Lida Moniawa widmet sich seit ihrer Jugend den Schwächsten der russischen Gesellschaft. Nach Russlands Überfall auf die Ukraine blieb sie bewusst in Moskau, kritisierte den Krieg. Nun will der Staat sie zum Schweigen bringen. Im Regime Putin ist niemand sicher.04.09.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenLida Moniawa ist die Leiterin des Moskauer Kinderhospizes «Haus mit dem Leuchtturm».Stanislav Krasilnikov via ImagoSie hatte ihre Klingel abgestellt, hatte ihre Freunde stets aufgefordert, ihr erst einmal eine Nachricht zu senden, nie zu klopfen. Sie hatte Angst vorm Klopfen, Angst vor der Klingel. Sie nannte das «russische Trigger», eine Erinnerung an frühere Zeiten, die jedem postsowjetischen Menschen geblieben sind. Sturm klingeln oder gegen die Tür hämmern bedeutet: «Sie kommen!» «Sie», das ist der Staat. Er schickt seine «Organe», die Sicherheitskräfte, los und lässt die Menschen zum Verhör abholen. Nach dem Verhör folgt meist eine Haft, lange Jahre in einer Strafkolonie weit weg von zu Hause.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nun kamen «sie» auch zu Lida Moniawa. Sie durchsuchten ihre Wohnung, nahmen die 38-Jährige mit. Bis zu zehn Jahre Strafkolonie drohen der Moskauer Wohltäterin nun, weil sie in einem Telegram-Post, im Februar 2023 geschrieben, fragte: «Wie viele unschuldige Menschen sind in diesem Jahr durch die Schuld meines Landes ums Leben gekommen?» Es war der erste Jahrestag des russischen Überfalls auf die Ukraine. Für den russischen Staat sind solche Worte nach Artikel 207.3 des Strafgesetzbuches «Fakes über die russische Armee». Motiv: «politischer Hass».Geburt – Internat – FriedhofLida Moniawa ist die Gründerin und Leiterin des Moskauer Kinderhospizes «Haus mit dem Leuchtturm». Sie ist eine Art Mutter Teresa in einem Land, das Kranke und Handicapierte stets an den Rand der Gesellschaft drängt – und an den Rand der Städte. Irgendwo hinter Zäunen, weit weg vom sonstigen Leben, stehen für gewöhnlich die Heime für körperlich und geistig Behinderte, für Menschen, über die in Russland immer noch viele sagen, sie verdienten es ohnehin nicht, dass für sie Geld ausgegeben werde. Sie würden eh schnell sterben.Bekommen Eltern in Russland ein krankes Kind, raten ihnen Ärzte bereits in den Geburtskliniken, es abzugeben. Das Leben in den geschlossenen Einrichtungen, verborgen vor den Blicken der Öffentlichkeit, läuft oft in Verwahranstalten ab: Haus des Kindes (ein Heim für Kinder bis drei Jahre) – Internat für behinderte Kinder – psychoneurologisches Internat. Es folge der Friedhof, so beschreiben es Menschenrechtler.Liegen Kinder im Sterben, nimmt kaum ein Spital sie noch auf. Sie seien austherapiert und sollen zurück nach Hause, heisst es in den Kliniken. Daheim krümmen sie sich schreiend vor Schmerzen, weil auch Mittel, um schwere Krankheiten zu lindern, in Russland für einzelne Personen immer schwerer zu bekommen sind. Der Staat verklagt die Käufer nicht selten wegen Drogenhandels und verurteilt sie zu mehrjährigen Strafen.Lida Moniawa wollte dieses Denken auf den Kopf stellen. Sie sah es stets als ihre christliche Pflicht an, Menschen zu helfen. Gerade solchen, denen anscheinend niemand mehr hilft. Sie sass als Schülerin an den Betten krebskranker Kinder, malte mit ihnen, brachte sie zum Lachen. Sie verteilte Essen an Obdachlose, umarmte sie, auch wenn andere sich wegen ihres Geruchs von ihnen abwandten. Nonnengleich streifte sie lächelnd in ihrem schwarzen Gewand – Moniawa trägt oft Schwarz – durch die Gänge der Einrichtungen, diskutierte mit Behörden, klärte auf, dass auch Todkranke ein Recht auf Leben hätten, und dauere dieses Leben nur einen Tag.2013 gründete sie zusammen mit anderen Wohltätern das «Haus mit dem Leuchtturm», das erste Kinderhospiz Russlands. Ihr Journalistikstudium hatte sie da längst aufgegeben. Erst hatte die Organisation einen Fahrservice, der Familien mit schwer erkrankten Kindern half, mit Medikamenten, Formularen, Unterbringungen in möglichen Einrichtungen. 