PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungVerteidigungDie Crux mit der WehrpflichtVeröffentlicht am 18.10.2025Lesedauer: 3 MinutenWELT-Autor Thorsten JungholtQuelle: Martin U. K. Lengemann/WELTEs gibt drei Optionen, Deutschland wieder verteidigungsfähig zu machen: ein Pflichtjahr für alle oder eine Auswahl von Männern, per Zufall oder nach Eignung. Jede birgt Risiken, aber die Lage duldet kein Zögern.Der Bund stellt Streitkräfte zur Verteidigung auf, heißt es im Grundgesetz. Das ist keine unverbindliche Empfehlung, sondern der verpflichtende Auftrag für die Bundesregierung, die Verteidigungsfähigkeit der Bundesrepublik gegen äußere Bedrohungen sicherzustellen. Dafür braucht es eine funktionierende Bundeswehr, aber auch eine taugliche zivile Verteidigung.Tatsächlich wird der Verfassungsauftrag derzeit nicht erfüllt. Die finanziellen Voraussetzungen, die materiellen Lücken bei Streitkräften und Zivilschutzorganisationen zu schließen, hat die Regierung – schuldenfinanziert – geschaffen. In beiden Bereichen aber bleiben erhebliche personelle Lücken. Bei der Bundeswehr werden mindestens 460.000 Soldaten und Reservisten gebraucht, vorhanden ist die Hälfte. Alle Versuche der vergangenen zehn Jahre, auf freiwilliger Basis ausreichend Personal zu rekrutieren, sind gescheitert. Und in der Zivilverteidigung gibt es bislang nicht einmal eine Bedarfsanalyse.Wehrhaftigkeit ist keine reine Staatsangelegenheit, es ist auch Aufgabe der Bürger, ihr freiheitliches Gemeinwesen zu schützen. So gesehen liegt die Lösung nahe: ein Pflichtdienst für junge Männer und Frauen, der wahlweise bei Bundeswehr, Feuerwehr, Technischem Hilfswerk oder Rotem Kreuz geleistet werden kann. Soziale Dienste in Krankenhäusern oder der Altenpflege könnten einbezogen werden, auch sie dienen der gesamtstaatlichen Resilienz.Lesen Sie auchDas Problem daran: Für so ein „Deutschland-Jahr“ müsste die Verfassung geändert werden. Die dafür nötige Zwei-Drittel-Mehrheit im Bundestag scheint mit Parteien wie Linken und AfD, die schon die Bedrohung durch Russland infrage stellen, kaum erreichbar. Allerdings wäre es längst Aufgabe der Regierung gewesen, die Bereitschaft der Opposition dazu öffentlich abzufragen. Nun herrscht aufgrund der geopolitischen Lage Zeitdruck. Deshalb bleibt zunächst nur der Rückgriff auf das vorhandene Instrument des Grundgesetzes: die Wehrpflicht für junge Männer samt – im Fall der verfassungsrechtlich garantierten Kriegsdienstverweigerung – Zivildienst. Beides kann durch einfaches Gesetz beschlossen werden.Doch da wartet das nächste Problem: Die Bundeswehr ist keine Massenarmee mehr, sie braucht nicht die von der Wehrpflicht umfassten rund 300.000 jungen Männer eines Jahrgangs, sondern 40.000 oder 50.000. Nötig ist mithin ein Modell, dass aus dem großen Pool an Wehrpflichtigen den Bedarf auswählt – nach Kriterien, die den Vorgaben der Wehrgerechtigkeit genügen, also nicht willkürlich sind. Der Verteidigungsminister hat einen entsprechenden Vorschlag bislang verweigert. Die Regierungsfraktionen haben ein Losverfahren ins Spiel gebracht, Begründung: Nach dem Zufallsprinzip seien die Chancen objektiv für jeden Einzelnen gleich. Denkbar wäre auch eine Auswahl der Geeignetsten und Motiviertesten. Der Pferdefuß daran: Bei der Rekrutierung von Freiwilligen wurden die Tauglichkeitsmaßstäbe derart stark gesenkt, dass bei Wehrpflichtigen eine schwer zu rechtfertigende Ungleichbehandlung vorläge.Damit liegen die Optionen auf dem Tisch, risikofrei ist mit Blick auf Klagen beim Bundesverfassungsgericht keine. Eine Entscheidung muss her – jedenfalls wenn man die russische Bedrohung ernst nimmt und den Verfassungsauftrag erfüllen will: Der Bund stellt Streitkräfte zur Verteidigung auf.