Es gibt diese Epochenjahre. 1945, das Jahr des Neuanfangs. 1968, das Jahr der Revolte. 1989, das Jahr der Wiedervereinigung. Auch für die Literatur sind diese Jahre Schlüsselmomente, Spielwiesen für große Erzählungen, in denen sich das Leben der Menschen radikal verändert. Unzählige Romane, Erzählungen und Essays beschäftigen sich deshalb mit diesen Wendezeiten.Romane dagegen, die im Jahr 1963 spielen, wie „Wirf einen Schatten“ von Elena Fischer, sind deutlich seltener. Zu uninteressant scheint dieses Jahr – auf den ersten Blick. Tatsächlich aber markiert auch diese Zeit einen Wendepunkt: in der Landwirtschaft. Neue Technik eroberte damals den Markt, die ersten großen Melkmaschinen kamen zum Einsatz, die Automatisierung begann. „Die Bauern mussten sich entscheiden: Wer setzt auf das Alte, wer setzt auf das Neue?“ So beschreibt Elena Fischer den Umbruch.Einer der Bauern, deren Berufsleben sich damals wandelte, ist die Hauptfigur ihres neuen Romans. Auch Joseph hat zu kämpfen mit den Neuerungen, auch er sucht nach seiner Rolle als Nachfolger im Familienbetrieb. Noch viel mehr aber als die Frage, wie es mit seinem Hof weitergehen wird, treibt ihn ein Verlust um: Lis, seine Frau, hat ihn verlassen. Gemeinsam mit dem jungen Sohn der beiden ist sie in die Stadt gezogen und wagt ein neues Leben. Joseph weiß darauf nicht zu reagieren. Das Ende seiner Ehe macht ihn sprachlos, lässt ihn verzweifeln.Fischers Debüt „Paradise Garden“ wurde in 15 Sprachen übersetzt„Wirf einen Schatten“, gerade im Diogenes-Verlag erschienen, ist der zweite Roman der 1987 geborenen, in Mainz lebenden Schriftstellerin Elena Fischer. Ihr Debüt kam 2023 heraus – und wurde aus dem Stand ein großer Erfolg. „Paradise Garden“ erzählt von einem Mädchen mit ungarischen Wurzeln, in einem Hochhausblock lebend, arm, ohne Wissen über seinen Vater. Nach dem plötzlichen Tod seiner Mutter reißt es aus, macht sich auf die Suche. Ein Roadmovie beginnt, in knappen, prägnanten Sätzen, mit viel Tempo, viel Kraft.Fischers Coming-of-Age-Roman kam auf die Longlist des „Deutschen Buchpreises“, entwickelte sich schnell vom Geheimtipp zum Bestseller. Mittlerweile ist das Buch in 15 Sprachen übersetzt worden. Die Autorin, die in Mainz Filmwissenschaften studiert hat, war überrascht und überwältigt von dem Erfolg. Sie absolvierte mehr als 100 Lesungen, veröffentlichte zahlreiche Beiträge in den sozialen Medien. In den Feuilletons wurde sie als neue wichtige Stimme der jungen deutschen Literatur gefeiert.Umso mutiger wirkt es, dass sie mit ihrem zweiten Roman nun keine Fortsetzung des Erfolgs versucht, sondern etwas Neues wagt. „Wirf einen Schatten“ hat einen anderen Ton, eine andere Stimmung, ein anderes Thema, verfehlt die Erwartungen. Der Roman ist ruhiger als sein Vorgänger, melancholischer, weniger bildgewaltig, hat mehr Zwischentöne.Sie wollte „keine Kopie“ ihres Erfolgsromans schreibenBeim Gespräch in einem Café in der Mainzer Neustadt betont Fischer, dass es ihr wichtig gewesen sei, „keine Kopie“ ihres Debütromans zu verfassen. Sie wollte sich „neu herausfordern“ und „weiterentwickeln“, sagt die Autorin. Das fiel ihr am Anfang des Schreibens von „Wirf einen Schatten“ nicht leicht. Zunächst habe sie entweder in Abgrenzung gegen ihren erfolgreichen Debütroman geschrieben oder in Übereinstimmung mit ihm, erinnert sie sich: „Es hat gedauert, bis ich das Gefühl hatte, da entsteht etwas Eigenständiges.