PfadnavigationHomeRegionalesHamburgGenerationen-Roman„Wie es damals war, wie es wirklich war, das erfahre ich von Ihnen“Veröffentlicht am 21.11.2025Lesedauer: 7 MinutenCarmen Korn findet eine Sprache für das Leben nach dem Krieg, nach der viele Überlebende oft suchtenQuelle: Charlotte SchreiberMit ihren Nachkriegs-Romanen füllt Carmen Korn für viele Leser eine Lücke in der Familiengeschichte. Nun legt sie ein neues Werk vor und fragt sich: Wie verändert sich der Blick auf einen vergangenen Krieg, wenn sich die Welt auf einen neuen vorbereitet?Morgens um fünf, als das Atmen im Bunker schwerfiel, stand Gisela auf vom Feldbett und trat hinaus in die große, zerbombte Stadt. Es ist das Jahr 1946, Gisela ist 14 und allein. Zweimal am Tag lief sie zu einem Haus, indem Licht im Erdgeschoss brannte. Das Mädchen fragte sich, was sich wohl hinter den mit Karton verklebten Kellerfenstern verbirgt. Einweckgläser, gefüllt mit Mirabellen, Stachelbeeren, wie ihre Mutter sie machte? Am Tag des ersten großen Angriffs war es Pflaumenkompott gewesen. Zwölf Gläser hatten auf dem Tisch gestanden, als sie sie das letzte Mal gesehen hatte. Doch diesen Gedanken schob sie beiseite, als sie den Karton eindrückte und sich mit ihrem abgemagerten Körper durch eines der Fenster zwang. Da sah sie ein Licht tanzen. Hörte ein Rascheln. Ratten? Und da war eine Stimme, die merkwürdig klang. „Bleib, wo du bist.“Lesen Sie auchSo beginnt „In den Scherben das Licht“, der neue Roman der Hamburger Schriftstellerin Carmen Korn. Er erzählt die Geschichte dreier Menschen, die in der Küche eines halb zerstörten Hauses in Hamburg-Eimsbüttel versuchen, aus den Überresten ihres Lebens etwas Neues aufzubauen. Doch die Vergangenheit packt sie immer wieder mit ihrer kalten Hand im Nacken, fragt: Wer lebt noch, und wer nicht?Ihr neuer Roman ist für Korn ein Heimspiel. Wieder wählt sie die Nachkriegszeit sowie ihre Heimat als Schauplatz, in der sie nicht nur jede Straße zu kennen scheint, sondern auch die Geschichten einzelner Häuser. Im Mittelpunkt stehen, ungewöhnlich für sie, neben der alternden Schauspielerin Friede zwei sehr junge Protagonisten. Gisela, 14 und Gert, 16. Sie mussten so jung sein, weil Korn anfänglich eine andere Erzählidee verfolgte. Warum sie diese verwarf und welche Rolle die von der Politik ausgerufene Zeitenwende dabei spielt, erzählt sie später.Korn sitzt vor dem Gemälde eines befreundeten Künstlers am dunklen Esstisch ihrer Wohnung auf der Uhlenhorst. Rechts von ihr öffnet sich das Wohnzimmer, das im Grunde ihr Schreibzimmer ist. In der Mitte thront der Arbeitstisch, dahinter stehen Bücher in Regalen, die bis unter die Decke reichen. Daneben wartet ein Heimtrainer aus Holz. Das viele Schreiben, das stundenlange Sitzen, sei Gift für ihren Rücken, ohne Ausgleich geht es nicht, sagt sie. Links von ihr klappert es, ihr Mann setzt Kaffee auf in der offenen Küche.Lesen Sie auchAuch wenn Korn schon lange als Schriftstellerin arbeitet, hat das Gespräch etwas von einem Rollentausch. Früher, in den 1980ern, war sie diejenige, die mit einer Kladde dasaß und Fragen stellte. Ihr erstes Buch schrieb sie, als sie noch beim „Stern“ arbeitete. Über „Thea und Nat“ mokierte sich ein „offensichtlich frustrierter“ Redakteur der „Harburger Nachrichten“ in seiner Kritik über „die klapperdürren Hauptsätze des Henri-Nannen-Zöglings“, erinnert sich Korn. Dennoch: Das Buch war ein Erfolg, der auch verfilmt wurde. Der zweite Roman „Das Singende Kind“ war ein Ladenhüter. Zu düster, urteilten die einen. Andere lobten Korns präzise, schonungslos klare Sprache. Das Verschachtelte, das Arabeske ist ihre Sache nicht. „Ich würde gerne auch mal über Rosentapeten schreiben, aber es gelingt mir nicht“, sagt sie.Eine der erfolgreichsten historischen Romanreihen Ihren Durchbruch feierte sie im Jahr 2016 mit dem ersten Band ihrer Jahrhundert-Trilogie „Töchter einer neuen Zeit“. Eine Erzählung, die sich über die Lebensgeschichten von vier Freundinnen und zwei Weltkriege bis ins Jahr 2000 spannt. Über zwei Millionen Mal verkaufte sich das Werk, damit zählt es zu den erfolgreichsten historischen Romanreihen in Deutschland. Als der erste Band erschien, war Korn 63 Jahre alt. Sie glaube schon, dass sie eigentlich immer ziemlich gute Bücher geschrieben habe, sagt sie. „Dass sie dann erfolgreich wurden, daran war ich nicht gewöhnt.