Während Olga beginnt zu erzählen, wie Russlands Repression im Krieg immer weitere Kreise zieht, wie sie bis in Scheidungsverfahren reicht und neue Betrugsmaschen hervorbringt, steuert sie ihr Auto durch die Straßen von Moskau. Der Wagen ist klein, alt und langsam, hinter Olga blenden Fahrer auf und hupen, Limousinen und Geländewagen ziehen vorbei. Es ist ein Rennen mit ungleichen Mitteln. Wie in Olgas Beruf.Olga ist Anfang 50, arbeitet seit mehr als 30 Jahren als Anwältin in ihrer Heimatstadt Moskau. Vor allem als Strafverteidigerin. Auch in politischen Verfahren, solchen, in denen der Staat Menschen wegen ihrer Meinung verfolgt, weil sie die Armee „diskreditiert“, „Falschnachrichten“ verbreitet, „Extremisten“ unterstützt hätten. Wenn es aus Sicht derjenigen, die dem Machtapparat in die Hände fallen, erst einmal darum geht, dass „niemand allein dem System gegenüberstehen soll“.So lautet das Motto der Rechtsschützer von OWD-Info. Auf deren Anwaltslisten stand Olga lange, als Kontakt, an den man sich wenden konnte, wenn man festgenommen worden war. Seit das Regime das Projekt Anfang Juni als „extremistisch“ verboten hat, ist es strafbar, OWD-Info Geld zu spenden oder irgendwie mit der Organisation zusammenzuarbeiten. „Wir bieten nicht länger an, Menschen im Land rechtlich zu vertreten“, teilt OWD-Info mit. Aus Sicherheitsgründen. Sogar den Korrespondenzdienst Westotschka, „die kleine Botschaft“, hat die Organisation ausgesetzt. Dieser half Nutzern, aus zuletzt 1080 politischen Gefangenen einen auszulosen, dem sie schreiben konnten.Die Polizei griff Tausende aufEin Kollege von Olga wollte sich wegen des Risikos weder treffen noch über einen Messenger telefonieren, der Chat verschwand sofort. So läuft das in Russland mittlerweile häufig. Olga hingegen war sofort bereit dazu, von ihrer Arbeit zu berichten. Als sie schließlich ihr Auto parkt und ein Café ansteuert, in dessen Hinterzimmer es ruhig ist, wird rasch klar, dass sie etwas geraderücken will. „Viele Leute, die nicht in Russland sind, denken, dass wir hier einfach sitzen und nichts tun“, sagt sie. Dass keiner mehr protestiere, erklärt die Anwältin mit dem drastisch verschärften Unterdrückungssystem, mit immer höheren Bußgeldern und Haftstrafen, ständiger Beobachtung und standardisierter Verfolgung.Olga hat viele Protestwellen erlebt. Die letzte nach dem 24. Februar 2022, als Präsident Wladimir Putin die „spezielle Militäroperation“ ausrief und Russland die Ukraine von Norden, Osten und Süden überfiel. „Es sind enorm viele Leute auf die Straßen gegangen“, erinnert sich Olga. Die Polizei griff Tausende auf, OWD-Info vermittelte den Festgenommenen Verteidiger, die in Dauerschleife arbeiteten. Wie Olga. „Wir Anwälte schliefen überall, in Autos, auf Bänken in den Polizeiwachen, das lief nonstop.“Olga fiel auf, dass die Polizisten in der ersten Protestnacht noch nicht recht wussten, was sie mit den Demonstranten machen sollten. Der Befehl war offenkundig nur gewesen, die Leute festzunehmen. Den Polizisten gegenüber saßen junge, gut ausgebildete Russen, die argumentierten, warum sie den Krieg ablehnten. „Die Beamten sahen verwirrt aus“, erinnert sich Olga. Keiner von ihnen habe froh über den Krieg gewirkt. Mit dem Überfall hatte Putin auch den eigenen Macht- und Medienapparat überrascht.Jeder Bezug zur Ukraine ist gefährlichDer passte sich aber schnell an, „offenbar wurden die Beamten instruiert“. Nach wenigen Tagen wurden die Festnahmen brutaler, die Polizisten „begannen, die Leute als Nazis zu bezeichnen und auch die Anwälte, die sie verteidigen, als Nazis zu sehen“. Bald wiederholten auch die Richter, die damals wie