PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungGenerationenPflichtdienst? Ja, aber für alle!Von Jörg TremmelVeröffentlicht am 04.09.2025Lesedauer: 5 MinutenDas Bündnis „Rheinmetall entwaffnen“ mit einem ‚Nein zur Wehrpflicht!‘-BannerQuelle: Henning Kaiser/dpaDie einen fordern ein Pflichtjahr für junge Deutsche, die anderen für alte. Aber wäre es nicht sinnvoller, eine generationenübergreifende Pflichtzeit einzuführen? Ein Plädoyer für ein Jahr vor dem Berufseinstieg – und einem Jahr nach Ruhestandseintritt.Ein Herbst der Reformen steht bevor. Aufgrund der veränderten Weltlage wird auch der Status quo der Wehrpflicht als reformbedürftig angesehen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte schon 2022 die Idee einer „Pflichtzeit“ in die gesellschaftliche Debatte eingebracht. Momentan werden Pläne im Verteidigungsministerium konkretisiert, die sich am schwedischen Modell orientieren. In Schweden wird die Motivation systematisch abgefragt; einen verpflichtenden Dienst gibt es aber dort nicht. In Deutschland werden in Öffentlichkeit und Politik derzeit vor allem zwei Alternativen diskutiert. Die erste Variante wäre eine Wiedereinführung der „alten“ Wehrpflicht (plus Zivildienst wie früher). Die im Grundgesetz in Art. 12a geregelte Wehrpflicht ist schließlich seit dem Juli 2011 lediglich ausgesetzt. Sie könnte mit einfacher Bundestagsmehrheit wiederbelebt werden. Das würde aber grundlegend der Geschlechtergerechtigkeit widersprechen. Nach heutigem Verständnis einer gleichberechtigten Gesellschaft kann sich eine gesellschaftliche Pflichtzeit nicht nur auf Männer beziehen.Lesen Sie auchAls zweite Variante wird eine Wehrpflicht beziehungsweise als Ersatz eine soziale Pflichtzeit für junge Menschen beiderlei Geschlechts debattiert: Hierfür bräuchte es allerdings eine Zwei-Drittel-Mehrheit für die dafür notwendige Änderung des Grundgesetzes. Ein solches Modell wäre dann zwar geschlechtergerecht, aber nicht generationengerecht. Ältere Menschen haben lang genug junge Menschen zum Militär (oder zu Ersatzdiensten) geschickt und das Ganze von der Seitenlinie beobachtet. Eine solche Gerontokratie brauchen wir heute nicht mehr. Ein besseres Modell, von der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen ins Spiel gebracht, wäre eine generationenübergreifende gesellschaftliche Pflichtzeit. Sie sollte zwei Jahre betragen, von denen man idealerweise ein Jahr vor Berufseinstieg und ein Jahr nach Ruhestandseintritt ableistet. Von der neuen Pflichtzeit würden also (Stand 2025) die Geburtsjahrgänge von 2007 bis 1958 erfasst. Es träfe also noch die „jungen Alten“, nicht jedoch die „alten Alten“. In jedem Fall sollte die gesellschaftliche Pflichtzeit flexibel abgeleistet werden dürfen, beispielsweise in Wochenstunden. Die ersten 50 Prozent der zweijährigen Dienstzeit sollten bis zum 30. Lebensjahr erledigt werden, das heißt, es sollte nicht zulässig sein, diese erste Phase beliebig nach hinten zu verschieben. Die zweite Phase der Pflichtzeit käme dran, bevor die Ruhestandsphase beginnt, die in Deutschland heutzutage im Durchschnitt noch volle 21 Jahre beträgt. Es ist in diesem Modell auch möglich, im Laufe des eigenen Lebens das erste Jahr beim Militär, und das zweite im Sozialbereich zu machen, hier soll Wahlfreiheit herrschen. Und wer bereits Wehrpflicht in der Bundeswehr, Zivildienst, Bundesfreiwilligendienst oder ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) oder ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) absolviert hat, soll für die bereits geleistete Zeit von der neuen gesellschaftlichen Pflichtzeit ausgenommen werden. Dies alles gälte für Männer und Frauen, wobei Care-Arbeit wie Kindererziehung und Pflege älterer Angehöriger