Die deutsche Schriftstellerin hat eine Art Remake von Kleists Klassiker geschrieben, das man lesen muss. Es ist auch eine Parabel der Selbstermächtigung.Paul Jandl29.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenEine Revolution in Gedanken, der die Sprache auf sanften Füssen folgt: die Autorin Heike Geissler.Heike Steinweg / Suhrkamp VerlagIn modernen Zeiten würde er vielleicht mit dem Traktor vor das Rathaus fahren und eine Fuhre Mist abladen: Michael Kohlhaas, der frühe Wutbürger der Literatur. In seiner Novelle hat Heinrich von Kleist den Pferdehändler des 16. Jahrhunderts mit einem zeitlosen Furor gegen Obrigkeiten ausgestattet. Es ging um Betrug. Die da oben gegen die da unten. Ein Abhängigkeitsmuster, das sich bis in die Gegenwart fortschreibt und auch heute noch Ungerechtigkeitsgefühle hervorbringt. Stichwort Agrardiesel. Stichwort EU-Vorschriften.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ein echter Kohlhaas durchschaut das Spiel der Mächtigen, aber für die Folgen seines eigenen Handelns ist er blind. Bei Kleist eskaliert die Sache. Die Welt wird buchstäblich in Brand gesteckt. Bei der deutschen Schriftstellerin Heike Geissler, die jetzt unter weiblichen Vorzeichen eine Art Remake des literarischen Rechtsfalls geschrieben hat, beginnen die Buchstaben selbst zu lodern. So irrwitzig sind Geschichte und Sprache eines Romans, der ganz absichtlich selbst ein bisschen kohlhaasisch ist. Man kann ihn für seinen Aufstand gegen das Konventionelle allerdings nur bewundern.Trinken im PlattenbauSchon mit dem Romantitel «Michaela Kohlhaas» spielt Heike Geissler auf die Vorlage an, aber was dann kommt, ist ein Emanzipationsdrama. Hochkomisch. Eine Gesellschaftssatire, der es nichts ausmacht, im Genre von Märchen und Sage zu wildern und der Hauptfigur diese Verwilderung wie ein Kostüm überzuziehen. Dabei geht es am Anfang noch recht zivil zu. Kohlhaas, um die vierzig, ist stellvertretende Friedhofsverwalterin in Leipzig. Sie erledigt ihre Arbeit anständig, hält Trauerreden und wandelt gern auch zur Entspannung ihrer Nervosität durchs Gräberfeld, das ihr wie ein «Gehege» postmortaler Existenz vorkommt.Was ist das für eine Frau? Gleich auf den ersten Seiten des Romans merkt man, wie sich die Sprache um diese Figur bemüht: «Die Kohlhaas war eine typisch müde erwachsene Person, müder als manche, wacher als andere. Sie versuchte mitzukommen, mitzuhalten, relativierte, um sich dann wiederum zu sagen, die eigene Müdigkeit zähle ja auch. Es zähle nicht nur die Müdigkeit derer, die inmitten der Kriege waren. Im Übrigen sagte niemand mehr sonderlich präzise, wo Kriege begannen, wo sie ihr Innen, ihr Aussen hatten, wo genau ihre Grenze verlief, und in welcher Zeit und in welchem Raum.» An anderer Stelle heisst es auch: «Sie war Einzelkind, kein Einzelfall».Und damit ist schon angedeutet, dass im Individuellen etwas Allgemeines steckt. Das Politische im Privaten. Wie bei Kleists Testosteronhelden. Dem hat man zwei Pferde gestohlen. Der Kohlhaas allerdings nur nach und nach die bürgerliche Ruhe. Ihr Aufbegehren ist kein Knall, sondern ereignet sich schleichend. Von Kleist hat sich Heike Geissler die Tronkenburg geborgt, nur ist es in ihrem Roman nicht der Stammsitz des Junkers Wenzel von Tronka, sondern eine Bierkneipe in einem Plattenbau.Früher war es da gemütlich, aber seit ein berühmter Leipziger Galerist, der auch von Tronka heisst, den Plattenbau gekauft hat, ist es eine Bar für gehobenes städtisches Trinkpublikum. Auch der Oberbürgermeister ist manchmal da. Ein parteiischer Mittrinker, wie es Michaela Kohlhaas scheinen will. Hohe Stiefel wie ein Gutsherr und zu den Gutsherrenmanieren von Tronkas passend. In der ehemaligen Kneipe stehend, sagt Tronka zur Kohlhaas, das sei jetzt sein Land. Die Plattenbauten