im Akkord Arreststrafen verhängten, die Phrasen der Propaganda. Seither sind die Strafen noch härter geworden. Ein längst vergessenes Wort der Missbilligung kann jahrelange Lagerhaft bedeuten.Vor dem großen Krieg spülten Rauschgiftvorwürfe Russen in die Straflager. So viele, dass man von „Volksparagraphen“ sprach. Mittlerweile sind auch Verurteilungen unter den Anfang März 2022 erlassenen Zensurtatbeständen so häufig, dass Olga auch diese als „Volksparagraphen“ bezeichnet. Jetzt geht es um Likes, Posts und Reposts. Das Vorgehen ist Olga zufolge immer gleich. „Pseudosprachwissenschaftler und Pseudopsychologen“ schreiben Gutachten zu Social-Media-Beiträgen, dann folgen Razzien um fünf oder sechs Uhr morgens, die Türen der Leute werden aufgebrochen, Computer und Telefone beschlagnahmt, „100 Prozent“ der Beschuldigten kommen in Untersuchungshaft.Viele Festnahmen basieren auf neuen Zensurtatbeständen: Eine Aktivistin wird im April 2025 zu einem Polizeiwagen geführt.ReutersJeder Bezug zur Ukraine ist gefährlich. Olga hat einen Mandanten, der zufällig am Arbeitsplatz überprüft wurde, mit anderen Kollegen. Der Mann ist Russe, aber in Kiew geboren. Das reichte, damit die Ermittler sein Telefon beschlagnahmten. Er gab es ihnen nicht freiwillig, das trug ihm den ersten Arrest ein. Die Ermittler zwangen ihn, das Gerät zu entsperren, fanden darauf einen Chat mit einer Tante in der Ukraine und alte Kommentare aus der Zeit, als die Plattform X noch Twitter war, in denen er schrieb, Russen und Ukrainer sollten gemeinsam Putin stürzen. Jetzt wird dem Mann vorgeworfen, „Terror gerechtfertigt“ zu haben, ihm droht jahrelange Haft.Olga ist überzeugt davon, dass der Inlandsgeheimdienst FSB auch selbst scheinbar ukrainische Gruppen führt, um Russen zu verbotenen Handlungen zu verleiten. Etwa Flugblätter zu kleben oder ein Militärobjekt zu filmen. So ging es einem anderen Mandanten von ihr, der Aufrufe für eine Gruppe klebte, um, wie er hoffte, den Krieg zu beenden. Alsbald wurde er festgenommen, Olga zufolge geschlagen und mit Stromstößen misshandelt. Auch dies wird ein Terrorprozess, auch diesem Mann droht jahrelange Haft; einstweilen schickt er aus dem Untersuchungsgefängnis einer Freundin in Kiew Märchen, in denen er in engen, von Hand geschriebenen Zeilen vom Frieden und von Zauberern erzählt.Märchen auf eng beschriebenen Zeilen: Briefe aus dem GefängnisPrivatDie Anwältin ist zierlich und wirkt nicht wie jemand, der sich in Positur wirft, um kämpferisch Rechte einzufordern. Olga überlegt, zweifelt, pausiert, seufzt, und wenn sie lacht, dann leise. Ihre Arbeit beschreibt sie als ambivalent. Einerseits wirkten die politischen Verfahren wie „vorentschieden“, so, als ob man gar nichts tun könne, sagt Olga.Sie arbeitet mit einem Sprachwissenschaftler zusammen, den sie als Russlands „wahrscheinlich letzten ehrlichen Experten“ bezeichnet. Der widerlege die Pseudofachleute des Systems mit Fachmethoden. Wenn er vor Gericht auftrete, „nicken die Richter, aber es ändert sich nichts“. Seit 2022 ist den Russen auch der Weg zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte versperrt, lange für viele die einzige Hoffnung auf Genugtuung. „Wie soll ich jemanden schützen, den man unmöglich beschützen kann?“, fragt Olga.Nicht alle Richter seien „Menschenfresser“Andererseits schildert sie die Erfahrung, die sie und ihre Kollegen nach und nach gemacht haben, um den Betroffenen trotz allem zu helfen, zu versuchen, die Strafe zu „minimieren“. Zwar könne der Richter in einem politischen Prozess keinen Angeklagten freisprechen. „Aber er kann die Mindeststrafe geben.