Diana Loginowa alias Naoko im November 2025 vor einem Gericht in Sankt PetersburgQuelle: AFP/OLGA MALTSEVAStraßenmusikerin Naoko ist erst 18, als sie in Sankt Petersburg von einer Einheit zur Terrorbekämpfung verhaftet wird. Heute ist sie eine Symbolfigur der Opposition. WELT erzählt sie, wie es dazu kam und was ihre Generation von Wladimir Putin hält.Diana Loginowa ist die wohl bekannteste Straßenmusikerin Russlands. Sie nennt sich Naoko, gemeinsam mit ihrer Band „Stoptime“ wurde sie im Herbst 2025 zum Ziel staatlicher Repressionen in Russland. Sie war im Zentrum von Sankt Petersburg mit Liedern aufgetreten, die in Russland teilweise verboten sind oder die von Menschen komponiert wurden, die im Register „ausländischer Agenten“ vermerkt sind. Naoko kam für knapp eineinhalb Monate in Haft und verließ Russland im Anschluss mit ihrer Mutter sowie ihrem Freund und Musikerkollegen Sascha. Heute leben die drei in der EU, unlängst gab Naoko zwei Konzerte in Berlin. WELT: Du bist 18 Jahre alt. Als du geboren wurdest, war Wladimir Putin bereits seit sieben Jahren Präsident. Welche Beziehung hat deine Generation zu ihm?Naoko: Den meisten war Politik immer egal. Als ich kleiner war, konnte man über Politik noch reden. Die, die ihn unterstützen, sind in unserer Generation in der Unterzahl. Aber die meisten interessieren sich eben nicht für Politik. Und die, die sich mit Politik beschäftigen, sind meistens dagegen. WELT: Welche Erinnerungen hast du an früher? Und was hat sich geändert?Naoko: Ich würde gern in das Russland zurückkehren, das ich noch aus meiner Kindheit kenne. Alles war leichter, einfacher, irgendwie freier. Wobei sich auch damals schon die Grenzen des Erlaubten verengten. Dass etwas anders geworden ist, habe ich gespürt, als 2021 für Alexej Nawalny protestiert wurde. Davor wusste ich nicht einmal, was eine Opposition, was Politik überhaupt ist. Ich habe dann verstanden, dass sich jeder Mensch mit Politik beschäftigen sollte, zumindest ein wenig. Denn Politik betrifft absolut jeden Lebensbereich.Lesen Sie auchWELT: Als der Ukraine-Krieg begann, bist du noch zur Schule gegangen. Wie war das? Naoko: In der Schule haben sie begonnen, mit uns über Krieg zu sprechen. Krieg sei schlecht, die meisten Kriege zumindest, haben sie gesagt. Und uns dann erzählt, warum das auf die Spezialoperation eben nicht zutrifft. Wir haben dann neue politische Schulfächer bekommen – die habe ich geschwänzt, aus Protest. Die meisten zumindest. Da hängt ja viel dran, Noten, Zeugnisse … Und ich wollte auf die Musikschule, um Pianistin zu werden.Lesen Sie auchWELT: Wie sind deine Mitschüler mit diesen neuen Schulfächern umgegangen?Naoko: Wir kannten es ja noch anders, für uns hatte das keine allzu große Bedeutung. Ganz anders bei den jungen Schülern, bei den Erstklässlern. Die wachsen damit auf. Es ist nicht schwer, Propaganda in Kinderköpfen zu säen. So wachsen die Kinder dann eben auf, und man kann ihnen auch keinen Vorwurf machen. Den Eltern aber: Denn Kinder machen nun mal das nach, was die Erwachsenen um sie herum tun oder reden. Eltern bringen ihren Kindern bei, was gut ist und was schlecht. Und inzwischen – das ist auch etwas, das sich verändert hat – bringen Eltern ihren Kindern auch bei, wann man reden kann und wann es besser ist, zu schweigen. WELT: Wahrscheinlich bist du Russlands bekannteste Straßenmusikerin. Wie fing das an?Naoko: Ich spiele seit der Kindheit Klavier und liebe Musik. Im vergangenen Jahr bin ich ein paar Mal allein aufgetreten, aber das hat mir nicht gefallen. Also sind wir mit einer kleinen Band durch das Zentrum von Sankt Petersburg gezogen. Wir haben Lieder gespielt, die uns gefallen haben, zum Beispiel Bi-2 und Monetochka. WELT: Ihr habt auch Interpreten gespielt, die in Russland als „ausländische Agenten“ gelistet werden, da ihre Lieder gegen die Kreml-Politik und den Ukraine-Krieg sind. Habt ihr nicht damit rechnen müssen, dass das Folgen haben könnte?Naoko: Wir dachten, dass man das ja wohl noch darf. Ich habe nicht geglaubt, dass ich mit der Straßenmusik etwas Ungesetzliches tue. Ich hatte weder Angst, noch Zweifel. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass das so endet.WELT: Wie oft seid ihr aufgetreten, bis du verhaftet wurdest?Naoko: Hunderte Male. Drei Monate lang sind wir quasi täglich aufgetreten. Auch mit Liedern der Anti-Kriegs-Interpreten. WELT: Und es gab nie Probleme oder Beschwerden, weil ihr auch auf Englisch gesungen habt?Sascha: Nie! Wir hatten viele Fans, manche kamen zu fast allen Auftritten. In der ganzen Zeit kamen nur zwei Leute, die sich beschwert haben. Das waren Putin-Fans, betrunken dazu. Die fragten, ob wir nicht patriotische Lieder spielen können. Wir haben dann was von Shaman gespielt, einem Kreml-Künstler, dann gelacht und mit „Das geht vorüber“ weitergemacht, von „Pornofilmy“, einer Rockband, deren Sänger aus Russland geflohen ist. Die beiden Männer waren beleidigt und sind weggegangen. Lesen Sie auchWELT: Wie kam es dann zu den Verhaftungen?Naoko: Ein Video, das einen Auftritt von uns zeigt, ist viral gegangen. Und zwar unter Pro-Kreml-Leuten. Wir haben „Kooperative Schwanensee“ gespielt, Dutzende Zuhörer um uns herum haben laut mitgesungen. Dann haben mehrere Leute Denunziationsbriefe geschrieben. Und ich wurde abgeholt.Anmerkung: „Kooperative Schwanensee“ ist ein Protestlied aus dem Jahr 2025 von „Noize MC“. In Russland ist es wegen „Propagierung des Umsturzes der verfassungsmäßigen Ordnung“ verboten. Das Schwanensee-Ballett ist in Russland ein Symbol für den Untergang der UdSSR: Während die Sowjetunion zusammenbrach und es 1991 zum August-Putsch kam, zeigten die Fernsehkanäle keine Nachrichten mehr, sondern nur noch eine Aufnahme von Schwanensee.WELT: Was genau ist passiert?Naoko: Ich hatte bei einer Freundin übernachtet. Morgens um sechs holten mich Mitarbeiter des „Zentrums E“ ab, der Einrichtung zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus. Ich wurde eingesperrt, kam wieder frei und kam dann direkt wieder hinter Gitter. Dreimal hintereinander passierte das. Wegen ganz unterschiedlicher Dinge: Diskreditierung der Armee, Störung der öffentlichen Ordnung, Behinderung des Verkehrs, Rowdytum...Lesen Sie auchWELT: Du warst insgesamt 39 Tage in Haft. Wie hast du diese Zeit erlebt?Naoko: Ich war ja nicht richtig in Gefängnissen, sondern im Arrest. Diese Einrichtungen sind nicht auf Frauen ausgelegt. Es sind Gefängnisse, die einst für Männer gebaut wurden. Die sanitären Einrichtungen sind für Frauen nicht geeignet. Als ich meine Periode hatte, bekam ich keine Schmerzmittel. Und manchmal konnte ich mich tagelang nicht waschen, weil nicht immer weibliches Personal anwesend war, das mich in die Waschräume hätte bringen können. Und das Essen war furchtbar, ich habe es kaum runtergekriegt. WELT: Hattest du eine Zellengenossin?Naoko: Meistens war ich allein. Von sechs Uhr morgens bis zehn Uhr abends war Licht an. Ich habe 30 Bücher gelesen in der Haftzeit. Besonders mochte ich „Nacht in Lissabon“ von Remarque. Und „Mr. Aufziehvogel“ von Haruki Murakami. Ein grandioses Buch.Lesen Sie auchWELT: Gab es auch gute Momente?Naoko: Es gab eine Aufseherin, die ich gern mochte. Sie war sehr nett, verständnisvoll, schenkte mir Süßigkeiten. WELT: Und nach der Haft?Naoko: Ich bin direkt raus aus Russland, gemeinsam mit meiner Mutter und Sascha, meinem Freund, der mit mir Musik macht. Ich habe eine letzte Nachricht in den Gruppenchat meiner Musikschule geschrieben, weil ich die Nummer einer Lehrerin brauchte. Im Chat hat mir niemand geantwortet, nur per Privatnachricht. Meine Kommilitonen dachten wahrscheinlich, dass es gefährlich sein könnte, da jetzt öffentlich zu antworten. An der Staatsgrenze gab es keine Probleme. Aber zurück kann ich auch nicht mehr. Lesen Sie auchWELT: Du bist quasi über Nacht zu einer Symbolfigur der Opposition geworden. Wie hat sich das angefühlt?Naoko: Sehr seltsam. Andererseits hatte ich nicht viel Zeit, darüber nachzudenken. Ich saß in Haft, andere Sachen waren wichtiger. Ich habe online die Nachrichten über mich gelesen, als ich Russland schon verlassen hatte. Manchmal werde ich aber auf der Straße erkannt (lacht).WELT: Du wurdest verhaftet, weil es Menschen gab, die Denunziationsbriefe verfasst und dazu aufgerufen haben, dich zur Räson zu bringen. Aus welcher Motivation heraus, glaubst du, tun Menschen so etwas?Naoko: Ich glaube, das geschieht nicht aus Patriotismus. Das sind Leute, die sich Höhergestellten andienen möchten und dafür irgendein populäres Thema brauchen. Ich glaube, das geschieht aus sehr egoistischen Motiven: Diese Leute versprechen sich davon einen persönlichen Vorteil oder Belohnungen von oben.WELT: Wie geht es jetzt weiter? Naoko: Wir wollen ein gewöhnliches und freies Leben führen. Ich schwimme im Moment mit der Strömung. Aber wenn ich mich an Europa gewöhnt habe, möchte ich studieren. Wo, weiß ich noch nicht.Julius Fitzke ist seit Juli 2025 Volontär bei WELT im Ressort Außenpolitik.