Im Nachttaxi durch ein verwunschenes Paris – neu übersetzte Erzählungen von Gaito GasdanowIm Erzählband «Ein zweites Leben» entführt der russisch-ossetische Schriftsteller in ein surreal-melancholisches Paris voller Sinnsucher und Heimatloser, die zwischen Traum und Exil sich selbst verlieren.Paul Jandl16.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenEin Werk, das weniger um historische Konkretion kreist als um ein «Warum?»: der Schiftsteller Gaito Gasdanow (1903–1971).WikipediaMan erkennt sie sofort. Die Pariser Cafés mit ihrer Atmosphäre aus Licht und Stimmen. Den von Bäumen beschatteten Glanz der Champs-Élysées und die von kleinbürgerlichen Wohnvierteln sich in die Brache ausdünnenden Gegenden am Stadtrand. Aber irgendetwas ist anders. Es ist ein verwunschenes Paris, das der russisch-ossetische Schriftsteller Gaito Gasdanow in seinen Romanen und Erzählungen beschwört. Oder sind es die Menschen, die mit ihren Wünschen an kein Ziel gekommen sind und verloren durch die Strassen irren?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Biografie von Gaito Gasdanow, dem lange unentdeckten und jetzt mit wachsender Vehemenz gelesenen Autor, enthält vieles von dem, was auch seine Geschichten erzählen. 1902 in Sankt Petersburg geboren, kam er 1923 in die französische Hauptstadt, wo er sich als Lastenträger, Lokomotivenwäscher und Mechaniker bei Citroën verdingte, bis er während Jahrzehnten als Fahrer eines Nachttaxis arbeitete. Vor Paris und dem alkoholseligen Bohème-Leben der Literaturrevolutionäre des «Russki Montparnasse» liegen die Episoden einer östlichen Katastrophe.Falsche Einrichtung der WeltAls Sechzehnjähriger trat der Forstbeamtensohn Gasdanow auf der Seite der Weissen Armee in den Russischen Bürgerkrieg ein. Er ist Zeuge von Grausamkeiten, die jenen ähneln, die der junge Freiwillige Louis-Ferdinand Céline im Ersten Weltkrieg erlebt hat. Céline schreibt davon. In aller Härte, in allen Details. Gaito Gasdanow bisweilen auch, aber bei ihm ist die Sache anders. Die Schattenwelt dessen, wozu die Menschen fähig sind, ragt in ein Werk, das weniger um historische Konkretion kreist als um ein «Warum?».Die falsche Einrichtung der Welt schärft den Blick des Schriftstellers für das Individuum, das verzweifelt versucht, sich in diesem Falschen einzurichten. Es sind grossartige Menschenporträts, die Gasdanow ab den frühen 1920er Jahren geschaffen hat. Parabelhafte Geschichten und autobiografisch Grundiertes wie in «Ein Abend bei Claire». Der Debütroman des noch nicht Dreissigjährigen macht Vladimir Nabokov zu einem seiner Bewunderer.Gasdanows Figuren sind wie Schlafwandler, deren Verhängnis darin liegt, dass sie niemals wirklich wach werden. An ihnen hängt ein Zweifel, und es sind oft die kürzeren Prosastücke, die dieser Verrückung von Identität am besten Raum geben. «Ein zweites Leben», der Band mit Erzählungen, die Rosemarie Tietze jetzt in ein melancholisch schwebendes Deutsch gebracht hat, zeigt die ganze stilistische Variationsbreite eines grossen Modernisten.Nicht ganz intaktDarin geht Gaito Gasdanow der Psychologie der Vergeblichkeit in immer neuen Szenen nach. Seine Figuren scheinen oft an einem Tiefpunkt der Verzweiflung, der sich aber als Territorium der Freiheit entpuppt. So ist es in der Geschichte «Der Bettler», die vom Unternehmer Verdier handelt, der alles hatte. Ein Studium in Oxford, eine Villa, eine Frau, Kinder und einen Chauffeur. Diese Zwangsläufigkeit des Glücks hat ihn aber nicht glücklich gemacht, und man sieht ihn in Gasdanows Erzählung als alten armen Mann durch die kalte Pariser Nacht tappen.Er schläft in einem Bretterverschlag und sammelt sich seine Münzen an einer Metrostation zusammen, an der auch ein blinder Junge mit Akkordeon steht. Wieder und wieder spielt er den «Boléro» von Ravel. Es ist der Sound des Surrealen, der hier das Unverständliche untermalt. Eines Tages hatte Verdier