“ Zum Beispiel, indem fünf Social-Media-Kommentare nicht als fünf Straftaten gewertet würden, sondern als eine einzige.Das stürze sie in „ein Dilemma“, erläutert Olga: „Wir wissen, dass der Betroffene unschuldig ist, dass er keine Straftat begangen hat. Aber wir sind gezwungen zu sagen, dass ein Tatbestand verwirklicht worden ist, und darum zu bitten, eine geringere Strafe zu verhängen.“Im Bemühen um solche „mikroskopischen Siege“ geht es Olga zufolge weniger um Recht als vielmehr um Psychologie. Schätzt ein Richter schriftliche Eingaben mehr als viele Worte, wählt die Anwältin diesen Weg. Es gebe auch welche, die „keine Menschenfresser“ seien, sagt Olga. Mancher wirke geneigt, eine schwierige Familiensituation oder die angegriffene Gesundheit des Angeklagten zu berücksichtigen. Mitunter muss es diesem nicht einmal zum Nachteil gereichen, seine Unschuld zu beteuern, wie es etwa die Hälfte ihrer Mandanten vorziehe.Auch unter den Ermittlern seien viele nicht „ganz verdorben“, sagt Olga und schildert die typische Karriere in Putins Strafverfolgungsbehörden: Zu Beginn wollten die jungen Beamten „mit heißem Herzen“ wirklich gegen Verbrecher kämpfen. Dann sage man ihnen, sie sollten doch, statt monatelang umständlich Beweise zu suchen, hier und da ein bisschen tricksen, manipulieren, fälschen. Wer dann den Staatsdienst verlasse, habe „Glück gehabt“, sagt Olga. Viele ihrer Anwaltskollegen haben im Staatsdienst solche Erfahrungen gemacht; sie selbst wurde ohne eine solche Station Anwältin.Der Oppositionspolitiker Ilja Jaschin, der Ende 2022 in Moskau zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt wurde, vor Gericht; er kam am 1. August 2024 frei und nach Deutschland.dpaBei denen, die im System blieben, beginne eine „professionelle Deformierung“, bis hin zu der Überzeugung, dass jeder, der festgenommen werde, schuldig sei. Gemäß der alten Geheimdienstmaxime, wenn man noch nicht in Haft sei, liege das nur daran, dass die Ermittler noch nicht genug gearbeitet hätten. Zugleich wachse mit jeder Rechtsbeugung das „Kompromat“, das belastende Material über diese Beamten, „und hängt über ihnen wie ein Damoklesschwert“, sagt Olga. Manche blendeten das aus, für andere sei es ein ständiger Stressfaktor.Das alles ist wichtig für Olga: Wer die Lage der Ermittler versteht, kann versuchen, auf sie einzuwirken, die „menschliche Ebene“ zu finden, die es braucht, wo nicht Recht, sondern Willkür herrscht. Um die Strafe zu senken, sei „jedes Mittel recht“, sagt Olga. Es kann sein, dass es sich lohnt, sich etwa über die Bedingungen im Straflager formal zu beschweren; doch kann es die Lage auch noch verschlimmern. Wie geht man da vor? „Nur nach dem inneren Gefühl“, sagt Olga, „da gibt es keine klare Anleitung.“Die Hoffnungen der GefangenenAber die Anwälte braucht es auch, um zu dokumentieren. Sollte sich eines Tages etwas ändern in Russland, könnten die politischen Verfahren wieder hervorgeholt werden, erläutert Olga. Dann müssten in den Akten die Rechtsauffassung der Verteidigung und die Verfahrensverstöße festgehalten sein. Das sagt Olga vor dem Hintergrund des sowjetischen Staatsterrors: Viele Menschen wurden später rehabilitiert, auch Jahrzehnte nach dem ihnen widerfahrenen Unrecht oder postum. „Das ist eine enorme Prozedur, sogar wenn das Urteil ungerecht, illegal und politisch motiviert ist.