anrechenbar sein müsste.Lesen Sie auchZiel ist es, in der derzeitigen angespannten Sicherheitslage und angesichts des Ruhestandseintritts der Babyboomer den Personalmangel im sozialen Bereich zu mildern und die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands und der Europäischen Union zu stärken. Idealerweise sollte es Einsatzstellen in der gesamten EU geben, bei einer angemessenen Aufwandsentschädigung und rentenrechtlicher Anerkennung. Aus einer so ausgestalteten Pflichtzeit ergäben sich folgende Vorteile. Erstens, die Minderung von Personalmängeln bei Bundeswehr und bei der Pflege und anderen sozialen Aufgaben. Zweitens, die Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts zwischen Jung und Alt. Drittens, sinnvolle Erfahrungen und Orientierung für junge Menschen. Viertens, die Bekämpfung sozialer Isolation älterer Menschen.In einer Gerontokratie legen die Älteren fest, dass die Jüngeren einen Pflichtdienst beim Militär oder im Sozialbereich machen; in einer Demokratie legen dies alle gemeinsam fest und sind auch personell größtenteils selbst davon betroffen. Dagegen könnte eingewandt werden, dass viele Ältere nicht mehr das Gleiche körperlich leisten können wie Jüngere. Aber der Gesundheitszustand der Babyboomer ist besser, als dies noch bei früheren Generationen an der Schwelle zum Ruhestand der Fall gewesen ist. Und natürlich gilt altersunabhängig: Wer ausgemustert wird, muss die Pflichtzeit nicht leisten.Eine generationenübergreifende gesellschaftliche Pflichtzeit ist eine Möglichkeit, das Gemeinwohl zu stärken und drängende gesellschaftliche Herausforderungen nachhaltig zu bewältigen. Wenn Junge gemeinsam mit Alten zum Beispiel im Katastrophenschutz oder bei der Tafel aushelfen, entstehen neue Begegnungen und Kooperationen. Durch solche generationenübergreifenden Aktivitäten würde die Kluft zwischen den Generationen verringert.Lesen Sie auchIn der Wehr- und Pflichtdienstdebatte vertreten die Parteien der Regierungskoalition unterschiedliche Positionen. Die CDU spricht in ihrem Grundsatzprogramm davon, die Aussetzung der Wehrpflicht „schrittweise zurücknehmen und die Wehrpflicht in ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr überführen“ zu wollen. Bei der SPD ist die Position weniger klar. Im Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2025 war sowohl im sozialen als auch im militärischen Bereich von Freiwilligkeit die Rede. Bei den Koalitionsverhandlungen war dann das „schwedische Modell“ der fantasielose Kompromiss auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner.Doch eine soziale und zukunftsfähige Gesellschaft lebt vom Zusammenhalt zwischen Jung und Alt – und von fairen Generationenverträgen. Es wäre schlicht ungerecht, junge Menschen einseitig zu einem gesellschaftlichen Pflichtdienst zu verpflichten, denn schon heute sind sie stark belastet durch die Herausforderungen der Zukunft, weil sie vor dem Hintergrund des demografischen Wandels mit ihrer Arbeit für immer mehr Ruheständler aufkommen müssen. Eine gesellschaftliche Pflichtzeit nur für die junge Generation wäre ungerecht und ein verheerendes Signal. Letztlich würde die Kluft zwischen Jung und Alt noch größer und der soziale Zusammenhalt in der Gesellschaft gefährdet. Es bedarf einer offenen gesellschaftlichen Debatte zwischen Jung und Alt, wie eine Pflichtzeit fair und generationenübergreifend umgesetzt werden kann. Ein Bürgerforum, besetzt mit Zufallsbürgern, könnte den Weg zur nötigen Grundgesetzänderung für eine intergenerationell faire Lösung ebnen.Jörg Tremmel ist Geschäftsführer der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen. Er lehrt und forscht am Institut für Politikwissenschaften der Universität Tübingen zur Generationengerechtigkeit