seine Villentür ins Schloss gezogen und war ein anderer geworden. Oder war er jetzt wirklich er selbst? Auf dem Sterbebett, nachdem man ihn halbtot von der Strasse gezogen hat, holt ihn die Vergangenheit ein. Der Verschollene verrät sich durch sein Oxford-Englisch. Er wird in der Familiengruft beigesetzt. Auf dem Grabstein prangt sein Name in goldenen Lettern. «Äusserlich war sein Lebensabschluss ganz so, wie er hätte sein sollen, und das war letzten Endes ein Sieg jener Welt, die er ein Vierteljahrhundert zuvor verlassen hatte.»In «Ein zweites Leben» wird der Frage nach dem Sinn des Daseins auf raffinierte Weise der Sinn entzogen. Kaum eine von Gasdanows Figuren führt dieses eine Leben, dessen Linie sich in vernünftiger Wirklichkeitsgebundenheit zwischen Geburt und Tod spannt. Die Menschen treten plötzlich, aber mit grosser Bestimmtheit aus ihren gewohnten Verhältnissen aus. «Riccardis Verschwinden» erzählt die Geschichte eines Sängers, der eines Abends sein Publikum im Konzertsaal warten lässt. Er vermutet, an Lepra erkrankt zu sein, aber auch sonst ist sein vermeintlich glamouröses Leben nicht ganz intakt.Wie schon im Debütroman «Ein Abend bei Claire» wirkt in den Erzählungen die Liebe als disruptive Kraft. Gasdanow ist ein Meister, wenn es darum geht, das Bild der Femme fatale zu zeichnen. Es sind feine Linien aus Klischees und individuellen Ausformungen, aber die Wirkung, die diese Frauen haben, ist echt und tödlich. In «Die Narbe» begegnet man Natascha, als deren «Weggefährten» sich der Ich-Erzähler sieht. Aus sicherer Distanz und ohne deshalb auf intimes Vergnügen verzichten zu müssen, beobachtet er, wie sich die Männer bei ihr um Kopf und Kragen lieben. In einer dummen, alkoholgeschwängerten Nacht bringt diese Schicksalsfrau drei Männer dazu, aufeinander zu schiessen. Zwei sterben. Einer überlebt schwer verletzt.Gasdanow, dem es nie gelang, von seinem Schreiben zu leben, beherrschte die Kunst, eine Atmosphäre zwischen Gleichgültigkeit und Nervosität herzustellen. Und der Moloch Paris ist dafür die ideale Kulisse. Das Geschiebe in den Strassen, die Anonymität und der Wahnsinn einer Stadt, die in den zwanziger und dreissiger Jahren wächst und wächst. Gleichzeitig ist es eine Epoche, die auf eine Apokalypse zuläuft, in der sich die Frage nach dem «Warum?» noch einmal in neuem Massstab stellen wird.Es sind vorausahnende Bilder, die der immer noch zu entdeckende Schriftsteller aus Pariser Kaffeehausszenen, Künstlergesprächen und den ihm gut bekannten russischen Migrantenmilieus zusammensetzt. Aus den Stimmen der Schwadroneure, der Abgebrühten und der Ängstlichen dringt einmal plötzlich ein Satz auf Französisch ans Ohr des Erzählers: «Mais ils ne sont sortis de l’éternité que pour s’y perdre de nouveau» – «Aber sie sind nur aus der Ewigkeit gekommen, um sich erneut darin zu verlieren.»Wenn es in der Geschichte «Die Wandlung» heisst: «Ich streunte wie immer durchs unermessliche Chaos entlegenster Vorstellungen», dann ist das halb Traumprotokoll, halb gelebte Wirklichkeit. Es gibt keine Schwelle zwischen Innen und Aussen, weil die Menschen, von denen Gasdanow vor allem erzählt, in einem Exil zweiter Ordnung leben. Ihre Heimat im Osten haben sie verlassen, und auch wenn sie schon lange in der neuen westlichen Sphäre leben, ist es nur ein blosses Existieren.Nicht ohne Grund hat man Gaito Gasdanow eine Verwandtschaft mit den Existenzialisten unterstellt. Seine Figuren sind heimatlos in einem buchstäblichen, aber auch in einem transzendentalen Sinn. Sie scheinen nichts mehr zu fürchten und rufen in «Die Wandlung» mit Baudelaire einen finsteren Kapitän an: «Lichten wir den Anker! / Uns langweilt dieses Land, o Tod! Machen wir das Schiff klar!»Gaito Gasdanow: Ein zweites Leben. Erzählungen. Ausgewählt und aus dem Russischen übersetzt von Rosemarie Tietze. Friedenauer Presse, Berlin 2026. 258 S., Fr. 32.–.Passend zum Artikel