Lida Moniawa, die Gründerin des Kinderhospizes „Haus mit Leuchtturm“ in Moskau, kennt Russlands Räderwerk der Repression genau. „Das teuflische Theater weicht nicht vom Drehbuch ab, die Schauspieler spielen ihre Rollen störungsfrei“, berichtete sie im August in sozialen Medien aus einem Prozess, in dem der Geheimdienst FSB zwei jungen Männern vorwirft, auf ukrainisches Geheiß einen Anschlag geplant zu haben.Es gibt so viele solcher abgekarteter Verfahren, dass ihre Opfer kaum bekannt werden. Moniawa, die nicht Ärztin, sondern Journalistin ist, lenkte den Blick ihrer lakonischen Sprache auf die Opfer, die Täter und, wie stets in ihren Beobachtungen aus dem Alltag im Krieg, auf das Widersprüchliche, Absurde: Hier das moderne Moskau, in dem Moniawa im per App bestellten Taxi zum Gericht Eiskaffee trinkt. Dort die Angeklagten im Käfig, die über Folter berichten, was keinen der beteiligten, jung und nett wirkenden Funktionäre stört. Im Taxi zurück schaltet sich Moniawa einem Online-Treffen zu, „während anderswo jemand mit Stromschlägen gefoltert wird“.Ihre Wohnung wurde durchsuchtJetzt ist sie selbst in der Gewalt des Systems. Moniawa drohen bis zu zehn Jahre Haft. Das Ermittlungskomitee wirft ihr vor, „Falschnachrichten“ über die russischen Streitkräfte verbreitet zu haben. Das ist einer der Zensurtatbestände, die nach dem Überfall auf die Ukraine von 2022 eingeführt worden sind. Der Standardvorwurf bezieht sich auf Social-Media-Posts. In Moniawas Strafprozess geht es um einen Post, den sie am 24. Februar 2023 veröffentlicht hatte. „Schon ein Jahr schickt mein Land Raketen, Panzer, Soldaten in die Ukraine“, beginnt er. „Schon ein Jahr sterben deshalb unschuldige Menschen.“Moniawas Wohnung wurde am Mittwochmorgen durchsucht, sie wurde verhört, festgehalten und am Donnerstagabend vor ein Moskauer Gericht gebracht. Dutzende Unterstützer versammelten sich vor dem Gebäude, wurden nicht in den Saal vorgelassen.Trotz ihrer erst 38 Jahre ist Moniawa eine Legende der russischen Zivilgesellschaft. Seit mehr als zwei Jahrzehnten setzt sich die Moskauerin für sterbenskranke und schwerstbehinderte Kinder und Jugendliche ein. Ihr „Haus mit Leuchtturm“ ist ein lichter, liebevoller Ort, in dem Menschen in ihren schwersten Momenten betreut werden.Hier können Eltern auch ein Kind zur Welt bringen, das nur wenige Minuten lang leben wird. „Du verstehst, dass jede Minute seines Lebens eine Kostbarkeit ist, wenn seine Eltern zusammen mit ihm im Hospiz sein und jeden Moment seines Lebens aufnehmen können“, sagte Moniawa jüngst der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.).Daneben bietet das „Haus mit Leuchtturm“ Visiten in Moskau und im Umland der Hauptstadt an, um Kindern und Jugendlichen ein möglichst „normales, menschenwürdiges Leben“ in eigener Umgebung bieten zu können, wie Moniawa erläuterte. Dieser Ansatz ist im auf Härte getrimmten russischen System, wo Behinderte in sogenannten Psychoneurologischen Internaten untergebracht werden, nicht selbstverständlich.Neunzig Prozent des Budgets der Stiftung, der Moniawa vorsteht, kommen aus Spenden, zehn Prozent vom Staat; vor der Vollinvasion der Ukraine war das Verhältnis 85 Prozent zu 15. Staatsgeld wird knapper. Nur nicht für den Krieg. Der „steht im Widerspruch zu allem, womit wir uns im Hospiz beschäftigen“, sagte Moniawa der F.A.S. „Hier schützen wir das Leben kranker Kinder, dort werden Leben zerstört.“Sie will Russland nicht verlassenSchon Ende Februar hatte ein Moskauer Gericht sie wegen „Diskreditierung“ der Streitkräfte, eines weiteren Zensurtatbestands, in einem Ordnungswidrigkeitsverfahren zu einer Geldbuße verurteilt, wegen dreier kriegskritischer Telegram-Posts. Anschließend berichtete sie über Ratschläge, Russland zu verlassen. Das will Moniawa nicht.Der F.A.S. sagte die gläubige Christin, ihre „moralische Verantwortung für das, was in der Ukraine geschieht“, bleibe bestehen, auch wenn sie Russland verlassen würde. Es gehe darum, wo sie mehr bewirken könne, und das sei in Moskau. Schweigen wollte sie aber auch nicht, sondern „die Wahrheit“ sagen. „Dass jetzt neben uns eine Menge Leute im Krieg umkommen und dass ganze Städte zerstört werden, ist weit bedeutender, als sich allein um ein Hospiz zu sorgen. Das liebe ich sehr. Aber viel wichtiger ist es, dass der Krieg endet.“Doch aus Sicht des Repressionssystems darf es keinen Freibrief geben für diejenigen, die gute Werke tun: Seine Schergen werden durch öffentliche Kritik zur Arbeit aufgefordert. Von knapp 500 Personen, die allein in Verfahren um „Fakes“ verfolgt werden, ist laut Menschenrechtsschützern etwa ein Drittel in Haft.Dass das Gericht am Donnerstagabend hinter verschlossenen Türen nicht anordnete, Moniawa in Untersuchungshaft oder Hausarrest zu nehmen, sondern ihr „nur“ verbot, zwischen acht Uhr abends und acht Uhr morgens die Wohnung zu verlassen, mit „Zeugen“ zu sprechen und das Internet zu nutzen, werteten ihre Unterstützer daher als „Sieg“.Es war ein Moment des Aufatmens, wie er in Russlands Repression bisweilen auch vorkommt. Das „Haus mit Leuchtturm“ hat prominente Unterstützer, es hilft auch Familien im Machtapparat. Aber Moniawas Strafverfahren geht weiter. „Man hat versucht, mich dazu zu überreden, mich schuldig zu bekennen“, sagte sie ihren Unterstützern. „Aus irgendeinem Grund ist es ihnen sehr wichtig, dass der Angeklagte – oder wie auch immer man ihn nennt – sagt, dass er sich schuldig fühlt. Aber ich bin unschuldig.“