Kurt Prödels Romanheld wird überrumpelt und trotz Bestnoten abserviertKurt Prödel schreibt pointiert und einfühlsam über Erwachsenwerden und soziale Schranken.Lukas Keller28.06.2026, 05.30 Uhr2 LeseminutenNach seinem erfolgreichen Romandebüt legt Kurt Prödel nun seinen zweiten Roman «Salto» vor.Joseph Strauch«Ich wäre gern der Algorithmus, denn dann wüsste ich, wie es bei mir weitergeht», denkt Marko, der Protagonist in Kurt Prödels Roman «Salto», während er auf Tiktok doomscrollt. Er hat soeben sein Abitur als Jahrgangsbester abgeschlossen und will nach einem Pflegepraktikum Medizin studieren. Beginnt nun das richtige Leben? Marko, der aus einer Arbeiterfamilie stammt und vor wenigen Jahren seine Mutter verloren hat, fühlt vor allem eins: Unsicherheit.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Und dann folgt der Schock. Er erhält trotz seinem hervorragenden Abschlusszeugnis von allen vier Universitäten, bei denen er sich beworben hat, eine Absage. Daraufhin offenbart sein Vater, dass seine Mutter eine Lebensversicherung hatte – und er Marko damit ein Studium in Ungarn finanzieren wird. Ohne Numerus clausus, dafür mit horrenden Studiengebühren. Komplett überrumpelt, verschwindet das letzte bisschen Sicherheit aus Markos Leben. Obwohl es ihm schwerfällt, das Geld anzunehmen, hat er sich eigentlich längst entschieden, dass er nach Budapest ziehen wird.Marko nimmt damit in Kauf, dass seine Beziehung zu Claire zerbricht, mit der er seit der siebten Klasse zusammen ist. Sie wird in München studieren. Das Thema Gesundheit zieht sich als roter Faden durch den Roman. Nicht nur wegen des Medizinstudiums und der schweren Krankheit von der Mutter. Auch Markos eigene psychische und physische Gesundheit sowie die seiner Mitmenschen prägen die Handlung massgeblich.Nach einem gelungenen Debüt ist die Erwartung an das zweite Werk und dadurch der Druck auf die Autorin oder den Autor meist besonders hoch. So auch bei «Salto», dem zweiten Coming-of-Age-Roman von Kurt Prödel, dessen Erstling «Klapper» für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert war und mit dem Debütpreis der Lit.Cologne ausgezeichnet wurde. In «Salto» erzählt der Kölner Autor von Schicksalsschlägen, Klassenunterschieden, den schier unüberbrückbaren Herausforderungen des Erwachsenwerdens und den Schwierigkeiten zwischenmenschlicher Beziehungen. Markos Leben ist ein steter Kampf mit sich selbst, aber auch mit seiner Umwelt. Trotzdem gelingt es Prödel, neben Melancholie und Gesellschaftskritik auch wunderbare Momente hervorzubringen, die das Leben zelebrieren und einem noch lange in Erinnerung bleiben und einen berühren.Mit seinem pointierten Schreibstil schafft Kurt Prödel eine eindringliche Sprache mit viel Witz und einem Auge für Details. Seine einfühlsam gezeichneten Figuren sind Aussenseiter, und doch erkennt der Leser sich selbst darin wieder. «Salto» nimmt immer wieder unerwartete Wendungen, und mit jedem gefühlten Erfolg eröffnen sich neue Katastrophen und Schicksalsschläge.Alle Figuren sind geprägt von stetem Ringen. Mit der Gesellschaft, mit ihrer Herkunft, mit sozialer Ungerechtigkeit, mit dem eigenen Kopf oder mit dem eigenen Körper. Und trotz allen Widrigkeiten bleibt die grosse Konstante in Prödels Werk die Hoffnung – sowie die Akzeptanz, dass man nicht alles kontrollieren kann.Kurt Prödel: Salto. Park x Ullstein 2026. 272 Seiten.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel