PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungDialog der GenerationenWas wir von den Nachkriegskindern lernen könnenVeröffentlicht am 06.11.2025Lesedauer: 3 MinutenWELT-Chefredakteur Jan Philipp BurgardQuelle: Daniel Biskup/WELTWer beim Zusammenbruch des Dritten Reiches jung war, hatte eine herausfordernde und entbehrungsreiche Kindheit. Aber diese Generation baute Deutschland wieder auf. Sie hat eine wichtige Botschaft für die Nachkommen.Was vermag eine Generation einer anderen weiterzugeben? In manchem Fall ist es nur Besitz. Im besten Fall Wissen, Weisheit, Werte. Meine Oma muss nicht lange nachdenken, als ich sie frage, was meine Generation (mein Geburtsjahr ist 1985) von ihrer (ihr Geburtsjahr ist 1934) lernen könne. Sie antwortet mit einem Wort: Genügsamkeit. „Uns ging es gut, wenn wir keinen Hunger hatten und es warm war“, erzählt sie ohne Pathos und ohne vorwurfsvolle Untertöne über ihre Kindheit im Krieg. In welchen Momenten sie die größte Freude empfand? „Wenn ich im Birnbaum sitzen und lesen konnte.“ Und wenn ihre Mutter, meine Urgroßmutter, die Kinder aus der Nachbarschaft zum Essen einlud, obwohl ihre Familie selbst wenig hatte. Immer wenn meine Urgroßmutter Kuhketten gegen Kartoffeln getauscht und mein Urgroßvater aus der Kriegsgefangenschaft in Griechenland etwas Olivenöl geschickt hatte, wurde eingeladen, wer Hunger hatte.Meine Oma erzählt auch von den „Bütterchen“, den belegten Broten, die sie einem Mädchen namens Alexandra unter dem Stacheldrahtzaun hindurchschob. Wie sie das Mädchen kennenlernte? Sie war einem mysteriösen Gesang in einer fremden Sprache gefolgt und hatte hinter einer Fabrik ein Gefangenenlager mit jungen russischen Frauen entdeckt. Ein Aufseher erwischte meine Oma. Sie erinnert sich noch genau an ihn, sein Name war Roscha, und er war ein „Saukopf“. Er drohte meiner Oma, dass er ihre Mutter verschwinden ließe, wenn sie noch einmal Brote unter dem Zaun durch schöbe. „Warum weiß ich das als Einzige – dass es dieses Lager gab?“, fragt sie sich heute. Nach dem Krieg hat sie viele Fragen gestellt, aber keine Antworten bekommen. Es hat ihr auch nie jemand beantwortet, warum das jüdische Mädchen aus ihrer Klasse plötzlich nicht mehr zur Schule kam. „So etwas darf nie wieder passieren.“Als die Amerikaner mit ihren Jeeps in ihre Straße fuhren, wedelte der größte Nazi der Nachbarschaft mit einem Besenstiel, an dem ein weißes Tuch befestigt war, und rief: „Da sind ja unsere Befreier!“. Diese Verlogenheit verachtet meine Oma bis heute. Als damals ein US-Soldat in ihre Wohnung kam, schrie sie wie am Spieß. Die Amerikaner würden den Kindern die Hälse durchschneiden, hatte man ihr gesagt. Doch der Soldat fragte nur höflich nach Wasser, zog aus seiner Brieftasche ein Foto seiner kleinen Töchter hervor und bot Kaugummi an. „Ich war ein Glückskind“, sagt sie.Lesen Sie auchAus dem Glückskind wurde eine Prinzessin, als sie als junge Frau meinen Opa kennenlernte. Der hatte ein Auto und eine eigene, kleine Fabrik, die Blumendraht produzierte. Anfangs liefen die Geschäfte schlecht, die Pleite drohte. „Dann wirst Du eben Lastwagenfahrer“, sagte sie zu ihm und versprach an seiner Seite zu bleiben, was immer auch passiert. Es kam anders. Sie konnten ein Haus bauen mit einer eigenen Bar im Keller. Ständig waren die Freunde aus dem Kegelclub zu Gast. Gefeiert wurde das Leben. Der Tod holte ihren Mann, als er erst Anfang 50 war. Das Schicksal schlug noch häufiger zu. Trotzdem verzagte meine Oma nie. Klagte nie. So ist es bis heute. „Ich bin dankbar für ein schönes Leben“, sagt sie. Plötzlich zitiert sie aus der Bibel, obwohl sie nie eine große Kirchgängerin war. „Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“ Obwohl ihr mit ihren 91 Jahren am nächsten Tag eine schwere Operation bevorsteht, zeigt sie keine Angst. Sie küsst mich auf die Stirn. „Sieh mal, wie schön“, sagt sie und deutet auf eine Weide im Oktoberregen.