“ Bald merkte sie, dass sie für ihren Stoff „eine neue Stimme“ finden musste. Dieser Prozess sei wichtig gewesen, sagt sie. „Jetzt weiß ich, dass mit jedem Buch eine neue Stimme kommen wird.“Hat sie keine Sorgen, dass ihr neues Buch ihre Fans enttäuschen, dass der zweite große Erfolg ausbleiben könnte? „Nein“, antwortet Fischer. Sie spüre keinen Druck, sie sei nicht besonders nervös und liege deshalb auch nicht nächtelang wach. „Ich warte mit Gelassenheit“, sagt sie. „Natürlich frage ich mich: Wird der neue Roman genauso erfolgreich? Doch ich glaube, ich kann mit beiden Antworten leben. Wenn das Buch nicht so erfolgreich wird, dann ist das so, und ich werde trotzdem weiterschreiben. Und wenn es doch wieder ein Erfolg wird, dann freue ich mich.“In der ZwischenzeitFischers neuer Roman springt zwischen den Zeiten. Er beginnt Ende 1963, am Morgen vor Heiligabend. Der einsame Joseph sitzt in seinem Haus, es ist still, gespenstisch. Dann taucht Birdie auf, eine geheimnisvolle junge Frau, eine Getriebene. Und später Ada, die Schwester von Lis. In Rückblenden erfährt man, wie Joseph und Lis sich kennenlernten, wie die Ehe begann, wie sie zerbrach. Und Fischer erzählt, wie die neuen Frauen dem Verlassenen helfen, sich wieder ins Leben zurückzukämpfen. Wie sie ihn dazu bringen, über sich nachzudenken: als Mann und Vater.„Ich habe mich gefragt: Welche Linien lassen sich von damals bis in unsere Zeit ziehen?“, sagt Fischer über die Wahl ihres Stoffs. „Denn Männlichkeit, wie wir sie heute kennen, hat ja ihre Ursprünge und Wurzeln.“ Ihre Geschichte hat die Autorin dabei bewusst in einer Zeit des Dazwischen angesiedelt: Die vom Wiederaufbau geprägten Fünfzigerjahre waren vergangen, der große Umbruch von 1968 stand noch aus. „Doch es gärte schon“, sagt Fischer. Vor allem ihre Frauenfiguren ahnen, dass das Land und das Leben sich ändern werden. Sie proben bereits das Neue, vorsichtig und mutig zugleich.Die Welt, in der ihre Geschichte spielt, fasziniert Fischer: das Land- und Bauernleben, Brauchtum und Glauben. Sie hat, während sie das Buch schrieb, viel über die damalige Zeit gelesen. Aus Ewald Fries erfolgreichem Sachbuch „Ein Hof und elf Geschwister“ habe sie jede Menge gelernt, genauso wie aus den bekannten Porträts von Bauerntöchtern der Autorin Ulrike Siegel. Edgar Reitz’ Serie „Heimat“ hat sie auch geschaut. Eine Inspiration war außerdem ein Buch der Fotografin Elena Helfrecht, die den Bauernhof ihrer gestorbenen Großmutter in düsteren Schwarz-Weiß-Aufnahmen verewigte. Viel gesprochen hat Fischer aber auch mit ihrer auf dem Land aufgewachsenen Großmutter, die heute 95 Jahre alt ist. Zahlreiche Passagen aus dem Buch hat die Autorin ihr später am Telefon vorgelesen.Auch wenn „Wirf einen Schatten“ anders ist als sein Vorgänger, glaubt die Schriftstellerin, dass es doch etwas gibt, das die beiden Romane verbindet: den Glauben an Veränderung. Ihre Figuren zeigten, wie Menschen nach einem Schicksalsschlag wieder „handlungsfähig und selbständig“ werden könnten, sagt sie: „Da ist die Hoffnung, dass Dinge gut werden, ohne dass es perfekt werden muss.“Premierenlesung mit Elena Fischer, 12. August, 19 Uhr, Weingut Draisberghof, Mainz-Gonsenheim. Karten über die Buchhandlung Seite 36.