen, die an Flughäfen oder Fussballstadien erinnern: Die Gäste dürfen keine Glasflaschen, Dosen, stumpfen Gegenstände, Pfeffersprays und Feuerwerke mitbringen und nur Getränke konsumieren, die sie an den Ständen gekauft haben. Diese wiederum sind angehalten, den Verkauf von Alkohol an Minderjährige konsequent zu unterbinden.«Lugano Marittima» war als Aufwertungsmassnahme gedacht, wie man in Zürich sagen würde, als Teil der stadträtlichen Strategie, die «Anziehungskraft des Seeufers zu steigern». Doch bleibt der öffentliche Raum so für alle attraktiv und frei zugänglich, wie er es sein sollte? Das Dilemma kennen auch Städte wie Zürich allzu gut.Vielleicht gönnt sich der Falter auf der Suche nach totaler Entspannung doch noch einen Ausflug an einen stillen Meeresstrand.Lugano MarittimaVia Foce 13, 6900 LuganoDer Nachtfalter ist stets unangemeldet und anonym unterwegs und begleicht am Ende stets die Rechnung. Sein Fokus liegt auf Bars in Zürich, mit gelegentlichen Abstechern in andere Städte im In- und Ausland.Die Sammlung aller NZZ-Restaurantkritiken der letzten fünf Jahre finden Sie hier.Passend zum Artikel