“Erst einmal ziehen viele Gefangene Hoffnung aus Gerüchten, der Krieg werde enden und eine Amnestie kommen. Auch wenn Olga daran nicht glaubt, findet sie es schwierig, den Menschen diese Hoffnung zu nehmen. Eine andere richtet sich auf einen neuen Austausch mit dem Westen, wie es ihn am 1. August 2024 gab. Damals ließ Deutschland einen FSB-Killer ziehen, und andere westliche Länder gaben russische Spione frei, Moskau und Minsk dagegen politische Gefangene.Neben solchen Fällen hat es Olga aber auch mit den Opfern von Betrügern zu tun, die selbst längst Trittbrettfahrer des Krieges sind. Die Masche geht so: Über Lecks verschaffen sich die Kriminellen Pass- und Kontaktdaten, rufen ihre Opfer an, geben sich als FSB-Agenten aus und schicken ihnen eine falsche Bevollmächtigung eines Ukrainers, der in Russland als „Extremist und Terrorist“ gilt. Mit der Mär, dies sei „Unterstützung des Gegners“, bringen sie ihre Opfer oft dazu, ihnen Geld und Schmuck zu geben. Olga vertritt gerade eine junge Frau, die in ihrer Angst die eigenen Eltern bestohlen hatte und nun selbst unter Betrugsvorwürfen festgehalten wird. „Das ist längst ein Massenproblem“, sagt Olga, „jede Polizeiwache hat 20, 30 solcher Fälle.“Auch in Scheidungsangelegenheiten spielt der Krieg hinein. Eine Mandantin Olgas wollte ihrem Mann im Trennungsprozess ein Verfahren um „Extremismus“ anhängen, wegen eines kriegskritischen Chats. „Ich sagte ihr: Diesen Weg werden wir nicht zusammen beschreiten.“ Als eine andere Mandantin ihren früheren Mann auf Unterhalt für die Kinder verklagte, erhob der seinerseits Klage auf das Sorgerecht, mit der Begründung, seine Frau unterstütze Putins Politik und die „spezielle Militäroperation“ nicht. „So verhalten sich die Leute jetzt“, sagt Olga. „Ich fürchte, es sitzen Leute aufgrund solcher Denunziationen in Haft.“Sie habe schon einmal eine persönliche Krise gehabt, erzählt die Anwältin. Nach einer Serie ungerechter Urteile gegen Unschuldige habe sie keine Kraft mehr gehabt, sei zusammengebrochen. Mittlerweile habe sie gelernt, „nicht selbst zu leiden, sondern mitzufühlen“. Olga muss pragmatisch sein und die Erwartungen dämpfen. Ihren Mandanten und deren Verwandten, die davon ausgehen, der Betroffene habe doch gar nichts gemacht und alles werde sich klären, muss sie gleich zu Beginn des Gesprächs sagen: „Nichts wird gut. Vielleicht kann ich Ihnen gar nicht helfen.“Gefahren auch für die Anwälte selbstOlga sorgt sich aber, wie jetzt, mit dem Verbot von OWD-Info, die Betroffenen in politischen Verfahren Anwälte finden und bezahlen sollen. Denn die Organisation half, wenn nötig, auch finanziell. Olga rechnet auch mit Strafverfahren um Verbindungen zu OWD-Info, wie es sie auch zu den zahlreichen anderen Putin-„Extremisten“ gibt, etwa den Zeugen Jehovas, den Strukturen des ermordeten Korruptionsjägers Alexej Nawalnyj, der fiktiven „internationalen gesellschaftlichen Bewegung LGBT“.Das führt zum nächsten Dilemma. Denn jetzt seien Leute, die OWD-Info Geld gespendet hätten, eigentlich verpflichtet, dies den Behörden anzuzeigen. „Aber dann kommen sie auf eine Liste“, sagt Olga. Nicht allein dem Spender, auch Verwandten, die im Staatsdienst arbeiten oder an Hochschulen studieren, können Probleme entstehen. Fürchtet sie selbst auch, verfolgt zu werden? „Man muss alles Mögliche befürchten“, sagt Olga. Drei frühere Anwälte Nawalnyjs sind als „Extremisten“ zu Haftstrafen verurteilt worden. In Kaliningrad wird Olgas Kollegin Marija Bonzler, die ebenfalls Kriegsgegner vertreten hat, „Staatsverrat“ vorgeworfen; ihr droht jahrzehntelange Haft. Ihrem Anwalt zufolge starb Bonzler neulich fast im Untersuchungsgefängnis, weil sie lebenswichtige Medikamente nicht erhalte.Olga sagt, die meisten Kollegen fragten sie, warum sie noch politische Fälle annehme; sie habe doch Kinder. „Ich kann darauf nicht antworten“, sagt die Anwältin und fügt nach einer Pause hinzu: „Ich glaube, ich bin schon über den Punkt hinaus, an dem ich aufhören könnte.“