Schriftsteller Norbert Gstrein entwirft ein Panorama des 20. Jahrhunderts - aus der Sicht eines MitläufersTiefgründig und packend erzählt Norbert Gstrein in seinem neuen Roman von den Verheerungen des Krieges.28.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenEin Jahrhundert österreichische Geschichte: Salzburg um 1945.Ernst Haas / Getty ImagesDer Protagonist von Norbert Gstreins grossem neuem Roman heisst Adrian Reiter. 1901 wird er geboren. Sein Name trägt ihm bisweilen Spott ein, denn ein Reiter ist er keineswegs. Als Sohn kleiner Leute geht er zu Fuss. Fast sein ganzes Leben lang hinkt er, denn sein Vater, ein «K. K.»-Postbeamter, ist ihm mit einer Axt in den Unterschenkel gefahren, damit er nicht zum Kriegsdienst eingezogen wird.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der erste der drei Hauptteile von Gstreins Jahrhundertpanorama setzt 1920 ein, in einer von Bergen und Seen geprägten Gegend Österreichs. Dort leben in einer zum Invalidenheim umgenutzten alten Villa entstellte Kriegsversehrte. Meist bleiben sie unter sich, denn der Anblick ihrer zerschossenen und verätzten, nur notdürftig wieder zusammengeflickten Gesichter ist kaum zu ertragen.Zu den Versehrten gehört auch Ernest Eller, ein Sohn der adligen Besitzer des Anwesens. Seine Familie hat ihn für tot erklärt, weil er seiner Verlobten nicht als Monster unter die Augen treten will. Adrian, der in der Nähe der Villa als Hoteldiener arbeitet, kennt Ernest von Kindesbeinen an und kümmert sich um ihn. Helfen kann er ihm letztlich nicht: Ernest zündet die Villa an und erschiesst sich; auch etliche der anderen traumatisierten Bewohner sterben von eigener Hand.Der zweite Teil des Buchs beginnt 1935 in Salzburg. Adrian Reiter hat mit Unterstützung der Familie Eller Englisch und Geschichte studiert, wird Gymnasiallehrer und heiratet eine Kollegin. Die Heldentaten des österreichischen Heeres und namentlich der Kavallerie werden zu seiner Obsession. Mit seinen ­Erzählungen zieht er den selbstbewussten Schüler Martin Baumgartner in seinen Bann. Dieser meldet sich bei der Wehrmacht, kämpft im Osten, wird zum Kriegsverbrecher. Im Fronturlaub besucht er seinen Lehrer. Adrian Reiter nimmt die Berichte des Soldaten so gleichmütig hin wie jene von der Deportation einer jüdischen Familie, die er über die Ellers gekannt hat. Seine Frau kann seinen Fatalismus und seinen Opportunismus nicht mehr ertragen. Sie verlässt ihn kurz nach Ende des Kriegs.Im dritten Hauptstück begleiten wir Adrian Reiter in die südenglischen Downs. Dort lernt er 1961 Vivian kennen, die seine zweite Frau wird und ihm hilft, seine Gewaltfixierung allmählich zu überwinden, obwohl auch sie eine dunkle Geschichte mit sich trägt: Ihr Halbbruder soll im Ersten Weltkrieg bei Ypern als englischer Deserteur erschossen worden sein. Ein Hobbyhistoriker untersucht den Fall. Adrian ist eine schillernde Figur: Beobachter und Mitläufer, Jedermann und Sonderling, ein Mensch, der zu höchst sensiblen, differenzierten Wahrnehmungen fähig ist und sich gleichzeitig ideologisch vereinnahmen lässt, einer, der durch Wegschauen und Nichthandeln schuldig wird, durch eine merkwürdige Mischung von Kriegsverherrlichung und Trägheit des Herzens. Er ist aber nicht einfach ein Antiheld. Er kommt uns nahe, wir verstehen ihn besser, als uns lieb sein mag.Adrian Reiters Leben verläuft so wenig in geraden Linien wie Norbert Gstreins labyrinthisches Buch, das durch seine Bogen­architektur ebenso beeindruckt wie durch seine präzise Sprache. Es ist stärker Plot-getrieben als andere Romane Gstreins, ja geradezu spannend, und es hat – in der 1988 spielenden Coda – einen höchst raffinierten Schluss, der hier nicht verraten werden soll. Seine Kraft gewinnt es jedoch in erster Linie durch seine erzählerische Kraft und seine poetische Tiefe.Norbert Gstrein: Im ersten Licht. Hanser 2026. 412 Seiten.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel