PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungBrief an die deutsche JugendHallo zusammen, Servus miteinander, liebe Leute! Männer!Von Reinhard MohrVeröffentlicht am 20.10.2025Lesedauer: 6 MinutenWELT-Autor Reinhard MohrQuelle: Amin AkhtarDas eigene Land verteidigen? Wo kommen wir dahin? Zwei Drittel der Deutschen im Alter zwischen 18 und 29 sind gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Unser Autor wendet sich an sie – und verweist auf seine (west-)deutsche Jugend.Ich verstehe Euch ja, gerade weil ich vor genau fünfzig Jahren, im Oktober 1975, die Bundeswehrkaserne in Ellwangen an der Jagst mit großer Freude und Erleichterung verlassen habe, um nach 15 Monaten Wehrdienst endlich wieder ins zivile Leben in Frankfurt am Main einzutauchen. Ja, es war wie eine Befreiung, und schon am Hauptbahnhof wurde ich von Freunden in Empfang genommen. Unter ihnen waren allerdings auffällig viele, die den Grundwehrdienst proaktiv vermieden hatten. Ein hieb- und stichfestes Attest vom befreundeten Privatarzt oder ein glaubensfester, rhetorisch geschulter evangelischer Pfarrer an der Seite konnten Wunder bewirken. Ungerecht ging es also schon immer zu.In diesen Tagen hört man nun, dass fast zwei Drittel von Euch im Alter zwischen achtzehn und neunundzwanzig gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht sind, die 2011 nur „ausgesetzt“ wurde. Und der Streit in der schwarz-roten Koalition scheint Euch recht zu geben. Man spürt, dass auch die Politik mehr Angst als Vaterlandsliebe hat, wie das früher hieß. Freiwilligkeit first, Pflicht vielleicht second. Schaun mer mal. Natürlich mit schlechtem Gewissen. Man soll den jungen Leuten – nebenbei: wie den Rentnern – bloß nicht zu viel zumuten! Das eigene Land verteidigen? Wo kommen wir dahin? Das fragt nicht nur Juso-Chef Philip Türmer. Lesen Sie auchOkay, wir hätten diesen jungen Spießer mit der Offenbacher Pennäler-Brille auf dem Schulhof ohnehin ignoriert. Aber der Ton der Debatte ist gesetzt. „Dann könnte man halt einfach nicht mehr das machen, worauf man Lust hätte und was man so geplant hatte“, sagt ein Freiburger Gymnasiast. Ein anderer ergänzt: „Wenn so wenig für uns getan wird, ist es kein Wunder, wenn so viele Leute sagen, wir wollen nicht für dieses Land kämpfen.“Am konsequentesten argumentiert der Bestseller-Autor Ole Nymoen, 27. Sein Blockbuster: „Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde“. Für ihn ist die prinzipielle Verweigerung ein „Akt der Humanität“ und der „kollektiven Selbstbestimmung“. Selbstbestimmung, kollektiv? Egal. Sein ehrliches Bekenntnis: Lieber in Unfreiheit leben als für die Freiheit sterben! Stimmt. Einen Latte macchiato kriegst Du auch unter Putin. Aber Leute, meint Ihr das ernst? Ist Euch Euer Leben in Freiheit und Wohlstand letztlich scheißegal? Sollen Russland, China, Nordkorea, Iran und andere totalitäre Schurkenstaaten am Ende die Macht über Europa übernehmen? Dazu reicht im Zweifel ja schon die Fähigkeit, uns zu erpressen.Dabei geht es jetzt doch nur darum, die Zahl der Bundeswehrsoldaten von derzeit 180.000 auf 260.000 zu erhöhen – das absolute Minimum, um Wladimir Putins Dauergrinsen angesichts unserer militärischen Schlagkraft wenigstens ein wenig einzudämmen. Zur Erinnerung: 1975, der Sozialdemokrat Helmut Schmidt war Kanzler, gab es allein in der westdeutschen Bundesrepublik 495.000 Soldaten. Die Nationale Volksarmee (NVA) der DDR hatte noch einmal 180.000 Soldaten unter Waffen.Ja, es hat mir damals weiß Gott keinen Spaß gemacht. Der Schock saß tief am 1. Juli 1974, drei Wochen nach dem Abitur. Schon beim Einrücken in die Kaserne im südbadischen Achern war mir klar: Deine Freiheit endet am Schlagbaum. Das war’s dann. Auch wenn damals weder „Work-Life-Balance“ und „Quality time“ noch ein Phänomen namens „Chillen“ bekannt waren – die meisten kamen aus einem mehr oder weniger wohlbehüteten zivilen Leben und waren nun mit der alles durchdringenden Logik von Befehl und Gehorsam konfrontiert. Unsere geliebten schulterlangen Haare hatten wir – unter schrecklichen Phantomschmerzen – bereits der militärischen Kurzhaartracht geopfert. Dann ging es „auf Stube“ mit den unvergesslichen Doppelstock-Betten, aus denen manch einer im Tiefschlaf herunterfiel und sich die Vorderzähne ausschlug.Wichtig war die Kleiderkammer. Anprobe von Kampf- und Dienstanzug, Koppel und Kampfstiefel. Passt doch. Der Nächste! Schließlich in die Waffenkammer zur Entgegennahme von G3-Gewehr und Munition. Frühmorgens die gellende Trillerpfeife des Feldwebels: „Kompanie aufstehen!“ Eine fremde Welt tat sich auf, eine wahre Parallelgesellschaft. Sie schien mir umso absurder, als ich aus dem Frankfurt der linksradikalen Spontiszene kam, wo jeden Samstag demonstriert und leer stehende Häuser besetzt wurden, Straßenschlacht inklusive.Lesen Sie auchBei der Waffenausbildung blitzte immerhin noch ein Funke des Lebens „draußen“ auf. Der eine oder andere Kamerad outete sich im vertraulichen Gespräch als Maoist, der sich vom Leutnant gerne die Funktionsweise des Maschinengewehrs erklären ließ, um für die kommende Revolution gerüstet zu sein. Doch schon am Auseinandernehmen und Wiederzusammensetzen des Sturmgewehrs G3 – verschärfte Übung: mit verbundenen Augen – scheiterten manche. Auch ich.Nachts aber ging es erst richtig los: „Nato-Alarm!“ Von Achtsamkeit keine Spur. Gebrüll durch die Gänge. Alles raus aus den Betten! Fünf Minuten Zeit. Unten antreten und bloß nicht vergessen: Wasserflasche am Koppel füllen, für unterwegs! Man weiß ja nicht, wie lange der Krieg dauert. Was ich jedoch niemals verstanden habe: Wir mussten vorher noch die Betten machen, fein säuberlich und kantenrein. Wenn der Russe, der damals ja noch an der Oder stand, tatsächlich käme: Würden ihn dann perfekt gemachte Betten beeindrucken?Egal. In tiefdunkler Nacht röhrten Dutzende Panzer und stießen Abgaswolken auf, die nicht nur Luisa Neubauer ins nächste Protestcamp treiben würden. Die Panzerbrigade 30 rückte aus und grub sich irgendwo in der Pampa zwischen Schwäbischer Alb und Fulda Gap in den Matsch ein.Als gelernter „Nachschubbuchführer“ – Abiturienten galten zu dieser Zeit noch als lese- und schreibfähig – steuerte ich meinen Lastkraftwagen, vollgepackt mit den stählernen Formularkisten für über 10.000 Waren und Ersatzteile, in irgendein baumumstandenes Schlammloch. Zurück in der Kaserne dauerte es viele Stunden, bis die völlig verdreckten Panzer und Transportfahrzeuge wieder als Militärgerät erkennbar waren.Am nächsten Tag wurde Marschieren geübt – mit Gesang, also dem rauen Geschrei junger Männer, die keine Ahnung haben, warum sie auf die lautstarke Vorhaltung des Leutnants „Ich höre nichts!“ ihre bereits ramponierte Kehle noch mehr strapazieren sollten, als es gesund ist.Lesen Sie auchLiebe Leute, was ich damit sagen will: Ich verstehe Euch. Aber manchmal hilft Verständnis nichts. Auch ich wäre damals natürlich nicht freiwillig in die Kaserne eingerückt und wunderte mich über Kameraden, die sich für zwei, vier oder acht Jahre verpflichtet hatten. Aber ich zahle auch Steuern und Sozialabgaben nicht freiwillig. Andere Zwänge gibt es zuhauf. Wer geht schon gerne zur Darmspiegelung? Am Strand mit Freunden ist es schöner. Ja, und?Was immer aus dem aktuellen Kuddelmuddel in der Bundesregierung herauskommen wird: Wir brauchen einen Teil von Euch aus einem einzigen Grund: Um den Krieg zu verhindern, den Putin womöglich im Kopf hat. Wir müssen ihn nachhaltig auf andere Gedanken bringen!Und versprochen: Wir Alten helfen, wo wir können. Es muss ja nicht gleich der Volkssturm 70 plus sein.
Offener Brief an die deutsche Jugend: Hallo zusammen, Servus miteinander, liebe Leute! Männer! - WELT
Das eigene Land verteidigen? Wo kommen wir dahin? Zwei Drittel der Deutschen im Alter zwischen 18 und 29 sind gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Unser Autor wendet sich an sie – und verweist auf seine (west-)deutsche Jugend.