2018 stellte die Stadt Moskau den Helfern schliesslich eine heruntergekommene Schule im nördlichen Zentrum der Stadt zur Verfügung, ein aserbaidschanisch-russischer Milliardär zahlte den Umbau.Geburtstage für Kinder, die gestorben sindEs ist ein Klinkerbau mit bunten Gängen und hellen Räumen, im Garten steht ein hölzerner Leuchtturm. Am Zaun daneben finden sich Schiffchen aus Holz, mit Namen und Lebensdaten der Kinder, von denen sich das Kinderhospiz einst verabschieden musste. Unten im Haus gibt es ein Schwimmbad, in dem auch Schwerstbehinderte im Wasser liegen können. In den Räumen oben feiern Familien und Mitarbeiter auch dann noch Geburtstage, wenn ein Kind längst gestorben ist. Das Hospiz hilft nicht nur den todkranken Mädchen und Knaben, es schenkt auch Raum für Verwandte, die hier eine «soziale Pause» machen können, sich ein wenig erholen können von ihren Kämpfen mit den Behörden, den Kliniken, sich selbst.Mittlerweile kümmern sich 450 Mitarbeiter und 500 Ehrenamtliche um etwa 1000 Familien. Manche dieser Familien ziehen extra nach Moskau, damit ihrem Kind adäquat geholfen wird. Die Moskauer Stadtverwaltung zahlt immer noch zehn Prozent des jährlichen Budgets des Hospizes. In seinen Anfängen waren es mehr. Für den Geschmack der Behörden aber agierten die Helfer allzu autonom, liessen sich nicht unterwerfen. An der Tür der Hospizleiterin, «Leuchtturmwärterin» nennt sich Moniawa, klebt der Sticker «Nein zum Krieg». Schon allein das kann im heutigen Russland als Verbrechen gewertet werden.Aus ihrer kritischen Haltung hat Moniawa nie ein Hehl gemacht. «Lida hatte immer eiserne Prinzipien, sie war immer dort, wo es am meisten weh tat. Die Würde eines jeden stand für sie im Vordergrund», sagen ihre Wegbegleiter, entsetzt über ihre Festnahme. Die Moskauerin kennt Denunziationen, kennt den Hass, der sich immer wieder gegen sie richtete.Als sie 2020 einen Zwölfjährigen aus dem Hospiz aufnahm und seine Pflegemutter wurde, hagelte es selbst aus liberalen Kreisen Kritik gegen sie. Kolja war von seiner Mutter direkt nach der Geburt abgegeben worden. Moniawa kümmerte sich erst im Hospiz um ihn, dann bei sich zu Hause. Sie hatte den Knaben immer an ihrer Seite, egal, wohin sie ging oder reiste. «Ich will, dass Kolja den Wind auf seiner Haut spürt, dass er verschiedene Klänge hört und schöne Kleidung trägt», sagte sie.Kolja litt an Zerebralparese und Epilepsie, er hatte einen zu kleinen Kopf, konnte weder gehen noch sprechen noch Nahrung zu sich nehmen. Moniawa ging mit ihm in Cafés, zum Coiffeur, machte eine Helikopterrundflug. So ein Kind, sagten ihre Kritiker, bekomme ohnehin nichts von alldem mit. Sie missbrauche Kolja, um sich in den Vordergrund zu drängen. Moniawa hielt dem stand, auch weil Koljas Ärzte positive Veränderungen bei ihm feststellten. Zwei Jahre später starb ihr Pflegekind.Russland als «Land der Möglichkeiten»Die Kritik hörte auch nicht auf, als Moniawa im «Haus mit dem Leuchtturm» eine Sammelstelle für Geflüchtete aus der Ukraine einrichtete. «Die politische Meinung der Leute zählt nicht. Es zählen nur ihre Not und ihr Wohlbefinden», sagte sie all jenen, die es fragwürdig fanden, dass eine Kriegsgegnerin wie sie auch denen helfe, die in Putin einen Befreier sähen.Im Februar dieses Jahres bekam sie bereits eine Geldbusse wegen «Diskreditierung der russischen Armee». Sie hatte zwei Posts über die Toten von Kriwi Rih und Sumi geschrieben, ukrainische Städte, die die russische Armee immer wieder beschiesst. Es seien Hinweise, sagten ihre Freunde, Moniawa solle lieber das Land verlassen. Der russische Staat macht schliesslich selbst vor denen nicht halt, die die eigentlichen Aufgaben dieses Staates übernehmen. Das Regime Putin handelt nach dem Motto: einen töten, hundert treffen. Die Angst frisst sich so noch tiefer in die Menschen. Die Angst davor, dass «sie» kommen.Die Wohltäterin hatte sich bewusst zum Bleiben entschieden. Sie hatte nicht aufgehört, sich regierungskritisch zu äussern. Das gegenwärtige Russland, sagte sie einmal ironisch, sei ein Land der Möglichkeiten, es teste die Überzeugungen der Menschen, ihre Werte und ihre Standhaftigkeit. Jeder müsse sich Fragen stellen, schrieb sie.Es sind Fragen wie diese, die sie in einem Facebook-Post im Februar 2024 aufschrieb: Welche Kompromisse bist du bereit einzugehen? Gehst du sie für die Arbeit ein? Fürs Geld? Für die Familie? Für deine Sicherheit? Für Freiheit? Du bist eingeladen, als Redner an einer Konferenz teilzunehmen, neben jemandem, gegen den in Den Haag ein Haftbefehl wegen Deportation ukrainischer Kinder vorliegt – gehst du hin? Du sollst einen Vortrag im Donbass halten – fährst du?Lida Moniawa hatte ihre Wahl getroffen. Kompromisslos. Ein Moskauer Gericht hat ihr am Donnerstag verboten, soziale Netzwerke zu nutzen. Zudem darf sie zwischen 8 Uhr abends und 8 Uhr morgens ihre Wohnung nicht verlassen. In U-Haft muss sie nicht. Vorerst.Passend zum Artikel