kein kommunaler Wohnungsbau mehr, sondern alles seines. Wie seines?, fragt sich Michaela Kohlhaas. Wem abgekauft? Den Bürgern oder nur dem Oberbürgermeister?Clownerie der MachtHier kippt etwas endgültig, aber was ein Aufregerdrama mit Immobilienhai sein könnte, wird bei Heike Geissler zu einer grossen Parabel der Selbstermächtigung, zu einer Clownerie, die die Macht des Geldes genauso vorführt wie die in der gut geheizten Stube sitzenden Kapitalismuskritiker. Michaela Kohlhaas lässt alles hinter sich. Den Friedhof. Die Mietwohnung. Familie hat sie nicht. Sie packt ihre Tasche mit Dingen «wie für eine Spezialtauschbörse», schichtet Kleidungsstücke um ihren Körper und tritt wie eine zur Häutung bereite Zwiebel hinaus in die Welt. Sie wird über Land ziehen, das ihr nicht gehört, und den Wohlhabenden in den Städten ein Ärgernis sein, weil sie gar nichts hat.Der Roman hat eine subtile Pointe. Eine Ich-Erzählerin, Mutter von zwei Kindern, und mit der Kohlhaas flüchtig bekannt. Man schickt sich Nachrichten. Die Erzählerin, festgefahren in den Alltagspflichten ihres linken Milieus, empfindet tiefste Solidarität mit der widerständigen Ausbrecherin. Endlich macht’s mal eine! Zu nahe will sie ihr aber auch nicht kommen. Nichts ist kleinbürgerlicher als die Grossspurigkeit einer sich zwischen Elterngruppenchats, Familienfernreisen und Muffinbacken zerreibenden heimlichen Revolution. Dieses kapitalismuskritische «Man müsste doch!», das zur Gewissenentlastung und sehr leise aus den bausparerisch erworbenen Eigenheimen schallt. Auch das erzählt der Roman «Michaela Kohlhaas» und erzeugt damit ziemlich viel Komik.Heike Geisslers Buch lebt ganz von seinen Brüchen. Vom Kontrast zwischen einer sehr gegenwärtigen und mit sich selbst beschäftigten Gesellschaft und dem beschäftigungslosen Individuum, das da gegen sie aufbegehrt. Je mehr Michaela Kohlhaas aus dem bürgerlichen Rahmen kippt, je mehr sie vermüllt, umso archaischer wirkt sie. Sie ist ein Belastungstest für die menschliche Umwelt, der sie in den Städten und auf dem Land begegnet. Ein Spiegel der Abstiegsängste, aber sie ist keine gewöhnliche Obdachlose.Die Frau als GewitterGeissler gelingt es, aus ihrer in brüchigen Wanderschuhen dahinschlurfenden Kohlhaas eine allegorische Gestalt zu machen. «Diese Frau brachte Gewitter, Schwung und Geschaukel. Ab und an Schunkeln. Ihre Geschichte hatte mit jedem Übertölpeln, mit jedem Krieg, mit jeder Enteignung von Allgemeinbesitz begonnen», steht im Roman. Heike Geissler kreuzt Heinrich von Kleist mit Bertolt Brecht. Wenn ihre Hauptfigur für einige Zeit einen Planwagen hinter sich herzieht, dann ist sie wie die Mutter Courage im Dreissigjährigen Krieg, aber das ist nur ein Teil fortwährender Mimikry.Sie ist, was man in ihr sehen will. Ein Drache, der aus seinen Lumpen das Feuer der Freiheit speit oder eine alterslose Jahrhundertgestalt, die man auf einem Innenstadt-Mittelaltermarkt ohne weiteres für ein besonders gelungenes Ausstellungsstück hält. Als sie sich einmal mit Fellen bekleidet, wird sie mit einem Bären verwechselt und prompt in einem Käfig ausgestellt. Es ist ihre beste Zeit. Weniger gut ist es, als man sie als menschliche Attraktion in einer Fernsehshow präsentiert.«Michaela Kohlhaas» ist grosses Theater. Eine Revolution in Gedanken, der die Sprache auf sanften Füssen folgt. Man muss diesen Roman lesen, nicht nur weil er eine aberwitzige Geschichte hat, sondern weil seine Sätze der Hauptfigur überaus zart auf den Leib gestickt sind. «Der Kohlhaas schmiss es täglich das Herz entzwei, aber das Herz gab sich robust, riss nicht», heisst es einmal. Am Ende reisst es doch, dieses Herz.Heike Geissler: Michaela Kohlhaas. Roman. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2026. 253 S., Fr. 35.90.Passend zum Artikel