Der menschliche Wille zerschellt an der Welt: Ulrich Peltzers grandioser Roman über zwei ungleiche EpochenIn seinem neuen Buch «Der verlorene Schlaf» verwebt der deutsche Schriftsteller raffiniert zwei Figuren: einen genialischen Mathematiker aus dem revolutionären Paris des 19. Jahrhunderts und einen prokrastinierenden Filmemacher aus dem Berlin der Gegenwart.Paul Jandl12.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenChronist fragmentarischer Lebenserfolge: Ulrich Peltzer.Isolde OhlbaumUlrich Peltzers Romane sind nicht nur Literatur, sondern sie betreiben auch eine Soziologie des Erfolgs. Warum macht der eine etwas aus sich, während es dem anderen nichts ausmacht, nichts aus sich zu machen? In den letzten grossen Romanen wie «Das bessere Leben», «Das bist du» und «Der Ernst des Lebens» hat der deutsche Schriftsteller das Parallelogramm lebenstechnischer Antriebsenergien immer wieder neu vermessen. Der neue Roman «Der verlorene Schlaf» ist eine grandiose und höchst ironische Zuspitzung dieses Settings.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es geht darin um ein Pariser Genie aus der Geschichte der Mathematik und um einen genialisch verlotterten Drehbuchschreiber der Berliner Gegenwart. Letzterer will sich filmisch des Lebens von Évariste Galois annehmen. Mit zwanzig Jahren beim Duell erschossen, war der Franzose schon in Adoleszenzzeiten ein von der Staatsmacht verfolgter Revolutionär. Mit seinen Schriften hat er Grundlegendes zur Lösung algebraischer Gleichungen beigetragen. Wäre Galois nach der aus seiner Sicht zu wenig radikalen Julirevolution von 1830 sogar bereit gewesen, ein Attentat auf den König Louis-Philippe zu verüben, so hebt der Drehbuchautor in Berlin-Kreuzberg müde seine Faust. Sehr früh, viel zu früh nach einer schlecht verbrachten Nacht, werden vor seinem Haus die Marktstände aufgebaut. Der bedauernswerte Mann war gerade aus einem klassischen Schulalbtraum hochgeschreckt. Darin hat der Mathematiklehrer verkündet, dass die ganze Klasse beim Abitur durchgefallen sei.Alles im KonjunktivSehr subtil behält Ulrich Peltzer die Fallhöhe zwischen den beiden Figuren bei. Er schaltet um zwischen den nicht nur vor Hitze lahmen Tagen des Filmschreibers und einer mit existenziellen Fakten gefüllten Genie-Biografie. Évaristes Vater war liberaler Republikaner und Bürgermeister des Städtchens Bourg-la-Reine. Er begeht wegen politischer Auseinandersetzungen mit dem Ortspfarrer Selbstmord, als sein Sohn erst siebzehn ist. Diese Erfahrung prägt Évaristes letzte Lebensjahre. Er hat Probleme mit der Affektkontrolle, mit Obrigkeiten und den Lehrern. Sie verkennen seinen mathematischen Intellekt.Bei der Aufnahmeprüfung an der berühmten Pariser École polytechnique fällt er zwei Mal durch, weil er sich weigert, seine Gedankengänge im Geistestempo der dortigen Mathematiker darzulegen. Ein Lehrer namens Vernier ist der Einzige, der seine Fähigkeiten erkennt. Und dann ist da noch Évaristes Freund Auguste, der ihn mit den Lehren des frühen Sozialisten Saint-Simon bekanntmacht.Das Raffinierte an Ulrich Peltzers «Der verlorene Schlaf»: Es ist ein konjunktivischer Roman, bei dem es um das Problem geht, ein so dramatisch gelebtes Leben wie das von Évariste Galois in Filmbilder umzusetzen. Hier wird aber noch kein Drehbuch geschrieben, sondern es wird erst darüber nachgedacht, wie man es schreiben könnte. Auf der Suche nach Vorbildern dekliniert sich die Erzählung quer durch die Filmgeschichte. Was zeigt man wie? Was soll ausgespart werden? Was sind Schlüsselszenen? Auf alle Fälle das mysteriöse Duell. Die Nacht davor ist Évaristes verlorene Nacht. Er schläft nicht. Er vollendet den wesentlichen Teil seiner mathematischen Theorien und schreibt Briefe an Freunde.Tragödie in der KomödieNach und nach wird im Roman auf episodenhafte Weise das Fortschreiten von Évaristes Biografie erzählt, ohne dass die Planungen zum Film auch nur ein bisschen vorankämen. Wendungen wie «man könnte» oder «man müsste» sind Maskierungen der Prokrastination. Es wäre möglich, die Produzentin Sandra um Aufschub zu bitten. Und dann sind da auch noch kontraproduktive Störgedanken. Die Beziehung mit der Künstlerin Anja ist gerade den Bach runtergegangen. Die unangenehmen letzten Textnachrichten schwirren noch durch den Kopf.Aufdringliche Petitessen angesichts der Texte, die es über und von Évariste gibt. Alexandre Dumas der Ältere ist bei einer Versammlung dabei, als der revolutionäre Jungmathematiker nicht nur Reden schwingt, sondern auch einen Dolch, der für den König bestimmt ist. Das Ereignis und die bange Reaktion des Schriftstellers werden sich später in dessen Memoiren wiederfinden. Der Drehbuchautor hat andere Tagesaktualitäten zu berichten: «Das schabende Geräusch einer Kehrmaschine, die über den Kottbusser Damm fährt, über die Kanalbrücke. Sechs Uhr oder halb sieben . . . anfahrende Autos, die Ampel wird auf grün gesprungen sein.»«Der verlorene Schlaf» ist, wenn man so will und auch die Mathematik zur Kunst zählt, ein doppelter Künstlerroman. Das Leben der einen Figur spiegelt sich in dem der anderen. Die Tragödie in einer Komödie, die aber auch nicht lustig ist. Der Leidensdruck des verkannten Superhirns Galois soll in einem Film gezeigt werden, der nur unter Schmerzen zustande kommt. Die Chancen, dass er jemals fertig wird, stehen schlecht. Ulrich Peltzer ist der Chronist fragmentarischer Lebenserfolge. Er schreibt darüber, wie schnell der menschliche Wille an der Welt zerschellt, und hat diese Kunst zur Vollendung gebracht. Man müsste diesen Autor der stillen Meisterwerke nicht nur mehr preisen, sondern mehr lesen. Auch wenn man darüber an Schlaf verliert.Ulrich Peltzer: Der verlorene Schlaf. Roman. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt 2026. 208 S., Fr. 37.90.Passend zum Artikel
«Der verlorene Schlaf»: Ulrich Peltzers grandioser Roman über zwei ungleiche Epochen
In seinem neuen Buch «Der verlorene Schlaf» verwebt der deutsche Schriftsteller raffiniert zwei Figuren: einen genialischen Mathematiker aus dem revolutionären Paris des 19. Jahrhunderts und einen prokrastinierenden Filmemacher aus dem Berlin der Gegenwart.







