An Frauen, die aus Erwartungen und Rollenbildern ausbrechen, um sich alternative Identitäten und Realitäten zu erschaffen, herrscht in der französischen Gegenwartsliteratur kein Mangel. Das kann unverhofft geschehen, wie etwa in Jean Echenoz’ Kurzroman „Ein Jahr“ über die junge Victoire, die eines Morgens neben ihrem toten Mann erwacht. In einer Panikreaktion plündert die junge Frau ihr Konto und nimmt den nächstbesten Zug, um nach einem turbulenten Jahr zwischen Liebe, Lust, Luxus und Obdachlosigkeit den plötzlich quicklebendigen Gatten in ihrem Pariser Stammbistro wiederzutreffen.In Julia Decks Roman „Winterdreieck“ wiederum hat eine namenlose „Mademoiselle“ einfach genug vom Alltag als Verkäuferin bei einem Küchenausstatter, außerdem ist ihr Konto leer. Sie legt sich eine neue Identität als Schriftstellerin sowie einen wohlhabenden Mann zu und kommt mit dieser Maskerade auf ihrer Irrfahrt durch Frankreich auch erstaunlich weit. Die Freiheit einer selbstbestimmten Frau, so könnte die Lehre beider Geschichten lauten, ist, sich einfach das zu nehmen, was sie braucht.Wie existenziell herausfordernd diese Einsicht sein kann, davon erzählt der neue Roman der Pariser Autorin Cécile Tlili, „Eine Frau verschwindet“. Ihre Ich-Erzählerin Alice, eine vierzigjährige Laborassistentin, erfährt von ihrem Mann Damien eines Nachmittags beim Kaffee, dass von ihrer Liebe „nichts übrigbleibe abgesehen von Konflikten, nur Leere, nur Langeweile, und dafür sei er nicht bereit, er habe noch so viel zu erleben, so viel zu entdecken, und ich doch auch“.Ein Magma aus Schmerz und SchreckenAlice, daran lassen ihre tagebuchartigen Aufzeichnungen der folgenden zweieinhalb Wochen keinen Zweifel, ist ein hilfloses Opfer dieser Entscheidung, die sie im „Schlick undefinierbarer Gefühle“ und einem „Magma aus Schmerz und Schrecken“ versinken lässt. „Die, die ausreißt“, so lautet die wörtliche Übersetzung des französischen Originaltitels. Alices Spontanreise nach Korsika gleicht dabei eher einer Flucht vor der emotionalen Überwältigung denn einem Akt bewusster weiblicher Selbstbestimmung. Anders als bei Jean Echenoz und Julia Deck „verschwindet“ bei Cécile Tlili die Frau nicht, um sich ein Leben nach den eigenen Bedürfnissen zu erschaffen, sondern vielmehr weil sie von einem seelischen und lebenswirklichen Abgrund verschluckt wird. Wie genau und unerbittlich Tlili der ungläubigen Trauer und der bohrenden Angst nachgeht, ohne dabei je pathetisch oder larmoyant zu werden, ist beeindruckend.Cécile Tlili: „Eine Frau verschwindet“. Roman.Kein & AberAlices schrittweises Herantasten an eine neue Normalität nach ihrer Rückkehr in die Stadt, „wie ein kleinlautes Kind, klammheimlich“, ist zugleich der Auftakt ihrer Emanzipation. Die Verlassene zieht nicht wieder ins gemeinsame Familienhaus ein, sondern mietet sich im benachbarten Brennpunktviertel ein. Die Stadt Montpellier – der Name wird nicht genannt, aber die Hinweise sind eindeutig – wird zu Alices eigener Wiedergängerin. Mit ihr hat sie in quälenden, schlaflosen Nächten „Verabredungen“ zu ziellosen Spaziergängen, auf denen sie sich zwischen verschiedenen Existenzen verläuft, wenn „erschöpfte Gebäude“ und „geduckte Häuser hinter rankenden Pflanzen verschwinden“, Laternen „angesichts meines Schicksals die Köpfe neigen“ oder sie am Fenster „im ersten Rang dem Konzert der Stadt lauscht“.Das sinnliche, intuitive Erleben spielt für Tlilis trauernde Heldin eine zentrale Rolle. Rational gesehen will sie die Entscheidung ihres Mannes, ein „bodenständiger Pragmatiker“, der nicht mal eine neue Freundin zu haben scheint, akzeptieren. Die Wut auf diesen, wie es später heißt, „Schwätzer, Heuchler, Schmeichler, Karrieristen“ sickert vielmehr körperlich in Alice ein, ganz so wie auch die Einsamkeit ihr „über Arme und Beine kriecht“ und die Angst vor dem Leben ohne Mann ihr Übelkeit bereitet.Starke Bilder, leise TöneCécile Tlilis Roman erzählt vom Kampf um weibliche Autonomie und verweigert dabei jede politische oder aktivistische Geste, wie man es etwa auch aus den subtilen Sozialdramen der Gebrüder Dardenne kennt. Tlili, die zuvor hochrangige Ingenieursposten bekleidete, hatte bereits mit ihrem Erstling über die Eskalation eines Abendessens zweier Paare der Pariser Bourgeoisie Aufmerksamkeit geerntet. Auch der Nachfolgeroman besticht mit ungemein präzisem Blick, der noch jedes kleinste Detail zum Bauteil einer perfekt konstruierten Romanwirklichkeit macht. Seine Wirkung entfaltet Tlilis Text über die, je nach der mentalen Verfassung der Ich-Erzählerin, betont nüchterne und dann wieder poetisch hochaufgeladene Sprache, die Corinna Rodewald stilsicher ins Deutsche übertragen hat. Behutsam, fast unmerklich, wird auch die zweite Hauptfigur eingeführt, Alices neue Nachbarin Siham, von deren „Geruch nach Zucker und Schweiß“ sie sich nicht trennen mag.Die beiden Frauen nähern sich an, ohne irgendetwas voneinander zu wissen, schlicht weil es sich richtig anfühlt, nicht allein zu sein. Sie verbindet der Kampf um die Emanzipation gegenüber den Männern in ihrem Leben: Sowohl Damien gegenüber als auch denjenigen, die Alice nachts auf der Straße hinterherpfeifen und sie in Hauseingängen bedrängen. Siham wiederum muss sich gegen die plumpen Heiratsansprüche ihres Cousins wehren, der ihr das Recht auf ein eigenes Leben abspricht. Am Ende wird nur eine dieser Frauen „verschwinden“. Wie beide sich dabei auf ihre eigene Weise Stück für Stück aus der Fremdbestimmung, von vorgegebenen Rollen, Erwartungen und Ansprüchen zu befreien suchen, davon erzählt Cécile Tlili in starken Bildern und leisen Tönen mit großer Wirkung.Cécile Tlili: „Eine Frau verschwindet“. Roman. Aus dem Französischen von Corinna Rodewald. Verlag Kein & Aber, Zürich 2026. 175 S., geb., 22,– €.
Kritik von Cécile Tlilis Roman "Eine Frau verschwindet"
Was tun, wenn eines Nachmittags beim Kaffee so mir nichts, dir nichts die langjährige Beziehung endet? Die Französin Cécile Tlili erzählt vom Ende einer Liebe, seelischem Absturz – und dem Ausbruch aus der Fremdbestimmung.