“Gemein haben ihre letzten Romane, dass in jedem ihre Akribie für die Recherche durchscheint. Die Figuren erfindet sie, der Schauplatz und der Alltag, indem sie sich bewegen, ist dokumentarisch. Um sie so getreu wie möglich nachzuzeichnen, stöbert sie in Geschichtswerkstätten und Stadtteilarchiven nach Berichten. „So stieß ich etwa auf das Tagebuch einer Frau, die als Kind den Bombenkrieg erlebt und das alles aufgeschrieben hatte“, sagt sie. Es sind die Details, die Korn nebenbei einflechtet. Sie erzählen, wie die Menschen aus dem Wenigen versuchten, das Beste zu machen. Wie sie etwa Stanniolstreifen, das sind Fäden aus beidseitig mit einer dünnen Aluminiumschicht bedampftem Papier, das die Briten abwarfen, um die deutsche Aufklärung zu stören, „Lametta“ nannten. Es als Dämmstoff nutzten oder auf dem Schwarzmarkt tauschten. Und hier stößt man auch auf die Antwort auf Korns Erfolg. Sie findet eine Sprache für dieses Leben nach der Katastrophe, nach der die Überlebenden des Krieges oftmals vergeblich suchten. Sie erzählt, was war. Verzerrt nichts, mischt dem Geschilderten kein Sentiment bei. Und bevor es zu bedrückend wird, wechselt sie die Szene. „Es gab oft Situationen nach Lesungen, wo Menschen zu mir gekommen sind“, erzählt sie. Sie sagten: „,Ich konnte noch so viele Fragen zu Hause stellen, ich bekam keine Antworten darauf. Wie es damals war, wie es wirklich war, das erfahre ich von Ihnen’.“„Papi, gibt es Krieg?“Geboren 1952 in Düsseldorf, wuchs Korn in Köln auf. Die Stadt mit ihren abgebrochenen Kanten und Löchern war ihr Zuhause, Normalität. An ein Bild erinnert sich Carmen Korn genau. „Ich sitze mit meiner Mutter in der Straßenbahn. Wir halten an, und ich sehe Ruinen. Und in einer dieser Ruinen sehe ich eine Küche, eine Küche mit Kacheln, mit Blümchen-Tapete, mit einem noch erkennbaren Ofen. Und da ist mir das erste Mal so richtig aufgegangen: Das ist nicht irgendeine komische Kulisse, da haben Menschen gelebt.“ Eine der häufigen Fragen, die sie als Kind ihren Vater stellte, war: „Papi, gibt es Krieg?“ Immer dann, wenn der Vater innehielt und dem Sprecher im Radio lauschte. „Diese Welt, die es vor mir gab, die dunkel war, die Trümmer hatte, sie machte mir Angst.“Ihr Vater Heinz Korn war Komponist und sicherte der Familie mit seinen „leichten Liedern“ den Unterhalt. Korn umschifft das Wort Schlager. Vielleicht, weil er oft mit Schlichtheit gleichgesetzt wird, was der Leidenschaft des Vaters für seinen Beruf nicht gerecht wird. Sie selbst hat kein Problem damit, wenn ihre Romane als Unterhaltung abgetan werden. Sie lebe gut damit, ergänzt sie.Lesen Sie auchDie ersten eigenen Geschichten schrieb Korn in Schreibhefte, da ging sie in die Grundschule. Erst wollte sie Schauspielerin werden, war dafür aber mit 1,84 Meter zu groß. Sie modelte. Entschloss sich schließlich doch fürs Schreiben und wurde mit 27 an der Henri-Nannen-Schule genommen. Mit Ende 30 bekam sie Kinder. Eine Tochter und einen Sohn. Sie wollte nicht mehr so viel unterwegs sein und schrieb Krimis, die sich mal mehr, mal weniger gut verkauften.„Auf der anderen Seite zu sagen, es geht uns nichts an, geht auch nicht. Unsere Freiheit wird bedroht. Insofern bin ich zerrissen. Zutiefst zerrissen.“Was macht es mit ihrem Schreiben über die Zeit nach dem Krieg, wenn die Welt sich auf einen neuen vorzubereiten? Korn schaut wie eine Mutter, die versucht, sich vorzustellen, wie ihr eigener Sohn eingezogen wird. Und wendet den Blick ab. Sie werde dünnhäutiger, stellt sie fest. Da sei die Politik, die mit ihrem „Herumeiern“ den Rechten Tür und Tor geöffnet habe. Das empfindet sie als Leichtsinnigkeit. „Auf der anderen Seite zu sagen, es geht uns nichts an, geht auch nicht. Unsere Freiheit wird bedroht. Insofern bin ich zerrissen. Zutiefst zerrissen.“Das fließt in ihr Schreiben ein. Die beiden Figuren in „In den Scherben das Licht“, Gisela und Gert, mussten so jung sein, weil Korn ihre Geschichte ursprünglich bis ins Jetzt weiterführen wollte. Dann kam der 7. Oktober 2023, das Hamas-Massaker, der größte Angriff auf jüdisches Leben seit dem Holocaust, und die 72-Jährige stellte fest: „Ich fühle mich von der Gegenwart überfordert. Ich bleibe lieber in der Vergangenheit. Weil ich weiß, wie es ausgegangen ist.“Eva Eusterhus berichtet seit 2006 für WELT und WELT AM SONNTAG aus Hamburg.
Generationen-Roman: „Wie es damals war, wie es wirklich war, das erfahre ich von Ihnen“ - WELT
Mit ihren Nachkriegs-Romanen füllt Carmen Korn für viele Leser eine Lücke in der Familiengeschichte. Nun legt sie ein neues Werk vor und fragt sich: Wie verändert sich der Blick auf einen vergangenen Krieg, wenn sich die Welt auf einen neuen vorbereitet?







